Die Haustür ist grau, eingerahmt von sehr viel Glas. Es duftet nach Blumen – und von weit her ein wenig nach gegrillten Würstchen. Leises Kinderjauchzen. Einen Moment lang suche ich die Klingel. Ich finde eine, drücke drauf – und höre es drinnen leise bimmeln. Ich warte, aber weil niemand öffnet, schaue ich noch einmal und sehe eine zweite Klingel. Als ich drücke, dingdongt es draußen. Eine Gartenklingel – was für eine tolle Sache. Jetzt bellt ein Hund. Die graue Tür öffnet sich, nur einen Spalt, und ein blonder Mädchenkopf schiebt sich durch den Schlitz. Dann schwingt die Tür ganz auf. „Hallo!“, ruft Sebastian und lächelt übers ganze Gesicht…

Ich bin zu Besuch bei Sebastian, dem „kleinen Papa“ (39) und Stephan, dem „großen Papa“ (37), ihren Zwillingstöchtern Emma und Lotta (4) und Mops-Mix Watzmann (6), der sofort fröhlich an meinem Bein hoch hopst. „Er spielt gern Wachhund“, verrät Sebastian, „lässt sich aber mit jeglichem Essen bestechen. Sogar mit Weintraube oder Salatgurke. Komm rein…!“

Ich laufe hinter Sebastian her durch einen großen hellen Flur. Links eine Truhenbank, darauf ein Kissen: „Mach heute so wunderbar, dass gestern neidisch wird.“ Über der Bank hängt ein großer Kranz mit Blumen, überhaupt steht überall etwas Hübsches herum. Es duftet nach Essen, nach Nudeln mit einer leckeren Soße vielleicht. Emma und Lotta grinsen mich an: „Wer bist du?“, fragen sie und „was machst du bei uns?“

Was ich hier mache? Ich luscher beruflich. Ich habe mich bei den zwei Papas eingeladen, um herauszufinden, wie sie Familie leben. Was sie lieben, was sie machen, was sie bewegt, was sie freut und was sie aufregt. Das ist der Start in eine neue Serie namens „Hereinspaziert!“ hier aus WASFÜRMICH. Ich möchte herausfinden, wie unterschiedliche Menschen ihren Alltag meistern und welche Überlebenstricks und Rituale sie haben. Schließlich gibt es doch nichts Spannenderes als das ganz normale Leben!

Sebastian und ich setzen uns an den langen Tisch in der großen Wohnküche, Stephan macht uns einen Kaffee und stellt mir noch ein Glas Wasser hin. Am anderen Tischende steht eine große Etagere. Es liegen jede Menge frische Blumen darin. Sebastian bemerkt meinen Blick: „Wir dekorieren sie immer passend zur Jahreszeit!“, sagt er. Die Mädels flitzen durch die offene Terrassentür in den Garten. Von irgendwoher weht das leise Brummen eines Rasenmähers herüber. Alles hier fühlt sich warm an. Butterweiches Bilderbuchglück. Völlig unerwartet für die beiden Papas.

„Ganz ehrlich“, erzählt Sebastian, „als schwuler Mann hätte ich mir nie träumen lassen, dass ich mal so leben darf. Ich hatte es mir immer irgendwie gewünscht. Aber vorstellen, dass es wirklich möglich sein könnte, das konnte ich nie.“ Er lehnt sich zurück, verschränkt die Arme hinter seinem Nacken. Er lächelt. Die ganze Zeit über. „Dass ich Papa sein darf, das hat meine Prioritäten und Perspektiven schlagartig geändert.“ Er verrät mir, dass die beiden Mädchen adoptiert sind, dass das aber überhaupt keine Rolle spiele. „Wir fühlen uns wie eine ganz normale Familie!“ Er streckt sich und schaut lächelnd aus dem Fenster zu seinen Töchtern, die draußen durch den Garten toben. „Beschreibt doch mal einen ganz normalen Wochentag bei euch…!“, sage ich.

