Rückblick: Vor einer gefühlten Ewigkeit – vor vier Wochen –  saß ich vor einer Hütte in den Bergen. Mein Rücken lehnte an einer sonnenwarmen Holzwand, ein Kaffee neben mir, im Hintergrund leise Loungemusik, der Kleinste schlief, alle anderen fuhren Ski und ich las ein Buch, das mich so sehr inspirierte, dass ich ganz aufgeregt war: „Joyful“ von Ingrid Fetell Lee. Die Designerin Lee beschreibt darin, wie unsere Umgebung unser Gefühl beeinflussen kann und wie wir unsere Umgebung demnach so gestalten können, dass wir glücklicher sind…

Ich hielt meinen Kopf in die Sonne und fühlte mich bis in die Fußspitzen wohl. Es kribbelte in meinem Bauch, so spannend fand ich all die Erkenntnisse über Farben, Formen und die Natur, die Lee in ihrem Buch zusammen getragen hat. Ich hatte plötzlich das prickelnde Gefühl, ich könnte alles erreichen, was ich will. Was für ein wunderbares Buch, das sowas auslöst. Heute ist mir noch mehr klar, wie ich mich dort gefühlt habe. Weil ich mich seit einer Weile nicht mehr so fühle. Nämlich frei.

Wenn ich zurück blicke, weiß ich diese Stunden noch mehr zu schätzen. Corona schränkt uns ein, hat unseren Faden in die Freiheit abgeschnitten. Ich hatte vorher keine Ahnung, wie dünn dieser Faden in Wahrheit ist. Noch niemand weiß, wann wir ihn wieder verknoten dürfen. Das Gute daran: Wir können uns voll auf das konzentrieren, was wir haben. Zuhause – und in uns.

Vielleicht zur Ruhe kommen. Bitte nicht verzweifeln, wenn ihr jetzt denkt: „Aber hey, ich habe doch Kinder. Ich habe gerade jetzt so wenig Ruhe wie selten!“ Keine Sorge: Mit Ruhe meine ich auch, Ruhe durch weniger Möglichkeiten zu finden, durchs weniger entscheiden müssen. Weniger shoppen, weniger konsumieren, weniger Leute treffen, die ich eigentlich vielleicht gar nicht treffen will. In Ruhe überlegen, was mir wirklich wichtig ist. Die Freiheit zu haben, die Nachrichten vielleicht mal nicht zu lesen. Wir können uns Freiräume in unserer Umgebung suchen – dafür müssen wir nicht mal unsere komplette Wohnung streichen oder massenhaft Neues shoppen. Oft sind es kleine Veränderungen. Viele von uns haben ihre Ecke bereits gefunden, in der sie auftanken und sich frei fühlen können. So ein Glück!

Ich habe vier Frauen nach ihren ganz persönlichen Ruhe-Inseln gefragt – und in Lees Buch geschaut, was sie dazu sagen würde. Verrückterweise passen alle Ruehinseln perfekt zu den Erkenntnissen und Tipps aus „Joyful“. Diese vier Frauen inspirieren mich übrigens immer – zur Zeit aber vielleicht sogar noch ein bisschen mehr: Weil sie für mich eine ruhige Insel im wilden Social-Media-Meer sind.

WASFÜRMICH-KOLUMNISTIN HANNAH hat fünf Kinder und einen Mann. Sie schreibt regelmäßig hier und auf ihrem Account @Hannahsfavourites über ihr Familienleben. Und sie strahlt bei allem was sie tut eine ansteckende Ruhe aus.


Hannah hatte die Idee für diese Geschichte. Sie schickte mir die Fotos ihrer Ruheinseln und schrieb dazu, dass sie diese dringend brauche, wenn sie und die sechs anderen in ihrer Familie alle ausschließlich zu Hause sind: „Sieben Personen immer da, 24/7, das hatten wir so noch nie!“ Hannah gibt zu: „Da wir immer zu Hause oder im kleinen Garten sind, herrscht hier innerhalb von Sekunden Unordnung, auch wenn gerade aufgeräumt wurde. Ich weiß, dass diese Unordnung normal ist und zum Familienleben dazu gehört, denn unser Wohnraum ist Lebensraum und dass Leben will gelebt werden – es hält sich selten an die von uns gewünschte Ordnung.“ Dennoch ist Hannah optische Ruhe sehr wichtig.

