Ich höre es überall: Unser Gesundheitssystem kommt an seine Grenzen. Sowieso schon – aber jetzt in der Pandemie erst Recht. Was mich erschreckt: Weil ich es so oft lese und höre, überlese und überhöre ich es immer öfter. Ein Grund für mich, genauer hinzuschauen und meine Reichweite hier zu nutzen, um nachzufragen, wie es den Menschen in den Pflegeberufen wirklich geht. Denn es sind Menschen, die da täglich an ihre Grenzen kommen…

Ich habe ganz verschiedene Menschen aus der Pflege nach den Momenten gefragt, die sie in der letzten Zeit an ihre Grenzen gebracht haben. Erst fiel es vielen nicht leicht, einen Moment herausnehmen. „Ich komme permanent an meine Grenzen!“, meinten eigentlich alle. Aber dann sprudelte es plötzlich aus ihnen heraus. All die Geschichten über Erschöpfung, Wut, Hilflosigkeit, Trauer. Ich finde, diese kleinen Geschichten verdeutlichen viel mehr als alle Schlagzeilen der letzten Wochen das riesengroße Problem. Die Kollegen bei den großen Zeitungen finden keine Superlative mehr, um den Wahnsinn zu beschreiben. Und all das, was schief läuft. Hören wir doch zur Abwechslung mal den Menschen selbst zu – und geben danach unser Bestes, dass sich etwas ändert.

Was wir tun können? Fangen wir zum Beispiel damit an, beim nächsten Mal extra freundlich und verständnisvoll zu Menschen in Pflegeberufen zu sein. Die Politik handelt hoffentlich auch. Ich wär dabei und würde gern mithelfen. Damit mir im Notfall jemand hilft. Wie wäre es zum Beispiel mit einem festen monatlichen Betrag, den jeder zahlt und der direkt an Pflegende geht. Nötiger als Netflix.

Achtung, was ihr jetzt lest, ist echt hart.

Anja (35) arbeitet auf einer Säuglingsstation. „Mich bringt derzeit am meisten an meine Grenzen, dass immer nur einer zum kranken Baby darf. Also Mama oder Papa. Dieser eine Mensch steht dann ganz allein am Bett des Babys und die Gefühle kommen hoch, die Tränen kommen, alles ist zu viel. Und ich? Ich muss das erstmal mitbekommen, denn normalerweise habe ich in einer Schicht fünf kleinen Patienten zu versorgen. Wenn ich es mitbekomme sind da Abstandsregeln, die inzwischen so sehr in die Köpfe eingehämmert sind. Die mich davor zurückschrecken lassen, einen Menschen zu berühren, ihm näher zu kommen, obwohl man das Gefühl hat, derjenige möchte einfach nur mal kurz gehalten werden.

Es ist so viel Distanz entstanden. Ich versuche immer, die Traurigkeit mit Worten aufzufangen, drücke die Hände. Aber ich merke, dass der Partner fehlt, der sie in den Arm nimmt, der sie hält. Natürlich sehen sich die Eltern abends wieder, aber es staut sich einfach so viel auf im Laufe eines Tages, im Laufe einer Woche.

Trösten kann manchmal einfach nicht bis abends warten…

Ich wünsche mir, dass endlich ins Bewusstsein der Verantwortlichen tritt, dass ich mich um Menschen kümmere, um Individuen mit eigenen und von Kind zu Kind unterschiedlichen Bedürfnissen. Keine Maschinen mit einem Ausschalter oder Papier, das man liegen lassen und am nächsten Tag weiterbearbeiten kann!! Es geht um hilflose kleine Wesen, die außer atmen nichts alleine können. Daneben sind da nicht nur die fünf winzigen Patienten, sondern auch die Eltern, die ihre Kinder möglichst selbst versorgen sollen, aber das nicht immer alleine schaffen. Weil es das erste Baby ist, weil das Baby soo klein ist und sie Angst haben, etwas kaputt zu machen. Weil ihnen gerade alles zu viel ist und sie eigentlich nur kuscheln wollen… Und ich bin da und möchte unterstützen, anleiten, erklären, motivieren, Geduld haben – aber mir sitzt die tickende Uhr im Nacken.

