Der Große trägt Trauer. Sitzt niedergeschlagen auf der Rückbank, lässt Mundwinkel und Schultern hängen. Seufzt. „Mama?“ „Ja, mein Schatz?“ „Ich will lieber bei Oma und Opa wohnen…“ „Und warum?“ „Weil ich sie so doll lieb habe – und schon jetzt vermisse…“ Ich sehe das Wasser in seinen Augen steigen – und mein Herz fließt über: Aus Mitgefühl. Und aus Freude darüber, dass er und alle meine Kinder so ein enges Verhältnis zu ihren Großeltern haben. Das ist ein Geschenk. Und zwar für uns alle…


Unsere Großeltern teilen sich in Alltags-Opa zuhause und Auszeit-Oma-und-Opa auf Föhr auf. So oft es geht, fahren wir alle fünf zu ihnen an die Nordsee. Und wirbeln ihr geordnetes Leben ziemlich durcheinander. Mein Neunjähriger hat die engste Bindung an die beiden: Seitdem er drei ist, besucht er sie regelmäßig allein – so wie jetzt gerade. Vor allem mein Schwiegervater ist sein Ein und Alles.

Sein Opa ist für ihn Fussball-Buddy, Ratgeber, Kuschelbär in einer Person.

Die beiden handwerkern gemeinsam, schauen samstags Sportschau, spielen zusammen Tennis. Opa liest ihm abends vor, auch wenn ihm die Charaktere aus dem „Harry Potter“-Universum selten fehlerfrei über die Zunge gehen. Darüber lachen sie sich dann beide schief. Er diskutiert mit ihm geduldig die Fußball-Tabelle rauf und runter. Legt ihm ungefragt die vierte Bratwurst auf den Teller. Und mein Großer dankt es ihm mit übersprudelnder Liebe. Er ist selten glücklicher als dort.

Meine beiden Jüngeren hängen dafür um so mehr an ihrer Oma. Nicht nur, weil sie ihnen jeden Tag Lieblingsessen aus der Liga Pfannkuchen/Milchreis/Nudeln serviert – und nachmittags selbst gebackene Kuchenknaller. Sondern weil sie sich ganz bewusst Zeit nimmt: Zum Spielen, Malen, Singen. Ich hab meist keine Zeit oder keine Lust oder beides – und bin nach fünf Minuten Spielzeit raus.

Aber Omas Playmobil-Landschaften sind ebenso ausgefeilt wie legendär, ihre Geduld beim Memory ebenfalls. Sie schenkt den Kindern ihre ganze Aufmerksamkeit, ausdauernd über Stunden. Und die spielen nie so vertieft und ausgiebig wie auf dem teppichgepolsterten Wohnzimmerfußboden auf Föhr. In der Oma-und-Opa-Welt sind immer alle ganz bei einer Sache.

Das Großeltern-Geheimnis ist ein simples: Sie nehmen sich nicht nur Zeit – sondern die Kinder, wie sie sind.

Und uns und unsere Erziehung ebenfalls. Was nicht selbstverständlich ist, weil: Ich glaube, meine Schwiegereltern haben vieles ganz anders gemacht als wir. Und ich bin mir sicher, dass sie viele unser innerfamiliären Trubel-Themen nicht nachvollziehen können. Aber: Verstecken und verstellen können wir uns bei unseren Zusammentreffen nicht. Meist leben wir mindestens eine Woche gemeinsam unter einem Dach. Und früher oder später kracht es immer – zwischen den Kindern, zwischen uns und den Kindern.

Um so mehr rechne ich ihnen an, dass sie sich niemals in unsere Streitigkeiten einmischen. Nie ungefragt Ratschläge erteilen oder uns stumm tadelnd zu verstehen geben, dass sie es besser machen würden. Sie lassen uns immer den Raum, setzen nur da Grenzen, wo sie für sie selbst wirklich wichtig sind. Davor ziehe ich jedes Mal meinen Hut. Gerade weil die Nerven meiner Schwiegereltern jetzt, mit über 70, auch keine Drahtseile mehr sind. Aber große Zuneigung lässt sich eben durch nichts so schnell erschüttern. Das gilt für alle Seiten. Was für ein Glück!

Mein Papa ist unser Alltags-Opa – und eine feste Säule darin.

Er kocht und knuddelt, sittet und spielt Karten, betreut Hausaufgaben und schult den Blick der Kinder für die Vogelwelt in seinem Garten. Ansonsten lässt er ihnen ziemlich freie Hand. Sein Haus ist ihr Abenteuerspielplatz, jedes Zimmer ein potenzieller Raum zum Toben, Entdecken, Experimentieren. Er ist mit ihnen so lässig wie ich gern sein würde: Gibt nur den groben Rahmen vor – und lässt sie einfach machen.

In unserem Miteinander merke ich oft, was für eine Helikopter-Mama ich eigentlich bin. Während ich schon dreimal „Pass auf, du fällst da gleich runter/das geht gleich kaputt!“, gebrüllt hätte, winkt er nur schicksalsergeben ab. „Es gibt Wichtigeres“, sagt er dann. Und ich merke, er hat so Recht: Was gibt es Wichtigeres als Kinder Kind sein zu lassen und sich ausprobieren, Grenzen zu testen, zu dehnen, zu überschreiten – und all das in einem geschützten Familienrahmen? Nicht nur meine Kinder profitieren von ihren Großeltern – sondern auch ich immer wieder von ihnen und ihren Erfahrungen.

Dann ist da noch die Sache mit dem Eis.

„Ich will zu Opa“, krähte der Jüngste mitten in die Oma-und-Opa-Vermissung des großen Bruders. Gemeint war der Alltags-Opa. „Und warum?“, fragte ich. „Weil ich eine Maus gucken will – und Schokoeis essen“, meinte er mit breitem Grinsen. Denn so wenig mein Papa ansonsten einem Opa-Klischee entsprechen mag: Das mit dem Enkel-Verwöhnprogramm nimmt er sehr ernst.

Da gibt es zur Begrüßung ein Mini-Magnum plus Fernseh-Flat – und als Nachtisch mindestens noch ein zweites Eis. Nicht nur ein offenes Haus – auch noch ein offener Kühlschrank. Ich gönne es ihnen von Herzen. Weil: So muss es mit Opas und Omas doch sein. Frei zu sein, all das zu tun, was Spaß macht. Im Überfluss nach dem Lustprinzip – und ohne Erziehungsauftrag von den Erwachsenen. Ganz Kind. Und mit ganz viel Liebe.

Und wie groß ist eurer Oma-und-Opa-Glück?

Alles Liebe,

Katia