Oha: Wie sieht´s aus mit guten Manieren?

Okt
29/15

Es gab eine Zeit, da mochte eins meiner Kinder nicht Tschüss sagen im Kindergarten. Er stand da und wollte nicht. „Na los“, sagte ich, „nun geh.“ Er schob die Augenbrauen zusammen – und blieb stehen. „Jetzt mach schon“, säuerte ich, „man muss immer tschüss sagen. Das gehört sich so!“ Er tippte mit der Fußspitze auf den Dielenboden. Und schwieg. Wir sind beide sehr wütend nach Hause gegangen, an diesem Tag…
gute Manieren, Kindererziehung, Bitte und Danke sagen
Ich hab etwas gelernt an diesem Nachmittag. Über Kinder. Und über mich. Ich hab gemerkt, wie wichtig mir gute Manieren sind. Bitte, danke, gern geschehen sagen, dem anderen die Tür aufhalten, die anderen Leute im Ort grüßen und vernünftig am Tisch sitzen und essen. Süßigkeitenpapier nicht einfach irgenwo hinschmeißen. Ahhh – das macht mich wahnsinnig. Mir sind gute Manieren unglaublich wichtig. Weil sie den Alltag – und mich – glücklicher machen. Weil ich glaube, dass Manieren meinen Kindern die Tür öffnen, zu allem Schönen, was sie im Leben so vor haben.

Über Kinder habe ich auch etwas gelernt. Mal wieder. Wenn mein kleinerer Sohn etwas aufräumen soll und es aber nicht tut, weil er grad keine Lust hat, wie es kleine Jungs ja öfter mal nicht haben, gehe ich manchmal hin und führe einfach seine Hand. Ganz ruhig, ohne Gebrüll. „Wir machen das jetzt zusammen!“, sage ich dann, „siehst du, so, schon fertig.“ Bloß keine große Sache draus machen. Lieber tun, anstatt quatschen. Beim Tschüss geht das nicht. Ich kann schließlich seine Zunge nicht für ihn steuern. (Zum Glück. Wäre ich Zungensteuerfrau wäre es hier wohl auch bei weitem nicht so lustig.)

Erst ein wenig später ist mir aufgefallen, dass es bei unserem Tschüss-Ding gar nicht um das Tschüss sagen ging. Es war ein kleiner feiner Machtkampf geworden, wie Mama und Kind ihn öfter haben. Mein Kind hatte genau gespürt, dass mir das Tschüss sagen so wichtig war, also war das ein ideales Machtkampfmobil. Und ich bin voll mit eingestiegen. „Lassen Sie sich bloß nicht auf einen Machtkampf ein.“, sage ich den Eltern meiner Schüler gerne. Oha, bei den eigenen Kindern fühlt sich das plötzlich ganz anders an. Da danke ich oft „Hoppla!“, weil ich mit Vollkaracho mal wieder mitten rein gebraust bin, ohne dass ich es wollte.

Am nächsten Morgen hab ich mich übrigens vor mein Kind gehockt, seine Hände gehalten und ganz ruhig gesagt: „Mir ist Tschüss sagen ganz wichtig, weißt du. Den meisten Erwachsenen ist es das. Vielleicht bist du gerade noch ein wenig zu klein, um das zu begreifen. Wenn du groß genug bist, sagst du einfach wieder Tschüss, okay. “ Er sagte nichts. Außer am Nachmittag. Da sagte er tschüss.

Manieren sind etwas, was man am besten durch Manieren beibringt. Sprich: durch Vorbild sein. In dem ich Bitte/Danke/Aufwiedersehen sage, lernt es mein Kind viel besser, als wenn ich es ihm erkläre. (Und wieder viel zu viel sabbele). Ich lobe jedes Mal, wenn meine Kinder jemanden grüßen. Und wenn ich es mal vergesse, weil ich völlig in neuen Blogpost-Gedanken stumm an jemandem im Dorf vorbei gehen – freue ich mich, wenn sie mich ermahnen. Beim Essen erinnere ich sie manchmal daran, die Hand auf den Tisch zu legen und den Arm nicht zu stützen. Oh weh, ich kann einfach nicht anders. Am besten funktioniert es aber, wenn wir ab und an mal schick essen gehen und wir dafür vorher üben. Dann merke ich: sie können es. Sie wollen es.

Apropos Manieren: Die beiden Großen verstehen sich spitze – trotzdem sagen sie beinahe nie Bitte oder Danke. Sie sagen eher „Du Blödmann“ (was manchmal allerdings auch beinahe freundlich klingt.) Dafür bekam ich letztens mit, wie der Mittlere etwas ankleben wollte, es aber nicht geschafft hat. Der Große ging hin und half. Einfach so, ohne große Bitte-und-Danke-Nummer. In dieser Situation entstand das Foto oben. Ich war hin und weg. Einfach tun. Auch eine gute Manier.

