Als André und ich geheiratet haben, fand ich es schwer, ein Kleid zu finden. Ich wollte gern etwas anderes, als in den Läden hing. Und ich wollte gern einen anderen Preis bezahlen, als an den Kleidern in den Läden hing. Ich habe mir mein Kleid dann schneidern lassen – als Mood dienten ein paar alte Fotos einer Sommerhochzeit in Schweden Mitte der 70er Jahre. Heute hätte ich in so einem Fall einfach Leonie Kriegshammer mailen können…

Wasfürmich: Ha, Leonie, ich muss immer an diesen Spruch denken, Brautkleid bleibt Brautkleid, du schreibst du ihn auch auf deiner Webseite. Erzähl doch mal, wie bist Du auf die Idee gekommen, einen Laden für Vintage-Brautkleider zu eröffnen?
Leonie: Ich liebe und trage Vintage-Mode seit ich denken kann. In meiner Heimatstadt gibt es einen kleinen Brautkleid-Second Hand-Laden in einem alten Zollhaus. Das Haus ist wunderschön und ich liebe die Atmosphäre zwischen den Kleidern. Ihr Rascheln. Ihren Duft. Und die lächelnden Geschichten, die an den Kleidern haften. Leider gibt es dort fast ausschließlich „neue“ Brautkleider. Also höchstens ein paar Jahre alt.

Als vor drei Jahren mein Bruder heiratete, hatten seine Frau und ich die Idee, wie toll es wäre, in eine wirklich alten Kleid zu heiraten. Weil sie etwas ganz besonders suchte, hat sie mich in Berlin besucht und wir haben uns auf die Suche gemacht. Ich war mir ganz sicher, dass es einen Second-Hand Laden in Berlin geben würde, in dem es echte Vintage Kleider gibt, hey, in Berlin gibt es schließlich alles. Gab es aber nicht. An diesem Tag hatte ich die Idee, selber genau so einen Laden zu eröffnen.

Wasfürmich: Wie aufregend. Heute hast du deinen eigenen Laden, Entstaubt heißt er und ist verdammt cool! Was hast Du eigentlich vorher gemacht?
Leonie: Ich bin 27 Jahre alt und habe nach dem Abitur eine Ausbildung zur Schaufenstergestalterin in einem Modeunternehmen gemacht. Anschließend bin ich zum Arbeiten nach Berlin gezogen. Nach einem halben Jahr Vollzeitjob habe ich angefangen Kommunikationsdesign zu studieren. Eine Leidenschaft für Vintage Kleidung und Nähen hatte ich schon immer. Nach dem Bachelor habe ich anfangen Textildesign im Master zu studieren, was ich immernoch tue.

Wasfürmich: Du bist Studentin, wie hast Du Dein kleines Business finanziert?
Für mich ist nie in Frage gekommen, von extern Geld aufzunehmen, weil ich mich einfach nicht verschulden möchte. Während meines Studiums habe ich immer als Werkstudentin in verschiedenen Bereichen gearbeitet. Die Grundlage von entstaubt bildet mein Erspartes und die Unterstützung meiner Eltern. Auf die zwei besonderen Menschen kann ich immer zählen!

Wasfürmich: Woher bekommst Du die Kleider?
Ganz unterschiedlich! Ich „sammel“ Brautkleider nun seit mehr als 2 Jahren.
Ich bin eine Rumtreiberin und halte immer Ausschau nach Schätzen. Ganz egal ob auf Ebay Kleinanzeigen, Flohmärkten, Haushaltsauflösungen, Second Hand Läden. Und ich kaufe alte Kleider an (sofern sie mir selber gefallen – das ist Vorraussetzung ;-)).


Wasfürmich: Wie sieht ein typischer Tag aus?
Mein Frühstück besteht jeden Morgen aus einem Croissant und einem Kaffee, das hole ich mir auf den Weg in mein Atelier. Ich wohne in Berlin Friedrichshain und dort befinden sich auch meine eigenen 4 Wände, in denen meine Kleider und andere Vintage Teilchen hängen.
Dort mache ich erstmal die Fenster auf, frühstücke ich in Ruhe und checke mein Emails. Danach setze ich mich entweder an Buchhaltungsaufgaben oder fotografiere Kleider. Manchmal ändere ich Kleider oder repariere kaputte Stellen. Wenn eine Anprobe ist, räume ich auf und besorge noch Getränke.

