Ich weiß, dass Multitasking eine fette Lüge ist. Und doch tue ich selten nur eine Sache zurzeit. Während ich Deutschaufgaben mit meinem großen Sohn löse, puzzle ich nebenbei mit dem kleinen, und Mist, wo in diesem Padlet steht bloß die Anleitung, wie meine Tochter die Eule für die Vorschule basteln soll? Finden meine Gedanken noch eine klitzekleine Lücke, planen sie im Eiltempo die nächsten Mahlzeiten – aah, einkaufen müsste ich auch mal wieder, hab ich schon Windeln aufgeschrieben? – und dieses ganze Tohuwabohu –  Oh f***, wer hat schon wieder sein Glas umgekippt und wer holt den Feudel?!! – ist doch eine Geschichte wert, wie wärs mit „Ich weiß, dass Multitasking eine fette Lüge ist.“ als Einstieg? Ihr wisst wovon ich spreche…

Wenn ich das hier aufschreibe, klingt es sogar ganz spaßig. Aber wenn ich ehrlich bin, hat es sich irgendwann Ende letztes Jahr nicht mehr so angefühlt. Im Gegenteil: Ich war dauernd auf 180, mit laut wummerndem Herzen, fahrig, unkonzentriert, reizbar und abends meist völlig erschlagen. Meine Sätze begannen häufig mit einem langgezogenen „Ähhh“, weil ich vergessen hatte, was ich eigentlich sagen wollte und meine Hände schon wieder drei To-Dos weiter waren als mein Kopf. Es war wie ein Knoten in Hirn und Herz, der sich jeden Tag ein wenig fester zog

Ich gestehe mir nur ungern ein, dass ich allein nicht weiterkomme.

Aber so war’s. Irgendwann gab ich einfach „Entspannung“ und „Anti-Stress-Kurs“ in die Suchmaske ein und landete bei einem MBSR-Training, Mindfulness-Based Stress Reduction, in etwa: Stressbewältigung durch Achtsamkeit. Achtsam klingt gut, dachte ich spontan. Ist man nicht achtsam, wenn man im Hier und Jetzt ist, ganz bei sich, und dabei so ein mildes Lächeln im Gesicht hat, egal, was gerade Phase ist? Das will ich auch können! Und ich buchte einen Kurs, acht Mal zweieinhalb Stunden plus einen Praxistag.

Überraschung: Natürlich ist es nicht so simpel. Achtsamkeit ist eines dieser Wörter, das sich klammheimlich in unseren Sprachgebrauch geschlichen hat: Wir wollen achtsam essen, erziehen, kommunizieren. Aber was genau dieses achtsam sein bedeutet, ist oft fantasievolles Halbwissen. Genau genommen meint Achtsamkeit „die Bewusstheit, die entsteht, wenn man auf eine bestimmte Art Aufmerksamkeit kultiviert: absichtsvoll, von Moment zu Moment und ohne zu urteilen“, wie ich in der ersten Trainings-Einheit erfahre.

Wie das konkret in der Praxis funktioniert? Probiert es aus, indem ihr euch eine Rosine schnappt und sie mit allen Sinnen wahrnehmt: wie genau sieht sie aus, wie fühlt sie sich unter euren Fingern an, wie riecht sie? Das alles in Slow Motion und nicht der üblichen Hetze, in der wir alle sonst meist unterwegs sind. Klingt eso? Ist es nicht! Sondern echt verrückt, auf eine gute Art, wie intensiv eine Sache ist, auf die man sich voll und ganz konzentriert, ohne Gedankenkarussell. Als ich die Rosine irgendwann im Mund hatte, nur spüren und tasten und schmecken, war das wie ein verdammt langer Zungenkuss. Kein Witz! Diese Empfindung hat mich komplett überrumpelt, weil etwas so Einfaches und Alltägliches wie essen ein absolut neues Erlebnis sein kann.

Einatmen – ausatmen – spüren

Tatsächlich trainiert sich Achtsamkeit am wirksamsten durch Körper-Übungen: Will ich den Kurs erfolgreich absolvieren, soll ich täglich eine angeleitete Körperreise machen, 45 Minuten lang still in jedes Körperteil spüren. Allein das ist eine echte Herausforderung, denn: Was könnte man in dieser Dreiviertelstunde nicht alles sonst so machen? Oder zumindest denken, planen, rekapitulieren, wenn man eh schon mal da liegt und nichts zu tun hat?

Doch genau darum geht es: nur das wahrnehmen, was gerade ist. Auch den Unmut, die Ungeduld, die Unruhe, die sich dabei unweigerlich einstellt. Ohne es reflexhaft verändern oder bewerten zu müssen. Und wenn ich das geschafft habe, ich nicht eingeschlafen, weggedriftet, entnervt aufgestanden bin, schließt sich noch eine 15-minütige Meditation an. Jeden Tag, acht Wochen in Folge. Keine Frage: Das muss man wirklich wollen.

