Die ersten Male nehmen ab, je älter man wird: Der erste Kuss, das erste Kind, die erste große Krise. All diese großen Unbekannten, vor deren Eintreten man sich fragt, wie zur Hölle das eigentlich gehen soll. Die dringlichsten dieser Dinge haben wir mittlerweile alle irgendwie gemeistert. Und doch gibt es auch heute immer wieder diese Momente, vor denen wir mit einem Fragezeichen stehen…


Nicht unbedingt lebensentscheidend, aber doch drängend genug, dass wir uns sehnlichst ein Tutorial wünschen. Einen Mentor fürs Machbare: Wie geht das eigentlich – die Kinder für Musik zu begeistern, einen Garten anzulegen, eine legendäre Party zu schmeißen? Für all die kleinen und größeren Alltäglichkeiten, mit deren Gelingen sich das Leben zumindest temporär besser anfühlt.

Genau dafür haben wir diese neue Kolumne entwickelt. Ganz gleich, ob Erziehungs-, Beziehungs- oder Selfcare-Fragen – hier gehen wir den Dingen gewohnt persönlich und komplett subjektiv auf den Grund. Den Auftakt macht heute ein „How to“ und Selbstversuch in Sachen Alkoholverzicht.

Sommer und Rosé sind für mich ein unschlagbares Team.

In der schönsten Zeit des Jahres sitze ich gern zum Sundowner auf Terrassen rum und genieße den Moment und das Leben mit einem Glas gekühltem Wein. Und gern auch noch mit einem zweiten. Dazu gute Gesellschaft, noch bessere Gespräche – der perfekte Abschluss eines gelungenen Tages.

Für mich gehören Geselligkeit und Alkohol zusammen, ohne dass ich das jemals wirklich hinterfragt hätte: Auf einen Apéro am Pool, einen Longdrink an der Strandbar, einen Wein zum Dinner mit Freunden – das ist für mich das süße Leben. Ein Leben, das sich dann leichter und schöner und rundum gut anfühlt. Die wildesten, lustigsten, erinnerungsträchtigsten Dinge meines Lebens sind oft bei einem bis mehreren Drinks geschehen: Flirts, durchfeierte Nächte und morgens aus einer Laune heraus mit der Bahn ans Meer gedüst. Promille, Leichtsinn und Spontanität haben eine unwiderlegbare Kausalbeziehung.

Ich weiß noch, wie doof ich es anfangs immer fand, in meinen Schwangerschaften keinen Alkohol zu trinken. Genau genommen war es stets der erste Hinweis, den ich meinen Freunden gab, wenn es hieß: „Für mich heute keinen Crémant – ich nehm ein Wasser…“ Und dann ging das Gejubel los und alle stießen auf das neue Leben an. Und ich saß da hin- und hergerissen zwischen Babyfreude und dem trüben Gefühl, jetzt wieder eineinhalb Jahre nur schlappe Schorle oder gepanschten alkoholfreien Sekt zu trinken. Spaß fühlt sich für mich nicht nüchtern an – sondern prickelnd wie ein übersprudelnder Prosecco.

Aber dann schlossen die Abstinenz und ich doch vorsichtig Freundschaft.

Zumindest temporär. Wenn die Gespräche am späteren Abend plötzlich so albern wurden, dass ich den Witz nicht mehr verstand. Wenn ich morgens zwar mit runder Babykugel, dafür ohne Wattekopf aus dem Bett kam. Wenn ich mit Null Prozent Alkohol plötzlich 100 Prozent mehr Lunte, Fokus, Klarheit hatte.

Trotzdem fühlte ich mich immer ein wenig ausgeschlossen, wenn ich mit anderen zusammen war: Sektlaune und ungepimpte Alltagsstimmung passen meist nur für eine bestimmte Zeitspanne zusammen – zum Absacker trinkt man keine Bionade. Und so knüpfte ich nach jeder Schwangerschaft, jedem Abstillen irgendwann wieder an alte Gewohnheiten an. Und war auch zufrieden.

Dann kam Corona – und der ganze Homeschooling-Lockdown-Homeoffice-Wahnsinn gleich mit.

Zu allem Überfluss bauten wir nebenher ein Haus – und das Leben hatte auf anderen Schauplätzen noch ein paar Stolperfallen mehr in petto. Geselligkeit war verboten, der Stresspegel hoch, der Wunsch nach Abschalten, nach ein wenig Leichtigkeit enorm. Und so stand am Ende des Tages immer häufiger die Flasche Rotwein auf dem Couchtisch vor meinem Mann und mir. Und manchmal schenkte ich mir ganz für mich allein ein Glas ein.

Nur: Besser wurde dadurch irgendwie nichts. Im Gegenteil: Plötzlich schlief ich nachts viel schlechter, wachte oft aus, fühlte mich morgens zerschlagen. Die Tage waren ohnehin furchtbar anstrengend – und wurden mit Kopfweh und latenter Gereizheit als Quittung des vorangegangenen Abends nicht besser. Und ob die zusätzlichen Corona-Pfunde einzig auf meinen Schoko-Konsum zurückzuführen waren, bezweifelte ich auch. Immer häufiger schoss mir die Frage in den Kopf: „Passt das alles noch so zusammen?“ Aber ich war zu erschöpft, an noch mehr Gewohntem zu rütteln, wo unsere Welt eh so am Wanken war.

