Ich habe heute (vielleicht) keinen Spaß. Und das ist völlig okay

Feb
04/19

Neulich in meinem Buchclub kamen wir von unserem Buch des Monats plötzlich auf das Thema Spaß. „Ihr Jungen Leute seid echt arm dran“, meinte eine der älteren Damen, „ihr seid ständig gezwungen Spaß zu haben.“ Wir drei jungen, oder wie ich finde mittelalten, sahen uns an: „Wie meinst du das?“, fragte eine von uns…
Pflichtbewusstsein, Glücklich sein,
„Na ja, wisst ihr, früher haben wir gelebt und geliebt, mal war es schön, mal war er schlecht – und abends sind wir ins Bett gegangen. Heute gehen die jungen Leute ins Bett und fragen sich: Habe ich heute Spaß gehabt? Macht mir mein Job Spaß? Meine Ehe? Mein Leben als Mama? Haben meine Kinder Spaß? Haben die anderen mehr Spaß? Und wie bitte kann ich morgen noch mehr Spaß haben? Das muss doch so verdammt anstrengend sein…“

Erst wollte ich laut rufen: „Aber hey, ist doch super, dass wir viel mehr Spaß haben. Das Leben ist kurz. Da muss man doch das Beste draus machen.“ Aber dann sagte ich doch nichts.

Ich überlegte, ob ich es nicht tatsächlich manchmal anstrengend fand, Spaß zu haben. Mir fielen Partys ein, auf denen ich Smalltalk machte, zu Peter Fox tanzte und zu viele Chips naschte – obwohl ich eigentlich bloß ins Bett wollte.

Samstage, für die ich etwas plante, damit wir Spaß zusammen haben, obwohl ich eigentlich gern bloß Samstag hätte – ohne Programm. Vielleicht mit Spaß, vielleicht ohne. Aber ohne drüber nachzudenken.

Ich musste auch an viele Kinder denken, die ich in der Schule mal gehabt hatte, die maulten, wenn ich vorschlug draußen Völkerball zu spielen. Und noch lauter, wenn ich sagte: „Jetzt ist Rechtschreibung dran.“ „Boah ne, das ist so langweilig!“, motzten sie, und zogen das A lang wie Kaugummi, „sooo laaaaaangweilig.“ Und: „Mann ey, das macht so keinen Spaß.“

Mir fiel ein, dass ich mir wünsche, dass meine Kinder auch ohne Murren mal Dinge tun, die keinen Spaß machen. Weil sie eben sein müssen. Abtrocknen zum Beispiel oder Zähne putzen. Ich habe ganz bewusst keine dieser Zahnbürste mit Apps drauf zum Spielen gekauft, weil ich finde, das Zähne putzen Zähne putzen bleiben darf, lästig, aber nützlich und auch nicht so weltbewegend, dass ich eine App dafür brauche. Auch Rechtschreibung lernt man meiner Meinung nach durch schreiben. Abschreiben und schreiben und nochmal schreiben. Ziemlich Spaß befreit. Aber irgendwann ist es schon schön, wenn man schreiben kann. Macht dann auch glücklich.

Ich fragte mich tatsächlich, ob man nicht leichter durchs Leben ginge, ohne den Anspruch immer Spaß haben zu müssen. Ist es nicht beruhigend, morgens aufzustehen ohne den Anspruch überglücklich zu sein. Manchmal reicht es völlig, wenn der Alltag läuft, wir gesund sind. Jeder so gut es geht sein Ding macht. Wenn wir streiten und motzen dürfen – und ich nicht alles auf der Suche nach Dauerglück hinterfrage.

Ich finde es auch ganz angenehm, nicht ständig darüber nachzudenken, wohin ich noch reisen möchte, was ich noch sehen und erleben möchte, welche Bucketlistpläne ich noch abhaken muss, weil das Leben kurz ist. Beinahe hektisch deswegen zu werden. Sondern einfach das bewusst zu machen, was ich grade mache. Und wenn es die Wäsche ist.

Wie beruhigend es manchmal ist, abends ins Bett zu gehen, mit dem guten Gedanken, das der Tag blöd war und blöd sein darf. Und das morgen ein neuer kommt. Oder einfach mal nichts zu denken. Sondern Tee zu trinken und ein Buch zu lesen. Oder früh zu schlafen.

Und dann manchmal überrascht festzustellen, dass dieser ohne Spaßanspruch einfach vor sich hin gelebte Tag doch ein ganz schön schöner war.

