Nichts ist sicher dieser Tage: Draußen in der Welt nicht, bei uns zuhause auch nicht. In einem Moment schaue ich aus dem Fenster, sehe meinen vier Kindern zu, wie sie hintereinander über die Wiese sausen und denke „Hach!“. Nur einen Moment später sausen Schreie und Stöcker. Manchmal sogar ein Kind. Dann weiß ich: Bullerbü ist beendet, der Krieg beginnt. Und dann stehen sie auch schon bei mir im Zimmer. Und manchmal, ja manchmal, ich gebe es zu, brülle ich dann am lautesten…

Jepp, meine Kinder taumeln permanent hin und her zwischen „Allerbeste Freunde“ und „Ich hasse dich!“ Ist sonst auch so, zur Zeit ist es aber besonders intensiv. Kein Wunder, schließlich verbringen wir gerade 24 Stunden miteinander, sieben Tage in der Woche. Als die Streitereien letztens mal wieder besonders heftig wurden, habe ich nicht bloß an mich, sondern auch an euch gedacht, mir mein Handy geschnappt, eine Expertin angerufen und ihr ein paar Fragen gestellt. Bloß für den Fall, dass es bei euch ab und zu ähnlich ist…

Meine Expertin ist Johanna Graf, Diplom-Psychologin und Psychologische Psychotherapeutin. Johann Graf lebt mit Mann und drei Kindern in München. Sie ist unter anderem Gründerin des Elterntrainings FamilienTeam   und des dazugehörigen Institut zur Stärkung der Erziehungskompetenz. Johanna Graf bietet dort Kurse und Seminare an, um Eltern, Erzieher und Lehrer in ihrer Erziehungsarbeit zu unterstützen. Ich habe sie nach ganz konkreten Tipps gefragt – und sie hat tatsächlich welche!

WASFÜRMICH: Ich habe das Gefühl, meine vier waren noch nie so froh sich zu haben, haben aber auch noch nie so viel miteinander gestritten. Kann so eine intensive Zeit wie die Corona-Krise die Geschwisterbeziehung verändern?
Johanna Graf: Das Tollste vorweg: In jeder Krise stecken Chancen! Durch das Wegfallen aller Außer-Haus-Aktivitäten (Schule, Vereine, Freunde, Musikunterricht…) entstehen viele Zeitfenster, die es vorher nicht gab. Diese können dazu führen, dass sich alle unheimlich auf den Geist gehen und sich an die Gurgel springen oder aber, dass alle ganz entspannt aufeinander zugehen, neue Gemeinsamkeiten entdecken, miteinander Quatsch machen, Spaß haben und intensive Gespräche führen, je nach Alter natürlich. Das kann Beziehungen auf eine ganz andere Spur bringen und eine unvergessliche Zeit bleiben. Es kann aber auch sein, dass sich Zwistigkeiten oder Rivalitäten intensivieren.

WASFÜRMICH: Was kann ich gegen Geschwister-Zoff tun, wenn doch alle gerade wahnsinnig viel Zeit miteinander verbringen müssen?
Johanna Graf: Das permanente Aufeinanderhängen kann wirklich ein Problem sein, insbesondere, wenn nicht viel Platz da ist. Eine Luxussituation ist es, wenn jedes Kind ein eigenes Zimmer hat, in das es sich zurückziehen kann und wo es bestimmen darf. In vielen Familien teilen sich zwei oder mehr Kinder ein Zimmer, hier heißt es möglichst viel entzerren, aufteilen. Und klare Absprachen treffen. Als Beispiel: Papa kann mit Tim draußen eine Runde Sport machen, Mama bleibt mit Finn daheim und bastelt. Jeder, übrigens auch die Eltern, braucht Zeit für sich. Das könnte beispielsweise sein: Eine Runde allein spazieren gehen, eine Runde allein mit dem Fahhrad um den Block fahren, allein ein Bad nehmen oder mal eine halbe Stunde allein im Schlafzimmer lesen.

WASFÜRMICH: Und wie verhalte ich mich richtig, wenn sie dann streiten? Ich raste ja manchmal leider so richtig aus. Das ist wahrscheinlich völlig falsch, oder?
Johanna Graf: Keine Sorge, damit sind Sie nicht allein. Jeder rastet mal aus, das ist menschlich. Die Frage ist, was könnte ich sonst tun? Im Optimalfall bleibt man ruhig und gelassen. Wie das ganz konkret klappen kann? Mit dem „Pausenknopf“! Wie beim Streamen. Sprich: Wenn die Kids streiten, halte ich erst mal inne, bevor ich irgendetwas tue. Vielleicht atme ich dabei tief ein und aus. Dann denke ich los…

1. Zuerst denke ich mal an mich. Ich lasse in meinem Kopf all meine Gefühle zu. All die: Puh-schon-wieders! Und die „Muss-das-seins. Und die: Können-die-nicht-mals. All das, was ich sonst rausbrüllen würde, denke ich leise.

2. Dann überlege ich kurz: Was ist gerade das Wichtigste? Muss ich dringend etwas fertig machen? Verbrennt gleich das Essen? Oder habe ich kurz Zeit, mich mit den Kindern zu befassen? Von dieser Entscheidung hängt ab, was ich mache…

A: Ich habe gerade keine Zeit.
– Ich versuche trotzdem ruhig zu bleiben.
– Ich erkläre kurz, warum ich gerade leider nicht helfen kann.
– Ich schlage eventuell eine räumliche Trennung vor (oft hört der Streit dann auf).
– Ich biete an, später über die Situation zu sprechen.