Leonie (32) ist Gesundheits- und Krankenpflegerin und arbeitet auf einer chirurgischen Intensivstation. Sie erzählt, dass sie täglich an ihre Grenzen kommt, weil alles einfach viel zu viel ist. So viel, dass sie nicht mal daran denke, zwischendurch etwas zu trinken. Ein Fall hat sie in letzter Zeit besonders hart getroffen:

„Wir hatten diese junge Coronapatientin, gerade 42 Jahre alt. Sie war noch wach, wurde aber bereits über eine NIV-Maske beatmet, weil einfacher Sauerstoff nicht mehr ausreichte. An diesem Tag hatte ich mich bereit erklärt, sie zu übernehmen und damit die gesamte Schicht, bis auf eine Pause von einer halben Stunde bei ihr und einem weiteren Corona-Patient zu bleiben. Mir wurde ziemlich schnell klar, dass die junge Frau keine Reserven mehr hatte. Wenn sie kurz die Maske vom Gesicht nahm um etwas zu trinken, war sie schnell entsättigt.

Eine Blutgasanalyse zeigte mir, dass eine Beatmung mit Sedierung, also künstlichem Koma, alternativlos war.

Als der zuständige Arzt die Patientin von der Zimmertür aus über die Notwendigkeit zur Intubation aufgeklärte, stand ich neben ihr. Ich habe seine Worte wiederholen müssen, weil die Maskenbeatmung so laut war, und ihre Antworten auch, weil sie unter der Maske so schwer zu verstehen war. Ich sah, wie die Hiobsbotschaft ihr Gesicht erstarren ließ. Sie schluchzte, dass sie das nicht machen könne. Der Arzt hatte keine Zeit mehr und musste weiter. Sie reagierte sehr ablehnend.

Als er ging, zeigte sie mir ihr Handy. Als Bildschirmbild leuchtete da ein Foto ihres Kindes, gerade acht Jahre alt. Sie bat mich, ihrem Mann ausnahmsweise kurz schreiben zu dürfen. Zum Reden fehlte ihr die Luft. Sie hatte riesengroße Angst, dass sie ihren Sohn nie wieder sehen würde. Parallel wurde ihr Mann von den Ärzten telefonisch über die Situation aufgeklärt. Ich schnappte mir den Arzt, erzählte ihm von ihrer Sorge und er nahm sich trotz Stress die Zeit ihr zu erklären, dass die invasive Beatmung ihre einzige Chance sei, wieder nach Hause zu ihrem Kind zu kommen.

Letztlich willigte sie ein und wurde intubiert. Bis sie schlief, hielt ich ihre Hand.

Sie hat die Infektion nicht überlebt. Als ich es erfahren habe, weinte ich im Dienst. Ich bekam die Angst in ihrem Gesicht einfach nicht aus dem Kopf. Und dann trat tatsächlich ein, wovor sie sich so gefürchtet hatte. Es ist nicht leicht, jemanden um Luft ringend zu sehen. Und es ist wahnsinnig belastend, jemandem Sicherheit und Ruhe zu vermitteln, wenn man einen riesigen Kloß im Hals hat und eigentlich innerlich mitweint.“

Ich schlucke, nachdem Leonie mir das erzählt hat. Und nach ihrem Schlusssatz schlucke ich gleich nochmal.

„Trotz allem eigentlich ein schöner Beruf, finde ich“, sagt sie leise.

Nicht nur das System ist brutal. Immer öfter sind es auch die Patienten.

Stephanie (37) arbeitet als MFA in einer Arztpraxis in Hannover. „Von einem Grenzmoment zu erzählen ist schwer!“, gesteht sie mir. „Ich habe das Gefühl, mein Arbeitsleben besteht nur noch aus Grenzmomenten.“ Was ihr in letzter Zeit besonders viel Angst gemacht hat, sind übergriffige Patienten. „Da war dieser Moment, als ein Patient meiner Kollegin so fest gegen den Hals gedrückt hat, dass ich Todesangst um sie hatte. Was passiert war? Er war einfach nur mit seiner Behandlung nicht zufrieden.“ Die Angst arbeitet seither mit.

