Jeden Morgen, wenn ich bei uns dran bin mit Homeschooling, überlege ich, ob ich es vielleicht doch lasse. Weil wir uns einfach so viel deshalb fetzen. Es gibt aber tatsächlich Menschen, die machen das dauerhaft und vollkommen freiwillig. Ich habe Katrin, die mit ihrem Mann und den drei Kindern seit vier Jahren um die Welt reist, und davon auf ihrem Instagram Account Familie auf Weltreise erzählt, kurzerhand ausgefragt. Vielleicht kann ich noch was lernen…

Wasfürmich: Sag mal ehrlich, haben deine Kinder nicht öfter mal keine Lust?
Katrin: Es gibt Tage, an denen geht die Lernzeit nur sehr schleppend voran. Wenn die Kinder keine Konzentration mehr haben und kopfüber auf dem Sofa Kopf hängen, während ich im Sekundentakte sage: ’setz dich hin, wir haben es gleich geschafft‘ , dann legen wir die Sachen einfach beiseite. Diese Freiheit haben wir und die nehmen wir uns, um am nächsten Tag motiviert loszulegen. Und da ich festgestellt habe, dass die Kids den Lernstoff relativ schnell im 1:1 Unterricht begreifen, lassen wir an Reisetagen oder wenn wir irgendwas besonders am Tag vor haben, die Lernzeit einfach weg und dann ist auch mal 2-3 Tage nichts auf dem Plan!

Wasfürmich: Warum habt ihr die Kinder aus der Schule rausgenommen?
Katrin: Wir wollen mit den Kindern ein Jahr auf Weltreise gehen, ihnen die Welt, andere Kulturen und Länder zeigen. Geplant war ursprünglich nur ein Jahr, doch die neu gewonnenen Freiheit hat sich so großartig angefühlt, dass wir nicht mehr aufhören möchten zu reisen und nun schon in unserem viertem Reisejahr sind! Wir sprechen viel mit den Kindern über unsere Pläne und weihen sie auch immer ein. Natürlich schwappt unsere Freunde auf das Reisen immer auf die Kids über, dennoch behalten wir die Bedürfnisse aller Familienmitglieder im Auge, damit alle glücklich sind!

Wasfürmich: Wie habt ihr die Schulbefreiuung bekommen?
Katrin: Ich muss sagen, dass wir richtig Glück hatten! Wir haben unsere Lehrer und die Direktorin der Schule in unsere Pläne eingeweiht und sie waren von Anfang an Feuer und Flamme für unser Vorhaben. Die Voraussetzung war, dass wir nach einem Jahr die Kinder ggf. eine Klasse wiederholen lassen, damit sich die Lehrer einen Eindruck über ihren Leistungsstand machen können. Anschließend haben wir gemeinsam mit der Schuldirektorin einen Brief an die Schulbehörde formuliert und nach über 5 Monaten endlich eine positive Antwort bekommen. Unsere Lehrer haben großartige Arbeit geleistet, die wir sehr wertschätzen!

In der Formulierung unseres Antrages an die Schulbehörde haben wir das auch genau so formuliert! Viele reisende Familien mit schulpflichtigen Kindern beißen auf Granit bei ihrer Schule oder der Schulbehörde durch lapidare Aussagen wie: ach das bisschen Rechnen, Lesen und Schreiben kann ich meinem Kind auch selbst beibringen! Wir wissen die Arbeit der Lehrer jetzt noch mehr zu schätzen, seit wir auf Reisen sind und die Kinder selber unterrichtet haben! Im zweiten Reisejahr haben wir um eine Verlängerung der Schulbefreiung gebeten und haben diese auch mit einem kurzen ’wir wünschen ihrer Familie weiterhin eine gute Reise‘ auch bekommen! Im 3 Reisejahr haben wir uns dann aus Deutschland abgemeldet und sind nun komplett aus dem System ausgestiegen und unterliegen somit auch keiner Schulpflicht!

