Manchmal reicht ein Moment, um mich rückwärts durch mein Leben zu katapultieren. Es war im Sommerurlaub, die Sonne schien norddeutsch verhalten, die Kinder gingen im Sand steil. Auf Föhr stört das die wenigsten, hier gehören Familien hin wie die Halligen am Horizont. Allerdings lag mitten in der Tobezone dieses Mädchen, vielleicht zwölf Jahre alt. Oha, dachte ich. Ob so ein Beinahe-Teen auch Verständnis für Matsch-Schlachten hat? Doch sie war komplett vertieft in das vor ihr aufgeschlagene Buch. Kein Triumphgeheul, keine vorbeifliegende Schaufel konnte sie dazu bewegen, auch nur den Blick zu heben. Und plötzlich traf mich die Erkenntnis: dieses Mädchen war ich, vor gut und gern 30 Jahren. Eine Weltenwanderin auf den unzähligen Seiten meiner Bücher…

Lesen ist ein Geschenk: Dieses absolute Eintauchen in ein anderes Leben, das nicht unseres ist. Stunden-, manchmal nächtelang. Gerade jetzt, wo uns nur das Kopfkino bleibt, sind Bücher der beste Traumstoff. Ich bin heilfroh, dass in diesem Lockdown zumindest die Bücherhallen offengeblieben sind – und meine Lieblingsbuchhandlung die bestellten Exemplare durch die Ladentür verkauft. Ein neues Buch hat immer etwas Verheißungsvolles.

Bis heute liebe ich den Geruch, das Gefühl des Einbandes, den Anblick eines tollen Covers. Ich horte Bücher, weil ich sie einfach gern um mich habe: im Regal, in wackeligen Stapeln auf dem Nachttisch oder neben der Couch. Wenn mich ein Buch packt, kann ich überall lesen. Schließe ich mich sogar mal kurz auf dem Klo ein, um zwischen Mittag und Mathe ein Kapitel zu schaffen. Dann tauche ich ab.

Die Liebe, die einem das Herz zerreißt

Dabei hab ich mich gerade mal wieder so richtig verknallt. Ins Verlieben selbst, und nicht in irgendeins, sondern das erste, heftige Mal, an das wir uns noch erinnern können, wenn wir unsere Enkel auf dem Schoß schaukeln. Normal People, die Coming-of-Age-Geschichte von Marianne und Connell, hält sich nicht mit vielen Ausschmückungen auf, die Sprache ist klar und direkt und bohrt sich direkt in unser Inneres. Wie die beiden hadern, mit sich selbst und mit der Liebe, wie sie sich näherkommen, sich verletzen und sich doch so sehr brauchen. Ein bittersüßes Lesevergnügen, das mich einfach umgehauen hat. Wer am Ende der Lektüre am liebsten wieder von vorn beginnen möchte: Auf Amazon Prime läuft „Normal People“ als wirklich richtig toll in Szene gesetzte Serie. Lohnt mindestens genauso wie das Buch!

Tage in Cape May, ein Überraschungsgriff aus der Bücherhalle, hat mich ganz schön erröten lassen. Weil es ziemlich sexy ist. Und sehr explizit. Dabei lässt sich die Geschichte von Effie und Henry, die 1957 ihre Flitterwochen an der US-Ostküste verbringen, eher harmlos an: gehemmt und einander fremd tasten sie sich dort an ihr Leben als Paar heran. Doch dann treffen die beiden auf eine mondäne Gruppe reicher New Yorker – und mit voller Wucht prallen die Prüderie der 50er- auf den Geist sexuellen Aufbruchs der heraufziehenden 60er-Jahre. Sprachlich, vom Setting und Story her wie ein süffiger Wein an Spätsommerabenden. Macht Laune aufs Unvernünftigsein – und rüttelt einen dann ziemlich unsanft durch.

