Kürzlich hatten wir Eltern wochentags verschlafen. Ich kroch arg zerknautscht und zerknirscht um zwanzig nach sieben aus dem Bett – und ließ in der Küche fast die Kaffeedose fallen: Der Große saß nicht nur fix und fertig angezogen am Tresen und hatte gefrühstückt. Sein eigens geschmiertes Schulbrot hatte er auch schon im Ranzen verstaut. Er gab mir nur noch einen fixen Kuss und verschwand dann mit einem lässigen „Ciao, Mama“ aus der Tür. Ich war platt. Und dann in rascher Folge stolz, erleichtert – und ein bisschen melancholisch …

Die Zeichen mehren sich, dass ich mittlerweile nicht mehr komplett hilflose Wesen unter meinem Dach großziehe. Dass Erziehung, Alter, und die Gunst der Gelegenheit irgendwann doch eigenständige Menschen hervorbringen. Und zwar nicht nur eigen in ihren festen Überzeugungen („Nie im Leben esse ich Brokkoli!!“). Sondern eben auch selbständig in ihren Handlungen, die sonst immer im Aufgabenbereich von uns Eltern lagen.

Das ist nach Spracherwerb und Trockenwerden mal wieder ein echter Meilenstein, der unser Familienleben, wenn auch nicht Knall auf Fall, aber doch spürbar, verändert.

So wie an einem der letzten Wochenenden. Eigentlich verlangen die Kinder ab morgens um 6.30 Uhr ihr erstes von bis zu drei Frühstücken – natürlich von mir. „Mama, ich hab Hunger!“ war bislang ein Paradebeispiel für die diversen Seiten einer Nachricht frei nach dem Kommunikationsmodell von Friedemann Schulz von Thun (na, wer kenn’s noch …?).

Für mich waren die wesentlichen Botschaften dieser vier Worte folgende, weitaus komplexere: Auf der Appellebene übersetzt in ungefähr „Mama, mach mir Vanillejoghurt mit diesem einen Müsli, nicht das mit Stückchen, sondern das mit dem Flocken, und nur in der Blumenschale – KEINE ROSINEN, MAMA!!, und Kakao, warm, aber nicht zu heiß wie letztes Mal – und den Löffel mag ich nicht das WEISST du noch…“ Das alles mit dem Selbstverständnis eines Kindes, das sich auf der Beziehungsebene der Fürsorge seiner Mutter absolut sicher ist. Multipliziert mit Drei, denn schreit einer, wollen alle, klar.

Aber zurück zum Wochenende, das ein Game-Changer war.

Ich hatte mich schlicht geweigert, am Samstag vor sieben Uhr mein warmes Bett zu verlassen und  innerlich seufzend in Kauf genommen, dass ich mein Trio später mit quadratischen Augen vor KIKA finden würde. Weit gefehlt! Stattdessen war der Tisch üppig mit fast jedem Lebensmittel aus unserem großzügig bestückten Kühlschrank gedeckt. Die Kinder hatten uns Eltern Kaffee gekocht (oder zumindest etwas, das dem nahe kam), Rührei fabriziert und für die nötige Atmo sogar Blümchen auf den Tisch gestellt.

Gut, der Küchentresen und der umliegende Fußboden waren ein Schlachtfeld aus Eiermatsch, verschütteter Milch und Brotkrümeln. Aber ich war so gerührt, dass ich hätte heulen können. Statt Tränenausbruch hatten wir dann ein super Samstagsfrühstück, dessen vorherrschendes Gesprächsthema war, wie stolz die Kinder auf ihre neu erworbene Selbständigkeit waren. Absolut zurecht, wie ich allen dreien mehrfach versicherte. (Halb aus altruistischen, halb aus egoistischen Beweggründen.) Und es endete mit dem Versprechen: „Das machen wir jetzt jedes Wochenende so, ja, Mama?“

Geschenkt, dass die Kinder sich natürlich nicht verlässlich wochenends ums Frühstück kümmern. Aber es war ein gewaltiger Schritt in Richtung Selbständigkeit.

