Kürzlich hatte ich einen Flashback. Einen Liebes-Flashback, um genau zu sein. Gute Freunde waren ein paar Orte weiter gezogen. Bei unserem ersten Besuch bogen wir in die kleine Straße ein – und plötzlich prasselten aus dem Nichts Bilder auf mich herein: Ich, wild knutschend unter der Straßenlaterne vor uns. Eng verknotet in einem Bett, das nicht meines ist. Mit einem Mann, der nicht mehr meiner ist. Der Rest meiner Familie fuhr achtlos an einem ganz normalen Haus vorbei. Ich im Geiste an meiner Jugend. An meiner ersten großen Liebe. Und an dem Menschen, der mir das Herz zerrissen hat. Vor mehr als 25 Jahren.

Als ich später davon erzählte, dass hier mal mein Ex-Freund gewohnt hat, verdreht mein Mann gekonnt die Augen: „Was hast du nur immer mit dem?“, fragte er. „Bist du nie über den Typen weg gekommen?“ Die Frage war scherzhaft gemeint, aber sie gab mir zu denken. Denn es stimmt: In meinem Leben gab es immer wieder Momente, in denen mir dieser Mann in den Sinn kommt. In denen ich mich frage, was er jetzt macht. Ob es ihm gut geht. Dabei haben wir auf mein Leben gerechnet nicht besonders viel Zeit miteinander verbracht: Ein Jahr gemeinsam, drei in meinem Herzen. Aber die haben sich tief eingeprägt – und begleiten mich bis heute.

Es war Liebe auf den ersten Blick.

Ich war 15. Ich war unerfahren. Aber von einem Augenblick auf den nächsten wusste ich mit absoluter Gewissheit, dass ich den oder keinen wollte. Mit jeder Faser meines Körpers. Leider wollte er mich erst mal nicht, dabei hatten wir uns auf einer Party sogar geküsst. Ich habe ein Jahr auf ihn gewartet. Überwältigt von Gefühlen, die mir vorher komplett unbekannt waren. Ich wusste nicht, dass Herzschmerz wirklich weh tut. Dass Sehnsucht den Magen zusammen ziehen kann. An endlosen Nachmittagen schrieb ich zwei Kladden mit Briefen an ihn voll. Die ich nie abschickte. Als ich nicht mehr vor und zurück wusste, rief er plötzlich an. An dem Tag begann das beste Jahr meines Teen-Lebens.

Die erste große Liebe spielt eine ganz besondere Rolle, sagen auch Experten. „An dieser Beziehung werden alle weiteren gemessen“, so der Paartherapeut Friedhelm Schwiderski. Die Süddeutsche Zeitung widmete diesen prägenden Herzensmenschen zum Valentinstag eine ganze Geschichte. Tenor: Jeder von uns hat diesen einen Menschen, der uns nie ganz loslässt. Und die Paartherapeutin Manuela Komorek ergänzt: „Das ist eine sehr intensive Erfahrung, deshalb ist es schön, wenn wir eine gute Erinnerung daran haben, und es kann uns lange beieinflussen, wenn es nicht so ist.“

Ich und er – wir hatten eine großartige Zeit.

Und ein herzzerreißendes Ende. Dazwischen lagen etwas mehr als zwölf Monate, in denen wir gemeinsam die Liebe mit all ihren Höhen und Tiefen erkundet haben. Neugierig. Hormontrunken. Rückhaltlos. Wir haben alles gegeben, nichts versteckt. Verliebt sein fühlte sich wie auf Droge an. Wenn er keine Zeit hatt, war ich auf Entzug. Waren wir zusammen, war es ein einziger Höhenflug. Bis es zur Bruchlandung kam.

Vielleicht gäbe es diesen Text nicht, wenn ich ihn irgendwann über gehabt hätte. Wenn das Gefühl nicht mehr heiß, sondern lau gewesen wäre. Aber so war es nicht: Er wollte mich nicht mehr. Was er lieber wollte: Allein sein. Ohne Beziehung. Ich war am Boden zerstört. Ich weinte. Ich flehte. Ich wütete. Ohne Erfolg. Und brauchte ein weiteres Jahr, um ihn mir aus dem Herzen zu reißen.

Bis heute weiß ich, was er bei unserem ersten Date zu mir gesagt hat.

An welchem Tag er mir das Herz gebrochen hat. Nicht, weil ich mich insgeheim danach sehne, mit ihm mein heutiges Leben zu verbringen. Wir hatten unsere Zeit – vor sehr langer Zeit – und die hatte keine Zukunft. Ich traf ihn  Jahre später an der Uni wieder und war fast überrumpelt, keine Gefühle für ihn zu haben. Freundliches Interesse bestenfalls. Das war der gleiche Mann, der mir den Schlaf geraubt hatte, allein im Traum, gemeinsam im Bett? Dafür fand ich in mir kein Echo mehr, so tief ich auch horchte.

Dennoch gab es zwischen uns immer noch eine Verbindung. Auch ich habe ihn offenbar nicht ganz losgelassen: Vor etlichen Jahren rief er mich aus heiterem Himmel an, um mir zu sagen, dass er Vater wird. „Ich wollte, dass du davon weißt“, sagte er damals. Es war seltsam. Und schön, auf eine melancholische Art. Denn ich war auch gerade das erste Mal schwanger. Unsere Kinder haben sich nie gesehen. Und wir uns auch nicht wieder.

Was ist es, das uns immer wieder gedanklich zu diesem Menschen zurückkehren lässt?

Ich glaube, es geht gar nicht so sehr um den Typen. Oder die Frau, je nachdem. Viel mehr ist es die generelle Sehnsucht nach einer Zeit, in der alles intensiver war. Voller Bedeutung, Möglichkeiten und Überschwang, die nur ein Teen-Ich derart authentisch zustande bringt. All die aufregenden ersten Male der Liebe und des Lebens, wie durch einen knalligen Farbfilter gejagt. Eine Zeit, in der nie wirklich Alltag herrschte, immer das Vergnügen im Vordergrund stand, nie die Pflicht. Ein Zustand, ungefähr so realistisch wie das Happy End einer Hollywood-Romanze. Und doch möchte man auf der Leinwand auch nie sehen, wie „Harry und Sally“ über den Abwasch streiten.

Prägender noch als die erste Liebe ist laut  Experten übrigens eine andere: „Die meisten sind dann noch viel zu unschuldig und blauäugig“, so der Psychologische Psychotherapeut Ragnar Beer über die große Emotionskeule. Viel wichtiger sei die emotionale Tiefe einer Partnerschaft. Und die ist im Hormonüberschwang der Teenie-Zeit nicht zwingend vorgesehen, auch wenn es sich so anfühlt.

Emotionale Tiefe gibt es oft erst nach dem Abspann.

Im Alltag, in dem keine Utopien erörtert werden, sondern der Wochenplan. Im Alltag, der nicht nach Zuckerwatte, sondern nach den vergessenen Kekskrümeln in der Manteltasche schmeckt. Aber wenn ich ehrlich bin, krieg ich von Zuckerwatte immer irgendwann Bauchweh.

Übrigens ist mir Liebe auf den ersten Blick noch einmal begegnet. Das ist ist jetzt 15 Jahre her. Mit dem Mann bin ich glücklich verheiratet und habe vor, es auch zu bleiben.

Ganz ehrlich: Habt ihr auch manchmal Kopfkino mit früheren Herzensbrechern…?

Alles Liebe,

Katia