Und ihr so? Wie haltet ihr das mit den guten Manieren? Ich bin total gespannt…

19 Kommentar zu “Oha: Wie sieht´s aus mit guten Manieren?

  1. Magda on 29. Oktober 2015 at 13:00 geschrieben

    Manieren sind mir gar nicht mal so wichtig. Mir ist eher wichtig zu sehen, dass meine Kinder wissen, was richtig ist und was man nicht machen sollte. Gute Menschen sein. Wenn mal kein „hallo“ am Morgen an die Erzieherin gerichtet wird, da mein Großer schon das neue Spielauto entdeckt hat, finde ich das ok. Dafür grüßt er neuerdings alle fremden Leute auf der Straße mit „hi“. Und hustet in den Ellebogen statt in die Hand, um die Bakterien nicht zu verteilen. Und Tischmanieren haben wir zu Hause alle nicht so. Wir sind solche schnellen Neadertaler-esser ohne „könntest Du mir mal bitte kurz die Butter rüber reichen“.

  2. Christine on 29. Oktober 2015 at 13:34 geschrieben

    Hmm, schönes Thema! Für mich gilt da immer, dass ich mich anderen gegenüber so verhalte wie ich möchte dass man sich mir gegenüber verhält. Ich sage bitte und danke, ich versuche die Nachbarn freundlich zu begrüßen, drängele die Menschen vor mir an der Kasse im Supermarkt nicht, frage die alten Frauen mit ihren Wägelchen im Bus ob sie Hilfe beim aussteigen brauchen und stehe immerimmerimmer im Zug für diejenigen auf die einen Sitzplatz brauchen. Diesen achtsamen Umgang möchte ich gerne auch an mein Kind weitergeben und ich denke du hast da Recht, dass das am besten durch Vormachen geht. Was ich echt schwierig finde ist ein Gebrauch von Bitte und Danke den ich leider häufig beobachte: wenn ein Kind seine Eltern freudig mit schlammverschmiertem Gesicht küsst und dann ein böses „na vielen Dank für den schmutzigen Kuss“ kommt. Das finde ich noch unhöflicher als mal ein bitte oder danke nicht zu sagen.
    Über die Sache mit den Tischmanieren muss ich noch drüber weggucken, da landet im Moment fast das gesamte Essen auf dem Boden, ich glaub dass mit dem Ellenbogen heben wir uns für später auf ?
    Lieben Gruß, Christine

  3. Girlfrommars on 29. Oktober 2015 at 13:51 geschrieben

    Also, mir geht es ähnlich ! Mir sind Begrüßungen und bitte und danke sehr wichtig und daran erinnere ich meine Kinder auch. Tischmanieren sind mir auch wichtig, ich könnte es als Jugendliche nicht leiden, mit Leuten am Tisch zu sitzen , die keine Manieren haben . Die meiste Zeit klappt das hier auch ganz gut und sie freuen sich selber wenn es klappt . Auch wenn nach einem “ Rülps“ auch schon mal ein “ Danke “ kommt ?

  4. Mir sind Manieren wichtig. Ich fand es zwar als Kind sehr doof, dass ich die Nachbarn grüßen sollte usw., da ich sehr schüchtern war, aber inzwischen denke ich, das war schon richtig von meiner Mutter. Und auch am Tisch finde ich Manieren wichtig. Ich sehe leider regelmäßig, wie ich es nicht mag: Mein Mann hat einen sechsjährigen Sohn, der alle 14 Tage bei uns ist. Er sagt zwar „Bitte“ und „Danke“ und „kann mir mal einer xy rüberreichen“ (find ich ja schon wieder übertrieben), aber das mit dem nicht auf die Hand ausstützen beim Essen und sitzenbleiben bis alle fertig sind üben wir jetzt schon fast drei Jahre. Ich versuche auch immer wieder ihn mit essengehen zu locken, aber wenn es dann mal nur kaffeetrinken ist, geht das schon dermaßen schief, dass ich einfach keine Lust habe. Auch das haben meine Eltern irgendwie besser hinbekommen;-)

    • Claudia on 30. Oktober 2015 at 12:24 geschrieben

      Stimmt, gerade Deja-vú, wie das früher war mit den Nachbarn. Uaaah – da werd ich mich echt zurückhalten.
      Alles Liebe!

