Eine ruhige Straße in Berlin-Pankow. Jede Menge Lindenbäume auf beiden Seiten, in denen es summt. Hinter einer lindgrünen Tür in einem geklinkerten Mehrfamilienhaus wohnen Katrin, 44 Jahre, und ihr kleiner Sohn. Er versteckt sich hinter ihrem Bein, als sie mir die Tür öffnet. Sie lacht, ein fröhliches Grübchenlächeln übers ganze Gesicht. „Komm rein“, sagt sie zu mir. Und zu ihrem Sohn, der sich an ihrem Bein festkrallt: „Wenn du weiter ziehst, stehe ich gleich ohne Hose da…“

Im Flur hängen eine kleine Regenjacke und eine große. Darüber Bilder von Katrin im Urlaub in Afrika. Und Bilder von Katrin mit Babybauch. Einen Mann gibt es nicht, außer den Dreijährigen, der Katrins Bein nicht loslässt, während sie mir einen Milchkaffee, eine Rhabarberschorle und ein Stück Nuss-Schokokuchen serviert. Ihre Spezialität. Katrin rockt alles allein – sogar das Kinderkriegen. Ihr Sohn wurde per Samenspende gezeugt.

Katrin spricht da ganz offen drüber. „Ich möchte andere Frauen, die sich von Herzen ein Kind wünschen, denen aber der passende Partner fehlt, für diesen Weg motivieren.“ Katrin erklärt mir, dass sich viele Frauen wie sie heute „Single Mom by Choice“ nennen und dass sie es toll findet, dass viele da viel selbstbewusster mit umgehen, als noch vor ein paar Jahren. Katrin gibt aber auch zu: „So ganz by choice war das hier bei mir ehrlich gesagt nicht.“ 

Katrin wirkt nicht wütend deswegen, kein bisschen. Sie lächelt, während sie mir erzählt, dass sie immer vom klassischen Familienmodell geträumt habe. Aber die Jahre gingen dahin, Katrin wurde 30, Katrin wurde 35, Katrin wurde 40.  „Aber verdammt noch mal“, meint sie schulterzuckend, „der Prinz auf seinem Schimmel ließ immer noch auf sich warten und sämtliche Frösche, die ich küsste, verwandelten sich am nächsten Tag leider nicht in meinen Traummann. Ich wurde richtig verzweifelt. Ich habe immer viel gearbeitet, wesentlich mehr als alle meine Freundinnen, und während eine nach der anderen sesshaft wurden und Familien gründeten, war ich bald auf jedem Geburtstag, Gartenfest, Hochzeit die einzige Single-Frau. Und ganz bald die einzige Nicht-Mama. Irgendwann saß ich heulend bei meiner Frauenärztin und sie meinte „Warum bekommen Sie nicht einfach alleine ein Kind?“

Katrin hat sich die Entscheidung nicht leicht gemacht.  Ein Kind legt man sich ja nicht mal einfach zu wie neue Balkonmöbel. „Ich habe angefangen mich zu erkundigen und herausgefunden, dass diese Sache tatsächlich möglich ist – auch wenn das in Deutschland immer noch eher ungewöhnlich und nicht ganz einfach umzusetzen ist. Es war mein Licht am Horizont. Es dauerte fast 1,5 Jahre, bis ich tatsächlich mit der Kinderwunschbehandlung startete – und ich bin überglücklich, dass es tatsächlich geklappt hat!“ (Übrigens: Seit einigen Wochen ist diese Form der Kinderwunschbehandlung in Deutschland sehr viel einfacher geworden. Bald lest ihr hier mehr darüber!).

BÄHM – und dann war Katrin schwanger. Ausnahmslos alle in ihrem Umfeld haben positiv reagiert.  Kommentare wie „das ist aber ganz schön egoistisch, ganz allein ein Kind zu bekommen“ kennt Katrin nur von den seltenen TV-Berichten und Onlinegeschichten zu diesem Thema. Und aus ihrem Kopf. „Denn natürlich habe ich mir selbst diese Frage ständig gestellt: Halte ich meinem Kind einen Papa vor? Wird mein Kind mir das irgendwann vorwerfen?“

Katrin beruhigt sich mit dem für sie allerbesten Argument für diesen Weg: „Ich habe mir diesen tollen Jungen so sehr und von ganzem Herzen gewünscht. So sehr, dass ich dafür sogar ungewöhnliche Wege gegangen bin. Und ich habe so viel zu geben, so viel Liebe, so viele Werte. Ich habe die Möglichkeit ihm die Welt zu zeigen und ihm ein fantastisches Leben zu ermöglichen. Das empfinde ich nicht als egoistisch.“ Der kleine Junge kuschelt sein Gesicht in Katrins Schoß. Sie kitzelt ihn sanft am Bauch. Er kichert.

