Ich hatte es mir so schön vorgestellt: Endlich mal meine Kinder selbst unterrichten. Leider nicht irgendwo unter Palmen, wie eigentlich mal ursprünglich geplant, sondern am Esstisch. Aber hey, immerhin schien hier ja auch mal die Sonne. Wir haben ein bisschen Material von der Schule bekommen, natürlich habe ich als Lehrerin tausend Ideen – und das Internet überschlägt sich gerade an Homeschooling-Inspiration. Was ich total vergessen hatte: dass ich außer der perfekten Lehrerin vormittags ja auch noch die perfekte Journalistin sein wollte…

BÄM: Ich bin gleich am ersten Tag vom Holzmaterialen-unter-Palmen-Traum im märzkalten Norddeutschland gelandet. Ich weiß nicht, was meine Kinder an diesem ersten Heimschulentag gelernt haben – ich habe viel gelernt. Nämlich erstens: Unterrichten ist ein Job, das geht nicht mal eben nebenbei. Schon gar nicht, wenn man nebenbei noch einen anderen Job machen muss/will. (Hätte ich als Lehrerin eigentlich am Besten wissen müsse, oder?)

Zweitens: Nur weil ich Lust auf etwas habe, haben meine Kinder noch lange keine Lust. Fakt ist – und das sage ich hier ganz laut und deutlich, auch als ausgebildete Lehrerin: Kein Kind wird verdummen oder in der Gosse oder wo auch immer landen, wenn ihr in den nächsten Wochen nicht das perfekte Homeschooling-Programm durchzieht. So. Und jetzt, erstmal tief durchatmen.

Ich sag es jetzt mal ganz ehrlich wie es diese Woche bei uns war: Ich bin morgens aufgestanden und wollte mein Bestes geben. Ich habe versucht, gute Texte zu schreiben, während die Kinder um mich herumwuseln. Geniale Ideen zu spinnen, mit Agenturen zu telefonieren und gleichzeitig Nasen abzuwischen, Streits zu schlichten, verschütteten Kakao aufzuwischen. Dabei Matheaufgaben erklärt, Frust aufgefangen, Papierflieger gefaltet, ich habe geschrien, geweint und bin verzweifelt. Ich war undankbar. Und doof. Ich habe Fernsehen erlaubt – und wieder gestrichen. Musste einen guten Artikel mit Deadline schreiben – aber da waren bloß Kakao im Kopf. Habe mir viele schöne Dinge ausgedacht, auf die niemand Lust hatte.

Wollte kurz eine schöne Sache für mich machen, auf die alle Lust hatten. Ich wollte lecker kochen – und habe Fischstäbchen in den Ofen geschoben. Ich habe ihnen den ganzen Tag versprochen, abends noch ein Spiel zu spielen und hatte abends absolut keine Lust auf ein Spiel. Ich habe den Tag über viel zu viel auf dem Handy gelesen, was mir manchmal gut getan – und mich noch öfter noch nervöser gemacht hat. Ich habe meine kloppenden Kinder auseinandergerissen – und hätte manchmal am liebsten mitgekloppt. All die doofe Corona-Wut in ein verdammtes Klopp-Kissen.

Ich habe Wäscheberge mit dem Fuß unters Bett geschoben. Ich habe meinen Sohn getröstet und besonders fest umarmt. Ich habe dabei ein ungewaschenes Hosenbein unter dem Bett hämisch rüber grinsen sehen. Ich habe abends auf dem Sofa gelegen und war verzweifelt. Ich habe mich geschämt, dass ich so verzweifelt und gefrustet bin. Weil das hier eine verdammt gefährliche Sache ist und Leben und Existenzen auf dem Spiel stehen und ich zuhause sein darf, in einem wunderschönen Zuhause, und wir gesund sind und ich über dreifach verschütteten Kakao und Müslibrocken auf dem Dielenboden und nicht geschriebene Artikel maule. Und natürlich hab ich gedacht, dass ich eben doch nicht mein Bestes gegeben habe.

Aber hey, wir dürfen maulen. Auch wenn wir wissen, wie gut wir es eigentlich haben, dürfen wir mal maulen. Und dann wieder Kopf hoch und Kakao aufwischen. Wenn ihr auch mal maulen wollt, tut das gern, hier unter diesem Post ist ausdrückliche Maulerlaubnis. Wenn ich mein Instagram durchscrolle (und sogar mein Whats App) scheinen alle das nämlich schon prima hinzukriegen – außer wir hier. Falls das alles bei euch also auch nicht eingerockt ist: Ihr seid nicht allein. Wir sind zumindest schon mal zwei! Und nächste Woche geben wir einfach weiter unser Bestes. So. Und jetzt nochmal tief durchatmen.

