„Und?“ fragte ich, als wir abends im Restaurant saßen, „was war das Schönste in Lissabon?“ Mein Großer verschluckte sich beinahe an seinem Getränk. „Na, dass der Bus doch noch kam!“, platze es aus ihm raus. Zeitgleich aus zwei seiner Brüder. Alle ausnahmsweise eine Meinung. Wir lachten laut zusammen, weil man gut drüber lachen kann, wenn man bequem auf einem Stuhl sitzt, ein Haufen dampfender Pommes vor sich hat und ein große „Ausnahmsweise-Limonade“. Was passiert war? Wir hatten uns verflaniert…

Für unseren Citytrip zu sechst nach Lissabon hatte ich meinen Großstadt-Joker gewählt. Wir parkten im großen Parkhaus des Hotel Turim am Praca Marques de Pombal (Achtung, sehr schmale Zufahrten), liefen die paar hundert Meter zur Abfahrtsstelle am Parque Eduardo VII und stiegen dann in einen Hop-on-Hop-Off-Bus der Cityrama Gray Line (dort ist auch noch ein großes Parkhaus: Empark).

Ich fühlte mich wie ein Supertouri dabei – aber das war mir egal. Die Busse sind für uns ab und zu in Städten die perfekte Wahl, um bequem viel zu sehen und die Jungs bei Laune zu halten. Vielleicht ist so eine Busfahrt in Lissabon sogar besonders schön, weil man ständig hoch und wieder runter fährt und wieder hoch, froh ist, den Berg nicht hoch ächzen zu müssen und weil die blauen Musterfliesenhäuser zum Greifen nah an einem vorbeisausen.

Gefrühstückt haben wir vorher in einer Filiale von „A Padaria Portuguesa“ (Praça Marquês de Pombal 12 A) gleich gegenüber. Die Sandwiches und Gebäckteile sind lecker und die Atmosphäre entspannt. Zum Glück tippte mir eine nette Portugiesin ziemlich am Anfang an die Schulter und deutete auf den kleinen Nummernautomaten, an dem jeder Wartende einen Zettel ziehen musste. Sonst hätten wir wohl ewig vor der Theke gewartet.

Die gefliesten Häuser überall sind wunderschön, noch schöner ist das Licht, das so besonders hinter jeder Straßenecke leuchtet. Es spiegelt sich tagsüber grell in den Fliesen, wird gegen Abend warm und goldfarben. Kein Wunder, dass die Menschen in Lissabon, die Lisboetas, einen besonders hübschen Namen für ihre vielen Dachterrassen haben. Sie heißen Miradouro. Und das bedeutet: Gold anschauen.

Unten am Fluss Tejo, bei der Ponte 25 de Abril, hatte ich das Gefühl, ich kann die Freiheit fühlen. Vielleicht liegt das daran, dass hinter Lissabon bloß Meer kommt und sonst nix – erst ganz irgendwann Amerika. Im Abendlicht hat die bronzene Brücke viel von der Lässigkeit San Franciscos. Unten am Tejo, sind wir ausgestiegen und so lange dem Weg zu einem Spielplatz, zum schönsten Haus, zum Fluss und zum Licht gefolgt, dass plötzlich weit und breit kein Bushaltestellenschild mehr zu sehen war. Auch absolut keiner der Doppeldeckerbusse, die sich sonst abwechselnd mit den schnaufenden Straßenbahnen überall zwischen den Häuserengen hindurchschieben. Erst fanden wir es lustig. Dann nicht mehr. Dann fingen zwei an zu weinen.



Wir liefen und liefen hintereinander die Straßen entlang, immer schneller, obwohl wir immer müder wurden und flehten in Gedanken jede Ecke an, dass sie hinter ihrer Biegung doch bitte einen Busstop verstecken haben solle. Kam aber nichts. Alle jaulten, es dämmerte. Langsam bekam ich Panik. „Da!“, rief mein Großer plötzlich, „da!“ Er sprang auf, wedelte mit den Armen in Richtung Hop-on-Bus, der von weitem die Straße entlang kam. Direkt auf uns zu, allerdings ohne angeschlagenen Zielort. Wir hüpften alle, hoben unsere gefalteten Hände in der Luft. Und dann hielt er an.