Als das Leben diesen Sommer wieder von sich aus leichter wurde, die Restriktionen fielen, die Laune sich hob, kam mein Mann plötzlich mit dieser Idee um die Ecke: „Was hältst du von einer Challenge – ein halbes Jahr komplett ohne Alkohol?“ Und ich dachte erst: „Echt – jetzt? Wo alles ewig beschränkt war, erlegen wir uns selbst am Ende neue Beschränkungen auf…?“ Und dann: „Warum eigentlich nicht? Eigentlich gibt es keinen besseren Zeitpunkt als gerade jetzt. Gesünder ist’s eh.“ Und ich schlug ein.

Die erste Woche war seltsam.

Am Ende eines langen Arbeits-Kinderbespaßungs-Hausaufgabenbetreuungs-Tages habe ich häufig das Gefühl, mich belohnen zu dürfen. Ähnlich wie früher eine Zigarette die obligatorische Pause suggerierte, steht das Glas Wein für Feierabend. Für ein Eigenlob, den Tag so gut wie möglich gemeistert zu haben. Das ersatzlos zu streichen oder gegen ein schalen Schluck Wasser einzutauschen, war verdammt unbefriedigend.

Ich kam ins Grübeln: Was war es, wonach ich mich eigentlich sehtne? Wofür steht dieses Glas Wein? Bei mir ganz klar für Entspannung, für den Wunsch nach ein wenig Alltagsentrückung. Dafür, aus dem fünffachen Familienchaos am Ende des Tages wieder bei mir anzukommen.

Dass bei-mir-sein auch anders geht, weiß ich eigentlich: Ich gehe joggen (nur eben nicht abends), ich mache Yoga (nur eben nicht als Tagesabschluss), ich meditiere (bloß eher zum Sonnenauf- als zum Sonnenuntergang). Aber wenn schon an Gewohnheiten rütteln, dann vielleicht doch gleich mit Wumms.

Seit einiger Zeit mache daher ich vorm Abendbrot eine kurze Online-Yoga-Einheit (hier geht’s zu meinem Lieblingchannel, da gibt es richtige Feierabend-Yoga-Tutorials). Oder ich wässer in Ruhe meinen Garten – das ist immer wie eine kleine Mini-Meditation für mich. Denn tatsächlich wird mein Bedürfnis nach Abschalten dabei genauso gut bedient. Und einen kleinen Glimmer krieg ich auch, wenn ich fünf Runden Sonnengruß mache oder ganz in Ruhe meinen Stauden beim Blühen zusehe.

Fürs sommerliche Terrassen-Gefühl und die Geselligkeit habe ich ein paar ziemlich tolle Entdeckungen gemacht.

Mein absoluter Favorit sind gerade Herbals als Longdrinks gemixt. Alkoholfreier Gin auf Kräuterbasis, der mit Eis, Tonic und Limette einen supererfrischender Sommerdrink ohne Reue hergibt. Oder alkoholfreier Martini – pur auf Eis oder mit Soda und Orange ein spitzen Aperitif. Nichts davon schmeckt nach tristem Ersatz, nach gewollt-aber-nicht-gekonnt, sondern nach einem verdammt leckeren Getränk, das ich auch an der Bar ordern würde.

Apropos: In Berlin gibt es mit Zeroliq eine komplett alkoholfreie Bar, wo von Wein bis Rum kein Getränk Promille hat. So genannte Sober Bars, also nüchterne Bars, sind seit ein paar Jahren schon der Hit in England – eigentlich dem Mutterland der Pubs. Rund ein Viertel der 18- bis 24-jährigen Briten konsumiert überhaupt keinen Alkohol – ein spannender Trend!

Weil mir Longdrinks nur im Sommer schmecken, habe ich gerade hier das erste Mal alkoholfreien Wein bestellt – und hier gibt es eine große Auswahl an jeglichen alkoholfreien Drinks.

Als ich bei einem Dinner-Date mit meiner Gin-Alternative aufschlug, waren alle ziemlich neugierig.

„Darf ich auch mal probieren?“ „Das schmeckt ja RICHTIG lecker!“ „Ich glaub, so was brauche ich auch für die Hausbar!“ Keine Spur von Ersatzbank oder von Langeweile. Im Gegenteil: Ich hatte den Eindruck, dass seit der Pandemie viele kritischer auf ihren Alkoholkonsum schauen – und dankbar für schmackhafte Alternativen sind.

Ich weiß noch nicht, was nach der Challenge ist. Ich merke gerade nur, wie gut mir diese Phase tut. Dass ich meistens nichts vermisse, dass ich froh bin über neue Impulse. Vielleicht habt ihr ja auch Lust auf ein Umdenken, zumindest auf Zeit? Ich bin gespannt auf eure Geschichten!

PS: Ich muss diesen Text als Werbung kennzeichnen, weil ich zu Produkten und Shops verlinke. Dennoch handelt es sich um einen rein redaktionellen Post: Alle hier genannten Produkte sind meine persönlichen Empfehlungen und entspringen eigenen Recherchen.

Alles Liebe,

Katia