Ich lebe meinen Kindern eine tolerante Weltsicht vor. Dachte ich jedenfalls. Ich erzähle ihnen, dass man leben kann, wie man möchte. Sofern man damit niemanden verletzt natürlich. Ich erkläre ihnen, dass es völlig okay ist, sich als Junge die Nägel zu lackieren. Und dass es keine Rolle spielt, ob jemand dick oder dünn ist. Doch an meiner dreijährigen Tochter scheint das abzuperlen wie Regentropfen von gut imprägnierten Schuhen…

„Mama, die Frau da ist voll dick“, sagt sie neulich und zeigt mit dem Finger auf eine Frau. Meine Tochter schreit das beinahe und ich versinke fast im Erdboden des Supermarktparkplatzes. „Psssst”, raune ich ihr zu. „Sowas sagt man doch nicht.“ „Aber sie IST dick!“ Äh, ja. Es stimmt ja. Aber man sagt es eben nicht. Vor allem nicht laut. Und es spielt ja auch gar keine Rolle. Es sollte keine Rolle spielen. Tut es aber doch. Vor allem im Kosmos meiner kleinen Tochter. Und in meinem…?

Ich fühle mich wie eine Versager-Mama!

Ein paar Tage später haben wir eine neue, ähnliche „Situation“. Ein Mädchen aus der Kitagruppe will sich mit meiner Tochter verabreden. „Nein, das geht nicht“, sagt sie schnell. Ich bin überrascht. „Aber warum denn nicht?“, frage ich. „Die ist so dick“, erklärt sie mir. Puh. Das sitzt. Ich fühle mich furchtbar. War ich es nicht, die ihren Töchtern zig Bücher über Toleranz und Diversität vorgelesen hat? Bücher über das Anderssein – und über eine Norm, die es ja sowieso nicht gibt?

Ich frage mich, lebe ich meinen Töchtern diese Toleranz nicht tagtäglich vor? Und warum geht meine ältere Tochter (6 Jahre)  viel toleranter mit dem Anderssein um? Auch, als sie noch jünger war. Ich rede auf meine Kleine ein wie auf einen störrischen Esel. Vergeblich. Sie schaltet auf Durchzug. Ich möchte, dass sie anders denkt. Ich bin kurz davor, die Verabredung mit dem Mädchen aus der Kita einfach klar zu machen.

Würde meine Tochter dann nicht merken, dass es beim Spielen keinen Unterscheid macht, ob ein jemand dünner oder dicker ist? Ich mache es nicht. Erstens, weil meine Tochter noch nie etwas von diesem Mädchen erzählt hat und offenbar keine Lust auf ein Treffen hat – wenn auch aus zweifelhaften Gründen. Dazu habe ich keine Lust, die Moralmutter raushängen zu lassen und einem Playdate einen pädagogischen Stempel aufzudrücken.

Toleranz gegenüber ihrer Intoleranz.

Ich mache also erstmal gar nichts. Außer mir Gedanken. Warum hänge ich mich da eigentlich so rein? Klar, das Thema ist wichtig und meine Einstellung klar. Die kommuniziere ich meinen Kindern gegenüber auch. Indem ich immer wieder erzähle, dass jeder so ist, wie er ist. Und dass es okay ist, wenn Männer in Männer verliebt sind und Frauen in Frauen. Oder dass ein Mädchen mit einem runden Körper die weltbeste Superfreundin sein kann.

Dann fasse ich einen Entschluss. Ich versuche, tolerant gegenüber den Gefühlen und der Wahrnehmung meiner Tochter zu sein. Wenn ich so drüber nachdenke, gehört nämlich auch das für mich zur Bandbreite von Toleranz. Zu akzeptieren, dass ihre Weltsicht gerade schwarz-weiß ist. Ich muss und will ihr vertrauen. Und mir auch. Auch Toleranz lernen ist ein Prozess. Ich werde sie ihr einfach weiter vorleben – und selbst noch dazulernen. Ich will meine Töchter auf ihrem Weg begleiten, auffangen und immer wieder spiegeln.

Neulich hat sie übrigens ganz versunken mit dem Kitamädchen gespielt.

Boah. Elternsein ist ganz schön krass manchmal, oder?

Es gibt wunderbare Bücher zum Thema. Hier ist eine kleine, feine Auswahl.

1) „Ich bin anders als du – Ich bin wie du“ Constanze von Kitzing. Carlsen Verlag.

2) Der Junge in der letzten Reihe. Onjali Q. Raúf. Atrium Verlag.

3) „Wie ist es, wenn man anders ist? Alles über kleine und große Ungerechtigkeiten.“ Louise Spilsbury und Hanane Kai. Gabriel Verlag.

4) „Die Schnetts und die Schmoos.“ Axel Scheffler/Julia Donaldson. Beltz Verlag.

5) „Überall Popos.“ Annika Leone. Klett Kinderbuch.

6) „Elefanten im Haus.“ Stephanie Schneider/Astrid Henn. Ravensburger Verlag.

Wenn ich übrigens nicht gerade im Erdboden versinke, arbeite ich als freie Journalistin und Redakteurin und schreibe am liebsten über Familie, Gesellschaft und die Dinge des Lebens. Hier findet ihr mich auf Instagram.

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Alles Liebe,

Maren