Das ist nämlich leider kein Einzelfall. „Letztens drohte mir ein Patient damit, dass er wisse, wo mein Auto stehe. Er musste einfach ein wenig länger warten, weil es – mal wieder – so voll bei uns war. Ich traute mich abends kaum, die Praxis zu verlassen.“

Hannah (43) arbeitet als Altenpflegerin und Fachschwester für Intensivpflege mit Schwerpunkt Beatmung. Für sie ist die Berichterstattung zum Thema Pflege ein Teufelskreis. „Wir müssen drüber reden, damit sich was ändert. Aber je mehr darüber geredet wird, wie unattraktiv der Beruf ist, desto weniger Menschen wollen ihn ausüben. So stehen wir da, mit viel zu wenig Leuten und auch ich melde mich quasi nie krank. Allein schon, weil ich meine Kollegen nicht im Stich lassen will.
An meine Grenzen brachte mich erst letztens wieder der Gedanke, ob ich einem Patienten bei all dem Stress wirklich sein wichtiges Medikament gegeben habe. Ich war schon lange zuhause, hatte endlich Feierabend – konnte aber nicht abschalten. Es ist einfach viel zu viel zu tun, um alles gewissenhaft zu tun.“

An- und wieder ausziehen und an- und wiederausziehen und an- und wieder ausziehen und an- und wiederausziehen

Svenja (36) und hat 2006 ihr Examen zur Gesundheits- und Krankenpflegerin gemacht. Sie arbeitet in einem Krankenhaus auf dem Land, gerade mal 300 Betten. Svenja erzählt Folgendes: “ Ich bin letztes Jahr freiwillig auf die Coronastation gewechselt. Da dachte ich nicht, dass es solange anhalten würde. Mittlerweile müssen fast alle Kollegen dort mal arbeiten. Wir haben eine Verdachtsstation mit zehn Zimmern und die Coronastation hat vierzehn Zimmer.

Es gibt Tage da arbeiten wir zu zweit mit vierzehn positiven Patienten. Das wären sieben für jeden. Hey, das klingt doch gut, sind da oft die Reaktionen. Das wäre auf einer Normalstation auch okay. Aber wir müssen uns ständig Schutzkleidung an- und wieder ausziehen und an- und wieder ausziehen und an- und wieder ausziehen und an- und wieder ausziehen. Wenn ein Patient klingelt, können wir nicht einfach hin.

Am schlimmsten ist für mich derzeit die Situation mit sterbenden Patienten.

Die Zeit, jemanden im Sterbeprozess zu begleiten, ist einfach nicht da. Ich versuche sie mir zu nehmen. Aber dann klingelt schon ein anderer. Ich würde mich gern zerteilen. So richtig an meine Grenze gebracht hat mich mein erster Coronatoter. Ich musste ihn in einen Plastiksack legen und einen Reissverschluss zuziehen. Ich entschuldigte mich dabei bei ihm, weil ich das Ratsch so menschenunwürdig fand. Normalerweise mache ich die Toten zurecht und bedecke sie mit einem Tuch. So wie es jetzt ist, daran werde ich mich nie gewöhnen.“

Die Mutter von Anna arbeitet seit 40 Jahren auf einer Intensivstation. Ihre Mutter mag erst nicht erzählen, aber Anna und ich überreden sie. „Weil diese Altersgruppe doch sonst nie zu hören ist“, findet Anna. Ihre Mutter will auf keinen Fall ihren Namen sagen, erzählt aber. „Die meisten Anfänger halten das System, wie es heute ist, keine sechs bis zwölf Monate aus. Ich bleibe noch, aber auch nicht mehr lange, wenn sich nichts ändert.

Was sie an ihre Grenzen bringt? „Dass wir in beinahe jeder Schicht Brandbriefe schreiben. Damit erklären wir, also das medizinische Personal, dass wir nicht mehr Herr der Lage waren und sichern uns ab. Das ist nicht nur seit Corona so. Es geht schon länger nur noch ums Geld, nicht mehr um den Menschen.“ So richtig ärgert sich Annas Mutter auch über die Medien. „Die meisten wollen doch gar nicht zeigen, was wirklich los ist. Letztens war mal wieder ein Filmteam da, die haben jemanden aus dem Büro in Kleidung von der Intensivstation gesteckt. Und gedreht wurde der Beitrag über die Intensivstation nicht auf der Intensivstation, sondern auf der HNO.“

Edith arbeitet seit 40 Jahren auf einer Intensivstation. Sie erzählt: „Es war schon immer anstrengend. Aber seit Corona ist es noch anstrengender. Auszubildende sind wesentlich schneller überfordert, halten dem Druck nicht stand. Schwangere bekommen sofort Beschäftigungsverbot, werden aber erst mit Beginn des  Mutterschutzes durch andere Kräfte ersetzt. Auf dem Arbeitsmarkt sind keine Krankenschwestern mehr zu finden, daher werden, gerade jetzt,  Altenpfleger auf den Stationen eingesetzt. Diese kennen sich aber nicht mit Beatmung aus, mit Drainagen oder Ab- und Zugängen.