Wasfürmich: Wir lernen die Kinder auf Reisen?
Katrin: Die ersten zwei Jahre waren unsere Kinder Freilerner. D.h. wir haben sie nicht unterrichtet. Das hat auch gut funktioniert, denn sie haben beim Reisen so unfassbar viele Eindrücke gesammelt, gemeinsam mit uns verarbeitet und ihre Neugierde auf Neues war/ist unaufhaltsam! Mittlerweile sind die Kids älter – Julien ist zwölf, Marie ist zehn und Mathilda ist sieben Jahre alt- und sie brauchen mehr Input! Deswegen haben wir angefangen mit ihnen online Lernportale zu nutzen.z.B. Skoyo, Sofatutor oder Anton. Auf Reisen fällt uns immer mehr auf, wo sich im Alltag zum Beispiel Mathe versteckt ist und genau solche Momente nutzen.

Marie, die ja zehn ist, rechnet dann aus, wie viele Steine sie zum Damm tragen muss, wenn wir noch 30 Steine benötigen und jeder von uns nur zwei Steine auf einmal tragen kann! Solche interaktiven Matheübungen prägen sich grade bei unserer Tochter, die sehr bewegungsfreudig ist, viel besser ein, als still auf dem Platz zu sitzen und mit Stift und Papier ausgestattet zu sein. Julien ist mit zwölf gefühlt an allem interessiert und googelt alles, was er nicht weiß und liest sehr viel im Internet nach. Mathilda hat mit sieben auf Reisen gelernt die Buchstaben auf Reklameschildern aneinander zu setzen und fängt nun langsam mit dem Lesen an.

Und wie lange arbeitet ihr in der Regel?
Mal lernen wir am Tag 30 min und mal lernen wir auch zwei Stunden. Ich muss zugeben, dass es ganz stark auch davon abhängt in welcher Verfassung ich als Mutter bin. Wenn ich mich gut vorbereitet habe (im Internet!), dann bringt es den Kinder auch mehr Spaß und sie bleiben auch zwei bis drei  Stunden konzentriert an einer Sache dran.

Hast du einen Plan? Druckst du dir dann Arbeitsblätter im Internet aus? Orientiert ihr euch überhaupt am Lehrplan?
Ich denke, wenn man den Lehrplan anguckt, haben unsere Kinder schon Lücken. Geographie und Erdkunde erleben sie zwar hautnah in der Praxis, aber ja nicht unbedingt in den Happen, die im Lehrplan jeweils vorgesehen sind. Genauso in Biologie. Die Kinder schwimmen mit Walhaien und können über ihre Lebensräume, deren Ernährung oder Fortpflanzung mehr sagen, als beispielsweise über die Anatomie des Schmetterlings, der gerade in ihrer Klassenstufe auf dem Lehrplan ansteht.

Weil wir ganz schnell festgestellt haben, dass Reisen auch bildet, sind ausgefallene Lernzeiten für uns nicht verlorene Zeit, sondern nur alternative Formen im echten Leben. Je entspannter wir geworden sind, desto mehr haben die Kids aufgenommen. Beim Reisen ergeben sich so viele Möglichkeiten, Mathe im Alltag zu integrieren. Im Hotel, im Taxi oder  rechnen schnell im Kopf Trinkgeld, Rückgeld oder Stornierungkosten aus. Auch die englische Kommunikation am Flughafenschalter machen sie schon ganz gut.

Wasfürmich: Meine beiden Schulkinder sind ja immer ziemlich genervt, wenn ich die Zeit irgendwo für Schulsachen nutze, wenn ich sie zum Beispiel beim Spazieren gehen das Einmaleins abfrage. Eure nicht?
Katrin: Nö, nie. Die freuen sich, wenn sie etwas gleich anwenden können. Die sind im Alltag nie genervt, wenn wir von Schule reden. Vielleicht, weil es keinen Druck gibt.

Wasfürmich: Vermissen die Kinder ihre Freunde aus der Schule?
Katrin: Im ersten Reisejahr haben sie ihre Freunde vermisst! Mittlerweile hat sowohl Marie (10),als auch Julien (12) nur noch Kontakt zu jeweils einem Freund in Deutschland. Das ist aber nicht dramatisch, denn sie lernen auf Reisen tolle Menschen kennen und die Begegnungen mit Locals sind sehr bereichernd! Außerdem ist man in der Reiseszene immer mit Gleichgesinnten gut vernetzt und wir schauen immer, wo die Familien sind, die schon größere Kinder haben. Denn viele Reisende sind mit kleinen Babys unterwegs, die Elternzeit nehmen oder im Kindergartenalter sind! Es gibt eine tolle Facebook Gruppe wo sich die Reisenden Familien vernetzen können: »alternative Familien weltweit«. So treffen wir permanent reisende Familien und haben auf der Welt verteilt Stationen, an denen wir immer wieder zurückkehren und Freunde treffen.

