Wenn ich gedanklich einen Ort brauche, an dem ich glücklich bin, weil ich es dort immer war, denke ich an diesen einen See. Still und dunkelgrün liegt er da, von dichtem Laubwald umschlossen. Über seine sonnengesprenkelte Oberfläche flitzen Libellen, im Schilfsaum schnattern ein paar Enten. Und ich sehe mich als Kind, als Teen, als Frau an diesem Fleckchen Erde, der mein ewiger Sehnsuchtsort ist. Und seit einiger Zeit auch der meiner Kinder…


Klar, es ist ein Badesee. Ein Badesee mit Wasserrutsche, goldgelben Pommes und riesiger Sandkiste im Schatten eines alten Baumes. Und meine Kinder lieben schwimmen, Fritten und buddeln. Doch obwohl wir hier im Sommer mehrere Gewässer zur Auswahl haben – auch mit Fast Food und Spielgeräten -, schlagen sie meistens genau diesen einen See vor. Sehr nachdrücklich. „Mama, biiitte, da ist doch es sooo schön.“ Und wenn sie sich gegenseitig Bade-Anekdoten erzählen, dann von diesem Ort: „Weißt du noch, wie ich mich nicht die Rutsche runtergetraut habe und du mich irgendwann geschubst hast…?“

Ich habe mich in letzter Zeit häufiger gefragt, ob meine Sehnsüchte, Leidenschaften und Interessen sich in meinen Kindern wiederspiegeln.

Ob es irgendwas mit genetischer Disposition zu tun hat, wenn sie an den gleichen Dingen hängen, sich für die gleichen Dinge begeistern wie ich. Oder ob sie einfach nur nachahmen, was ich ihnen mit Herzblut vorlebe. Nun ist es nicht immer so wie bei unserem Lieblingssee, dass sich alle drei gleich ausgeprägt auf eine meiner Leidenschaften einigen können. Sondern schon eher, dass einer mehr als die anderen auf etwas anspringt, das mir wichtig ist.

Nehmen wir meinen Dreijährigen. Kürzlich ertappte ich ihn dabei, wie er einen Löffel aus der Besteckschublade mopste, um damit sehr energisch in einem meiner Beete zu graben. Was er da tue? „Ich mach ein Blumen-Loch“, war die entwaffende Antwort. Ich hatte es schon Tage nicht geschafft, neue Stauden einzusetzen – er wollte das für mich erledigen.

Der Jüngste ist es auch, der prüfend eine Blüte in seiner Hand betrachtet und fragt: „Was ist das, Mama?“ Der seine Nase tief in Rosenblüten versenkt und seufzt „Riecht das aber guuut!“ Während seine großen Geschwister den Garten ausschließlich als Tobe-Bootcamp sehen, entdeckt er sein Gärtner-Gen. Und natürlich macht mich das stolz und froh und förderwillig.

Nicht unbedingt, weil ich ein Teil von mir in ihm sehe. Sondern weil wir etwas haben, das wir beide teilen.

Das uns verbindet, das uns beschäftigt und gemeinsam froh macht. Und ja, vielleicht hoffe ich auch, dass genau das irgendwann zu seiner Sehnsuchtserinnerung wird: Mit Mama im Beet graben – und dabei glücklich sein.

Mein Großer teilt dafür meine Bücher-Leidenschaft – gemeinsam haben wir uns durch sämtliche Astrid- Lindgren-Klassiker, meine persönlichen All-time-favourites und die komplette Harry-Potter-Reihe gearbeitet. Er arrangiert seine Bücher im Regal ähnlich liebevoll wie seine heiligsten Lego-Figuren und fragt mich oft unvermittelt nach irgendwelchen Details aus den Geschichten, die wir gerade lesen.

Für mich, die ich früher fast in unserer Kleinstadt-Buchhandlung gewohnt habe, natürlich ein Geschenk. Und gleichzeitig ein Anker für ihn und mich, der uns auf unserer Insel hält, zu der nur wir zwei Zugang haben. Der uns immer wieder rettet, wenn wir uns in blöden Streitereien verkeilen, wenn die Welt gegen uns ist: An unserem Sehnsuchtsort zwischen unzähligen Buchseiten finden wir immer wieder zusammen. Wo meine Freude seine Freude ist, ist ein stabiles Mama-Kind-Hoch.

Vielleicht ist es die Potenzierung des eigenen Glücks in dem der Kinder, die eigentlich wesentlich ist.

Die verbindend ist – auf synaptischer und auf seelischer Ebene. Und nicht unbedingt die Frage nach dem Warum und Woher. Tatsächlich gibt es aber wohl die Theorie, dass Gene den „Appetit“ auf etwas schüren, wie der US-amerikanische Genforscher und Psychologe Robert Plomin sagt. Sprich: Wenn mein Dreijähriger einen grünen Daumen hat, dann vielleicht auch, weil ihm die Lust auf Bienen und Blümchen bis zu einem gewissen Grad angeboren ist.

Viel lieber als ein Genpool möchte ich aber doch Sinnstifterin meiner Kinder sein. Ihnen mit viel Spaß an der Freude zeigen, wie schön die Welt ist – und welche Perspektiven darauf mir besonders gefallen. Und oft genug funktioniert es auch umgekehrt.

So wie kürzlich, als meine Tochter mich endlich bequatscht hatte, sie zum Reitunterricht anzumelden. Und mein Herz dort im Stall – der nach Leder und Stroh roch und mir direkt „Die Mädels vom Immenhof“ auf die Linse projezierte – mein altes Ponymädchen-Herz unvermittelt einen großen Hüpfer machte. Meine Mittlere hatte unwissentlich eine alte Sehnsucht wiederbelebt. Jetzt nehmen wir beide Reitstunden.

Und welche Leidenschaften habt ihr euren Kindern weitergegeben – oder sie euch…?

Fotos: Max Andrey/Unsplash & privat

Alles Liebe!

Katia