Mein „Jetzt sofort!“-Experiment: Wie ich eine Woche lang meine Kinder nicht vertröstete

Nov
13/18

Am Alleranstrengsten am Kinderhaben finde ich vielleicht, dass ich nichts mehr in Ruhe zu Ende machen kann. Dabei bin ich ein absoluter „Wenn-ich-es-mache,-mache-ich-es-richtig“-Typ. Alles andere macht mich wahnsinnig. Immer mal wieder vertröste ich also meine Kinder mit „Sofort…“ wenn einer etwas von mir möchte – mache aber erst kurz mein Ding weiter. Es folgt: Gemecker. Und: Meinen Kram zu Ende bringen kann ich doch nicht wirklich. Daher startete ich vor zwei Wochen ein „Jetzt sofort!“-Experiment…
Selbsttest, Kinder warten lassen
Die Idee: Ich wollte einfach mal ausprobieren, was es mit mir (und meinen Kindern!) macht, wenn ich tatsächlich immer SOFORT reagiere. Ich starte an einem Montag Morgen. Wie so oft packe ich die Spülmaschine aus, als die Großen auf dem Weg zur Schule sind. Der Vierjährige tappst auf nackigen Füßen die Treppe herunter, ich nehme ihn in den Arm. Er setzt sich kurz mit seinem Kuschelschwein aufs Sofa, ich räume weiter. Dann will er Joghurt. Es sind bloß noch zwei Gläser in der Maschine plus der voll Besteckkorb – trotzdem laufe ich los und mache zuerst sein Frühstück. Ich hole Schale und Besteck, er bringt Milch und Müsli. Ich setze mich sogar noch kurz neben ihn an die Kücheninsel – bevor ich die restlichen Teile ausräume. Alles ganz friedlich – und leise.

Später spielt er noch kurz, bevor ich ihn in den Kindergarten bringe. Ich räume schnell einen Korb voll Wäsche in die Waschmaschine, als er beim Lego bauen Hilfe braucht. Ich seufze – stehe aber doch sofort auf, um ihm zu helfen. Es geht ganz schnell – Sekunden später befülle ich die Waschmaschine zu Ende; die Maschine piepst, das Wasser läuft ein. Ansonsten ist es ruhig. Sollte es wirklich so einfach sein?

In meinem Kopf läuft ein Kurzfilm: eine schnelle Abfolge von Szenen mit Vertrösten, Wut, Frust und Gejaule. Lag es tatsächlich immer nur an mir wenn es anstrengend wurde? An meinem Drang mein Ding zu beenden?

Als er beim Anziehen im Flur einen Wutanfall bekommt, weil sein Lieblingspulli nass auf der Leine hängt, bin ich fast froh. Also doch nicht alles bloß mein Ding. Pullover sofort trocken zaubern geht nicht, da müssen wir jetzt durch. Auch abends ist es schwer mein Experiment durchzuziehen. Manche Sachen lassen sich eben nicht mal eben schnell aus der Welt schaffen: Die Flasche öffnen weil jemand beinahe verdurstet, während in der Pfanne die Zwiebeln anbraten geht gerade noch. Aber was ist mit dem Dreijährigen, der unbedingt auf den Arm will, während ich das Gemüse für die Nudelsoße schnippeln und anbraten möchte. Ich denke an mein Experiment, versuche mit einer Hand zu schnippeln, stoße ihm dabei aus Versehen den Kopf am Küchenregal. Das Baby zu meinen Füßen fängt an zu weinen. Ich würde es am liebsten auch.

Da ist wieder einer: Ein Crash auf der Mama-Autobahn. Meine Ideal und die Realität – frontal gegeneinander geknallt. Und ich steh bloß da und weiß nicht, was und wo ich zuerst helfen soll, während der übliche Verkehr auch noch weiter an mir vorbeirauscht. Mein Experiment? Ein Totalschaden!

Ich atme einmal tief ein und aus und mache, was ich immer versuche. Schadensbegrenzung betreiben, eins nach dem anderen machen. Ich stelle die brutzelnden Zwiebeln noch einmal kurz aus, schiebe das scharfe Messer weiter nach hinten auf der Küchenplatte. Ich suche mit dem Dreijährigen kurz ein Buch und lese vor, erkläre ihm, dass wir kurz kuscheln und ich danach weiter koche, stille den ganz Kleinen ein ein paar Minuten. Vertrösten muss ich dennoch, diesmal den ganz Großen, der mir genau in diesem Moment seine fertigen Hausaufgaben zeigen will.