„Wir stehen im besten Fall zwischen 6.30 und 7.00 Uhr auf“, erzählt Sebastian. „Ich immer als erster. Watzmann rennt vor mir her in die Küche. Ich füttere die Kaffeemaschine – und den Hund. Dann bereite ich die Brotdosen für die Mädels vor, mache leise Musik an, am liebsten Stacey Kent, gehe ins Bad und mache mich fertig. Manchmal sind die Mädchen schon wach, dann helfe ich ihnen beim Anziehen, putze ihnen die Zähne und mache ihnen Frühstück. Ich mag es überhaupt nicht, wenn es morgens hektisch wird…!“

Sebastian grinst: „Wird es aber leider doch öfter. Dabei möchte ich morgens unbedingt kurz mit den Mädchen über unsere Pläne für den Tag sprechen. Stephan ist dann schon auf dem Weg zur Arbeit. Die Mädels haben ihm in der Tür zehn Mal nachgerufen, dass er auf sich aufpassen soll. Und bloß nicht in den Stau kommen. Nach dem Frühstück bringe ich die Kinder in die Kita. Ich arbeite dann den Vormittag über von zuhause aus. Das ist dank Corona wirklich entspannter geworden bei mir. Seither habe ich viel mehr Zeit für die Mädchen. Nachmittags holen Stephan oder ich die Kinder ab. Manchmal haben wir Termine, manchmal verbringen wir die Zeit einfach gemeinsam zuhause. Abends gibt es Brot, oder etwas Warmes, je nachdem wie viel Zeit ist. Eigentlich koche ich gern. Wenn es entspannt zugeht, ist das sogar meine Me-Time. Ich mag es, wenn die Mädels mir beim Schnippeln helfen. Egal was es gibt, beim Essen erzählt ganz unbedingt von seinem Tag, was er so gemacht hat, was gut und was blöd war.“

Stephan übernimmt: „Ich mache die Mädels meist nach dem Abendbrot bettfertig und lese vor. Zum Gute-Nacht-sagen kommt Sebastian aber dazu, der krault beiden den Rücken zum Einschlafen. Danach ist Elternzeit auf dem Sofa.“ Jetzt muss ich lächeln, weil das einfach so schön harmonisch klingt. „Habt ihr beide feste Aufgaben im Haushalt?“, frage ich. Stephan nickt. „Sebastian kümmert sich ums Essen, die Wäsche und den Bürokram. Ich mich ums Einkaufen, Reparaturen und den Garten.“ „Kommt denn auch was zu kurz?“, möchte ich wissen. Die beiden schauen sich an. „Sport vielleicht“, überlegt Sebastian. „Und noch mehr Momente der Achtsamkeit. Irgendwie kommt doch immer irgendwas zu kurz. Man muss alles ständig neu ausbalancieren, glaube ich.“ Ein fragender Blick, ein zustimmendes Lächeln. Es kommt mir vor, als packe die Dankbarkeit für dieses schöne, ganz normale Leben alle Alltagssorgen der beiden und jeden Funken Gernervtsein in buntes Seidenpapier. Das überraschende Glück raschelt die ganze Zeit über urgemütlich. Alles gut gepolstert.

„Nervt dich denn auch mal was?“, möchte ich jetzt aber echt von Sebastian wissen. Der nickt. „Stress am Morgen. Schlimmstenfalls mit Tränen!“ Stephan stellt einen zweiten Kaffee vor mich auf den Tisch. Mit Hafermilchherz. Ob es was gibt, was den beiden Angst mache, möchte ich wissen. Sebastian antwortet ohne Nachzudenken: „Ja, Angst machen mir Momente, in denen ich erkennen muss, dass andere Momente an mir vorbeigerast sind und ich sie nicht mehr einfangen kann.“ Plötzlich ist es ganz still. Nur von draußen drängelt sich leises Kindergeschrei durch die offene Terrassentür.

„Und was machst du, wenn dein Kind wütend ist?“, möchte ich noch wissen. „Es wütend sein lassen“, antwortet Sebastian lächelnd. „Und wenn du wütend bist?“ „Dann schimpfe ich.“ „Und was machst du, wenn dir alles zu viel wird?“ „Dann lege ich mich schlafen.“ Bauchgefühl und Rituale – das scheint hier das Familiengeheimnis zu sein. Denn hier mit Sebastian und Stephan in der Küche, bei Kaffee und Sonnenlichtflecken auf dem Tisch fühlt sich alles in Sachen Familie plötzlich ganz leicht an. Und vielleicht ist es das in den meisten Fällen ja sogar auch. Eins fällt mir zum Schluss noch ein: „Aber sagt mal, was bitte macht ihr, damit eure Kinder aufräumen?“, will ich wissen. „Wir haben das große Glück, dass unsere beiden Töchter gern aufräumen und es auch schon echt gut können. Falls sie mal keine Lust haben, hilft der uralte Trick: Erst aufräumen, dann Fernsehen. Das klappt immer.“

Danke an Stephan und Sebastian für eure Offenheit!

Fotos: 1, 5: Axel Steinbach, Rest: privat

Eine schöne, sonnige Restwoche,

Claudi