Die mir jetzt auch dauernd an anderen Stellen auffällt. Vorbei die Zeiten, in denen ich die Playdates für meinen Ältesten ausmache. Der informiert mich mittlerweile nur noch kurz, dass er seine Hausaufgaben bis 15 Uhr zu erledigen gedenke, weil er dann mit Mitschülern auf dem Bolzplatz verabredet sei. An manchen Tagen darf ich noch ein Survival-Paket mit Stullen packen – immer häufiger lehrt er den Inhalt des Vorrats an Nervennahrung plus ein Pfund Äpfel einfach selbst in seine Fußball-Tasche: „Ciao, Mama!“ Wow.

Und seine kleine Schwester tut es ihm immer häufiger gleich – obwohl sie drei Jahre trennen. Kümmert sich um ihren jüngeren Bruder, wenn ich gerade keine Hand habe. Macht ihre eigenen Verabredungen, ihr eigenes Abendbrot, mit mir die Wäsche, „…damit du nicht immer so viel zu tun hast, Mama.“

Es ist manchmal, als hätte ich ganz neue Kinder. Solche, denen ich nicht zehn Mal sagen muss, dass immer abends das Zimmer aufgeräumt wird, ja, auch heute! Sondern solche, die die Zimmer jüngerer Geschwister gleich mit freiräumen, um 18-Uhr-Dramen vorzubeugen. Und ja, vielleicht auch, um diese Anime-Serie schauen zu dürfen, die bei meinem Ältesten gerade die Coming-of-Age-Befreiung von Checker Tobi markiert – weil: „Das ist eher was für die Kleinen, Mama. Ciao!“

So sehr ich mich lange, zähe Kleinkindjahre genau danach gesehnt habe – so sehr macht es mich jetzt mitunter wehmütig.

Weil mir nach und nach klar wird, dass die Zeit unserer selbstverständlich engen Bindung endlich ist. Dass die gerade beginnende Abnabelung ein unumkehrbarer Prozess ist. Dass die Schritte von uns weg immer größer werden, genau wie die zeitlichen Abstände unseres Zusammenseins.

Noch wollen alle Kinder abends von uns vorgelesen bekommen, wollen kuscheln, den Tag Revue passieren lassen. Noch brauchen sie unsere Fürsorge in vielen Momenten ihres Lebens. Aber es nimmt ab, schleichend erst, aber spürbar. Und das ist genauso großartig wie gruselig, weil: Noch haben wir zumindest ein ziemlich forderndes Kleinkind. Noch ist uns nie langweilig. Noch. Aber wenn der Kleine in der Grundschule angekommen und ein paar Entwicklungsschritte weiter ist – steckt der Große vermutlich schon tief in der Pubertät. Puh! Wenn er dann überhaupt noch „Ciao“ sagt, bevor er das Haus verlässt…

Aber ich löse die Herausforderungen in der Reihenfolge ihres Auftretens, das empfiehlt sich ganz generell für jede Lebenslage.

Von daher genieße ich gerade erst einmal, wie befreiend die neue Eigenständigkeit meiner größeren Kinder ist. Wie beglückend – für sie selbst und für uns. In dieser Stimmung fällt es mir auch gerade leichter, unser Band noch einmal enger zu knüpfen. Weil ich zwischendurch zum Luft schöpfen komme, wenn ich nicht jeden Handgriff mehr selbst machen muss. Wenn ich zu vernunftbegabten Wesen sprechen kann – nicht zu Kindern, die gerade nur emotionale Wut- oder Trotzbündel sind.

Wenn das 24/7 Kümmern nicht mehr alternativlos ist, bin ich mehr die Mutter, die ich gern ständig wäre: entspannter, kreativer, fokussierter. Und mit diesem Mehr an Mutter-Kapazitäten gehe ich jetzt in den gute-Mama-Kind-Beziehungs-Endspurt. Damit „Ciao, Mama!“ nicht nur einen Abschiedsgruß bleibt. „Ciao, Mama.“ Im Italienischen sagt man das ja schließlich auch zur Begrüßung.

Und wie eigenständig sind Eure Kinder mittlerweile?

Foto: Christian Franz

Alles Liebe,

Katia