Noch so ein kleiner, großer Geheimtipp ist das Buch „Dad“. „Ist das autobiografisch?“, fragte mich mein Vater, nachdem ich es ihm geliehen hatte. „So eine Geschichte kann man sich doch nicht nur ausdenken!“ Doch, das geht. Das Debüt der Stern-Redakteurin Nora Gantenbrink bedient sich zwar an biografischen Eckdaten, aber ihr fabulierfantastischer Roman über eine Vater-Tochter-Beziehung ist doch Fiktion. Ich mochte vieles an diesem schmalen Band: seine melancholische Stimmung, dass er in wiederkehrenden Episoden auf dem Hamburger Kiez spielt und allem voran die Geschichte, wie die Suche nach etwas anderem bei uns selbst enden kann. Hab ich an einem Abend weggelesen. Mehr davon!

Eine Familientragödie, die sich wie Thriller liest.

Mich hat ein Buch häufig beim ersten Satz. Der Roman „Was ich euch nicht erzählte“ von Celeste Ng (ihren Nachfolger „Kleine Feuer überall“ habe ich ebenfalls verschlungen) ist er wie ein unerwarteter Schlag ins Gesicht: „Lydia ist tot“, lautet er, und auf den folgenden 280 Seiten erfahren wir puzzlebruchstückhaft, warum die Tochter einer amerikanisch-chinesischen Familie eine ganz andere war, als ihre Eltern annahmen. Und die mir als Mutter sehr deutlich vor Augen geführt hat, wie sehr wir unsere Kinder davor bewahren müssen, ihnen unsere eigenen Vorstellungen und Ideale ungefragt überzustülpen. Weil das-Beste-wollen auch zum bitteren Gegenteil führen kann. Nicht ganz leicht zu verdauen, aber extrem lesenswert!

Ich gehe gern joggen. Frische Luft! Eine Stunde Me-Time! Sport-Endorphine! Klar, dass mich ein Roman über das Laufen neugierig gemacht hat. Die namenlose Protagonistin in „Laufen“ läuft allerdings aus purer Verzweiflung. Jeden Tag zwingt sie sich, dreht ihre Runden, durch den Park, entlang der Hamburger Alster. Sie läuft gegen Trauer, Wut und einen Verlust an, lässt im Rhythmus ihrer Schritte die Gedanken hämmern. Ihr innerer Monolog hat mich total gefesselt, wie aus dem wilden Kopfkarussell nach und nach eine ganze Lebensgeschichte wird. Und auch, wie sie mit jedem Schritt neuen Lebensmut fasst. Denn das ist es, was Sport bewirken kann: kleines Glück, selbst inmitten der größten Misere.

Wenn ich mich nicht in andere Leben träumen will, sondern in mein eigenes in naher Zukunft, greife ich zur „Wochenender“-Reihe. Denn wie wir alle lechze ich danach, bald wieder mehr als mein Wohnzimmer und den Weg zum Supermarkt zu sehen. „Das Reisebuch zum Runterkommen“ eignet sich perfekt für die riesengroße Vorfreude auf das, was nach dem Lockdown wiederkommen wird: Ausflüge! Entdeckungstouren! Kurztrips! HURRA!!

Vor allem Norddeutsche kommen bei den bislang sieben Bänden auf ihre Kosten: entlang der Küsten von Nord- und Ostsee oder der Elbe, an Seen und in Wäldern rund um Hamburg, stellen die Macher bezaubernde kleine Fluchten vor. Restaurants, Landschaften, Bed and Breakfasts, Hofläden und kleine Manufakturen – in tollen Bildern und Texten, die einen zum sofortigen Aufbruch verleiten. Die Tipps sind so ausgesucht schön, dass man sich fast wundert, warum die Autoren sie überhaupt verraten. Allesamt Sehnsuchtsorte! Der kommende Band acht blickt übrigens weiter gen Osten: lauter Perlen im wunderschönen Brandenburg.

