Eigentlich ist Stephanie Deutschlehrerin. Von Anfang September bis Mitte Dezember aber hat sie aber noch einen anderen Job. Dann riechen ihre Fingerspitzen nach Siegellack und überall an ihren Händen klebt Stempelfarbe. Von Anfang September bis Mitte Dezember arbeitet Stephanie als Sekretärin des Weihnachtsmanns. Also fast. Ihr Job: Briefe verschicken. Ihr Ziel: Kinder glücklich machen…
POst vom Weihnachtsmann
Stephanies Geschäftsidee nennt sich „Verzauberte Briefe“. Die Idee: Eltern können bei ihr für ihre Kinder einen Brief vom Weihnachtsmann bestellen, dazu – wenn sie mögen ein Benimm-Zertifikat. Dazu gibt es noch ein großes Ausmalposter, Weihnachtsaufkleber und einen Blankobogen zum Zurückschreiben. Stephanie managt die Weihnachtspost für Deutschland, die eigentliche Geschäftsidee stammt aus Spanien, aus den Köpfen von Adriana und Carmen. Die beiden arbeiten als Autorinnen und bringen ihre Kinder jeden Morgen in die gleiche Schule. Manchmal trinken sie am Schulautomaten noch kurz einen Kaffee zusammen – bei einem dieser Kaffees entstand die Idee für Verzauberte Briefe.


In Spanien werden die Briefe bereits seit drei Jahren sehr erfolgreich verschickt, dieses Jahr ist nun zum ersten Mal auch Deutschland dabei. Irgendwie fast klar, dass Adriana und Carmen Stephanie am Kaffeeautomaten der Schule gefragt haben, ob sie Lust hätte mit einzusteigen.

Bislang verschickt Stephanie noch aus dem Baskenland, dorthin ist Stephanie vor sieben Jahren mit ihrem Mann gezogen. „Mit dem vollgepackten Auto, übrigens“, erinnert sich Stephanie. „Die Wirtschaftskrise in Spanien hatte gerade ihren Höhepunkt und viele Spanier sind ausgewandert – bloß wir, wir sind eingewandert.“ Ab nächstes Jahr soll es ein Weihnachtspostbüro in Deutschland geben, um die Transportwege zu verkürzen.
Geschäftsidee, Ich machs einfach
Stephanies Mann ist Wissenschaftler und auf der Suche nach einer festen Stelle hatte er in Vitoria in einer staatlichen Firma eine unbefristete Anstellung gefunden. Da mein Mann 12 Jahre lang in Berlin verbracht hatte, aber tatsächlich aus Andalusien, aus Sevilla, kommt, war es für ihn ein Schritt zurück in sein Heimatland, worüber er nicht wirklich traurig war. „Und ich bin es auch nicht“, meint Stephanie.

Den Rest des Jahres arbeitet sie zur Mittagszeit als Deutschlehrerin in der Schule ihrer Kinder und macht nebenbei eine Ausbildung zur Trainerin (Técnico Deportivo en Equitación), um in Zukunft aus ihrem kleinen Hof einen etwas größeren Reiterhof zu machen.

Was sie an Weihnachten in Deutschland vermisst: „Definitiv die Weihnachtsmärkte. Wenn es auch hier im Baskenland Glühwein gibt, der wird aber nur am Heiligen Abend getrunken. Der Wein schmeckt fast wie in Deutschland – bloß noch viel süßer. Und dass die Wohnungen viel weniger geschmückt werden. Unser Schwippbogen ist der einzige weit und breit, der jedes Jahr tapfer leuchtet.“ Für ihre Kinder findet Stephanie es schade, dass kein Nikolaus gefeiert wird. „Immerhin hat der Adventskalender vor wenigen Jahren in Spanien Einzug gehalten – wahrscheinlich weil es bei Aldi und Lidl welche gab“, vermutet Stephanie lachend.

Auch sonst fühlt sich Weihnachten in Spanien ganz anders an als in Deutschland: „Die meisten Familien feiern die Heiligen Drei Könige am 6. Januar“, erzählt Stephanie. „Am Vorabend laufen die Heiligen Drei Könige mit Kamelen oder Pferden (oder auch mal einem LKW) einen Umzug durch jede Stadt. Dabei werden Bonbons auf die Zuschauer geworfen, die mit Regenschirmen und großen Plastiktüten gewappnet, alles fleißig einsammeln. Hier und da gibt es eine Beule von den geworfenen Bonbons – leider auch mal einen etwas größeren Unfall. In der Nacht stellen die Kinder dann den Kamelen Milch und den Heiligen drei Königen etwas zu essen hin und am Morgen finden sie alles leer und aufgegessen, dafür aber einen Haufen Geschenke. Bei uns im Baskenland kommt außerdem noch der Olentzero in der Nacht zum 25. Dezember zu den Kindern.“