„Na klar würde ich meinen Sohn super gern mit einem Vater aufwachsen sehen und es schmerzt mich, wenn er in einem Spiel Papas erwähnt und nach seinem Papa fragt. Aber wäre wirklich alles gut, nur weil er einen Papa hätte? Die Scheidungsraten zeigen, dass das Konzept Ehe und Familie längst nicht mehr so verlässlich ist, wie es vielleicht mal war. Und ich persönlich finde es viel schlimmer, wenn Kinder nach der Trennung ihrer Eltern nie wieder vom Vater hören, obwohl er in der Nähe wohnt. Diese Kinder tun mir von Herzen leid.“

Natürlich möchte ich wissen, ob Katrin da ganz offen mit ihrem Sohn drüber spricht. „Na klar!“, sagt sie. „Total offen.“  Sie erzählt mir, dass es inzwischen liebevoll gestaltete Aufklärungsbücher für Spenderkinder gibt, in denen kindgerecht erklärt wird, dass
Mama sich eben so, so sehr ein Kind gewünscht habe, aber keinen Mann hatte, der ihr dabei helfen konnte. Und dann ist sie zu einem Arzt gegangen, der hat einen netten Mann um Hilfe gebeten und so konnte Mama sich ihren Wunsch erfüllen.  So einfach kann das sein. „Ich habe das Buch mit meinem Sohn vor etwa zwei Monaten das erste Mal intensiv angeschaut, weil er gezielt nach seinem Vater gefragt hat. Für ihn war das dann total okay. Wann immer er auch in Zukunft nach seinem Papa fragen wird, werde ich sehr offen mit ihm darüber reden. Er soll nie das Gefühl haben, dass seine Entstehung irgendwie komisch gewesen sei oder man darüber nicht reden könne. Das ist auch der Hauptgrund, warum ich auch in meinem Umfeld keinen Hehl daraus mache.“

Einfach erklären kann man die ganze Spendergeschichte – einfach ist es aber natürlich nicht immer.  „Am anstrengsten finde ich es, wirklich rund um die Uhr alleine die Verantwortung zu tragen. Das hat mich am extrem an meine Grenzen gebracht. Da gibt es ein Problem und du rutscht mit deinen Gedanken die Abwärtsspirale runter, alles scheint unlösbar und es ist niemand da, der dich beim Rutschen stoppt. Es gibt keinen Partner, der die eigenen Ängste mal relativiert. Als mein Sohn die ersten Male 40 Grad Fieber hatte, war ich wirklich extrem verunsichert. Ab wann wird’s gefährlich? Welche Medikamente brauche ich? Was kann ich sonst noch tun? Soll ich den Notarzt rufen?“

Ansonsten fehlen Katrin einfach Erholungspausen. „Bei Zwei-Eltern-Familien und selbst bei getrennten Eltern gibt’s – meist – eine Aufteilung der Kinderbetreuung, und auch wenn das viele nicht merken: mal NICHT die Verantwortung zu haben, entspannt. Abgesehen davon, dass man mal was für sich machen kann. Ich habe dagegen meist nur die Zeit zwischen 22 und 0 Uhr exklusiv für mich. Mein Sohn schläft super spät ein –  und ansonsten sind wir eben permanent zusammen.“

