Manchmal erwische ich mich dabei, dass ich doch einen Zettel und einen Stift nehme und etwas aufschreibe. Ich male dann eine 2021 auf und fange an Gedankenstriche darunter zu machen. Oder ich öffne das Notizprogramm in meinem Telefon und beginne zu tippen. Ich kann – verdammt noch mal – leider nicht gut stillsitzen. Keine Pläne machen. Nicht denken. Ganz ehrlich, ich nerve mich oft selbst damit…

Für mich ist eine Runde Laufen oder Malen meist die bessere Entspannung als Nichtstun, einfach weil meine Gedanken dann mitlaufen oder malen. Wenn mein Kopf dagegen nichts zu tun hat, arbeitet er besonders hart. Ich glaube, mein Gehirn hat nie mehr gedacht, als in den Momenten, in denen ich Meditation versucht habe. Ich bin regelrecht neidisch auf Freundinnen, die das alles können: einen Vormittag in der Sauna vertrödeln, stundenlang tagsüber ein Buch lesen, allein spazieren gehen. Und natürlich die Königsdiziplin: Meditieren. Ich sehne mich sehr danach, aber ich habe es bisher einfach selten geschafft, mein Gedankenrattern abzustellen. Manchmal war ich Freundinnen gegenüber richtig zickig, wusste selbst nicht warum und verstand erst später. Weil ich mich so gern auch entspannen können würde. Weil ich mich so sehr nach einem Gedanken-Lockdown sehne. Weil mein Kopf immer Pläne hat.

Ich wollte Entspannung, war aber nicht bereit, die blitzblanken Bilder in meinem Kopf zu löschen.

Dieses Jahr Weihnachten will ich es wirklich probieren. Der Zeitpunkt scheint perfekt. Ich habe mir daher fest vorgenommen, von Heiligabend bis mindestens 6. Januar keine Pläne zu machen. Ich sehne mich so sehr nach Nichtstun, wie vielleicht noch nie in meinem Leben. Ob das eine Riesenkatastrophe wird? Also der riesengroße Wunsch nach absoluter Entspannung – dazu aber vier Kinder, kaum Freunde treffen können und ein Lockdown – wir werden sehen. Letztes Jahr habe ich mir Ähnliches gewünscht, ich erinnere mich dunkel. Auch letztes Jahr war ich unglaublich müde vom Jahr und hatte große Erwartungen an Weihnachten. Heute denke ich, ich war da höchstens halb so müde wie dieses Jahr und lustigerweise blinkten trotz meines Wunsches nach Entspannung, lauter Gedankenbilder von blitzsauberen, aufgeräumten, perfekt dekorierten Weihnachten mit lecker selbstgekochtem Essen in meinem Kopf. Ich wollte es entspannt, aber ich war nicht bereit, die blitzblanken Bilder in meinem Kopf zu löschen.

Natürlich endete es im Chaos. Ich sammelte gefühlt die ganze Zeit Geschenkpapierreste ein, fegte neue Legesteine aus dem Weg, kochte und machte, motzte hysterisch und schaute neidisch zu meinem Mann, der mit den Kindern zwischen Schnipseln, Krümeln und Lego gemütlich ein Spiel spielte. Ich verzog mich zwischendurch mit einem Buch ins Bett, hatte aber ein schlechtes Gewissen, weil ich in meinen blitzblanken Träumen doch mit allen gemütlich in einem Raum saß und vor dem Kaminfeuer las. Komplett verrückt? Ich weiß!

Ich verbiete mir Bilder im Kopf.

Dieses Jahr will ich es anders. Ich verbiete mir Bilder im Kopf. Ich verbiete mir Pläne. Ich habe eine Gans bestellt – den Rest der Weihnachtstage über möchte ich die Gastronomie unterstützen. Ich habe zwei Gesellschaftsspiele bestellt und ein Puzzle, nur für den Fall. Aber ich plane nicht, wo und wie wir das spielen. Falls wir es nicht machen, ist es auch in Ordnung. Ich habe mir schon jetzt erlaubt, mich mit einem Buch im Bett zu vergraben, wenn mir danach ist. Und ich würde gern reichlich Digital Detox machen, mal sehen, wie lange und wie intensiv ich das durchhalte. Ich muss nämlich zugeben, ich bin süchtig nach der Ablenkung dort.  Auch nach der Möglichkeit, kurz in andere Familien eintauchen zu können, also in meine Idee von anderen Familien, gerade dann, wenn sich zuhause mal wieder jemand wütend auf den Boden schmeißt und der zweite Kakao in Folge umkippt.