POst vom Weihnachtsmann
Zurück zum Geschäft: Auf Carmens, Adrianas und Stephanies Seite Verzauberte Briefe kann man die Weihnachtspost für die Kinder ganz persönlich zusammenstellen. Erste Entscheidung: Soll es Post vom Weihnachtsmann oder vom Christkind sein? Zweite Entscheidung: Nutzt man eine der beiden Textvorlagen, in denen man nur noch einzelne Sätze persönlich ergänzen kann – oder schreibt man ganz selbst? Außerdem kann man noch Aufkleber und ein Plakat zum Ausmalen dazu bestellen (habe ich), außerdem einen Antwortbogen und ein Zertifikat für gutes Benehmen (habe ich weggelassen). Preislich beginnt der Postdienst bei 13,90 Euro. Falls ihr auch möchtet, bis diese Woche Freitag (13. Dezember) könntet ihr noch Weihnachtspost ordern.

Ich habe vier Briefe bestellt – und meine Kinder waren hin und weg. Kein Wunder, die Briefumschläge sind groß und schwer, haben vorn einen hochoffiziellen Stempel des Weihnachtsmanns und sind hinten mit goldenem Siegellack verklebt. Das Briefpapier ist hochwertig und fühlt sich wichtig an und meine Jungs haben irre gern ein paar nette Zeilen über sich gelesen. Auch die, die nicht mehr so ganz sicher sind, ob es den Weihnachtsmann wirklich gibt. Es wehte auf alle Fälle ein knisternder Weihnachtszauber durch unser Haus, von dem Moment an, als die Jungs den dicken Stapel Weihnachtspost unter dem Teller vor der Haustür fanden. Dort, wo sie am Vorabend ihre Wunschzettel, ein Glas Milch und einen Keks für den Weihnachtsmann abgelegt hatten.

Stephanie hat übrigens zwei Kinder: Alicia, 7 Jahre (in Berlin-Neukölln geboren) und Ian, 3 Jahre (in Vitoria-Gasteiz geboren). „Die beiden wachsen zweisprachig auf und haben somit das Glück, das Beste aus beiden Welten abzufangen: die Heiligen Drei Könige und den Osterhasen und den Nikolaus und den Weihnachtsmann und den Adventskalender. Puh, nur Kindertag feiern wir nicht“, erzählt Stephanie lachend.

Eine Frage musste ich Stephanie zum Schluss noch stellen. Eine, die mir eingefallen ist, als ich darüber nachdachte, wie ich meinen großen Sohn, der einer meinen treuesten Leser ist, bloß davon abhalten kann, diesen einen Artikel hier zu lesen. Nämlich, ob sie nicht manchmal ein schlechtes Gewissen habe, nebenberuflich Kinder anzuschwindeln. „Manchmal denke ich darüber nach..“, gibt sie zu. „Aber dann denke ich an meine magische Kindheit zurück. Ich habe nämlich irgendwann bloß noch so getan, als glaubte ich daran, bloß damit der Weihnachtsmann noch einmal persönlich vorbeikommt.“

Ich höre Stephanie an, dass sie lächelt: „Ich bin meinen Eltern überhaupt nicht böse, dass sie das Spiel mit mir gespielt haben. Im Gegenteil. Mir tun manchmal die Kinder von Eltern Leid, die nichts davon halten und ich fürchte, wir nehmen ihnen damit ein Stück Magie. Also: ein schlechtes Gewissen? Nein! Ich hätte als Kind auch wahnsinnig gern einmal einen solchen Brief bekommen. Und psst, eigentlich sind es ja in Wirklichkeit die Eltern, die ihre Kinder wenn überhaupt ein kleines bisschen anschwindeln…“
Verzauberte Briefe
Danke für deine Geschichte, Stephanie und guten Endspurt im Weihnachtsbüro!

PS. Und ihr? Könntet ihr euch vorstellen so einen Brief zu bestellen? Oder weihnachtsschwindelt ihr auf gar keinen Fall?
PPS. Ich bin auf der Suche nach mehr ungewöhnlichen Geschäftsideen für meine Rubrik „Ich machs einfach“. Falls du also eine hast, oder jemanden kennst der eine hat, gern mailen an: Post@wasfuermich.de. Ich freue mich auf eure Geschichten.

Eine schöne Woche,

Claudi