Und da ist sie wieder, die Einsicht: Es gibt keine Regel, die immer funktioniert. Kein Erziehungsideal, dass sich immer eins zu eins umsetzen lässt. Wenn du gerade denkst, etwas klappt, klappt es hundertprozentig am nächsten Tag nicht. Oder anders. Das ist das Anstrengende am Mamasein und Kinderhaben. Aber das ist es auch, was mich täglich über mich hinauswachsen lässt. Immer sofort für alle da sein geht nicht. Muss es aber auch nicht. Weil auch Kinder lernen dürfen, dass man ab und zu warten muss; je größer sie sind, desto länger. Dennoch macht es das Mamasein für mich viel einfacher, wenn ich die kleinen Dinge sofort erledige. Immer mit dem Wissen im Hinterkopf, dass sich eine Hose auch nicht wirklich entspannt zu Ende bügeln lässt, wenn ein durstiges Kind mit der Wasserflasche wedelnd daneben steht und motzt. Während ich koche sofort mit den Großen Monopoli spielen ist dagegen leider nicht möglich, selbst wenn ich es möchte.

Mein Experiment ist jetzt zwei Wochen her. Ich reagiere seither viel öfter sofort, wenn ein Kind kurz meine Aufmerksamkeit braucht. Erst eben wieder, als ich die Spielzeit des ganz Kleinen nutze, um diesen Text zu schreiben. Als er sich am Couchtisch entlang hangelt, um mir einen roten Baustein zu zeigen, schaue ich sofort auf. Mitten im Satz. Sein Dank: ein grandioses Jauchzen. Ein Lächeln von einem Ohr zum anderen. Mit Grübchen. Ich bin zwar kurz raus aus meinen Text, aber auch schnell wieder drin. Mit einem Lächeln auf dem Lippen.

Woran wir als nächstes arbeiten könnten? Ha, ha, dass auch sie SOFORT reagieren, wenn ich im Wohnzimmer die Aufräumzeit einläute.

Alles Liebe,

8 Kommentar zu “Mein „Jetzt sofort!“-Experiment: Wie ich eine Woche lang meine Kinder nicht vertröstete

  1. Ja, das mit dem Sofort ist so eine Sache… Manchmal klappt es bei mir ganz gut, manchmal weniger. Das vielleicht schwierigste Sofort bei mir: früh morgens, ich lieg noch verschlafen im Bett und eins der Kinder möchte gern sofort frühstücken – hm, gleich, lasst mich noch eine kurze Runde die Augen schließen 🙈 Aber gut, dass sie in so Situationen oft einen Frühaufsteher-Papa haben 😉
    Liebe Grüße!

  2. Linda on 13. November 2018 at 09:32 geschrieben

    Du schaffst es irgendwie wie immer den richtigen Text zum richtigen Moment zu schreiben.
    Diese Woche bin ich alleinerziehend, mit einer gerade einjährigen und einer fast dreijährigen. Gestern war ich kurz vorm Nervenzusammenbruch, oder hatte ich ihn schon?!
    Auf jeden Fall trifft es so zu, du denkst die Katze ist im Sack, alles läuft und am nächsten Tag ist wieder Weltuntergangsstimmung. ABER zum Glück läuft es auch andersrum. Für heute habe ich mir fest vorgenommen erstmal tief durchzuatmen, auch mal gleich zu reagieren aber die Kleinen auch mal warten zu lassen. Das wird schon.
    Danke für deine Mut machenden und aufmunternden Texte, es ist jedes Mal ein Genuss und eine Freude sie zu lesen.

  3. Ulrike on 13. November 2018 at 09:38 geschrieben

    Toller Beitrag – so ungefähr habe ich das auch schon mal gemacht, aber nach einem halben Tag mit Alltagsgeschehen kapituliert 🙈😂 Dann war ich kurz verzweifelt, dachte „Was mache ich nur falsch?“ und „Wie schaffen es all die anderen Mütter?!“ um dann festzustellen, dass es in anderen Familien vielleicht ähnlich aussieht und ich mein perfektes Mamabild von mir Kopf vielleicht einfach schief hängen lassen sollte – mal in die eine, mal in die andere Richtung 😉 Das Abendprogramm ist bei uns im Übrigen oft auch eine Chaosbegrenzung – vor allem seitdem unser Baby da ist! Danke für deine offenen Worte!!

