Die beiden Mädchen sitzen am Tisch und probieren Nagellack aus. Ganz konzentriert malen sie: Rosa, lila, pink. Zeigen sich ihre Kunstwerke. „Bien!“, sagt die eine. Die andere nickt: „Ja, schön!“ Die beiden sind neun und zehn Jahre alt – und verbringen ein Jahr wie Schwestern. Ein halbes Jahr in Deutschland – und ein halbes in Frankreich. Als Austausch-Mama Nora Kelb mir via Instagram von dem Projekt erzählte, dachte ich erst: „Wie cool!“ Dann: „Oh Gott, mit zehn Jahren von zuhause weg?“ Natürlich dachte ich an meinen zehnjährigen Sohn. Dann wieder: „Aber toll ist es schon.“ Und dann wollte ich mehr darüber wissen…

Wie schön so ein Austausch sein kann, weiß Nora am allerbesten – sie hat mit zwölf Jahren selbst an einem teilgenommen. Mit ihrer Austauschschülerin Audrey, ebenfalls Französin und organisiert von derselben Agentur, die auch den Austausch ihrer Tochter Sofia mit der zehnjährigen Noisette organisiert. Das Alter zwischen acht und zehn Jahren ist von der Agentur übrigens ganz bewusst gewählt. Auch Noras Geschwister haben damals in dem Alter getauscht.

Weil nämlich auch Grundschüler oft schon so neugierig auf fremde Kulturen und andere Lebensweisen sind, dass sie aus eigener Initiative heraus an einem Austausch teilnehmen wollen. Außerdem wird eine neue Sprache in diesem Alter spielerisch und quasi nebenbei ganz einfach gelernt. Dazu kommt, sich in diesem Alter leicht in eine neue Umgebung integrieren.“ Noch verständigen sich Sofia und Noisette mit einzelnen Wörtern und Händen und Füßen. „Es ist entzückend, dabei zuzusehen!“, verrät Nora.

Weil Nora immer noch eine enge Freundschaft mit ihrer Austauschpartnerin Audrey verbindet, hatte Sofia tatsächlich selbst die Idee für den Austausch. „Es war bei uns zuhause einfach immer Thema. Und ich finde es wirklich super!“, erzählt Nora. „Weil die Kinder in dem Alter einfach den ganzen Tag spielen, keine Verlegenheit kennen und noch nicht pubertär sind.“ Geguckt, ob es für alle wirklich passt, wird trotzdem. Noisettes Familie war hier in Deutschland und hat sich alles genau angesehen und Nora war mit ihrer Familie in Frankreich. Erst danach entscheiden die Kinder – und auch die Familien – ob sie diesen Austausch wirklich möchten. Zwanzig bis dreißig dieser Austausche vermittelt die Agentur in etwa jedes Jahr.

Als Noisette wirklich zusagte, war Nora dann doch richtig aufgeregt. „Das war ein bisschen so, als würde ich noch ein Kind kriegen!“, erzählt sie. Die ganze Familie hat mitgeholfen und Noisette eine kleine Ecke im Zimmer von Sofias fünfjährigem Bruder Konstantin vorbereitet. Das haben sie ganz bewusst entschieden, damit Noisette nicht alleine ist. „So fühlt sie sich wohler“, erzählt Nora, „natürlich hat sie ein eigenes Bett, einen eigenen Schreibtisch, einen kleine Schrank – aber es muss kein eigenes Zimmer sein…“ Seit Juli lebt Noisette jetzt in Noras Familie. Wer zuerst aufnimmt entscheidet übrigens die Agentur – meist die Familie, die das Ganze zum ersten Mal macht, weil Aufnehmen als der anstrengendere Teil gilt. Nora findet aber: „Bislang läuft alles total entspannt!“


An ihrem Alltag haben Nora, ihr Mann und die weiteren drei Kinder (Philipp, 8 Jahre, Konstantin, 5 Jahr und Marlene, fast fünf Monate) übrigens gar nichts geändert: „Noisette soll ja einfach unser deutsches Leben, unseren Alltag miterleben. Insofern soll das alles hübsch so bleiben, wie es immer ist. Wir freuen uns einfach sehr, dass sie da ist und unternehmen vielleicht noch ein bisschen mehr als sonst an den Wochenenden. Das macht uns allen Freude.“

„Nervt es nicht manchmal?“, frage ich Nora noch. Möchte sie nicht manchmal einfach ihre Ruhe haben. „Manchmal schon!“, gibt Nora lachend zu, „aber das möchte ich vor meinen eigenen Kindern ja auch ab und zu…!“


Wenn es Probleme gibt, hilft eine Betreuerin der Agentur. „Die hat jahrelange Erfahrung und kann beurteilen, ob es nur ein kurzes Vermissen oder echter Kummer ist!“, erzählt Nora. Auch Nora musste Noisette bereits ein paar Mal trösten. „Ich war so stolz und glücklich, dass ich sie trösten durfte. Sie ist mir dadurch noch mehr ans Herz gewachsen. Ich habe sie gekuschelt, an die Hand genommen, und sie abends gekrault. Wie unsere eigenen Kinder.“

Zum Glück sind das ein paar wenige Momente, verglichen mit all der Freude. „Wenn ich die beiden zusammen spielen sehe, so innig, total vertraut und in ihre Zweisamkeit versunken, wenn ich sehe, was für Erfahrungen sie machen, was sie voneinander lernen, dann macht mich das total glücklich. Dann weiß ich, dass es die richtige Entscheidung war.“

Aber wie wird sich Nora wohl in vier Monaten fühlen, wenn ihre Tochter Sofia zusammen mit Noisette für ein halbes Jahr nach Frankreich verschwindet? Tut nicht allein die Vorstellung schon weh? „Mal sehen!“, meint Nora. „Ich glaube, wenn ich spüre, dass sie dort glücklich und zufrieden ist, fällt es mir nicht so schwer. Ganz am Anfang wird sie uns bestimmt vermissen, das weiß ich von Noisette, und dann wird es auch für mich sicher nicht leicht. Aber Sofia wünscht es sich und ich habe Vertrauen in Noisettes Familie. Sie werden sie behandeln, wie ein eigenes Kind. Und es wird ein großes Abenteuer für Sofia werden.“

Die wichtigste Sache, die Nora ihrer Tochter dafür mitgeben wird? „Die absolute Gewissheit, dass ich an sie glaube und ihr diese Zeit ohne mich von Herzen gönne!“

Was für eine spannende Geschichte, oder? Vielen Dank dafür, Nora! Und sagt doch mal, könntet ihr euch das für euer Kind vorstellen?

PS. Das Foto hier zeigt Nora, im Jahr 2006, mit ihrer Tauschpartnerin Audrey. Sie sind bis heute gut befreundet.
PPS. Mehr über diesen besonderen Austausch könnt ihr auf Noras Instagram Account HIER erfahren. Ich muss Werbung über diese Geschichte schreiben, weil ich die Agentur verlinke. Es handelt sich aber um einen rein redaktionellen Beitrag.
PPPS. Beide Familien sind übrigens ausdrücklich damit einverstanden, dass hier über sie berichtet wird und auch Fotos gezeigt werden, weil sie sich freuen würden, wenn noch mehr Familien Lust auf dieses spannende Abenteuer bekommen.

Alles Liebe,

Claudi