Lissabon für Familien
Lissabon mit KIndern,

„Sorry“, schnaufte André, „we are lost!“. Er hielt sich an der offenen Bustür fest, als ob er den Bus festalten wollte. Der Busfahrer sagte nichts. Er lächelte bloß – und deutete mit seinem Kopf einmal in Richtung Bushinterteil. Die Jungs jubelten laut, ich jubelte leise. Wir kletterten fix nach oben, hatten alle Plätze, alle Reihen, den Bus, gefühlt ganz Lissabon für uns. Ich habe meinen Großen selten so glücklich lächeln gesehen.
Das wenige Flanieren, bevor wir uns verliefen, fanden die Jungs übrigens überraschend gut. Vielleicht, weil es überall süße Natas gibt. Oder weil Herumlaufen in dieser Stadt mit den vielen Treppenstufen ein kleines Abenteuer ist. Die Bürgersteige sind so schmal und schief, dass man einfach ständig springen MUSS. Kleine Kinder hält man besser immer an der Hand, denn es könnte überall jederzeit eine alte Straßenbahn angesaust kommen. Wer Kinder hat, bemerkt auch auf jeden Fall die hübschen, beigegrauen Fliesenmuster auf dem Boden, die sind wie gemacht für Hüpfspiele. Wer weiß, ob ich sie ohne genau so genau betrachtet hätte.

Überhaupt hat Lissabon vielleicht die engsten Straßen, die ich je gesehen habe. Die meisten Wohnungen sind auch winzig, die Menschen wohnen daher drinnen und draußen, manchmal steht ein Tisch auf dem Bürgersteig, manchmal ein Sofa. Man weiß manchmal nicht, ob man noch auf der Straße geht, oder schon bei jemandem durchs Wohnzimmer. Und hinter jedem kleinen Fenster wohnt ein Lächeln.

Es gibt wirklich nicht viele Spielplätze (aber einen schönen im Park Jardim da Estrela!), aber irgendwie macht das nichts, weil die Portugiesen mit ihrer grenzenlosen Kinderfreundlichkeit die ganze Stadt in einen Spielplatz verwandeln. Es scheint überall so gemütlich (außer vielleicht an den Touri-Hotspots), sogar die Häuser sehen dank der blaubunten Fliesen mehr nach Geschirrschrank aus, als nach Stadt. Außerdem wartet hinter jeder Ecke eine Überraschung: ein besonders schmales Haus, eine Band, die lässige Musik spielt, eine hupende Straßenbahn oder eine Straßensperre. Und als die Jungs keine Lust mehr hatten zu gehen, durften sie uns mit der Google Maps Scan Funktion führen. Fanden sie super.



Portugal ist ein kleines Land. Von rechts drängten lange Zeit die Spanier, links braust der Atlantik – die Portugiesen wählten ihn, fuhren in die Welt hinaus und besetzten eine Kolonie nach der anderen. Sie brachten Gold, Gewürze, fremde Tiere mit, ja auch Sklaven. Das restliche Europa staunte und kaufte und Portugal wurde reich. Bis 1755 die Erde bebte und ganz Lissabon in sich zusammenfiel. Dann kam ein Tsunami. Und dann ein riesiges Feuer. Nur das Rotlichtviertel Alfama blieb verschont.

Um den Wiederaufbau kümmerte sich ein ehemaliger Premierminister, Marques de Pombal. Pombal ließ die unten gelegene Altstadt aus breiten Straßen im Schachbrettmuster errichten (was Paris später nachmachte). Später schwappte noch die Diktatur über Lissabon – am Ende war Portugal eins der ärmsten Länder Europas. Erst 1974 wagten ein paar junge Generäle den Aufstand gegen das Regime – und verrückterweise fiel die Regierung an einem einzigen Tag und ohne einen einzigen Schuss. Die befreiten Lisboetas verteilten Nelken an die Soldaten – bis heute nennt man diesen Tag die Nelkenrevolution.

Wer durch Lissabon flaniert (oder hüpft) kann Lissabons abenteuerliche Geschichte an jeder Ecke fühlen. An den alten Mauern, den abblätternden Farben. Man sieht die Verzweiflung der jungen Generation über die Arbeitslosigkeit in den vielen an die alten Wände gesprayten Kunstwerke. Meine beiden Großen hörten interessiert zu, als wir ihnen beim Herumbummeln von Lissabons Vergangenheit erzählten. Ich meine: ein Erdbeben, das man noch an der Küste Afrikas spüren konnte, ein Tsunami, der eine ganze Stadt überschwemmt und ein Feuer, ausgelöst durch die vielen brennenden Kerzen an Allerheiligen, dem Tag des Erdbebens –  das klingt dramatischer als Hollywood.

Kein Wunder, dass die Portugiesen mit den Fados die wohl melancholischsten Lieder der Welt singen. Man hört sie manchmal aus den Lokalen oder hinter den eierschalenfarbenen Spitzengardinen in den winzig kleinen Fenstern. Ein paar Meter weiter dann schon wieder Lachen. Lachen und Leid, alt und neu liegen dicht beieinander in den engen Straßen Lissabons.