Zurück zum Thema Homeschooling: Natürlich schadet es aber nicht, ein bisschen was für die Schule zu tun. Neben den Aufgaben, die ihr von der Schule bekommen habt, würde ich vor allem Basics empfehlen, sprich die Sachen, die wirklich Sinn machen, sie zuhause zu trainieren, für die im Alltag aber oft keine Zeit bleibt. Das sind in der Grundschule vor allem: Lesen üben. (Selbst lesen und laut vorlesen). Und: Das kleine Einmaleins bis zum Umfallen üben. Dafür braucht es täglich jeweils nicht mehr als zehn Minuten. Aber die bringen richtig was. Ich lasse mir von meinem Erstklässler jetzt also täglich ein wenig vorlesen. Und gebe dem Drittklässler täglich eine Einmaleinsreihe zum Auswendiglernen. Was jetzt auch gut trainiert werden kann: ordentlich lochen. Einheften. Ausschneiden. Wäsche zusammen legen. Bett machen. Tisch decken. Ja, ganz genau solche Sachen!

Ansonsten arbeiten sie an den Aufgaben, die die Schule geschickt hat. Wir haben zusammen alles gesichtet und jeweils einen Plan erstellt, über das, was täglich dran ist. (Der Batzen an Aufgaben kann für viele Kinder sonst wirken wie ein unmöglich zu besteigender Gipfel). Wir sind trotzdem flexibel, wenn es in einem Heft gerade flutscht, wird darin weitergearbeitet und am nächsten Tag dafür etwas anderes gemacht. Diese Lernzeit dauert auf keinen Fall den ganzen Vormittag. Und es geht dabei auch längst nicht immer so harmonisch zu wie in meinen Palmenstrandträumen.

Was ich noch schwer finde: Die Zeiteinteilung. Klar hatte sich die Lehrerin in mir überlegt, entspannt um 9 Uhr anzufangen, nach einem (natürlich gesunden!) Frühstück. Dann sind die Kinder fit und es ist meist noch Ruhe im Haus. Aber: Diese Ruhe kann ich auch super für meine Arbeit nutzen. Ich habe also das Thema Zeiteinteilung nochmal zerknüllt und neu gedacht. Jetzt machen wir es so: Ich stehe als Erste auf, setzte mich gleich unten an den PC und versuche schon mal etwas zu schaffen. (André kurz danach – und arbeitet oben).

Die Kinder stehen nach und nach auf und dürfen sich erstmal mit einem Buch ins Bett oder in eine Höhle mit Hörspiel kuscheln. Das klappt erstaunlich gut. Dann starten wir mit ein paar Schulaufgaben zwischen zehn und elf. Danach gibt es ein Brot und nochmal Hörspiel oder Spielzeit, ja, auch mal einen kleinen Film und André und ich versuchen in die Tasten zu hauen.

Nachtrag: Seit gestern haben wir die Nachmittags-Ausnahmsweise-Filme wieder gekippt. War die Stunde Ruhe nicht wert, hat bei uns nur für Streit und Durcheinander gesorgt. Seit gestern darf abends ferngesehen werden. Dann aber auch mal so richtig. Guter Tipp also: Regeln und Tagesablauf immer wieder überdenken und anpassen.


Nachmittags versuche ich mir Zeit für die Kinder zu nehmen. Wir malen oder basteln etwas zusammen (eine Kleinigkeit – und oft kein bisschen pinterestperfekt.) Wir gehen raus, backen, lesen vor oder spielen ein Spiel. (Das herrlich altmodische Spiel des Lebens ist hier gerade sehr angesagt. Abends nach dem Abendbrot, wenn die Kinder gemeinsam ein Spiel spielen oder mit André oder ja, noch einmal etwas gucken dürfen, arbeite ich noch einmal eine Weile.

Mein größtes Problem die ersten Tage: Was mache ich mit den kleinen Geschwistern, wenn wir endlich dabei sind. Die wollen nämlich entweder auch was machen – oder gerade in dem Moment etwas ganz anderes. Ich gucke spontan, was gerade passt. Mal haben sie allein ein Hörspiel aussuchen dürfen. Mal schauen sie ein paar Folgen Peppa Wutz (danach ist allerdings die Stimmung meist Mist. Daher gibt es das jetzt eher abends.) Mal lenke ich sie mit einem kleinen Snack ab. Mal setzen sie sich dazu und malen. Der Fünfjährige hat von sich aus ein Tierbuch angefangen, in das er täglich malt (und schreibt). Er nennt es stolz seine Hausaufgabe. Ich sage euch, mein Herz klopft dabei ein paar Mal im Palmenstrandtakt.

