Mein kleiner Sohn sah mich an, Gras im Haar und im Gesicht die Reste seiner Wolfsbemalung: „Das war der schönste Tag in meinem Leben!“, raunte er. Seine Stimme klang rauer als sonst, die Worte  aus tiefster Tiefe. Er schob seine Stirn gegen meinen Bauch, ich sah seinen Mund unter seiner Nasenspitze leise lächeln. Ich lächelte auch – dann holte ich Luft. Wollte gerade ausholen und seinen Satz auswringen. Das Superlative aus ihm herausdrücken. Ihm erklären, dass es schön war, aber dass er noch viel schönere, besondere Tage erleben würde. Dann dachte ich: „Bin ich eigentlich bekloppt?“

Wer bin ich, dass ich an seinen Gefühlen herumkorrigiere?

Warum denke ich, ich müsste sie für ihn gefühlsmäßig einordnen? Seine Freude zerhacken und in erwachsenenmäßig eintüten. Weil für uns Glück etwas Großes ist und eher nicht drei Stunden Kinderparty an einem ziemlich normalen Mittwoch. Wer bin ich, dass ich denke beurteilen zu können, was sein schönster Tag war? Ich fragte mich, ob wir Erwachsenen vielleicht ständig alle so angestrengt nach dem großen Glück suchen, weil wir uns eben das kleine zerhäckseln?

Ich habe mich hingesetzt, ihn fest gedrückt. Meinen Kopf in sein Haar gedrückt, das nach Sonne und Gras und Schokotortenkrümel duftete und gesagt: „Das freut mich so sehr. Ich fand deine Geburtstagsparty auch richtig, richtig schön. Und noch mehr freue ich mich, dass du dich so freuen kannst.“

Dann habe ich mich gefragt, wann ich mir eigentlich die Superlative verboten habe. Wann ich mir verboten habe, mich am Wochenende auf die coolste Party zu freuen oder das tollste Kleid zu shoppen. Heute fürchte ich, dass es immer noch ein tolleres gibt. Und denke oft, dass die Party sicher nicht so doll wird, weil… Ja, warum eigentlich? Selbst wenn mir jemand ein Kompliment zum Kleid macht, mörser ich das meist klein: „Ach ja danke, der Schnitt ist ganz vorteilhaft.“ Warum bitte mache ich das? Ich muss ja nicht sagen: „Jepp, ich seh großartig aus.“ Aber ich darf es doch kurz denken und mich freuen.

Verbiete ich mir die Supertoll-Gedanken um nicht enttäuscht zu werden?

Oft verbiete ich mir sogar zu denken, dass unser Sommerurlaub großartig wird. Das vorfreudige Kribbeln ist oft da, aber meist drehe ich es runter. Erinnere mich daran, dass es vielleicht doch viel Gemecker und Streit geben könnte und doch nicht die gewünschte Entspannung. Oder noch schlimmer: Doch noch Quarantäne, weil sich kurz vor Kofferpacken ein Kind ansteckt. Ist das abergläubisch? Ist das erwachsenenlogisch? Auf jeden Fall ist es doof. Schließlich nehme ich mir all die Vorfreude.

Fakt ist: Mein Sohn hat mir an diesem Tag etwas beigebracht. Nämlich, dass es viele schönste Tage im Leben geben kann. Schönste Tage sind nicht in Tüten verpackt und irgendwann aufgenascht. Wir können viele schönste Tage haben, genau wie wir viele beste Freunde haben dürfen und viele tollste Parties. Ich beschloss, mir den Superlativ wieder zu erlauben.

Damit meine ich nicht XXL-Packungen und Megapacks im Supermarkt oder den Schneller-schöner-schärfer-Trend auf Instagram. Das nervt. Aber in der Konversation mit mir. Verrückterweise neige ich in der Kommunikation mit anderen ständig zum Großen: Ich tippe „Ich freue mich so, so total sehr drauf!“ ins Whats-App-Feld, statt „Ich freue mich drauf.“ Und ich wünsche meinen Leser in meiner Story schon lange kein schönes Wochenende mehr, sondern ein wunderschönes. Was ist da los?

Wie verrückt zu denken, dass ich mir immer noch Steigerungsformen offen halten müsse.

Axel Hacke nannte dieses Phänomen in einer SZ-Kolumne mal „Sprache auf Koks.“ Er fand, dass man immer Steigerungsmöglichkeiten behalten müsse. Wie ich bei meinem Sohn. Da war es wieder, das Erwachsenenlogik-Hackmesser. Hacke äußert den Wunsch, „unserer Sprache einen Entzug zu verordnen“. Ich finde auch: Schwafeln nervt. Aber von echter Freude und Genuss müssen wir nun echt nicht abstinent bleiben. Dürfen uns selbst mehr Glück erlauben. Und überhaupt: Ich bekomme lieber ein ganz, ganz schönes Wochenende gewünscht als gar keins.

Ich freue mich heute also auf einen allertollsten Sommertag, an dem ich mit meinen supertollsten Kindern die allerleckersten Erdbeeren pflücken werde und heute Abend mit meinen obertollsten Freundinnen zum allerbesten Italiener gehe. Dieser Tag hat die Chance, der schönste Tag in meinem Leben zu werden. Das erzähle ich so niemandem. Aber ich erlaube es mir, so zu denken.

Foto: Louisa Schlepper

Alles Liebe,

Claudi