Ich finde, dass äußere Ordnung zu innerer Ordnung führt. Daher wird hier weiterhin aufgeräumt. Nicht ununterbrochen, weil mir das schlechte Laune macht, aber regelmäßig. Ich habe aber gemerkt, dass ich den immer neuen chaotischen Zustand viel besser annehmen kann, wenn ich Ruheinseln fürs Auge schaffe. Eine ist zum Beispiel der Eukalyptuskranz im Esszimmer, er strahlt immer die gleiche Schönheit und Ruhe aus, egal wie laut und chaotisch das Leben in unserem Haus gerade tobt. Weitere Ruheinseln sind der Trockenblumenstrauß auf dem Schrank, der Eukalyptusstrauß auf der Kommode und das sprießende Ostergras. Auch die gemachten Betten und die aufgeräumten Kleiderschränke –  dabei finde ich es dann nicht mal schlimm, wenn die Kinder mal wieder vergessen die Türen zu schließen.“

Auch Ingrid Fetall Lee beschreibt die wohltuende Wirkung von Harmonie und – ganz praktisch – von runden Formen in der Einrichtung: „Harmonie liefert einen sichtbaren Beweis dafür, dass jemandem ein Ort genügend am Herzen liegt, um Energie hineinzustecken.“ Und sie schreibt über Kreise, eine Form, die in Hannahs Ruheinseln immer wieder vorkommt: „Der Kreis gilt als Symbol der Harmonie und Ganzheit.“

„Die Wissenschaft legt nahe, dass die Menschen (…) ihre Sitzmöglichkeiten, wo immer möglich, in einen lockeren Kreis bringen. Sein geschlossener Umriss und seine gleichmäßige Krümmung ergeben die stabilste, vollkommenste und inklusivste Form überhaupt. (..) Und er ist unendlich symmetrisch. Eine Studie ergab, dass uns die Symmetrie wortwörtlich ein Lächeln ins Gesicht zaubert. Das Betrachten eines symmetrischen Arrangements löst eine leichte Kontraktion des großen Jochbeinmuskels aus, eines der Gesichtsmuskeln, die maßgeblich am Lächeln beteiligt sind….“



THERESA BAUMGÄRTNER ist Fernsehköchin, Kochbuchautorin und Foodbloggerin. Nebenbei gibt sie spannende Seminare in einem wunderbaren alten Landgut in Luxembourg, in dem sie mit ihrer Familie an den Wochenenden auch wohnt.

Theresa sagt: „Meine Ruheinsel ist die eine Stelle in unserem Garten. Morgens wenn die Sonne aufgeht, schleiche ich mich im Schlafanzug raus, schlüpfe in einen warmen Pullover und lausche dem Gesang der Vögel. Ich atme den Duft der Frühlingsblüten ein und genieße ein Tasse Milchkaffee. Dieser kleine Moment erfüllt mich mit Glück und positiver Energie für den Tag. Im Garten kann ich ganz im Hier und Jetzt sein. Mit Erde unter den Fingernägeln und an den Füßen träume ich vom Sommer und meinen blühenden Gartenzimmern in blau und weiß.“

Im Buch „Joyfull“ schreibt Lee: „Draußen sein befreit unsere Sinne. Der Zugang zur Natur verbessert erwiesener Maßen die Schlafqualität, senkt den Blutdruck und verlängert das Leben. Groß angelegte Studien in den USA, Großbritannien und den Niederlanden zeigen, dass Angststörungen und Depressionen bei Menschen, die im Grünen leben, seltener auftreten und dass sie sich von belastenden Ereignissen schneller erholen…(…). Ein Grund dafür mag sein, dass während des Aufenthalts in der Natur weniger Blut in eine Hirnregion namens subgenualer präfrontaler Cortex fließt, die mit dem Hang zur Grübelei in Verbindung gebracht wird. Natürliche Umgebungen machen uns wortwörtlich sorgenfreier.“


TERESA CASAMONTI ist erfolgreiche Instagrammerin und Bloggerin und gerade dabei, mit ihrem Mann ein riesengroßes Haus kernzusanieren und komplett umzugestalten. Nebenbei erwartet sie auch noch ihr drittes Kind. Sie sieht nicht nur super, sondern auch immer wahnsinnig lässig und entspannt aus.