Eine schöne, entspannte Woche für euch, alles Liebe,

18 Kommentar zu “Ich habe heute (vielleicht) keinen Spaß. Und das ist völlig okay

  1. Anne on 4. Februar 2019 at 09:46 geschrieben

    Guten Morgen
    Da stimme ich voll zu. Schöner Artikel. Immer diese ganzen Pläne und Trends denen man hinterherrennt machen doch auf Dauer auch keinen Spaß. Eine fröhliche Woche wünscht dir Anne

  2. Kerstin on 4. Februar 2019 at 11:29 geschrieben

    Danke. Genau so. In alle Punkten. Und bei dem weit verbreiteten Ausdruck „Kinder bespaßen“ kannn ich nur noch den Kopf schütteln…
    Sorgen macht mir das in der Schule, denn bei uns läuft das gerade so ab: Unsere große Tochter (jetzt weiterführende Schule) hatte durchgängig Lehrer älteren Jahrgangs mit klassischer Unterrichtsgestaltung. Ergebnis: In allen Fächern bestens vorbereitetes Kind. Unser Sohn (3. Klasse), hat durchgehend sehr junge Lehrerinnen mit „innovativen & neuen pädagogischen Konzepten für mehr Spaß am Lernen“ und was soll ich sagen… Rechtschreibung katastrophal, Grammatik ein riesen Durcheinander etc… Irgendwie nicht spaßig.
    Eine langweilige Woche & LG Kerstin

  3. D. on 4. Februar 2019 at 13:07 geschrieben

    Liebe Claudi,
    in der Soziologie spricht man von Erlebnisgesellschaft: Man muss immer was erleben und allein am Spaß- und Erlebnisfaktor richtet man sein Tun aus und da wirds schon wieder politisch. Ich hoffe doch, dass ich meinen Kindern irgendwie mitgeben kann, dass es nicht immer nur um Spaß-Maximierung geht, sondern auch um das Große Ganze!
    Danke für deinen Beitrag und liebe Grüße!

  4. Ina on 4. Februar 2019 at 14:19 geschrieben

    Das ist mal ein toller, authentischer Text. Ich bin sonst eher der anonyme Leser deines tollen Blogs, aber nach dieser „Lesepause“ musste ich direkt was schreiben!

    • Claudia on 5. Februar 2019 at 15:57 geschrieben

      … und das freut mich wirklich sehr.
      Danke! (Spontane Texte sind ja manchmal die besten. Diesen habe ich abends auf dem Wochenendtrip ins Handy geschrieben. Einfach so weg.
      Es macht so einen Spaß wenn es „flutscht“…)
      Liebe Grüße,
      Claudi

  5. Sandra on 4. Februar 2019 at 20:24 geschrieben

    Danke für diesen Artikel. Diese Spaß Gesellschaft geht mir im Moment sehr gegen den Strich. Alle Kinder übertrumpfen sich montags mit Spaß Erlebnissen vom Wochenende. Drei Freizeitparks, fünf Schwimmbäder und zehn Verabredungen. Wer das nicht mitmacht hatte keinen Spaß und ist schräg. Aber so ist das Leben nicht. Oft zählen kleine Dinge oder ein als Familie zusammen angestrichener renovierter Keller. Sind Kinder die jedes Wochenende Spaß haben später lebensfähig und tun wir ihnen damit einen Gefallen?
    Das ist ein Thema was mich im Moment wirklich sehr bewegt.
    Alles Liebe
    Sandra

    • Claudia on 5. Februar 2019 at 15:54 geschrieben

      Liebe Sandra, danke für deinen Kommentar. Ja, in den Schulen fällt mir das auch sehr auf.
      Auch wie sehr sie in der Computerwelt festhängen und denken, dort Geschichten spinnen.Vielleicht ist das eine neue Art der literarischen Welt.
      Ich hoffe allerdings sehr, dass die guten alten Geschichten dadurch nicht ganz verdrängt werden.
      Alles LIebe!

