Es gab drei Dinge, die ich früher aus vollem Herzen verabscheut habe: Wassermelone, meinen Mitschüler Patrick und Laufen. Erstere, weil ich danach mal eine ganze Nacht rot mit schwarzen Kernen gespuckt habe. Zweiteren, weil er einen miesen Charakter hatte. Und Laufen – ja, warum eigentlich…?

Ich war sportlich, ging mehrmals Mal die Woche zum Leichtathletik-Training, liebte Weitsprung, Hürdenlauf und Sprint. Aber schon das Warmlaufen zweimal um den Sportplatz rum fand ich derart unzumutbar, dass ich oft extra zu spät kam, um mir das zu ersparen. Ich fand nie einen Rhythmus, bekam verlässlich Seitenstechen und im Takt meiner abgehackten Atmung skandierte ich innerlich „Ich-hasse-es-ich-hasse-es…“.

Der 800-Meter-Lauf bei den Bundesjugendspielen war meine persönliche Folter.

Nur getoppt von den Crossläufen hügelauf und hügelab durch den Wald vor meiner Schule. Ich japste in jeglicher Hinsicht auf 180 mit hämmerndem Herzen und knallrotem Kopf ins Ziel. Irgendwann verfiel ich aus lauter Verzweiflung darauf, jedesmal Regelschmerzen vorzutäuschen, wenn Geländelauf auf dem Lehrplan stand. Laufen und ich, das war ein klares No-Go.

Nicht verwunderlich also, dass ich noch lange immun gegen die vermeintlichen Vorzüge des Ausdauersports war. Von wegen Kopf frei kriegen, bei mir sein, Herz-Kreislauf stärken. Sind natürlich auch alles Dinge, die nicht so irre attraktiv sind, wenn man kinderlos und Anfang 20 ist.

Vielleicht braucht es zum Joggen einen größeren Leidensduck.

Vielleicht ist es ein eher erwachsener Sport. Weil man einen triftigen Grund für eine Auszeit braucht, um sich von seinem eigenen Leben, vom Mental Load, von Bedürfnissen anderer, kurz zu erholen. Ich kam Hauptstadt-frustriert und mit Liebeskummer von einer mäßig ausbalancierten Life-Work-Episode aus Berlin zurück, als ich dem Laufen eine zweite Chance einräumte. Ich wohnte wieder bei meinen Eltern und hatte so manches Thema mit mir und der Welt zu klären. Ich brauchte ein Ventil.

Also ging ich im Wald vor der Haustür joggen. Jeden Tag. Mit hämmerndem Herzen und knallrotem Kopf. Japsend, weil ich zu viel rauchte. Nach einer Woche ließ ich die Zigaretten sein. Nach zwei Wochen konnte ich fünf Minuten am Stück laufen, bis ich eine Gehpause brauchte. Nach vier Wochen hatte ich das erste Mal einen Flow: Alles passte, meine Schrittlänge mit meinem Atem, mein Tempo mit meinem Gedanken, die Welt um mich herum mit mir. Ich war angefixt. Und zutiefst erstaunt, wie schnell Anti- in Sympathie umschlagen kann.

Laufen ist für mich Launebooster, Seelestreicheln, allerschönste Me-Time.

Ich gehe joggen, wenn die Kinder nerven, der Alltag quält, mich ein Problem umtreibt. Während mich meine Füße an blühenden Wiesen vorbei und durchs Birkenwäldchen tragen, sortiere ich mein Leben, formuliere Textpassagen und treffe kleine und größere Entscheidungen. Weil ich mehr Ruhe habe. Und eine Klarheit, die mir in meinem trubeligen Leben ansonsten häufig fehlt. Und irgendwann kommt dann der Flow: Nur laufen, atmen, spüren, sein – das ist der Zustand, der Meditation für mich am nächsten kommt.

Ich bin in allen Schwangerschaften gelaufen und später gegen die Babypfunde an. Ich jogge, wenn ich Kummer habe oder vor Glück schier platzen möchte. Ich bin dem Lockdown-Koller davongerannt – und gerade den Corona-Kilos. Ich gehe im Alltag und im Urlaub joggen. Ich mag, dass es so herrlich unkompliziert ist: Schuhe und Trainingsklamotten an – und ab Haustür los.

Ich laufe allein und manchmal mit einer Freundin, weil immer der gleiche Trott auf Dauer öde wird. Ich laufe um des Laufens und der Laune willen und nicht, um bestimmte Distanzen zu bewältigen. Ich habe keinen Trainingsplan und kein konkretes Ziel – außer dem, dass es mir danach besser geht. Immer. Wirklich immer. Joggen ist für mich Gönnung – und große Liebe auf den zweiten Blick. Es ist ganz einfach. Man muss nur loslegen.

Hier gibt’s 5 fixe Tipps für Lauf-Laien:

  1. Wer regelmäßig joggen möchte und bereits die 35 geknackt hatte, sollte sich vorab einmal beim Hausarzt durchchecken lassen: Ist das Herz-Kreislauf-System ok? Sind die Gelenke belastbar genug? Nicht erkannte Erkrankungen können ansonsten auch bei diesem harmlosen Ausdauersport Risiken bedeuten.
  2. Bitte wirklich nur in richtigen Laufschuhen loslegen. Falsche oder qualitativ schlechte Schuhe können Verletzungen verursachen. Am besten in einem Fachgeschäft kaufen, dort wird zumeist auf Laufbändern dein Laufstil gecheckt und der demensprechende Schuh empfohlen. Außerdem gibt es unterschiedliche Modelle für Läufer, die eher auf Asphalt oder für solche, die auf natürlichem Boden laufen. Fürs restliche Outfit sind Hosen und Shirts, die nicht scheuern, ideal.
  3. Joggen ist kein Temposport. Im Gegenteil: Wenn du deinem Körper und deiner Fitness etwas Gutes tun willst, ist eine moderate Geschwindigkeit essenziell. Tatsächlich solltest du dich beim Joggen ohne Anstrengung unterhalten können – ja, das geht! Nur bei lockerem Lauf werden nachweislich Blutdruck und Cholesterin gesenkt, die Immunabwehr gestärkt. Zu Beginn hilft auch Intervall-Laufen: In der ersten Woche alle zwei Tage 8×2 Minuten laufen, in der Pause zwei Minuten walken. In der nächsten Woche erhöhst du auf 6×3 Minuten joggen und zwei Minuten walken. Einen detaillierten Trainingsplan für Anfänger findest du zum Beispiel hier.
  4. Auch wenn dein Schweinehund ein fieser Zeitgenosse ist: Dranbleiben ist die Devise! Lieber kürzer und dafür regelmäßiger laufen als einmal in zwei Wochen dann mindestens 30 Minuten. Trainingseffekt – verbesserte Ausdauer, weniger Muskelkater – stellt sich nur dann ein, wenn du regelmäßig läufst. Und der Flow kommt (leider) auch nicht schon beim dritten Mal.
  5. So wie es Lerchen und Eulen gibt, hat jeder auch seinen individuellen Bio-Rhythmus beim Laufen. Ich kann am besten morgens vor dem Frühstück joggen- nachmittags und abends ist für mich eher eine Qual. Probier einfach aus, wie es für dich am besten passt. Das kann über Frust oder Flow entscheiden…

Viel Spaß und alles Liebe,

Katia