Noch dazu ist das ja auch mein Job. Mein Kopf ist es gewöhnt, täglich in Geschichten zu denken, daher ist es echt schwer, das plötzlich mal nicht zu tun. Immer wenn ich es aber mal eine Weile schaffe, merke ich, wie inspirierend das ist. Ich darf mich bloß in meinem wahnsinnigen Kopf nicht schon vorher auf diese Inspiration freuen, dann klappt es nämlich nicht so gut. Und außerdem wären das ja auch schon wieder Pläne. Oh Gott, ihr müsst mich echt für verrückt halten.

In den Sozialen Medien ist es nicht üblich Pausen zu machen. Arbeit und Vergnügen verschmelzen dort und es ist kein bisschen leicht zu sagen, ich mache mal eine längere Weile nichts, wenn alle immerzu weiter inspirieren und wachsen und wachsen. Ich nehme einfach meinen Mut zusammen und tue es. Nicht bloß für mich, sondern auch ein bisschen, weil ich denke, dass ich euch vielleicht auch damit inspirieren kann. Denn wie kann ich hier für ein entspanntes Familienleben werben, wenn ich mich nie selbst entspanne?

Was ich noch möchte: Mich mal selbst feiern. Ich meine, was haben wir dieses Jahr alles geschafft? Viele von uns waren sogar einfach mal – hex hex – plötzlich Lehrerin. Ich habe ein Kinderkochbuch geschrieben, aber statt einfach mal mit mir auf mich selbst anzustoßen, war mir eher danach, bereits das nächste zu planen. Wie schade! Weil unsere Erfolge dann natürlich zugedeckt werden, von all dem Mist, der so passiert. Wenn wir ständig die Sachen, die geklappt haben, einfach so hinnehmen und nur dahin schauen, wo etwas nicht geklappt hat, ist das eine Abwärtsspirale in Richtung Dauerfrust. Wir sollten uns also ständig bewusst machen, was wir alles geschafft haben. Wie Steffi auf ihrem Instagram Account so schön schreibt: „Wir haben dieses Jahr so viel mehr gewuppt, als wir verkackt haben.“ Trinken wir einen drauf!

Auch wo gebrüllt wird, kann viel Liebe sein.

Ich bin echt ein bisschen aufgeregt. Positiv, kribbelig aufgeregt. Ob ich und wir das hinkriegen und wie das wohl wird. Ich habe Streit und Schreierei in Gedanken auf jeden Fall schon mal mit eingeplant in unseren diesjährigen Weihnachtsfilm, damit ich nicht zu enttäuscht bin, falls es davon reichlich gibt. Wenn ich aber eins dieses Jahr gelernt habe, dann, dass es unserer Beziehung nichts anhaben kann, dass wir uns öfter mal anzicken und anbrüllen. Wenn wir uns bloß hinterher entschuldigen und drüber reden können. Auch wenn brüllen doof ist, kann auch dort, wo gebrüllt wird, viel Liebe sein. Vielleicht gerade da. Weil jeder so sein darf, wie er ist. Und seine Gefühle rauslassen und sagen kann, was er will. Ich meine, wir bringen unseren Kindern schon eine ganze Weile bei, ihre Gefühle zu zeigen. Ein Wutanfall ist schon lange ein Zeichen vom simplen Wunsch nach Autonomie. Was wären wir für ein Vorbild, wenn wir uns das selbst verbieten? Ich gebe hier einfach mal zu: Ich lasse meine Gefühle selten im Flüsterton raus. Es entspannt mich sehr, mich dafür nicht mehr zu schämen.

Normalerweise liebe ich in der Weihnachtszeit am meisten die vielen Treffen mit Freunden. Am liebsten treffen wir jeden noch auf einen Glühwein im alten und dann gleich wieder auf einen im nächsten Jahr. Das wird mir dieses Jahr schrecklich fehlen. Aber ich will versuchen, es dieses dafür wie die Stauden in meinem Garten zu machen. Die ziehen sich komplett zurück, pfeifen auf ihr welkes Äußeres und tanken Kraft, um mich nächstes Jahr wieder mit ihrer Blüte umzuhauen.

Wir lesen uns hier nächste Woche noch und dann nochmal Anfang Januar, bevor WASFÜRMICH danach in die Winterpause bis Februar geht.

Wir lockrocken das gemeinsam!

Foto: Louisa Schlepper – Ihr sagt Ja Hochzeitsfotografie.

Alles Liebe,

Claudi