Mein kleiner Raum ist so schön hell, hier lässt es sich super den ganzen Tag aushalten. Abends widme ich mich weiteren Nähaufgaben. Derzeit sind es Masken aus Vintage Spitze – eine Bestellung für eine Hochzeit.

Wasfürmich: Hast Du selbst schon geheiratet?
Nein, ich bin nicht verheiratet. Ich weiß auch nicht, ob heiraten etwas für mich ist. Ich liebe die alten Materialien und Schnitte. Außerdem ist mir der Nachhaltigkeitsaspekt unglaublich wichtig: Wieso neu produzieren, wenn so viele schöne alte Dinge vorhanden sind? Aber falls ich doch mal heiraten sollte – ich habe mir da schon ein Kleid zurück gelegt…


Wasfürmich: Wenn ich auf Brautkleid-Suche bin, kann ich einfach bei dir rein spazieren? Wie läuft das mit der Anprobe?
Leonie: Da mein kleines Atelier sich in einem verschlossenen Hinterhof befindet und nicht öffentlich zugänglich, kann ich derzeit nur Anproben mit Termin machen.
Ich bin zeitlich flexibel und eine Anprobe ist auch am Wochenende möglich. Termine können sehr gerne per Email vereinbart werden: hallo@entstaubt.de

Wasfürmich: Du verkaufst deine Kleider auch über Etsy. Was können Kundinnen machen, falls ein Kleid nicht passt?
Leonie: Sollte ein Kleid online über Etsy bestellt worden sein und nicht passen, kann es auf eigene Versandkosten innerhalb von 14 Tagen wieder zurück geschickt werden. Leider kann ich im Onlineshop nicht alle Kleider anbieten, da manche aus alten empfindlichen Materialien bestehen.

Bei der Anprobe stehe ich gerne mit Rat zu Änderungen zur Verfügung. Da ich (noch) keine Änderungsschneiderei-Ausbildung habe, müssen größere Änderungen nach Kauf selber übernommen werden. Kleine Sachen übernehme ich gerne.

Wasfürmich: Bekomme ich auch die passenden Accessoires bei Dir?
Leonie: Ich habe eine kleine Auswahl an Schleiern und kleinen Täschen bei mir. Da mein Atelierraum von der größe sehr übersichtlich ist (und ein größerer Laden bisher noch nicht in Aussicht), ist die Auswahl an Accessoires noch begrenzt.

Wasfürmich: Hast du Tipps für andere, die ebenfalls einen Geschäftstraum im Kopf haben?
Leonie: Traut Euch! Aus jeder Idee, kann etwas großes werden. Ich hätte es bereut, diesen Schritt nicht gegangen zu sein. Unterhaltet Euch mit Menschen, die ebenfalls selbstständig sind und holt Euch Tipps von Gründerberater_innen. Alles was am Anfang nach einem riesigen Berg Arbeit aussieht, zahlt sich in der Freiheit aus, Euer eigener Chef/in zu sein. Recherchiert gut, was es in Eurem Bereich schon gibt und findet Euer Alleinstellungsmerkmal. Vergesst nie die Leidenschaft an der Sache!!

Wasfürmich: Wenn Deine alten Kleider alle zusammen ein Lied singen würden, laut in deinem Atelier, welches wäre das?
Leonie: Natürlich etwas aus den 80er Jahren! The pointer sisters – Jump (for my love)!

Wasfürmich: Und wo siehst Du Dein Geschäft in zehn Jahren?
Leonie: Ich fände es schon schön, mich ein wenig zu vergrößern und bald auch einen „richtigen“ Laden zu haben, in den Kund/innen ohne Termin ein und aus gehen können. Attraktiv finde ich auch die Vorstellung, nicht mehr alleine am Projekt entstaubt zu arbeiten (leider kann ich mir das im Moment noch nicht leisten). Ich möchte mich aber befreien von jeglichen kapitalistischen Gedanken und einfach Spaß an der Sache haben. Andere Menschen mit einem schönen Kleid glücklich zu machen, nachhaltig zu sein und selber einigermaßen über die Runden zu kommen genügt mir…

Danke Leonie, für deine Geschichte! Alles Liebe,

 

Claudi