Aber es tut sich was.

Denn all diese Lektionen im Spüren und Annehmen und geduldig Aushalten können, trainieren wie nebenbei eine Haltung, die ich im Alltag einnehmen kann. Ich realisiere immer häufiger, wenn meine Gedanken vorsprechen, mich mit einem Salto rückwärts ins Gestern katapultieren – nur mal wieder nicht bei mir und überhaupt bei der Sache sind. Dann fange ich meinen Kopf ganz bewusst wieder ein, denn je weniger Wirbelwinde durch mein Hirn toben, desto besser fühle ich mich.

Was mir besonders hilft, meinem quengelnden Kind ungeteilte Aufmerksamkeit zu schenken, während noch zwei andere an mir zerren? Ich versuche es zu akzeptieren. Nicht dagegen anzukämpfen, mich nicht nach einem besseren, schöneren, harmonischeren Moment zu sehnen. Denn je mehr ich dagegen angehe, desto ätzender wird es, wer kennt das nicht. Und es gab schon Situationen, wo sich alles plötzlich von selbst auflöste, ohne dass ich die verbale jetzt-reichts-aber-mal-Keule schwingen musste.

Überhaupt achte ich gerade darauf, wie ich mit anderen spreche. Denn achtsames Kommunizieren – auch ein neuer Impuls – bedeutet nicht mehr und nicht weniger, als dass man einfach nur zuhört, teilhat. Und zwar ohne das Gesagte oder Getane sofort zwingend zu analysieren, zu kommentieren, ungefragt Ratschläge zu erteilen. Das hilft mir enorm, vor allem mit den Kindern. Nicht jede Prinzessin-auf-der-Erbse-Aktion braucht einen Kommentar, nicht jede Provokation eine Erwiderung. „Einfach geschehen lassen“, ist schon seit Ewigkeiten der liebste Erziehungssatz meines Mannes. Jetzt verstehe ich ein wenig besser, was damit gemeint sein könnte.

Bevor ich mich jetzt voreilig zur Achtsamkeits-Königin kröne:

An einer Sache scheitere ich täglich mit Karacho. Und ich weiß ehrlich nicht, ob ich es jemals schaffe – nicht zu werten. Klar, ich kann wunderbar annehmen und freundlich wohlwollend betrachten, wenn alles störungsfrei rund läuft. Aber wertfrei hinnehmen, wenn meine Bücher zerfetzt werden oder meine Fünfjährige ihrem kleinen Bruder einen Pokal auf die Augenbraue zimmert, dass er eine Platzwunde hat? Da bin ich noch nicht.

Aber ich trainiere gerade, diesen Moment zwischen Reiz und Reaktion zu verlängern – eben nicht gleich impulsiv loszukrakeelen, sondern drei Mal tief durchatmen und dann mit minimalem Abstand zu reagieren. Meistens mecker ich trotzdem, aber vielleicht weniger stürmisch als sonst. Außerdem versuche ich gerade herauszufinden, welche Situationen mich immer wieder aufs Neue stressen. Und welche Gedanken als Verstärker dabei eine Rolle spielen. Es ist ziemlich spannend, in welch wiederkehrenden Mustern man sich unbewusst bewegt. Und sich dabei häufig selbst ein Bein stellt.

Meine wichtigste Erkenntnis ist, dass ich häufiger von meinen Vorstellungen und Plänen abrücke, wie mein Alltag, meine Familie, wie ich zu sein habe. Platz zu machen für das Leben, das eben jetzt gerade ist, auch wenn es anders kommt als erhofft. Nicht streng und strikt, sondern offen und neugierig zu sein. Das erleichtert mich. Nimmt Druck raus. Und allein das reicht jetzt schon aus, um den Knoten zu lockern.

Was wichtig ist, wenn ihr euch auch für einen solchen Kurs interessiert: Achtet am besten darauf, dass die Trainerin zertifiziert ist. Meine ist Mitglied im Verband der Achtsamkeitslehrenden MBSR-MBCT. Ich bin über die Seite meiner Krankenkasse auf sie gestoßen, die zahlt einen Zuschuss. Stellt euch vorab selbst die Frage, ob ihr die tägliche Zeit von rund einer Stunde MBSR-Praxis aufwenden wollt und könnt.

Wer sich unverbindlich informieren will, kann das hier tun. Tolle Impulse und Themen rund um das Thema Achtsamkeit verhandelt außerdem mein derzeitiger Lieblings-Podcast Verstehen, fühlen, glücklich sein. Unbedingt mal reinhören, ich hab bei jeder Folge mindestens ein Aha-Erlebnis!

Und wie kommt ihr runter?

Katia