Bis vor kurzem habe ich digital, wenn auch nicht in der Steinzeit, so zumindest noch im Mittelalter gelebt: Meine Social-Media-Aktivitäten ließen sich gut an meinem Facebook-Account ablesen (konsequent null Aktivität), von Blogs hatte ich gehört, aber keinen konsumiert und Instagram war mir ein Mysterium – irgendwas mit vielen Fake-Fotos und vernachlässigbarem Content. Ich war absolut zufrieden damit, hoffnungslos analog und oldschool zu sein. Sogar ein wenig stolz, meine Zeit ausschließlich im echten Leben zu verbringen. Digitalpioniere durften gern die anderen sein. Und dann kam dieser Job hier…

„Du solltest dir dann auch unbedingt einen eigenen Insta-Account anlegen“, meinte Claudi damals zu mir. „Äh, na gut. Und wie funktioniert, wie bespielt man das …? Und meinst du, das ist wirklich nötig?“ Ok, diese Frage stelle ich mir heute noch. Häufig im Zusammenhang mit der Überlegung, ob meine Insta-Nutzung noch normal oder schon neurotisch ist.

Innerhalb eines Jahres bin ich von der analogen Fachfrau zum Social-Media-Junkie mutiert.

Mein Verhältnis zum digitalen Konsum ist dabei ähnlich wie das zu Schokolade: Ich würde beides gern beschränken, weil es bestimmt besser für mich wäre – aber mein Schweinehund ist stärker als Superman. Und so habe ich morgens als erstes und abends als letztes mein Smartphone in der Hand: Freue mich über neue Likes, ärgere mich über manchen Kommentar und scrolle durch meinen Feed, während ich von Foodporn zu Feminismus, von Elternschaft zu Ehrenamt springe. Und am Ende ein Gefühl wie nach einer Tüte Linsenchips habe: Fürs gute Gewissen war auch was dabei, aber in Summe doch ohne nennenswerten Nährwert…

Mittlerweile verbindet Insta und mich eine leidenschaftliche Hassliebe: Ich habe einen wahnsinnig spannenden Kosmos entdeckt, in dem es alles zur gleichen Zeit gibt – Weltbewegendes und Triviales, Gutes und Schlechtes, eine Welt, in der jede noch so kleine Randgruppe eine Stimme hat. Und ich bin ein Teil davon. Ich bin auch ein unbestreitbarer Fan des Community-Gedankens, ich mag den Austausch, die Inspiration und – wenn er konstruktiv klappt – den Diskurs mit anderen.

Gleichzeitig laugt mich die Fülle, das Tempo und immer öfter auch der Ton der User untereinander aus. Und zwar nicht nur psychisch, sondern auch physisch: Eine Überdosis Insta macht sich mit Kopfschmerzen, einem Gefühl von Abgeschlagenheit und Magenflattern bemerkbar. Ein ausgewachsener Kanal-Kater. Und jedes Mal gelobe ich mir selbst gegenüber Besserung. Mit meist mäßigem Erfolg: Ich bin einfach dem schnöden Suchtfaktor erlegen.

Früher war ich dankbar darum, im Netz nicht sichtbar zu sein.

Wer und wo ich war, was ich mag, mit wem ich unterwegs bin, ging nur mich und mein analoges Umfeld etwas an. Jetzt gebe ich freiwillig viel von mir preis – und das erstaunlich gern. Als ausgebildete Redakteurin ist mir das mich-anderen-zeigen natürlich nicht gänzlich unvertraut: Für Reportagen habe ich in Magazinen früher auch Ausschnitte von mir und meinem Leben geteilt, aber längst nicht so frequent und so persönlich wie hier. Nicht in dieser Unmittelbarkeit, die Social Media bietet.

Das liegt natürlich in der Natur der Sache: Als Bloggerin, die sich dem Thema Familie und Frausein verschrieben hat, fühlt sich das Texten immer ein wenig nach Tagebuch an. Denn ich schreibe mit der größtmöglichen Ehrlichkeit und Nähe mein Leben auf – und verzichte dabei bewusst auf Weichzeichner, inhaltlich und optisch. Ich bin gern authentisch. Persönlich, aber nicht zu privat. Ich glaube, das macht mich hier aus. Und gleichzeitig macht mich das angreifbar: Wenn sich jemand über meinen Erziehungsstil oder meine Ansichten mokiert, trifft er eben auch mich. Noch fehlt mir mitunter das dicke Fell, um das mit einem Schulterzucken zu parieren. Höhen und Tiefen liegen hier einfach verdammt dicht beieinander.

Zwischendurch geht mir die digitale Selbstinszenierung auch gehörig auf den Nerv.

Vor allem, wenn ich ein paar Tage abstinent war. Es fühlt sich wie eine Freiheit an, von der ich vorher gar nicht wusste, dass ich sie vermisse: Die Freiheit, nicht dauernd gesehen, bewertet, verglichen zu werden. Die Freiheit, nicht dauernd performen zu müssen.

Dann richte ich mich für eine Weile wieder sehr behaglich in meiner analogen Welt ein und sehe mit Abstand betrachtet, was Insta und Co vor allem sind: Filterblasen, die nur bedingt etwas mit der Komplexität des echten Lebens zu tun haben. Und dennoch unbestreitbar anziehend sind. Jobbedingt kehre ich nach ein paar Tagen immer wieder zurück – und der Social-Media-Zirkus beginnt von neuem. Ich weiß schon genau, warum ich die Finger von TikTok und weiteren Selbstdarstellungs-Portalen lasse:

Social Media ist ein Zeitfresser. Ein Manipulator, der meine Wahrnehmung der Welt unmerklich verschiebt, und zwar meist an der Oberfläche, selten in die Tiefe.

Und plötzlich hadere ich beim Blick auf meinen Foto-Account mit den vielen feinen Fältchen um meine Augen, weil sie inmitten der polierten Social-Media-Welt wie ein Fossil wirken. Dann fühl ich mich wie ein schwerfälliger Dino neben lauter niedlichen Rehkitzen. Und auch, wenn ich mich für einen emotional recht stabilen Menschen halte: An manchen Tagen muss ich dreimal tief einatmen, bevor ich ein filterfreies Bild von mir poste. Weil ich eben aussehe, wie eine 44-jährige Frau aussieht, die drei lebhafte Kinder und schon ziemlich viel erlebt hat. Insta, du blödes Biest!

Wenn ich die Beziehung zu meinem digitalen Ich retten will, muss langfristig etwas geschehen. Und wo ich eh gerade in der Steinzeit-Rhetorik unterwegs bin, fällt mir ein Spruch meiner Oma ein: „Willst du gelten, mach dich selten.“ Das sehen die Social-Media-Algorithmen natürlich anders, aber für mich persönlich ist eine gewisse Distanz einfach gesünder.

So verordne ich mir gerade feste (Arbeits-)Zeiten auf Insta, damit ich nicht alle zehn Minuten die neuesten Entwicklungen checke. Versuche es, wie das Jobtool zu behandeln – was es letztlich für mich auch ist. Will regelmäßig komplette Wochenenden offline gehen, mir Urlaubsphasen zugestehen. Und oute mich selbst mit diesen Überlegungen vermutlich als komplett oldfashioned, denn: Digital Detox machen die nativen Netz-Nutzer schon seit Jahren …

Pflegt Ihr auch eine so komplizierte Beziehung zu Eurem digitalen Ich?

Alles Liebe,

Katia