Ausreichend Zeit für Patienten ist schon lange nicht mehr da.

Weil einfach viel zu wenig Personal da ist. Zu Corona Zeiten ist daher an einen liebevollen Umgang mit Patienten gar nicht mehr zu denken. Meine schlimmsten Momente: Wenn ich Patienten gegenüber gereizt bin, weil die wegen Lapalien klingeln. Und wenn mein Partner zuhause schon wieder vergeblich wartet, weil ich nicht pünktlich Feierabend machen kann.

Marie (32) war bis letztes Jahr auf einer Station für Urologie und Onkologie. „Am meisten belastet hat mich die Fluktuation der Patienten. Heute hier, morgen da. Jeden Tag mindestens zehn Neuaufnahmen und acht Entlassungen. Ich versorge, wenn ich Glück habe, bis zu 15 Patienten in einer Schicht. Einer hat einen Nierenstein, einer eine lebensbedrohliche Operation. Dazu Notfälle. Es passieren so viele Sachen auf einmal. Jeder dieser Menschen hat seine ganz persönlichen Diagnosen, hat Angst und braucht Hilfe. Aber von der Zeit her dürfen sie für mich bloß Patient 1 bis 15 sein. Oder eben ein Notfall für zwischendurch.

Da wird fix behandelt, besprochen, notiert, verlegt, aufgenommen, entlassen, geheilt, gestorben. Für nichts ist richtig Zeit. Mein schlimmster Grenzmoment: Wenn ich nachts aufschrecke und denke: Verdammt, ich habe die Wassertablette für Frau B. vergessen.“

Seit Corona sind sogar noch mehr Aufgaben dazu gekommen.

Julias Mann (38) arbeitet als Altenpfleger. „Alle machen immer Witze übers Hintern abreiben, dabei ist das Knochenjob. An einem Tag lag ein alter Mann mit Kot beschmiert in seinem Bett. Steckte sich den Kot in den Mund, als mein Mann hereinkommt. Eine andere Patientin kommt dazu, will was von ihm. Nackt. Das Telefon klingelt. Und dann kommt noch ein brüllender Angehöriger und beschwert sich. Ich komme abends gemeinsam mit meinem Mann an meine Grenzen, wenn er abends im Bett erzählt, was er an Bildern einfach nicht aus dem Kopf bekommt.

Sein heftigster Grenzmoment war an Weihnachten, als in seinem Heim Corona ausbrach. Fast alle hatten es, es wurde über Wochen mit Notbesetzung gearbeitet. Mein Mann lag erst flach, danach arbeitete er bis zum Umfallen. Er konnte sich abends weder bewegen, noch sprechen, so müde war er. Hinterher meinte sein Chef, so stelle er sich das immer vor: „Weniger Personal – und trotzdem alles geschafft.“

Julias Mann hat zusätzlich zu einem Job im Altenheim noch einen 450 Euro Job, weil es sonst finanziell einfach nicht reicht.

Elisabeth, 37, ist examinierte Altenpflegerin. Sie arbeitet auf einer Geriatrischen Station für über 70jährigen, die medizinische Versorgung brauchen, oft vor einer Reha. „Ich habe dort gern gearbeitet, weil die meisten Patienten gut drauf waren. Die wussten ja, sie kommen wieder raus. Dann kam Corona und hat mich total überrascht. Noch mehr das Verhalten einiger Kollegen. Einige – vor allem Ärzte – haben die Regeln überhaupt nicht erst genommen. Haben sogar über mein Lüften Witze gemacht.

An meine Grenzen gebracht haben mich dann zwei Patienten mit Zufallsbefund Corona. Alle waren völlig überrascht und hilflos. Die Ärzte und Hygienebeauftragten sind zusammengekommen, so als ob sie noch nie vorher deswegen zusammen gekommen waren. Die Patienten mussten wir von einem Moment auf den anderen einsperren. Nichts war so richtig vorbereitet. Es konnten nicht mal alle gleich mit ihren Angehörigen telefonieren. Die haben laut geweint. Das Virus schlug ein wie eine Bombe – und hinterließ überall Chaos.

Niemand wusste, was zu tun war.

