Ich schaue aus dem Fenster, sehe wie die dicken Knospen an unserem Kirschbaum hängen, noch sind sie geschlossen, doch in wenigen Wochen werden sie sich öffnen und ihre weiße Pracht offenbaren. Der Rest der Familie schläft noch. Ich befürchte, dass der Erste gleich erwachen könnte. Die Tage beinhalten momentan zu viele Anforderungen…

Es ist auch nicht zu ändern, alles, was Erleichterung schafft, habe ich angenommen. Es reicht nicht. Das alltägliche Übermaß schwappt über mich wie große Wellen. Die erste nehme ich meistens noch. Stehe auf ihr, surfe durch die Anforderungen und den Nervenkitzel meines Lebens. Dann kommt die zweite und dritte, mein Brett wackelt, irgendwer hat daran rumgesägt, die Balance ist kaum mehr zu halten. Wusch, ich krache ins Wasser, knalle auf die Welle.

Autsch, das hat wehgetan.

Ich habe mich kaum aufgerichtet, da bricht die nächste über mich hinein. Ich pruste, schlucke noch mehr Wasser, will schreien, doch das Meer des Tagespensums hat mich verschluckt. Niemand hört mich. Ein Schauer geht durch meinen Körper, ich ziehe die Strickjacke enger um meinen Körper, ich will diese Angst nicht. Jeder Tag hat seine eigenen Ungetüme und ich muss mich wappnen und nicht grübeln. Ich beschließe das nahgelegenste zu tun, ich koche mir Tee. Einen Liter.

Denn ich weiß, am späten Nachmittag, wenn das Leben tobt und ich eigentlich keine Mutter mehr sein sollte, weil meine Kräfte zeitgleich mit meiner Geduld schwinden, entdecke ich die Thermoskanne Tee, die mir ein wacheres, ruhigeres Ich gekocht hat, damit ich nicht vergesse, Pausen zu machen und gut zu mir zu sein.

Paradoxerweise sind es eben diese ruhigen Momente, in denen ich Pflichtbewusstsein übe.

Ich kann in meinem Leben nicht alles leisten. Die Kanne sagt mir, dass ich es gut sein lassen soll. Sie erinnert mich daran, dass schon ein gutes Stück Tag hinter mir liegt und es allen gut geht. Niemand, eingeschlossen meiner selbst, läuft bei uns nackt, schreiend und hungrig durch den Tag. Die Teekanne erinnert mich an mein Vorhaben, bald einen Korb voller Reserven zu haben.

Genau so viel, dass ich mir jeden Tag eine daraus nehmen kann. Ein umgekipptes Glas, eine Ladung Pipi, die es nicht mehr ins Töpfchen geschafft hat, ein maulender Nachbar? Kein Problem, schwupp, habe ich die Kraftreserve in der Hand. Ob das jemals funktionieren wird, weiß ich nicht, jedoch lässt der Gedanke daran meinen Kopf schon jetzt ruhen.

Diese Art von Selbstfürsorge funktioniert erstaunlich gut.

Sie ist zuversichtlich. Die warme Tasse Tee in den Händen versichert mir, dass ich es schaffe. Nicht weil ich ein besonders toller Mensch bin, sondern, weil ich nicht vergesse, nett zu mir zu sein. An manchen Tagen habe ich dieses Wissen nur leider so klein gefaltet, dass es sich nicht mehr traut, sich zu rühren. Dann habe ich das Gefühl, ich sei es nicht wert oder schlimmer noch: Irgendwer soll gefälligst kommen und sich um mich kümmern.

Geliebt werden, damit ich mich lieben kann. Das funktioniert so aber nicht. Es verhält sich genau umgekehrt: Ich muss mich lieben, damit ich andere lieben kann. Weil die Menschen, mit denen ich zusammenwohne, sich nicht um mich kümmern sollten. Und ja, ich zähle den Partner dazu, denn dass es mir gut geht, sollte nicht von ihm abhängig sein.

Natürlich freue ich mich über Aufmerksamkeiten, aber die sind ein Bonus.

So wie Kuchen nach der Hauptspeise, der sichert mir auch nicht das Überleben, sondern macht es punktuell etwas schöner. Der Mensch, der sich um mich kümmern muss, bin ich selbst. Aus Liebe. Zu mir und zu den Menschen, mit denen ich zusammenlebe. Wenn ich das tue, kann ich möglicherweise die eine oder andere Entscheidung, die ich aus Müdigkeit heraus treffen würde, verhindern.

Sich selbst lieben ist leicht, wenn man sich schön findet, gerade einen guten Abschluss hingelegt hat oder frisch verliebt ist. Doch was ist mit den Tagen, an denen das Gesicht fahl ist und der Alltag eintönig? Und die zugegebenermaßen in der Summe viel mehr sind? Wenn ich von einem Menschen verletzt worden bin, das Gefühl habe nicht auszureichen, mein Aussehen nicht mag?

Warum kümmere ich mich an diesen Tagen nicht um mich?

Weil ich denke, dass man das so macht. Dass man durchzieht, nicht meckert, handelt, produziert, und das gefälligst schnell. Ich hetze durch das Leben. Der Benediktinerpater Anselm Grün sagt sinngemäß, dass Hetzen von hassen kommt. Wer hektisch durch den Tag rennt, der mag sich selbst nicht.