B: Ich habe gerade kurz Zeit. Dann sollte ich die Gelegenheit ergreifen, meinen Kindern eine Streitkultur an die Hand zu geben. Damit lernen sie nämlich mit meiner Hilfe wichtige Konfliktlösekompetenzen.
– In diesem Fall hole ich noch einmal tief Luft, bleibe ruhig und konzentriere mich darauf, meinen Kindern jetzt zu helfen. Und ihnen ein Selbstschutzprogramm fürs Leben beizubringen.
– Zunächst gehe ich bei körperlichen Auseinandersetzungen dazwischen und trenne die beiden Streiter. Am besten setze ich mich danach mit ihnen im Dreieck hin, so dass ich beiden gleich nah bin.
– Dann erkläre ich, dass die Situation tatsächlich schwierig für beide ist. Dass es okay ist, dass sie wütend sind. Im besten Fall fasse ich die Gefühle für die Kinder in Worte, so dass sie nicken können oder eventuell noch etwas ergänzen. Alle Gefühle sind erlaubt und nützlich.
– Dann wird gemeinsam herausgearbeitet, was jeder will. Dabei werden die ganzen „Er-hat!“ und „Sie-hat!“ und „Nein-sie-hat-aber-zuerst!“ und „Stimmt-gar-nicht!“ gestoppt. Stattdessen versuche ich als Erwachsener auszudrücken, was jedes Kind will.
– Im besten Fall haben sich die Gemüter nun ein bisschen beruhigt. Dann hilft es, das Problem nochmal auf den Punkt zu bringen: „Okay, du willst das“ und „Und du willst das.“ Wenn beide nicken, geht’s an die Problemlösung. Ich frage: Wie könnten wir das Problem lösen? Welche Ideen fallen uns ein?
– Wichtig: Alle Ideen ernst nehmen, auf keinen Fall negativ bewerten. Dass die Kinder überhaupt Vorschläge machen, ist wertvoll. Am Schluss wird eine Idee ausgewählt, mit der beide leben können.

Klingt das zu kompliziert? Keine Sorge, das ist bloß die ersten Male so. Es lohnt auf jeden Fall, sich dafür immer mal wieder ein wenig Zeit zu nehmen, denn die Kinder verinnerlichen diese Abfolge und können ihre Konflikte bald ohne Unterstützung lösen.

WASFÜRMICH: Nach dem Streit: Sollte man Kinder lieber eine Weile trennen (jeder geht vielleicht in sein Zimmer) – oder gemeinsam ein Spiel spielen?
Johanna Graf: Auch hier würde ich wieder sagen: Es kommt darauf an. Manche brauchen Zeit für sich, um runterzukommen und wieder Kraft zu schöpfen, andere brauchen gerade nach dem Streit die Gemeinsamkeit. Das kann man schon mit sehr kleinen Kindern besprechen, was ihnen jetzt gut tun würde.

WASFÜRMICH: Kann ich Geschwisterstreit eigentlich vorbeugen?
Johanna Graf: Auf jeden Fall. Hier gibt es sehr viele Möglichkeiten, viele davon sind auch in meinem Buch „FamilienTeam – Das Miteinander stärken“ beschrieben. Die wichtigste Regel: Alle Kinder brauchen die Gelegenheit, bei Mama/Papa gut aufzutanken. Damit sie nicht den Eindruck bekommen, dass Mama/Papa bloß kommen, wenn sie streiten.

Das bedeutet: Es ist immens wichtig, auch mal mit jedem Kind einzeln Zeit verbringen. Liebe trinken. Das muss kein riesiger Ausflug sein, sogar gemeinsam aufräumen kann schön sein.

Auch gut: Einfach mal beim gemeinsamen Spiel dabei sein. Ich kann dabei einen Kaffee trinken oder Wäsche zusammen legen. Und ich greife ein, bevor es zum Streit kommt. Zum Beispiel: „Du möchtest die Puppe? Dann frag deine Schwester, ob du sie ausleihen darfst!“ Oder: „Du ärgerst dich über dies und das? Dann sag deinem Bruder, was dich stört und was genau du dir wünscht. Schon Kinder sollten lernen, die Dinge positiv zu formulieren: Also: „Ich wünsche mir, dass du mich jetzt beim Lesen in Ruhe lässt.“ Statt: „Hör auf mich immer zu nerven!“ Auf diese Weise lernen die Kinder, wie Sie mit schwierigen Situationen umgehen können.

Sie lernen so, auf sozial verträgliche Art und Weise miteinander umzugehen, wie man Fragen, Bitten und Wünsche formuliert und Kompromisse finden. Das können schon sehr kleine Kinder lernen. Aber selbst Jugendliche brauchen hierbei oft noch Hilfe.

Wir sollten uns bewusst machen: Diese Dinge lernen Kinder in der Regel weder in der KiTa, noch in der Schule. Die Familie ist der Ort, wo sie diese Kompetenzen gerlent werden müssen. Und sie lernen sie nicht, wenn sie beim Streiten immer sich selbst überlassen sind, da setzt sich der Stärkere durch. Sie brauchen dafür die Anleitung, also das Coaching durch die Eltern. Anfangs ist das zeitintensiv – und ganz sicher ist die Zeit für ein Coaching nicht jedes Mal da. Aber ab und zu lohnt es sich zu investieren, denn mit der Zeit erwerben die Kinder die Kompetenz und spielen besser miteinander. Und sie kommen später mit ihren Freunden, Partnern und Kollegen besser aus. Das ist in der Forschung mittlerweile gut belegt. Natürlich später auch mit uns, ihren alternden Eltern. Mit meinen Tipps betreiben wir also quasi unsere ganz persönliche emotionale Rentenvorsorge.

Herzlichen Dank für die Tipps, Frau Graf.

Eine schöne Woche, trotz allem,

Claudi