Ich war total geschockt. Abends habe ich mich geweigert nach Hause zu gehen, ohne einen Test zu machen. Einige Ärzte konnten das nicht verstehen. Aber ich bin nicht gegangen ohne Test. Ich war negativ – aber war ich es wirklich? Als ich zuhause war, habe ich mich im Schlafzimmer selbst isoliert. Mein Mann hat die Kinder genommen. Am nächsten Tag wieder Test, wieder arbeiten, wieder Test. Wieder Schlafzimmer. Ich war nie sicher, ob ich es hatte. Habe die Kinder aus der Schule genommen. Das war wie im schlechten Film. Kollegen von mir haben ewig nach der Schicht geduscht vor lauter Angst, es mit nach Hause zu nehmen. Dennoch hatten es fast alle auf der Arbeit.

Nach ein paar Tagen konnte ich nicht mehr. Ich konnte die Hilflosigkeit nicht mehr ertragen. Ich wachte morgens auf und bekam meinen Körper da nicht mehr hin. Ich war wie gelähmt. Jetzt hatte ich Chaos im Kopf. Ich rief im Krankenhaus an und eine Kollegin versuchte mich zu überreden. Ich sagte, dass ich nicht mehr könne. Sie wünschte mir ein schönes Frei. Dieser Ausbruch bei meiner Arbeit hat alles verändert. Ich war nur noch im Bett, habe geweint. Die Angst geht einfach nicht mehr weg. Letztens kam mein Sohn zu mir. Setzte sich auf meinen Schoß, vergrub seine Nase an meinem Hals und sagte leise: „Mama, ich wünsche mir, dass du nicht mehr traurig bist.“

Ich dachte, über diese Grenze schaffe ich es nie wieder.

Meine Klinikleitung war dann echt hilfreich. Ich wollte kündigen, aber die haben darauf bestanden, dass ich mich krank melde und mir Hilfe suche. Trotzdem habe ich ein schlechtes Gewissen. Aber ich bin jetzt geimpft. Ich habe beschlossen, dass ich mein Leben zurück möchte. Übernächste Woche gehe ich zurück. Ich habe Angst. Ich hatte schon früher Ängste. Aber Corona wringt sie auf mir raus. So viele meiner Kollegen haben inzwischen gekündigt. Ich fürchte mich davor, was die sagen, die noch da sind. Fühle mich wie eine Verräterin. Aber ich kann doch nichts dafür, dass ich nicht mehr kann.“

Ich weiß nicht, was ich noch schreiben soll.
Außer: Falls du nicht mehr weiter weißt und sofort Hilfe brauchst, kannst du dich hier melden: Tel.: 0800 – 111 0 111 oder 0800 – 111 0 222 (auch anonym)

Alle Namen wurden auf Wunsch der Interviewten geändert, sind uns aber bekannt.

Fotos: Shutterstock

Claudi
2021-04-16T14:06:06+02:00

23 Kommentare

  1. Andrea 16. April 2021 um 08:48 Uhr - Antworten

    Danke für diesen wichtigen Text. Und danke an alle Pflegenden.

    • Claudi 16. April 2021 um 10:24 Uhr - Antworten

      Ich schließe mich an! Und danke dir, dass du ihm gelesen hast!!!
      Herzlichst, Claudi

  2. Denise 16. April 2021 um 09:14 Uhr - Antworten

    Liebe Claudi!

    Was für ein wichtiger Text!!! Er hat mich emotional umgehauen. Ich habe beim Lesen sehr oft geschluchzt und viele Tränen gelassen. Ehrlich gesagt, zittere ich immer noch…

    Von Herzen Danke, dass du dich dem Thema annimmst und es so nochmal viel greifbarer wird. Meine Mutter ist seit über 30 Jahren OP-Krankenschwester und ich kenne ihre Beschreibungen von den Zuständen vor Ort ganz gut.Von den Patienten auf den Fluren, dem wenigen Personal, den Grenzerfahrungen…
    Sie sagte schon vor Corona, dass es viel zu sehr um Verwaltung und Wirtschaftsinteressen geht und das der Mensch immer und immer weniger im Fokus steht…wie traurig.
    Am Liebsten würde ich all diese Menschen, die täglich ihr Bestes geben, sofort umarmen und Ihnen Danken für das was sie tun. Stellvertretend könnte ich ja meine Mama umarmen, aber leider habe ich sie Pandemiebedingt schon seit September nicht mehr gesehen. Ich nehme es nun trotzdem zum Anlass, ihr und ihren KollegInnen stellvertretend für Alle Pflegenden und KümmererInnen da draussen zu Danken. D_A_N_K_E von H_E_R_Z_E_N
    Die Politik muss wirklich dringend aufwachen… (Es betrifft ja auch noch viele weitere soziale Bereiche…)