Teresas Ruheinsel ist eine Ecke im neuen Schlafzimmer. Ein Sessel, eine Kommode, ein paar Blumen und Bilder. Einfach und schön. Und vor allem: „Hier kommen die Kinder nicht rein. Das ist ganz allein der Raum von meinem Mann und mir. Auf dem Sessel sitze ich mit einem Buch oder meinem Laptop und kann ein paar Minuten nur ich selbst sein.“

Nach den Erkenntnissen von Ingrid Fetall Lee funktioniert Teresas Insel auch deshalb so gut, weil sie optisch mit Symmetrien arbeitet. Der Sessel hat die gleiche Höhe wie Bild und Kommode, zwei Bilder haben die gleiche Größe, dazu noch zwei symmetrische Vasen. Lee schreibt: „Symmetrie ist ein äußeres Symbol für innere Harmonie.“  Unser Gehirn mag Wiederholungen, es beruhigt sich dadurch selbst. Und es liebt Sammlungen, so wie Teresas gesammelte Bilder.

Lee: „Laut dem Neurowissenschaftler V. S. Ramachandran legt das angenehme Aha-Erlebnis in Anbetracht einer Ganzheit ähnlicher Elemente nahe., dass die Gehirnvorgänge für die Erkennung von Objekten eng mit den limbischen Belohnungsmechanismen verwoben sind. Mit anderen Worten: Freude stellt die Belohnung des Gehirns dafür dar, dass wir wachsam für Zusammenhänge und Verbindungen in unserer Umgebung sind. Mithilfe dieses Prinzips lässt sich erklären, weshalb Sammlungen Freude in uns auslösen…“


VALESKA hat sechs Kinder und lässt uns auf ihrem Kanal @mother_of_six_dragons daran ein wenig teilhaben. Sie kocht sich durch die Krise – und tankt unter anderem daraus Kraft, es sich und ihren Liebsten kulinarisch gut gehen zu lassen. Optische Ruheinsel in ihrer Küche: Ein Kranz – eine Erinnerung an eine schöne Feier im letzten Jahr.

Valeska versteht es, den Alltag zu feiern. Selbst wenn niemand anders zu Besuch ist, sind sie zu sechst beim Essen am Tisch – immer eine kleine Party. Auch in „Joyful“ geht es um die beinahe energetische Wirkung von Feiern, egal wie groß oder klein. Lee schreibt: „Wenn wir positive Ereignisse mit anderen feiern, glauben wir eher, dass diese Leute für uns da sein werden, wenn es uns irgendwann einmal schlecht geht, das haben Untersuchungen ergeben. (…) Wir lachen sogar eher in der Gegenwart von anderen.  Wie hat Mark Twain es formuliert: Mit Kummer kann man allein fertig werden, aber um sich aus vollem Herzen freuen zu können, muss man die Freude teilen.“ Mit der Familie dürfen wir diese Energie zum Glück auch derzeit aufladen. Valeska zeigt auf ihrem Instagram-Account viele einfache Rezepte, mit denen man es sich gut gehen lassen kann.

Und ICH?

Ich fühle mich im Garten sehr wohl, in den Momenten, wenn ich dort arbeite fühle ich mich glücklich und frei. Eine echtes Gefühl der Ruhe löst es aber auch in mir aus, wenn ich die Tür zu meinem Arbeitszimmer aufmache, den vertrauten Geruch aus Blumen und Papier wahrnehme und dort für eine Weile meinen Kopf in Geschichten stecken darf, statt in Frust, Wäsche und Hausaufgaben. An meinen Wänden übrigens: Sammlungen von Bildern und Postkarten. Vor meinem Fenster: Grün.

Lee schreibt: „Wir finden das Glück nicht, in dem wir die Welt perfekt ausgewogen zu erleben versuchen, ohne jeglichen Anflug von Traurigkeit. Viel eher sollten wir auf den Wellen der Freude reiten, sollten wir den Weg zurück nach vorn finden, wenn wir einen Rückschritt erlitten haben. Das tue ich an meinem Schreibtisch: Reiten und neue Wege finden. Immer wieder.

Fotocredit: (8) Elena Peters, Rest privat

Alles Liebe,

 

Claudi