Wir sind an diesem Tag noch auf einem der sieben Hügel ausgestiegen, von allen hat man einen tollen Blick, aber auf dem Miradouro die Graca gibt es ein Café. Und Ausnahmsweise-Limo für die Jungs und die Stimmung. Wenn wir länger dagewesen wären, wäre ich gern ins Marionettentheater (Rua da Esperança 146) gegangen. Ein Freundin meinte, dass es bezaubernd sei.  Im Lisboa Story Center (Praça do Comércio 78) können Kinder das Erdbeben von 1755 nachspüren (und es gibt Audiotouren auf Deutsch). Das hätten wir vielleicht bei schlechtem Wetter gemacht. Vielleicht auch nur einer von uns mit den beiden Größeren. 

Leckeres Eis gab es bei Santini (R. do Carmo 88) und in der Fußgängerzone drumherum lauter Tänzer und Sänger. Wir fühlten uns beinahe wie auf einem Kleinkunstmarkt. Sogar vor dem „coolsten Aufzug der Welt“ (laut meiner Jungs), dem Elevador de Santa Justa, spielte eine Band. Wir blieben eine Weile stehen und wippten. Irgendwie wird immer irgendwo Musik gespielt in Lissabon. Die Stadt summt und brummt. Und kitzelt einen so richtig wach mit ihrer Lebendigkeit.

Hochgefahren sind wir nicht, die Warteschlange war uns einfach zu lang. Übrhaupt haben wir vieles nicht gemacht. Haben uns lieber Zeit gelassen und getrödelt. Treiben lassen, egal ob zu Fuß oder im Bus, ist definitiv meine größte Empfehlung für diese Stadt. Für den Abend, hatte ich zum Beispiel geplant, richtig schön essen zu gehen. Auf keinen Fall wollte ich in eine Touri-Kaschemme. Und wo aßen wir und hatten einen wunderschönen Abend (trotz mäßig gutem Essen)? In einer Touri-Kaschemme…



Wir haben übrigens nicht in Lissabon übernachtet, ich glaube, das wär mir mit den vier Kindern dann doch zu eng gewesen. Also haben wir in einem bequemen Eurocamp-Mobilheim in Cascais gewohnt, etwa 40 Minuten von Lissabon entfernt. Wir lieben diese Art Urlaub zu machen, weil es sich nach Camping anfühlt, man aber trotzdem feste Wände, einen Kühlschrank und eine warme Dusche hat. Über unsere Unterkunft habe ich hier schon mal ausführlich geschrieben. Tollerweise bietet Eurocamp lässige Unterkünfte an ganz vielen verschiedenen, immer traumhaft schönen Orten. Diesen Sommer fahren wir zum Beispiel nach Frankreich.

Und noch ein Tipp, für alle, die keine Lust auf breite Autos in engen Straßen und noch engeren Parkhäusern haben: Ab Cascais fährt auch ein Zug direkt nach Lissabon. Sogar ganz bequem alle 20 Minuten und nicht teuer: 17 Euro für eine vierköpfige Familie hin und zurück.

Kleiner Funfact: In Portugal dürfen die Eltern entscheiden, welche Nachnamen sie an ihre Kinder weitergeben. Da kommt es natürlich mal vor, dass ein Paar sich nicht entscheiden kann. Deshalb gibt’s schon mal sowas: Maria Teresa Luz Santa Rita Figueira da Silva. Maria ist übrigens ein sehr, sehr verbreiteter Name in Portugal. Man könnt meinen, fast jede Frau trägt ihnen (manchmal als Zweit- oder Drittnamen). Klar haben gemeinsam überlegt, was für Nachnamen wir unseren Kindern geben würden. Und sehr gelacht.

Die allerschönste Lissabon-Lektüre, aus der unter anderem auch der Funfact stammt, ist das Buch „Lissabon im Land am Rand“ von Alexandra Klobouk, eine Meisterschülerarbeit. Alexandra wollte ein Jahr ins Ausland gehen, eigentlich nach New York oder so, wählte dann aber spontan Lissabon, weil es angeblich die schönst Stadt der Welt sei. Und bähm verliebte sie sich. Diese Liebe spürt man auf jeder Seite dieses kleinen, aber so besonderen Buches. Genau der richtige Reiseführer, weil er einen hinter die Fassaden gucken lässt (was vor den Fassaden abgeht, kann man ja überall lesen). Und vor allem, ein Buch, dass einen Lissabon fühlen lässt, wenn man leider gar nicht mehr da ist.


Habt ihr noch Tipps für Lissabon?

Claudi