Meine Kinder lieben Wiederholungen. Verlässliche Rituale. Den Familienfilm am Wochenende. Sommerferien auf Föhr. Den Schokopuffer zum Geburtstag. Vor allem mein Großer ist Wächter unserer Traditionen. Umso entsetzter war er, als mein Papa zu seinem vierten Geburtstag nicht mit dem erwarteten Kinderkuchen ankam, sondern mit diesem cremigen Kühlschrank-Knaller: Kekskrümeliger Knusperboden, darauf ein zitroniger Frischkäse-Traum, getoppt von saftigen Sommer-Himbeeren…

Ich war auf den ersten Blick schockverliebt. Später auf den ersten Bissen verfallen bis in alle Ewigkeit. Mein Großer war fassungslos. Er wollte seinen Puffer. Ganz gleich, dass den rot-weiß-marmorierten No-Bake-Cake eine Vier aus Sahne zierte: Ein Geburtstag ohne Geburtstagspuffer sei eben kein richtiger Geburtstag. „Aber warum denn?“, fragte ich ihn. „Weil es dann nicht nach Geburtstag schmeckt“, sagte er genervt, als wäre ich ein wenig schwer von Begriff. „Und wenn ich Geburtstag nicht schmecke, dann fühlt sich das nicht richtig an.“ Touché. Weil:

Essen und Emotionen sind ein perfekt eingespieltes Team.

Essen und Erinnerungen auch. Das kenn ich selbst zur Genüge: Bei Germknödel und Frittatensuppe habe ich klare Bergluft in der Nase und werde direkt auf die Hütte im österreichischen Dachstein-Massiv katapultiert. Bei Moules Frites fühle ich den Sand zwischen den Zehen an der Dune du Pilat. Steak Frites mag noch so lecker sein – aber es ist für mich eben nicht das gleiche. Zu dieser endlose-Sommerferien-Erinnerung gehören Muscheln in Sud und goldene Pommes Frites, nichts anderes, sonst fühle ich das nicht.

Geschmack ist ein wundervoller Sinn. Weil er eine Standleitung direkt in Herz und Hirn hat. Weil uns ein einziger Bissen auf eine Reise durch unser Leben, durch unsere Erinnerung schicken kann. In altvertraute Gefilde oder in verborgene Winkel. Als ich kürzlich das erste Mal seit Jahren frisch geräucherten Aal aß, sah ich mich plötzlich wieder als kleines Mädchen am Priwall an der Ostsee sitzen, Sonne im Gesicht und in den Händen fettiges Einwickelpapier mit goldgelb geräuchertem Fisch.

Früher haben wir dort viele Wochenendenden bei Freunden auf dem Campingplatz verbracht. Sandpaniert nach den Fähren mit dem Peter-Pan-Aufdruck am Schiffsrumpf Ausschau gehalten. Ich hatte seit Ewigkeiten nicht mehr daran gedacht. Dieser unerwartete Moment 35 Jahre später hat mich ziemlich glücklich gemacht.

Essen ist immer auch eine geschmackliche Autobiografie.

Und bei meinem Ältesten hatte sich der Schokopuffer eben schon unweigerlich mit Geburtstag und Geschenken verknüpft. Mit schlafloser Vorfreude, mit Schatzsuche und Sackhüpfen. Mit spielen bis zur Dunkelheit. Ein cremiger Kühlschrank-Kuchen hat in seinem Geburtstagsgefühl nichts verloren, und mag er auch noch so lecker sein. Schlichter Schokopuffer wird auf ewig sein Feelgood-Food sein, der Geschmack des besten Tags des Jahres.

Für mich schmeckt der No-Bake-Cake seither immer nach Kindergeburtstag im Garten. Nach einem endlos langen Hochsommertag, an dem ich zu früh aufstehe und mich trotzdem freue, weil sich mein Sohn so freut. An dem ich zu viele zu aufgeregte Kinder durch Spiele navigiere, die immer irgendeine Naschtüte zum Ziel haben.

Ein Tag, an dem die erste wirkliche Pause dann ist, wenn mein Papa mit diesem Kuchen-Kracher auftaucht. Und ich dankbar ermattet auf einen Gartenstuhl sinke und mich für eine Viertelstunde aus dem Geburtstags-Irrsinn ausklinke. Und still genieße: Das Gefühl von Keks und Creme und leicht säuerlichen Himbeeren auf der Zunge – und ein wenig Wehmut, weil mein Großer jetzt noch größer ist.

Wir haben jetzt immer zwei Kuchen auf der Gartentafel. Und wehe, Papa bringt irgendwann Schwarzwälder Kirsch stattdessen mit!

No-Bake-Cake mit Frischkäse und Himbeeren

DU BRAUCHST:

(für 8-16 Stück)

Boden:

Butter für die Form

250 g Haferkekse

120 g zerlassene Butter

Füllung:

6 Blatt weiße Gelantine (oder entsprechend Agar Agar)

500 g Doppelrahmfrischkäse

80 ml Zitronensaft

140 g Zucker

500 ml Schlagsahne

450 g Himbeeren

1 Packung Sahnesteif

 

UND SO GEHT’S:

  1. Eine Springform (24 cm) leicht einfetten. Den Boden mit Backpapier auslegen. Haferkekse im Mixer fein zerkleinern, mit der zerlassenen Butter mischen, in die Form füllen und fest bis zum Rand an den Boden drücken. 30 Minuten abgedeckt kalt stellen, bis der Boden fest ist.
  2. In einer Schüssel 3 Blatt Gelantine in kaltem Wasser einweichen. Frischkäse, Zitronensaft und 120 g Zucker cremig schlagen. Etwas von der Käsemasse in einem kleinen Topf erwärmen und die tropfnasse Gelantine bei mittlerer Hitze darin auflösen. Gelantine zügig in der Käsemasse verrühren. 300 ml Sahne steif schlagen und unterheben.
  3. 250 g Himbeeren waschen und mit dem restlichen Zucker pürieren. Das Püree durch ein feines Sieb streichen. Restliche Gelantine in kaltem Wasser einweichen. Etwas Püree in einem kleinen Topf erwärmen und die tropfnasse Gelantine bei mittlerer Hitze darin auflösen. Gelantine unter das Himbeerpüree rühren.
  4. Mithilfe eines großen Löffels die Käsefüllung in großen Klacksen in die Form geben, die Zwischenräume mit Himbeerpüree füllen. Mit einer Gabel die Füllung marmorieren. Die Torte mindestens 6 Stunden, am besten über Nacht, abgedeckt kalt stellen.
  5. Kurz vor dem Servieren die Torte aus der Form lösen und auf eine Platte setzen. Wer Konditor-Ambitionen hat: Restliche Sahne mit dem Sahnesteif steif schlagen, in einen Spritzbeutel füllen und die Torte nach Gusto mit hübschen Tupfern verzieren. Restliche Himbeeren waschen und auf die Sahnetupfen – oder wer’s cleaner mag – direkt und schnörkellos auf der Torte verteilen.

Und welche Torte katapultiert euch verlässlich durch euer Leben?

PS: Hier und hier gibt es noch mehr Rezepte von meinem Papa.

Alles Liebe,

Katia