    Denise

    • Claudi 16. April 2021 um 10:23 Uhr - Antworten

      Liebe Denise, mir ging es beim Zuhören und Aufschreiben genauso. Da muss sich unbedingt was ändern. Und wir denken hier jetzt schon nach, was wir noch dazu beitragen könnten. Ich danke dir!
      Alles Liebe,
      Claudi

  3. Sabine 16. April 2021 um 09:17 Uhr - Antworten

    Ein so wichtiger ehrlicher Beitrag, den ich gerne geteilt habe. Hast du die Leute auch gefragt, was wir als normale Bürger für sie tun können?

    • Claudi 16. April 2021 um 10:22 Uhr - Antworten

      Super Idee. Unter meinem Instagram-Post sammeln sich gerade schon die Ideen. Das greife ich heute aber gleich nochmal auf Instagram auf. Danke dir!
      Alles Liebe,
      Claudi

  4. Ricarda 16. April 2021 um 12:13 Uhr - Antworten

    Danke, für diesen Bericht. So bitter traurig und so wahr! Das ist die Realität die keiner hören möchte! Vor einem Jahr noch Helden des Alltags, heute fast schon geächtete. Nichts hat sich geändert an den Zuständen in unserem Gesundheitssystem von dem wir schon seit über einem Jahrzehnt wissen, dass es mehr als angeschlagen ist. Es werden Milliarden in die Wirtschaft gesteckt aber so gut wie keinen Cent in unser Gesundheitswesen. Stattdessen werden Kliniken während einer Pandemie geschlossen, Anreizte für die Medizinischen Berufe nicht geschaffen und Alternativen/neue Perspektiven nicht in Betracht gezogen. Mein Mann arbeitet in einem großen Klinikum, würde ich nicht Tag täglich solche und andere Berichte hören und auch miterleben, ich würde es nicht glauben. So viel Unverstand kann doch nicht in unsren Politikern stecken. Das ist schlicht weg unmenschlich, sagt aber so viel über unsere Gesellschaft und unser System aus. Ich fühle mich dabei schlicht weg ohnmächtig und die Wut ist oft grenzenlos. Gleich danach kommt unser Schulsystem. Zwei Zweige in unserer Gesellschaft die einfach keine oder die falsche Lobby haben. Liebe Grüße Ricarda

    • Claudi 16. April 2021 um 18:55 Uhr - Antworten

      Ich danke dir für deine Worte. Ja, ich denke auch, da muss Deutschland unbedingt ran. Wer schön, wenn Corona wenigstens in diesen Bereichen zu etwas gutem führt.
      Alles Liebe und schönes Wochenende,
      Claudi

  5. WerHatDerGibt 16. April 2021 um 14:55 Uhr - Antworten

    Danke dass ihr Aufmerksamkeit auf die Probleme im Gesundheitssystem lenkt. Es muss sich dringend einiges ändern und die Menschen in diesem Sektor müssen dringend besser bezahlt werden. Der Trend zur Privatisierung des Gesundheitssektors und der damit einhergehenden Gewinnmaximierung auf Kosten der Patiennt:innen und der Qualität der Leistung, darf so nicht weiter gehen. Wir müssen die Arbeitenden in diesem Sektor bei Streiks unterstützen und eigenen Protest und politische Arbeit machen damit sich was verändert!

    • Claudi 16. April 2021 um 18:56 Uhr - Antworten

      Ich danke dir. Und ja, das finde ich auch. Auf Instagram sammeln wir noch Ideen, was jeder tun kann, um zu unterstützen, dass sich was ändert.
      Ich hoffe, solche Artikel wie diese helfen.
      Alles Liebe,
      Claudi

  6. Anna-Lena 16. April 2021 um 16:29 Uhr - Antworten

    Danke für diesen Text!! Ich danke dir sehr für deine Arbeit, liebe Claudia.
    Und all denen in der Pflege, den Heimen, den Kliniken. Unfassbar, was viele von ihnen gerade leisten müssen. Danke, dass du es sichtbar und konkret machst. Wie schon bei dem Artikel über das Haus Anna Elbe und seine Besitzer. Es ist so wichtig, Menschen vor Augen zu haben, wenn wir über die Zahlen sprechen!