  5. Christina on 29. Oktober 2015 at 17:42 geschrieben

    Liebe Claudi,

    ich finde Manieren auch sehr wichtig, da sie ein Türöffner sind, da einem die Menschen viel freundlicher entgegegenkommen und uns dann vieles leichter fällt. Bei meinen dreien war ich auch immer sehr dahinter und ich habe eben ganz schön geschmunzelt, als Du über den Machtkampf geschrieben hast. Denn ich tappe auch öfter in diese Falle. Ich bin aber mittlerweile viel entspannter, nachdem ich die Kiga und Grundschulgespräche hinter mir hatte, denn mein Einsatz hat sich gelohnt. Meine drei können sich benehmen und wenn ich selber es vorlebe, dann geht es viel leichter.

    Danke für Deine tollen Beiträge, ich schmunzle so oft, und freue mich, dass ich nicht alleine mit meinem Erziehungsstil bin. Das Thema baden und Duschen fand ich echt klasse. Mir ging es wie Dir. Aber die ersten beiden sind jetzt Wasserratten ;)))

    Von Herzen liebe Grüße
    Christina

    • Claudia on 30. Oktober 2015 at 12:23 geschrieben

      Liebe Christina, ich danke dir! Das freut mich richtig und es macht auch echt wahnsinnig Spaß mich hier mit euch auszutauschen.
      Alles Liebe!

  6. Andrea on 29. Oktober 2015 at 19:18 geschrieben

    Hallo. Ein toller Artikel. Ich sehe es genauso wie Du. Gute Manieren öffnen Türen! Mir sind sie bei unseren beiden Söhnen sehr wichtig. Aber ich habe ebenfalls erkannt, dass man die Manieren vorleben muss, wie eigentlich alles, was einem wichtig ist.
    Glg Andrea

  7. „Mama, bei Klara zu Hause gibt es Tischmanieren!“ Das war eine wichtige Information, die Marie los werden wollte als sie nach drei Tagen Schullandheim wieder zu Hause war.
    Ob sie denn wisse was das bedeutet habe ich sie gefragt. Nö, hat sie gesagt. Aber sie und Klara wären die einzigen gewesen, die immer den Tisch nach dem Essen abgeräumt haben. Also hat meine Marie doch ein paar Manieren mitbekommen, auch wenn wir sie nicht beim Namen nennen.

    Liebe Claudi, ich sehe es genau wie du. Wir versuchen zu Hause auch Manieren und Umgangsformen zu vermitteln. Zu Hause klappt die Umsetzung nicht immer, außer Haus meistens und wenn mein Mann und ich nicht dabei sind, dann klappt es erstaunlicherweise immer. Erzählen mir zumindest andere Eltern. Das ist dann eine schöne Bestätigung für mich, daß wir es richtig machen. Zu Hause ist einfach auch der Platz für Reibungen, Ausprobieren, Grenzen testen.

    „Mama, Papa hat gesagt bei uns liegen die Tischmanieren in der Schublade!“ Und manchmal tut es auch einfach gut zu lachen.

    Ich wünsche euch ein schönes Wochenende und viel Spaß beim Um-die-Häuser-Ziehen an Halloween!

    Ann-Cathrin

  8. Für mich sind Manieren auch unheimlich wichtig. Ich finde sie sind der Kitt einer guten, angenehmen Gesellschaft. Und ich kann nur müde lächeln, wenn der Einwand von „dressierten Kindern“ kommt. Ist das Leben nicht für uns alle schöner, wenn man respektvoll und höflich miteinander umgeht? Trotzdem fand ich deine „Machtkampf-Geschichte sehr interessant und habe mich – oh Schreck – ein wenig darin wiedergefunden (in Wirklichkeit total, aber das klingt jetzt schlecht ;-)) Deine Lösung finde ich klasse und ja, man sollte öfters mal zurückrudern und nachdenken, statt starrköpfig zu sein. Ist aber eben auch schwer.
    Und spätestens, wenn meine beiden bei anderen zu Besuch sind, merke ich meist, dass gute Manieren doch abgefärbt haben. Obwohl das mit dem Vorbildsein nicht wirklich zu klappen scheint. Meine Tochter hat etliche Freundinnen, die total nett sind und höfliche Eltern haben und trotzdem ihren Mund einfach nicht aufkriegen. Schade…
    Liebe Grüße
    Jutta

  9. schön geschrieben.
    Ich hab ja keine Kinder.. aber gute Manieren sind mir auf jeden Fall wichtig.. aber nicht zu sehr.. wo kämen wir denn hin,w enn ich zuhause nicht mal die ellenbogen aufstützen dürfte? XD
    Aber ja… ich hoffe ich vergesse nicht meinen Kindern manieren beizubringen.. einfach, weil sie für mich selbstverständlich sind, obwohl ich sie zuhause ganz gerne mal über board werfe..
    Achwas…
    Das wird schon.. hast ja recht… vorbild sein.. und das bin ich… auch was manieren angeht 🙂

    Viele liebe Grüße

    Franzy

    • Claudia on 4. November 2015 at 21:51 geschrieben

      Was glaubst du: einmal im Monat schicken wir die Kinder zu Oma und Schatz und ich liegen am Tisch und machen alles andere, was man nicht macht….
      Ne quatsch. Obwohl, wär herrlich ; )
      Ganz liebe Grüße!