Meine Tipps in Sachen Homeschooling:

  • Das Wichtigste: Entspannt euch. Ganz wirklich. Die Schulen werden nichts voraussetzen, die werden dort anfangen, wo sie aufgehört haben. Fakt ist nämlich: viele Familien können Homeschooling gar nicht leisten. Macht euch also bitte nicht verrückt.
  • Macht lieber eine halbe Stunde was mit Lust, als einen Vormittag lang was mit Frust.
  • Lasst die Kinder am Besten nicht unmittelbar davor fernsehen.
  • Findet euren eigenen Rhythmus: Ja, Schule ist wichtig, euer Job aber auch. Schaut, wie ihr Lernzeit für alle am besten in den Alltag integrieren könnt. Und wenn es erst nachmittags ist, dann ist es so.
  • Wenn ihr es einschätzen könnt, setzt einen festen Startpunkt und kündigt ihn eine Weile vorher an. Vielleicht klingelt ihr mit einer Glocke oder haut auf einen Topf, wenn es losgehen soll.
  • Statt diverse Arbeitsblätter durchzuackern, trainiert lieber einmal mehr die Basis: Lesen und Einmalseins. Oder für Erstklässler: Zahlen und Buchstaben korrekt schreiben. Das ist später wirklich wichtig.
  • Für kleine Kinder: wie wärs mit einem einfachen Malprogramm auf dem Ipad. Oder dieser einfachen Möhrengirlande.  An der kann man jeden Tag ein bisschen weiterarbeiten. Viele weitere Ideen sammele ich auf Instagram unter #launestattlagerkoller.
  • Vergesst euch nicht. Setzt euch auch mal mit einem Kaffee hin und sagt ganz klar, dass ihr jetzt kurz Pause habt.

Noch was: Falls ihr so richtig Lust auf Homeschooling habt ist das natürlich super. Dann ran da und losrocken. Hier ein paar Ideen von mir für alle Fächer:

Deutsch: Wie wäre es, wenn ihr mit eurem Kind gemeinsam ein Buch lest und dazu ein Lesetagebuch gestaltet. Ihr könnt darin gemeinsam eine Landkarte malen, von dem Ort an dem die Geschichte spielt. Einen Steckbrief über die Hauptfigur malen und schreiben. Aus einer Szene einen Comic aufmalen. Malen und schreiben, wie die Geschichte weitergehen könnte. Oder einen Brief an eine Figur im Buch schreiben. Das alles trainiert die Lesekompetenz und Kreativität. Ansonsten gibt es tolle kostenlose Übungen zu vielen Deutschthemen bei Anton (auch für Mathe!). Für erfolgreiche Aufgaben können sich die Kinder Münzen verdienen Mit der App Fimstudio für Kinder können Grundschüler selbst kleine Filme gestalten, das schult ihre Medienkompetenz.

Mathe: Kopfrechnen üben. Einmaleins, wenn es dran ist, am besten rauf und runter. Hier gibt es zum Beispiel tolle Übungsblätter, falls ihr daran Bedarf habt. Mit Erstklässlern könnt ihr Dinge im Haus zählen, Kartoffeln, Nudeln, Schleichtiere, alles rauf und runter. Und mit einem Lineal das ganze Haus vermessen.

Sachunterricht: Geht raus. Sucht den Frühling. Wir mögen die Apps „Sunbird“ und „Flora Incognita“ und bestimmen damit Pflanzen und Vögel, die wir unterwegs entdecken. Vielleicht schaut ihr euch auch jeden Tag einen Ast an und beobachtet, was mit den Knospen passiert. Vielleicht malt ihr jeden Tag eine kleine Skizze davon und macht selbst ein Buch. Probiert doch mal meine Experimente zum Klima aus. Oder andere Experimente.

Englisch: Hört euch gemeinsam auf Youtube ein englisches Kinderlied an und singt es nach.
Kunst: Meine Kinder malen leider nicht den ganzen Tag über die schönen Ausmalblätter an, die es aktuell überall um Internet kostenlos gibt, zum Beispiel diese hübschen. Oder diese. Aber Papierflieger falten, das geht fast immer.

Sport: Also meine Kinder brauchen richtig viel Bewegung, gerade jetzt. Zum Glück haben wir einen Garten. Für alle die keinen haben – und für Schlechtwettertage ist diese tägliche kleine Sporteinheit von ALBA Berlin ideal. Am Besten auch für Mama und Papa. Einmal um den Block bei uns ist Pflicht. Das wissen inzwischen sogar schon die Kids und erinnern mich dran (meckern trotzdem manchmal dabei).

Und ansonsten: Nutzt die Zeit und bringt euren Kindern ganz viel über das Leben bei: Kocht mit ihnen, legt mit ihnen Wäsche zusammen, bezieht das Bett, bringt gemeinsam ein Regal an die Wand, räumt den Schrank auf, repariert das Fahrrad, übt Rückwärtslaufen. Auch sowas ist so, so wichtig!

Und nochmal: Selbst wenn ihr überhaupt nichts von den tollen Tipps macht, ist das auch okay. Ich habe ja übrigens die Hoffnung, dass der Lehrerberuf nach dieser Pandemie erheblich an Ansehen gewinnt. Und der, der Menschen, die für ihre Kinder zuhause bleiben, hoffentlich auch. Die wird hoffentlich keiner mehr fragen: „Und was machst du so den ganzen Tag?“ 

Es ist eine besondere Zeit. Seid milde mit euch. Und mit euren Kindern.

Alles Liebe und ein schönes Wochenende, trotz allem,

Claudi