    • Claudi 16. April 2021 um 18:57 Uhr - Antworten

      Ja, genau das denke ich auch. Die Superlative in den Schlagzeilen kann man sich nicht vorstellen und überhört sie nach und nach.
      Aber die echten Geschichten der Menschen, die hallen nach.
      Ich hoffe sehr, dass sie was bewirken.
      Alles Liebe,
      Claudi

  7. Christina Müller 16. April 2021 um 22:53 Uhr - Antworten

    Danke für deinen Beitrag ! Ich arbeite selbst auf der Corona Stadtion als Physiotherapeut ich konnte vor lauter Angst um meine Familie die ich anstecken könnte, Mitgefühl für meine Patienten, Überforderung mit meinen Zwei Teenager Töchtern im Homeschoolong und ein offenes Ohr für meinen Mann der als Polizist an seine Grenzen kommt, bisher keine Träne weinen. Heute Abend hab ich deinen Blogbeitrag gelesen und konnte endlich einmal weinen . Danke

  8. Catharina 17. April 2021 um 07:03 Uhr - Antworten

    Ich war gestern, als ich den Artikel gelesen habe, wie gelähmt, denn es hat mich so betroffen und auch wütend gemacht. Denn genauso ist es, es wird gar nicht mehr wahrgenommen, vor C nicht und jetzt auch nicht mehr. Es ist halt so… Und vom Entgelt ganz zu schweigen. Wieviele im letzten Jahr gar keinen C-Bonus bekommen haben, weil das Gesetz die hat rausfallen lassen ist eine Schande. Und was die Caritas dieses Jahr dazu geliefert hat. Und dann liest man von riesigen Tantiemen in der Wirtschaft, da verstehe ich gar nichts mehr. Ich bin im Herbst als Hebamme ausgefallen, ist nicht direkt die Pflege, aber aus den o.g Gründen. Es ist nicht mal eine Belastung, es ist ein Dauerzustand der Überlastung für viele in der Klinik. Und auch wir mediz. Personal haben Familie im Homeschooling etc., Angst vor der Ansteckung und müssen das alles im Schichtsystem schaffen. Aber das wird erwartet und als selbstverständlich hingenommen…

    • Claudi 20. April 2021 um 22:49 Uhr - Antworten

      Ich danke dir. Mich macht es auch fassungslos und wirklich traurig. Ihr Hebammen leistet aber auch großartiges.
      Ich glaube, ich habe das schon eine Idee für eine nächste Geschichte.
      Alles Liebe!
      Claudi

  9. Sabine 17. April 2021 um 08:01 Uhr - Antworten

    Oh mein Gott!
    Mir ist ganz schlecht geworden beim Lesen.
    Da kommen einem die eigenen Probleme so unwichtig vor.
    Obwohl mir langsam auch die Luft ausgeht.
    Die ganzen Leute in Pflegeberufen leisten jeden Tag so viel und es wird einfach nicht honoriert.
    Mich hat dieser Text echt traurig gemacht.
    Ich danke dir Claudi für die Einblicke in das wahre Leben.

    • Claudi 20. April 2021 um 22:45 Uhr - Antworten

      So ging es mir auf. Das ist ein Text der nachhallt, auch wenn man ihn selbst aufgeschrieben hat.
      Ich fand es so mutig und toll, dass mir die Interviewten trotz der Belastung so offen von ihrem Alltag erzählt haben.
      Ich hoffe so sehr, dass sich für sie ganz bald etwas verbessert.
      Alles Liebe,
      Claudi

  10. 2xMama 17. April 2021 um 18:15 Uhr - Antworten

    Furchtbar, solche Dinge zu lesen…wie furchtbar muss es sein, dass täglic mitzumachen und zu erleben. Es macht mich so wütend, Hilferufe von Intensiv- und anderen Medizinern zu lesen und zu erkennen, dass niemand, wirklich niemand reagiert. Schreit eine Bank oder ein Reiseunternehmen um Hilfe, sind alle da, um sie zu retten.

    Wen muss man anschreiben, anschreien oder schütteln? Wer bringt den zuständigen Politikern die Hilferufe näher? Wer erzählt ihnen diese Erlebnisse?

    Danke für diese Berichte!