Glücklicherweise sind auch alle meine Kinder büchervernarrt. Auch wenn sich das Schlafengehen wegen des Triple-Vorlesemarathons immer weiter nach hinten verschiebt: Ich liebe es, wenn sie gebannt an meinen Lippen hängen, von ihren Bücher-Helden träumen oder sie am nächsten Tag in ihren Fantasy-Spiele verweben. Was die Kinder gerade vorgelesen bekommen:

Ein echter Seelenstreichler!

Kleine Reetdachkaten, vor denen Stockrosen in den blau-weißen Himmel wachsen, sanfte Hügel und das flirrende Licht, das sich auf der Wasseroberfläche der Schlei bricht: Wäre „Sommerby“ ein realer Ort, ich würde dort auf der Stelle Urlaub machen. Mein Achtjähriger und ich lesen nach dem großen Harry-Potter-Finale gerade den zweiten Band von Kirsten Boies Sehnsuchtsbuch. Es hat diesen schönen Bullerbü-Effekt: ein wenig nostalgisch, mit überschaubaren Schwierigkeiten und Figuren, die man sich als Freunde für seine Kinder wünscht – eine nette Abwechslung zu Tod und Verderben unter Voldemorts Fuchtel. Größte Aufreger hier: Eine knurrige Oma mit Luftgewehr und ein fieser Makler. Und im September erscheint auch noch Band drei!

Meine Fünfjährige liebt die schnodderige Unbekümmertheit von Hedvig! – und ich auch. Wer Pippi als nonkonforme Heldin ein wenig über hat, liegt mit der Grundschülerin aus einem Kaff im schwedischen Nirgendwo absolut richtig. Ängartorp ist eher das Anti-Bullerbü: mit Hasch-rauchenden Nachbarn und kindlichen Streichen, die haarscharf an der Schmerzgrenze sind. Aber die Reihe ist so vergnüglich und unter der rauen Schale warmherzig, dass wir alle vier Bände hintereinander weg gelesen haben.

Das schönste Bilderbuch zu Ostern

Zwei Events gehen bei Kindern immer: Weihnachten und Ostern. In dem superlustigen Bilderbuch „Der Ostermann“, das mein knapp Dreijähriger liebt, kommt beides aufs herrlichste zusammen: Der Sohn vom Weihnachtsmann hat keinen Bock auf die Familiendynastie – und will zur frühlingsfrischen Konkurrenz. Die Kinder lieben Setting und Zeichnungen, wir Eltern die irrwitzigen Reime. Kein Wunder: Marc-Uwe Kling („Die Känguru-Chroniken“) tobt sich hier fabulierfreudig für die Kleinen aus. Große Vorleseliebe, auch nach dem 33 Mal!

Und das steht in den Startlöchern für meine nächsten Lesenächte: Warum legen sich Frauen immer noch so häufig gegenseitig Steine in den Weg? Wie man’s besser macht, haben die drei Autorinnen von „Team F – Feminismus einfach leben“ aufgeschrieben. Zwölf alltagstaugliche Impulse, wie wir Frauen uns gegenseitig mehr unterstützen und fördern können. Klingt superspannend!

Dolly Alderton macht nicht nur den tollen Podcast „The High Low“, sondern schreibt auch umwerfend unterhaltsame Bücher: Gerade ist „Gespenster“ erschienen, eine Thirtysomething-Geschichte über eine Single-Frau in London. Klingt laut Klappentext nach einem wunderbaren Wohlfühl-Crossover zwischen Sex and the City und britischen Hugh-Grant-Romanzen der 90er.

Ein wenig politischer wird’s bei Nino Haratschiwilis 750-Seiten-Wälzer „Die Katze und der General“ der den hierzulande wenig beachteten Tschetschenienkrieg zum Thema macht. Bitte keine Berührungsängste: die georgische Autorin hat schon in ihren vorherigen Büchern bewiesen, dass Geschichtsstunden über den früheren Ostblock extrem fesseln können.

Und was lest ihr gerade so?

Katia