Ich sehe mich an manchen Morgen schon hektisch in den Tag starten, weil ich meine, alles schaffen zu müssen. Ich mag mich in dieser Stimmung nicht. Dann wispere ich durch meine eng zusammengepressten Lippen bissig Kommentare, dass das Leben halt so ist. Stopp! Ich halte die Tasse in meinen Händen, rieche den Duft von Yogi-Tee, nehme wahr, wie meine Finger bis in die Spitzen gewärmt werden, und frage mich, ob das Sinn ergibt, was ich hier jeden Tag tue.

Diese Frage ist meine Rettung.

Ja, es ist absolut sinnvoll, was ich hier mache. Absolut. Nicht weil mein Alltag vorteilhaft wäre. Vorteilhaft sitzt ein Kleid, das mir vormachen will, ich wäre mit dem Schnitt des Kleides besser unterwegs als mit der eigentlichen Form meines Körpers. Nein, vorteilhaft ist mein Leben nicht, auch nicht durchdacht oder gut geplant. Dafür sinnvoll in der Bedeutung von segensreich, fruchtbar und wertvoll. An dieser Stelle brauche ich nicht unsere Kinder vorzuschieben, weil sie womöglich der Sinn meines Lebens sind. Die sind großartig, aber auch ohne sie ist mein Leben sinnvoll. Weil ich bin!

So stehe ich wie jeden Morgen, wenn alles noch schläft, in der Küche mit den kalten Fliesen und bereite meine Pause am Tag vor, meine Momentzufriedenheit. Damit ich nicht andere für meinen Frieden verantwortlich mache, damit ich nicht völlig aus dem Gleichgewicht gerate, wenn ich merke, dass menschliche Beziehungen fehlerhaft und oft voller Verletzungen sind. Dieselben Beziehungen singen auch von Versöhnung, aber nicht immer. Um die Enttäuschungen dieser Welt auszuhalten, muss ich mich lieben.

Um mich zu lieben, muss ich mich um mich kümmern.

Es üben. Mich erinnern, nett zu mir zu sein. Erwartungen an sein Leben zu haben, kann ein Ansporn sein, doch wenn ich mich nie hinsetze, werde ich nicht sehen können, was ich schon geschafft habe. Die Ruhe lässt meine Emotionalität wachsen, ich spüre die schlechten, aber auch die hervorragenden Dinge. Sie sind überall, angefangen bei meinen Beinen, die mich tragen. Ohne meine Gefühle werde ich taub.

Ich spüre dann das Schlechte nicht mehr so stark, aber auch das Glück schwindet in der Empfindung. Ich werde stumpf. Das möchte ich nicht, ich will meinen Blick umlenken, weg von „alles, was ich will“ und hin zu „alles, was ich schon habe“. Zunächst fühlt es sich farblos und langweilig an. Die Dinge, die ich habe, kenne ich schon. Diese Annahme jedoch ist ein Produkt der Schnelllebigkeit und des Seins durch Haben.

Ich habe die Verantwortung, mich zu lieben.

Bei all den Verantwortungen, die in den letzten Jahren dazugekommen sind, vor allem, seit ich eigene Kinder habe, ist das die wichtigste. Denn nur die Liebe lässt mich Berge versetzen. Ich erinnre mich an die Worte, die mir vor Kurzem ein befreundeter Pfarrer gesagt hat: „Wenn ich prophetische Eingebungen habe, wenn mir alle Geheimnisse enthüllt sind und ich alle Erkenntnis besitze, wenn mir der Glaube im höchsten nur denkbaren Maßgegeben ist, sodass ich Berge versetzen kann – wenn ich alle diese Gaben besitze, aber keine Liebe habe, bin ich nichts. Nichts. Ohne Liebe bin ich eine leere Hülle.“

Ich bette meinen Kopf auf dem Fell vor dem Kamin und handle im höchsten Maße verantwortungsbewusst, in dem ich meine Augen schließe und ruhe.

Dieser Text ist ein (leicht gekürzter) Auszug aus meinem neuen Buch „Jenseits meiner Grenzen der weite Horizont – Momente zum Innehalten und Kraftschöpfen“. Ich möchte mit meinem Buch eine Verbundenheit des Scheiterns schaffen. Ein „Es ist okay, dass ich nur begrenzten Einfluss auf diese Welt habe“. Dabei verliere ich jedoch weiterhin nicht das Schöne aus den Augen, das was das Leben so lebenswert macht.

Ich bin froh, dass ich die Gabe habe, das Schöne im Hässlichen zu finden. Diese Fähigkeit hat mich gerettet, als mein damals fünfjähriger Sohn schwer erkrankte. Die herausfordernde Zeit lehrte mich, Momentzufriedenheit zu empfinden und mich von Alltagssorgen frei zu machen, um für meine Familie ein weiches Herz zu behalten. 

Meine Texte sind eine Inspiration wie es gelingt, trotz Sorgen glücklich zu sein, und wie Nächstenliebe dabei hilft, zufriedener im Alltag zu werden. Hier findet ihr mein Buch. Und besucht mich auch gern auf meinem Instagram-Account @zweisoehne.

Katharina