  4. Hannah on 13. November 2018 at 09:39 geschrieben

    Hach, ich mag deine ehrlichen Texte einfach so gerne 🙂 Und ich finde es toll, dass du deine Erziehungsmethoden immer wieder hinterfragst und überdenkst. Und das Ganze mal nur für eine bestimmte Zeit zu tun finde ich auch klasse, denn man wirft viel zu schnell alles um nach dem Motto „Ab morgen…“ (Klappt ja eh meinstens nicht lange ;).

    Ich bin noch recht neu im Mama-Geschäft und denke, dass es die Mischung macht. Ich versuche auch jetzt schon, nicht immer sofort zu reagieren, manchmal ist es aber auch einfach dringend 😉

    Ich arbeite auch als Lehrerin und da fällt mir auf, dass viele Kinder gar nicht mehr warten können. Ich habe mal gelesen, dass wir durch unsere ständige Erreichbarkeit den Drang haben, immer sofort reagieren zu müssen und dies dann auch bei unseren Kindern tun. Da ist sicher was dran…

    Alles Liebe 🙂

    Hannah

  5. Anja on 13. November 2018 at 09:50 geschrieben

    Ein interessantes Experiment! Das werde ich auch mal ausprobieren, mal sehen ob ich etwas fertig bekommen ☺, ich habe nämlich auch vier Kinder hier rumhüpfen.

  6. Julia on 13. November 2018 at 10:43 geschrieben

    Danke für den schönen Beitrag! Ich habe drei Kids und versuche auf jedes „sofort“ gleich zu reagieren. Ich brauche kein Fitnessstudio mehr, da ich von K1 zu K2 laufe und so weiter und sofort. Wenn alle Kids gleichzeitig etwas wollen, ist das mit dem sofort echt schwer. Ich versuche den Kindern zu erklären, dass ich noch etwas zu Ende machen möchte, aber meist verstehen sie es nicht wirklich.
    Und noch ein Gedanke zu dem Monopolyspiel beim Abendessenzubereiten. Klar würde das gehen! Dann gibt’s halt das Abendessen später oder nur Brotzeit. Aber möglich wäre es auf jeden Fall.

  7. Sandra on 13. November 2018 at 11:08 geschrieben

    So ein Experiment habe ich auch schon gestartet, nachdem meine Kinder mir zurück gemeldet haben: „gleich Mama!“ und ich ständig auf sie warten musste 😉
    Aber um ehrlich zu sein, es ist auch schon wieder eingeschlafen und alle müssen ständig auf den anderen warten. Aber ich werde es mir nochmal fest vor nehmen, wieder „schneller“ da zu sein!Dann reagieren die Kinder auch wieder schneller auf mich!
    Hier aber auch ein Abwägen, -ein natürliches Gleichgewicht- finden. Zwischen immer sofort da sein, bedienen, parieren und einem ehrlichen da sein.

  8. Jay on 13. November 2018 at 21:41 geschrieben

    4 Kinder – wow! Das sind die Mamis bei denen ich mich immer frage, wie machen die das nur? Ich bin so ausgefüllt mit meiner sieben und anderhalb jährigen und kochen und putzen und was da halt noch so alles dazu gehört, also nur zwei Kindern, dass meine Wohnung am Ende des Tages zu 80 % so aussieht, als wenn hier mind. 10 Leute wohnen würden 🤷‍♀️
    Deinen Text sowie dein Experiment finde ich super und ich musste oft schmunzeln à la „das kenne ich“ und musste feststellen, dass es bei mir Tagesform abhängig ist und während ich auf dem Rückweg von Kind eins oder zwei bin kommen mir x andere Dinge in den Weg und manchmal vergesse ich dann sogar nach einiger Zeit, was ich eigentlich angefangen hatte. Das liegt wohl daran, dass ich gerne Superkräfte hätte um alles auf einmal im Haushalt erledigen zu können 😜

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