Vor zwei Wochen musste mich eine Freundin mal wieder an einen Geburtstag erinnern. Leider an ihren eigenen. Ich habe schon alles verloren: wichtige Termine, Handy, Schlüssel, Portmonnaie – das übelst übliche. Dann Babysocken, Wollcardigan, Handcreme, Visitenkarten, geschenkte Ketten, Sonnenbrillen. Ich vergesse leider ständig Geburtstage – sogar wenn ich sie im Handykalender eigetragen habe und eine Erinnerung bekomme. Kurz nach dem Piep ist die Info schon wieder verschwunden…

Vielleicht ist es kein Zufall, dass mein Vorname den selben Anfangsbuchstaben trägt, wie Chaos: Ich verschütte auch ständig Müslimilch, suche mindestens 345 Mal am Tag mein Handy, mir geht öfter mal ein Glas kaputt. Mir ist sogar schon mal ein Handy ins Klo gefallen – ich hatte vergessen, dass ich es lässig hinten in die Potasche geschoben hatte…

Meine Familie und Freunde verdrehen schon mal die Augen angesichts dieser Schusseligkeit. Sind schon mal genervt. Kein Wunder, so standen wir sogar schon mal mitten in New York, wollten weiter nach Maine. Leider hatte ich verschusselt, dass der Mietwagen erst am nächsten Tag gebucht war. Wenn es nicht gerade „allein in New York“ ist, nehmen sie es meistens mit Humor. Am dollsten genervt von dieser Schusseligkeit bin ich. Ich bin, seit ich denken kann, auf der Suche nach der Ordnung in mir drin. Manchmal mache ich mir auch ernsthaft Sorgen, dass mit mir gesundheitlich etwas nicht stimmen könnte. Dann denke ich wieder: Ich bin eben so. Als ich vergangene Woche in der Süddeutschen in einem Artikel etwas über die „Guten Seiten der Zerstreutheit“ las, habe ich endlich ein Stück von mir gefunden.

Besonders Alltagsdinge machen das Gehirn gaga.

Charlotte Geißler hat mich mit ihrem Artikel „Warum manche Menschen besonders schusselig sind“ zunächst einmal beruhigt. Sie schreibt, dass Schusseligkeit keine Krankheit sei. Und dass man sich in den meisten Fällen keine Sorgen mache müsse, bloß „weil sich das Handy ständig auf mysteriöse Weise in Luft auflöse.“ (Außer vielleicht, wenn eine Kloschüssel in der Nähe ist). Dann zitiert sie den Psychologen Sebastian Markett, der an der Universität in Berlin über Schusseligkeit forscht. „Die meisten Menschen unterschätzten, wie anspruchsvoll der Alltag eigentlich fürs Gehirn ist!“, so Markett. Gerade Dinge, die man am Tag mehrmals in der Hand halte und immer wieder woanders ablege, brächten das Gehirn gern durcheinander.

Laut Markett habe Schusseligkeit nichts mit fehlender Intelligenz oder Fähigkeiten zu tun. „Schusseligkeit bedeutet ein Augenblicksversagen aller Fähigkeiten, die etwas mit Kognition zu tun haben“, erklärt es Markett. Und sagt: „Der Versuch, zu viele Informationen gleichzeitig zu verarbeiten, begünstige Missgeschicke.“ Eigentlich logisch.

Sind also Menschen mit viel um die Ohren, mit vielen Interessen, großer Familie und vielen Baustellen immer schusseliger? So einfach ist es dann doch nicht. Die Fachzeitschrift Neuroscience Letters fand nämlich 2014 heraus, dass doch auch die Genetik und die individuelle Arbeitsweise des Gehirns die Ursache sein könnte. Menschen mit einer bestimmten Variante der Dopamin-Rezeptoren hätte scheinbar eine stärkere Tendenz zu Schusseligkeit. Scheinbar neigten Menschen, deren Gehirnnetzwerke für Konzentration und aufmerksames Wahrnehmen gleichzeitig aktiviert seien, öfter zu Schusseligkeit. Dennoch sei die Genetik nur ein Teil der Erklärung, betone Markett.

Überkorrekt ist unsympathisch.

Allerdings gebe es bestimmte Persönlichkeitsmerkmale, die häufig in Kombination mit Schusseligkeit auftreten. Den typischen Schussel beschreibt eine Studie Marketts aus dem Jahr 2020 so: wenig selbstbewusst, ängstlich, gedankenverloren, impulsiv. Ups, Treffer. Da erkenne ich mich schon öfter drin wieder. Manchmal zumindest. Besonders sympathisch klingt das jetzt allerdings leider nicht, oder? Marketts Abschluss-Zitat beruhigt mich ein bisschen: „Kompetente Personen können einschüchternd sein und deshalb unsympathisch wirken. Wenn sie aber (…)  schusselig ist, werden sie von anderen als angenehmer empfunden.“ Pratfall-Effekt nennen das die Experten. Schusseligkeit kann also als sozialer Kitt dienen.

Bei meinen Kindern kitte ich damit echt öfter. Wenn ihnen nämlich ein Missgeschick passiert, erzähle ich von meinen. Das hilft immer. Und meine unsere Freunde nehmen es meistens zum Glück auch gelassen. Sie wissen, dass ich im Kopf oft schon den nächsten Artikel schreibe, das nächste Bild male oder die Zutaten fürs Abendessen sammele. Und falls sie doch mal genervt von mir sind, schiebe ich es ab jetzt einfach auf meine Dopamin-Rezeptoren.

Foto: Louisa Schlepper

Liebe Grüße,

Claudi