Wasfürmich: Wie sieht es bei euch eigentlich aktuell aus? Wegen Corona könnt ihr ja nicht reisen… Wo wohnt ihr eigentlich gerade?
Katrin: Wir wohnen bei Stefans Eltern. Dort bekommen die Kinder viel weniger Input. Aber das ist ja zum Glück nur eine Phase und ich habe das Gefühl, dass es jetzt eine gute Zeit ist, um Dinge zu verfestigen und zu wiederholen, statt neue Projekte anzufangen. Mathilda möchte lesen lernen und für Marie haben wir so viele eBooks gekauft, wie noch nie. Julien beschäftigt sich mit Videoschnitt und recherchiert auf eigene Faust, wie man mit Adobe After Effects ein hochwertiges Highlight-Video kreieren kann.

Online lernen die Kinder mit Scoyo. Scoyo ist eine sehr spielerische Online Lernplattform und es bringt den Kindern viel Spaß vor einem Bildschirm mehr Zeit zu verbringen und zu lernen. Besonders, wenn es sich nach spielen anfühlt. Dennoch freue ich mich sehr, wenn die Welt wieder eine Neueröffnung feiert und wir wieder reisen gehen können.

Wasfürmich: Wie lange wollt ihr denn noch reisen?
Katrin: Wir haben nicht vor sesshaft zu werden. Letztes Jahr haben wir eine kleine ’Reisepause‘ in Australien gemacht und sind nicht, wie sonst immer alle 3-4 Wochen weitergezogen, sondern waren 10 Monate an einem Ort. Dort haben wir die Kids auch auf eine australische Schule geschickt, weil ich bedenken hatte, dass ihnen sonst zu langweilig sein wird und ich ja auch nicht 24/7 der Bespaßer sein wollte! Durch diese Erfahrung haben wir ein englisches Curriculum kennengelernt und sind absolut begeistert!!! Für die Zukunft planen wir unseren Lifestyle so auszurichten, dass die Kinder sechs Monate zur Schule gehen und danach sechs Monate reisen.

Internationale Schulen gibt es überall auf der Welt und so sind wir weiterhin frei und können uns immer das Land aussuchen, wo es uns richtig gut gefällt! Meistens reisen wir aber doch der Sonne hinterher:-) Dieses Modell ist für uns ein toller Kompromiss und auch deshalb so praktisch, weil die Kinder dann über einen längere Zeitraum mit Gleichaltrigen zusammen sein können! In der Zeit in Australien haben die Kinder fließend englisch sprechen gelernt und Freunde gefunden, mit denen sie Kontakt halten wollen! Unsere Kinder sind durch das Reisen sehr offen und extrovertiert. Sie bekommen schnell Anschluss und knüpfen neue Kontakte.

Wasfürmich: Was findest du am englischen Curriculum besser?
Katrin: Die Kinder haben viel mehr Zeit für alles. Die Uhr lernen sie zum Beispiel erst mit zehn Jahren, also in der vierten oder der fünften Klasse. Wer es eher kann, kann es eben und wird weiter gefördert. Die stretchen dort alle Themen, bis wirklich alle es können. Alle Kinder werden mitgenommen. Und sie sind super entspannt, was die Schulpflicht betrifft. Da kannst du sagen: „Wir reisen jetzt für drei Monate…“ Und sie sagen: „Jepp, gute Reise!“

Danke Katrin, für dieses spannende Gespräch. Was ich mitgenommen habe? Locker bleiben, und öfter mal auf das Leben und die Umgebung als beste Schule vertrauen. Ich wünsche Katrin und uns allen, dass diese seltsame Zeit schnell wieder vorbei ist, damit Katrin endlich wieder richtig homeschoolen kann – und wir hoffentlich nie mehr wieder. Ha!

Liebe Grüße,

Claudi