  6. Sabine on 4. Februar 2019 at 22:19 geschrieben

    Danke für den Artikel. Ich dachte eben gerade, nachdem ich einen Betrag einer anderen (durchaus guten) Bloggerin gelesen habe, dass ich dringend noch jetzt gleich vor dem Schlafen gehen eine Bucket List schreiben muss. Nun werde wohl einfach schnell ins Bett und etwas Lesen. Zugegebenermaßen macht das auch mehr Spaß und stresst weniger ;)).
    Liebe Grüße
    Bine

    • Claudia on 5. Februar 2019 at 15:52 geschrieben

      Ha, ha, liebe Bine. Danke für diese kleine Anekdote. Welche werte Kollegin hat denn da gerade über Bucket Lists geschrieben?
      Muss ich mal auf die Suche gehen.
      Aber hey, eine Bucket List ist ja nicht so schlecht, klar träume ich auch von Urlaubszielen.
      Darf aber auch noch ein wenig dauern, bis ich dahin komme.
      Alles Liebe,
      Claudi

  7. Carolin on 5. Februar 2019 at 03:35 geschrieben

    Danke für den Artikel – einfach mal im Hier und Jetzt…Nicht schon wieder dem nächsten Event entgegen „spassen“ – so versuchen wir das auch zu halten…und das tut mehr als gut! Mich interessiert noch, als Büchfüchsin, welches Buch Ihr besprochen habt? 👀

    • Claudia on 5. Februar 2019 at 15:48 geschrieben

      Huhu, welches Buch das genau war, muss ich erst mal gucken. Wir lesen jeden Monat eins.
      Ich schaffe allerdings zur Zeit längst nicht jeden Monat.
      Aber ich habe einen Artikel über den Club fest eingeplant.
      Alles Liebe,
      Claudi

  8. Susi on 5. Februar 2019 at 08:29 geschrieben

    Hi Claudi! Ich lese deinen Blog so unglaublich gern und bin immer wieder überrascht, dass du dann genau über ein Thema schreibst was mich gerade beschäftigt!! Ich finde es ehrlich gesagt auch so anstrengend, dass immer alles Spaß machen muss und man dahin und dorthin muss… ich weiß leider nicht wie man aus der Nummer wieder raus kommen soll!? Meine Schwiegermama erzählt auch immer… die kinder wären damals anders… einfacher gewesen… die Fahrerei das hätten sie nicht gehabt… da haben sich nachmittags einfach die Kinder vom Dorf getroffen und gespielt…und sie waren zufrieden!
    Lg Susi

    • Claudia on 5. Februar 2019 at 15:47 geschrieben

      Liebe Susi, danke dir, dein Feedback freut mich total.
      Ehrlich gesagt hatte ich mir geschworen, dass ich kein Mama-Taxi eröffne – bevor ich Kinder hatte.
      Irgendwie hat sich das mit ein paar Hobbies jetzt doch ergeben – und es macht ja auch Spaß zu sehen, wie viel Freude die Kinder dabei haben.
      Dennoch achte ich sehr auf „Tage ohne alles“ und verteidige diese heißblütig!
      Alles Liebe,
      Claudi

  9. Wunderschön! ..und genau so wichtig ist die Langeweile!Wann war uns mal so richtig langweilig? Wir haben ja gar keine Zeit mehr für Langweile!!

    LG! Sarah

    • Claudia on 5. Februar 2019 at 15:44 geschrieben

      Das denke ich so oft. Ich sehne mich oft nach Langeweile,
      aber in den Ferien war ich einmal kurz davor.
      Ein gutes Gefühl!
      Alles Liebe,
      Claudi

  10. Ricarda Hegemann on 5. Februar 2019 at 14:05 geschrieben

    Hallo 🙂
    Ich würde mich freuen, mal einen Eintrag über den Buchclub zu lesen? Wie läuft so ein Treffen genau ab! Was ist der Buchclub genau für ein Hobby usw!
    Liebe Grüße
    Ricarda

    • Claudia on 5. Februar 2019 at 15:43 geschrieben

      Liebe Ricarda, tatsächlich haben sich auch per Instagram gleich mehrere so einen Post gewünscht.
      Kommt also mit auf den Redaktionsplan.
      Beste Grüße!
      Claudi

  11. Kerstin on 8. Februar 2019 at 07:57 geschrieben

    Ja, so ist es wohl!
    Unser Sohn ist schnell dabei mit seinem Satz: mir ist soooooooo laaaaaaaaangweilig!
    Dies ist für mich immer ein klares Zeichen, mich zurück zu ziehen und ihn alleine machen zu lassen! Er braucht diesen Satz wohl irgendwie als Startsignal für eine gute Beschäftigung! 🙂
    Alles Liebe euch!

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