Wie Katrin und ihr Sohn im Alltag leben? So: „An normalen Wochentagen stehe ich um 6.15 Uhr auf, mache mich fertig, wecke zwischendurch den Krümel und wir gehen um 7.15 Uhr zur Kita. Aktuell gehe ich dann ins Home Office, ich arbeite aktuell sechs Stunden (75% Kurzarbeit) und erledige nebenbei den Haushalt. Zwischen 16.15 und 16.30h laufe ich zur Kita und erledige auf Weg die Einkäufe, wenn was ansteht.. Nach der Kita laufen wir nach Hause, spielen was zusammen oder gehen auf den Spielplatz oder ein Eis essen.  Der Kleine ist aber oft auch total kaputt und macht es sich dann lieber zuhause mit mir gemütlich. Gegen 18.30 Uhr essen wir Abendbrot. Meistens Brot mit Aufstrichen und Aufschnitt, Berge von Gurken und Paprika sowie ein bisschen Obst. Dann wird noch ein bisschen gespielt, danach Zähne putzen, Schlafanzug, Sandmännchen und Bett für den Kleinen. Ich räume noch ein bisschen auf und setze mich wieder an den Computer. Gegen Mitternacht falle ich total erschöpft ins Bett. Vorher versuche ich ich immer, noch einmal kurz was für mich zu machen. Also zu meditieren, ein paar Seiten zu lesen, oder ähnliches. Aber das klappt nicht immer… An den Wochenenden besuchen wir gern meine Eltern oder treffen uns mit Freunden.“

Was Katrin derzeit am meisten nervt? Allgemeine kleine Elternprobleme. „Wenn mein Sohn absichtlich etwas hinschmeißt und schaut, wie ich darauf reagiere.“ Und ganz große Sachen: „Dass ich als Alleinerziehende in Steuerklasse 2 stecke, ein Hauptverdiener mit
Hausfrau oder Teilzeit arbeitender Gattin aber in Steuerklasse 3. Er zahlt somit bei identischem Einkommen 3.500 Euro weniger Steuern. Das ist einfach unfassbar ungerecht und nervt mich unfassbar.“

Immer wenn Katrin nicht mehr kann, wenn sie unfassbar müde ist und ihr für einen kleinen Moment alles zu viel ist, weint sie. „Heulen ist eine kleine Therapie“, gibt sie zu. „Ich hab in den letzten drei Jahren seit der Geburt meines Sohnes bestimmt einen
mittelgroßen See zusammengeheult. Aus Liebe, aus Angst, aus Wut, aus Verzweiflung. Oft aus Verzweiflung. Aber auch aus lauter Glück. “

Einen Moment lang ist es ganz still im Raum. Dann springt Katrin auf und macht mir noch einen Kaffee. Meckern und jammern bringen schließlich nichts. Anpacken schon! Sie hat neben ihrem Vollzeitjob daher gemeinsam mit Hanna Schiller eine Online-Plattform für Solo-Mamas gegründet. Auf Solomamawege.de möchten die beiden Frauen ohne Partner, aber mit Kinderwunsch, auf ihrem Weg unterstützen und begleiten. „Wir stellen gern alle notwendigen Infos und Tipps zur Verfügung stellen. Wir hoffen, den Frauen damit die wochen-, wenn nicht monatelange Recherche, die wir auf uns genommen haben, ersparen zu können. Wir bauen die Webseite gerade erst auf – aber alle, die sich für unseren Newsletter anmelden, erhalten sofort einen 28-seitigen Schnellstarter-Guide.“

Leicht gefallen, sich vom angeblich perfekten, klassischen Familienmodell zu verabschieden, ist es Katrin übrigens nicht. HIER hat sie schon mal ausführlicher darüber geschrieben. „Ganz ehrlich, ich hätte mir nie vorstellen können, so zu leben. Ich wollte einen Mann, zwei Kinder, ein Haus und Kinderärztin werden. Ich habe keinen Mann, ein Kind, kein Haus und bin Medienfuzzi….. Das macht aber nichts, denn ich finde es trotzdem toll! Die Bindung zwischen meinem Sohn und mir ist so innig und wir lieben uns so abgöttisch, dass ich mir wirklich überhaupt nie Gedanken darum mache, wie es gewesen wäre, wenn es „normal“ gelaufen wäre.

Ob Katrin bei Tinder ist, traue ich mich zum Schluss noch zu fragen. Jetzt lacht sie richtig laut. Kleine, blitzende Lachtränen lacht sie. „Du, also dafür habe ich jetzt echt überhaupt keine Zeit!“

PS. Wenn du selbst Single bist und gern Mutter werden möchtest, melde dich bei Katrin über ihre Seite Solomamawege oder ihren gleichnamigen Instagram-Account.

Ganz herzlichen Dank für deine Offenheit, Katrin!

Eine schöne Woche für uns alle,

Claudi