  10. Das Problem mit dem Nicht-Tschüss-Sagen habe ich auch gerade. Mein Sohn ist 3 und will es einfach nicht sagen, er sieht den Sinn darin nicht. Ich werde es mal wie du probieren.
    LG Steffi

  11. Puh ist das schön geschrieben!

    Ich glaube schon, dass mir gute Manieren wichtig sind. „Glaube“ deshalb, weil ich es nicht so nenne oder mir noch keine Gedanken gemacht habe, ob man das, was ich von den Kindern (und im Übrigen auch von mir!) erwarte unter diesem Oberbegriff zusammenfassen kann. Wohl schon.

    Ich halte es da ganz mit Kants kategorischem Imperativ (alltagstauglich aufgelockert versteht sich). Ober eben kurz mit „Wie man in den Wald hineinruft …“. Verhalte dich so, wie du es von deinem Gegenüber auch erwartest.
    Ich möchte freundlich behandelt werden. Wahrgenommen werden. Glücklich sein.
    Dazu gehören ein freundliches Gesicht, sich anzuschauen beim reden, zuhören, aufpassen, wegräumen was man hatte, helfen, überraschen.
    Klingt so einfach, gibt aber oft genug Streit. Manchmal zu viel … bin dann mal weg, mir an die eigene Nase fassen 😉

    Liebe Grüße
    Janka 🙂

  12. Liebe Claudia,
    toll, dass du das Thema aufgreifst. Manieren sind mir unheimlich wichtig. Mein Vater kommt noch von der ganz alten Schule, zieht den Hut (trägt Hut!), öffnet Türen, lässt Vortritt. Meine Mutter hatte immer den bohrenden Zeigefinger parat, wenn sich unsere Ellbogen auf dem Tisch verirrten und Menschen, die nicht grüßen, finde ich sehr irritierend. Zuhause leben wir Claire Vorbild. Wir sagen bitte, danke, wie bitte, Gesundheit, guten Appetit… Ich bringe nur Vokabeln ein, die sie auch verwenden dürfte. Ich bemerke mein Training als Lehrerin, das mir entschlüpfende Schimpfwörter vor Kindern erspart.
    Trotzdem ist es mir nicht wichtig, dass Claire mit ihren fast 4 Jahren grüßt. Sie schämt sich oft dabei, es käme nicht von Herzen. Manchmal verbringt sie Stunden mit Lachen und Spielen mit einem Freund, aber beim Abschied versteckt sie sich hinter mir. Dann sage ich „Tschüss, wie schön, dass du da warst, bis zum nächsten Mal“, und nehm es ihr ab. Auch Entschuldigung zu sagen, finde ich sehr schwierig, wenn es nicht von Herzen kommt. Wichtiger ist mir, dass sie lernt, sich in andere hinein zu versetzten und unwirsches Verhalten anderen gegenüber nicht zu wiederholen. Einzig beim Wegreißen von Spielzeug stehe ich parat und erinnere: „Claire, frag ihn/sie!“ Den Ellbogen mag auch ich nicht bei Tisch, aber meinen Spitzen Zeigefinger lasse ich bei mir. Ist sie zu mies gelaunt, drücke ich hier auch mal ein Auge zu. Die Erziehung auf lange Sicht ist mir wichtiger, als die Momentaufname. Ach ja und „Dankeschön“, das muss einfach sein. Sich in Geschäften bei Wildfremden für Geschenke zu bedanken – bekommen die Kinder ja an jeder Ecke), da führt auch Ihre Scham sie nicht vorbei. Allerdings habe ich die Gespräche dazu nicht vor den Verkäufern mit ihr geführt, um sie nicht bloßzustellen, sondern hinterher: „Bedankt man sich nicht, bekommt der andere das Gefühl, man hätte sich nicht gefreut und schenkt/gibt demnächst vielleicht nicht mehr so gern.“ Jetzt dankt sie laut und deutlich.
    Und nun ist dies fast ein eigener kleiner Blogpost geworden. Siehst du mal, wie anregend deine Beiträge sind, offenbar wollte ich auch mal darüber sprechen. ☺️ Fühl dich herzlich gegrüßt und gedrückt!

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