Ich habe fast ein Jahrzehnt lang gewickelt. Neun Jahre lang drei wechselnden Kindern frische Pampers über Popos gestülpt (und vice versa, der weniger schöne Teil). Als mein Jüngster vor einigen Wochen beschloss, jetzt ein großer Junge zu sein und trocken zu werden, habe ich einen Crémant geköpft, weil: Meilensteine meiner Kinder gehören gefeiert. Mit Konfetti und Hurra. Und ohne Gefühlsduselei…

Ich war in Bezug auf meine Kinder bislang nie der sentimentale Typ. Habe nicht dem Stillen hinterhergetrauert, als es vorüber war. Habe nicht die niedliche Kleinkindzeit vermisst, als irgendwann die Trotzphase einsetzte. (Höchstens den Umstand, dass die Kinder sich mal nicht vom Fleck bewegt haben und sich ergo auch nicht von Jetzt auf Gleich in Luft auflösen konnten, wie sie es seither gern tun).

Ich habe keinen Kloß im Hals gehabt, als die Kleinen mit einem Jahr in die Kita gingen und auch nicht, als für die Großen die Schule losging. Und schon gar nicht, als mein Dreijähriger kürzlich todesmutig seinen Schnulli in den See schmiss, um sich anschließend bei der Schnullerfee einen coolen Rennbahntransporter auszusuchen. Großer Junge, wie gesagt.

Ich liebe es, dass meine Kinder älter werden. Selbstständiger. Unabhängiger.

Aus nachvollziehbar egoistischen Gründen, klar. Vor allem aber für sie selbst. Weil sie nicht nur in die Länge wachsen, sondern auch an ihrem Leben. An sich selbst. Und dabei immer weniger Unterstützung brauchen. Weniger Unterstützung haben wollen: „Ich kann das schon allein!!“ ist der Schlachtruf, der den Übergang von hilflosem Kleinkind zum selbständig(er)en Willen-Wesen markiert.

Allein Zähne putzen. Selber Schuhe binden. Ohne Hilfe Porridge kochen. Ohne Mama mit dem Rad zur Schule fahren. Lauter kleine und größere Meilensteine, die ihrem Leben mehr Spielraum verschaffen. Ihre Grenzen ausdehnen. Uns als Eltern entlasten – und uns sukzessive von Haupt- in Nebenrollen  manövrieren. Bislang fand ich das wirklich unproblematisch. Aber irgendwie hat sie mich jetzt plötzlich doch, die Melancholie.

Dieses nagende Gefühl, dass die Kindheit unwideruflich zu Ende geht – und fortan nur noch in meiner Erinnerung existiert.

Weil: Irgendwie dachte ich, wir hätten noch eine Weile bis zur ersten Pubertät. Bis zu den zermürbenden Grabenkämpfen, die in wichtiger und richtiger Abnabelung von den Eltern münden. Aber plötzlich probt der Neunjährige schon jetzt fleißig die ihr-habt-mir-gar-nichts-zu-sagen-und-seid-eh-bescheuert-Haltung. Dramatische Abgänge, Stänker-Stimmung und Höhlenverhalten inklusive. Und da bleibt der Crémant besser im Kühlschrank, Meilenstein hin oder her. Präpubertäre Hormon-Hölle ist oft kein Grund zum Feiern.

Weil plötzlich neue Gesetze gelten. Weil die erlösende Umarmung fünf Minuten nach dem letzten Türenknall nicht mehr zwingend zieht. Oder nur für die nächste Viertelstunde – bis das ganze Theater wieder von vorn los geht. Und da setzt dann doch das Vermissen eines unbestimmten Früher ein. Eine Sehnsucht nach kindlich-harmloser Harmonie, die so rosarot getüncht natürlich auch niemals war. Und doch gibt es für mich gerade das allererste Mal einen spürbar sentimentalen Unterschied zwischen „Vorher“ und „Jetzt“. Zwischen meinem kleinen Jungen und dem angehenden Teen. Und die bange Frage: Hatten wir unsere Zeit?

Bin ich raus – als Sorgenfresserin, Sinnstifterin, sicherer Hafen für jede Lebenslage?

Als Kuschelcoach, Ausflugsanstifterin – raus als Mutter…?  Habe ich Dinge versäumt, die nicht mehr nachzuholen sind? Habe ich genug dafür getan, dass wir eine innige Verbindung haben, die allen Stürmen standhält? Habe ich mein Kind so gefestigt, dass es auf sicheren Grund durchs Leben geht? Bei solchen Gedanken bekomme ich auf einmal doch ganz schön weiche Knie. Und meine Mama- Meilensteine plötzlich Namen.

Aber wenn wir als Eltern eines lernen: Krampfhaftes Festhalten macht meist wenig Sinn. Nicht an Prinzipien, die vom Alltag überrollt werden. Nicht an Erwartungen, die doch häufig scheitern. Und eben auch nicht an einer Phase im Leben unserer Kinder, die zuende geht, um einer neuen Entwicklung Platz zu machen. Der Blick geht nach vorn, nicht zurück.

Insofern übe ich mich gerade im Loslassen. Söhne mich mit dem Gedanken aus, dass ich als Mutter meines Großen bisher nicht auf jedem Schauplatz geglänzt habe. Dass ich nichts nachholen, aber jetzt Dinge anders und vielleicht auch besser machen kann.

Sage „Hallo“ zu einer neuen Familienphase, in der mehr Disput ist, aber auch mehr Raum für ein neues, spannendes Miteinander.

In dem ich nicht mehr über die Skills der PJ Masks in Kenntnis gesetzt werde, sondern mit Glück und dem richtigen Timing über ungewohnte Gedanken und Stimmungen spreche. Ein Raum, in dem ich meinem Kind immer mehr Freiheiten gewähre und mich dabei in Vertrauen übe, immer und immer wieder. In dem neue Impulse enstehen, in dem wir neue Wege finden, jeder für sich und beide miteinander.

Ein Raum, in dem meine und seine Gefühlsduselei Platz hat, in dem wir uns streiten, versöhnen – und immer noch ganz fest in den Arm nehmen können. Ein Raum, in dem ich bewusster als bisher die Momente genieße, die sich nicht ewig wiederholen lassen.

Und mir dann ein großes Glas einschenke, weil mir einfällt, dass ich noch zwei weitere Kinder über diesen markanten Meilenstein (Prä-)Pubertät bringen muss. Bis dahin feier ich noch freudiger die kleinen Abnabelungsschritte – die sind für mich irgendwie unproblematischer…

Und welches sind gerade eure Meilensteine?

Alles Liebe,

Katia