    • Claudi 20. April 2021 um 22:47 Uhr - Antworten

      Oh ja, ich finde auch, man schwankt zwischen Fassungslosigkeit und Wut. Ich bin meinen Interviewpartnern so dankbar, dass sie den Mut hatten so offen zu sprechen.
      Und dass sie sich trotz ihrer Grenzerfahrungen die Zeit genommen haben.
      Ich danke dir für dein Feedback,
      alles Liebe,
      Claudi

  11. Martha 19. April 2021 um 14:21 Uhr - Antworten

    Liebe Claudi,

    vielen Dank – dieser Artikel in Kombination mit dem RBB-Bericht hat vieles für mich privat gerade gerückt für mich. Denn wir können es seit Dezember möglich machen, die Kinder zu Hause zu lassen. Nachdem vergangene Woche ein Brief von der Kita kam, dass es nur nich 8 Familien so handhaben, haben mein Mann und ich ein bisschen wie die letzten Idioten gefühlt …

    Natürlich hat jeder seine eigenen Belastungsgrenzen, muss die Betreuungsfrage für sich klären und ich habe allen Respekt für die jeweils individuelle Lösung.

    Dein Bericht über die Belastungsgrenzen in der Medizin hat mir jedenfalls wieder Kraft gegeben durchzuhalten, um a) aus Respekt vor den Pflegenden und dem medizinischen Personal meinen Beitrag zu leiste , in dem wie uns eben einschränken und um b) mich und meine Familie zu schützen, vor einer Krankheit, die auch mich auf einer Intensivstation landen lassen kann. Wer weiß das schon?

    Meine Mutter meinte, als wir darüber sprachen, dass diese Art der Berichte neben dem Aufmerksammachen auf die prekäre Lage im Gesundheitssystem auch allen, die es gerade immer nich einen Ticken zu locker nehmen, ein Pflichtprogramm wie Lehre sein sollte. Und wahrscheinlich besseres Zeugnis für die Notwendigkeit der Disziplin denn Infektionszahlen wie R-Werte sind.

    In diesem Sinne betroffene aber auch gestärkte Grüße Deine Martha

    • Claudi 20. April 2021 um 22:43 Uhr - Antworten

      Ich danke dir sehr für dein Feedback. Ich war und bin auch sehr berührt von diesen Geschichten. Und ja, es rückt manches gerade, wenn man mal wieder zuhause sitzt und über alles flucht.
      Ich hoffe es ändert sich schnell etwas: In Sachen Corona-Zahlen und im Gesundheitssystem.
      Alles Gute euch und gutes Durchhalten,
      Claudi

  12. Annett 18. August 2021 um 17:52 Uhr - Antworten

    Hallo liebe Claudia,
    danke für deinen berührenden Artikel. Ich musste echt schlucken und hatte beim Lesen Tränen in den Augen.
    Ich selbst arbeite als Krankenschwester auf einer unfallchirurgischen Station.
    In der 1. Welle 2020 wurde meine Station zur Coronastation und es war echt schwer diese Angst abzuschütteln, das man sich vielleicht nicht ausreichend schützen kann und was mit nach Hause zur Familie bringt.
    Im Frühjahr diesen Jahre waren einige meiner Kollegen auf den Coronastationen eingesetzt. Sie haben es mit einem Wort auf den Punkt gebracht. „ Es ist die Hölle“, diese Machtlosigkeit und man funktioniert nur noch.
    Letztens hatte ich auch diesen einen Moment der mich echt an meine Grenzen gebracht hat. Ich hab mich wie ein Zombie gefühlt, so ausgelaugt und fertig, das ich mich am liebsten auf den Boden gelegt und geheult hätte. So ohnmächtig hab ich mich noch nie gefühlt.
    Personal fehlt an allen Ecken , es gibt gerade niemandem der noch freiwillig einspringen kann oder mag. Personal geht aus dem Job, weil es nicht mehr kann. Angehörige sind stellenweise echt wie die Pest mit ihrem Unverständnis und ihren Vorhaltungen.
    Ich habe leider nur 2 Arme und bin wieder Krake noch Kran.
    Es muss sich echt was ändern ,damit dieser Beruf wieder Spaß macht. Und man nicht mit Herzklopfen auf Arbeit geht, weil man nicht weis was und wer einen dort erwartet. Und leider stelle ich immer wieder fest das Schüler deutlich weniger belastbar sind als ich in meiner Lehrzeit.
    Also vielen lieben Dank nochmal für deinen tollen Artikel und danke das ich meinem Herzen ein kleines bisschen Luft machen konnte.
    Liebe Grüße von Annett

    • Claudi 18. August 2021 um 17:57 Uhr - Antworten

      Ich danke dir für deine Geschichte!!! Ich hoffe so sehr, dass sich etwas ändern wird.
      Alles Liebe, Claudi

Hinterlasse einen Kommentar