Manchmal landen versehentlich ein paar Probleme mit im Koffer. Unterwegs entsorgen klappt leider nicht immer, manchmal wird man die Dinger nicht so schnell los. In so einem Fall ist es genau richtig auf die dänische Insel Fanø zu fahren und sich den Kopf einmal so richtig durchpusten zu lassen. Ziemlich sicher nimmt man dann als Souvenir schöne Erinnerungen mit…

Vergangenes Jahr habe ich mich in Bornholm verliebt. Die gar nicht so kleine Insel mitten in der Ostsee ist mal bergig, mal flach, hat mal kleine Buchten mal einen langen Strand und für ihre Größe ist sie überraschend stylisch. Wir hatten trotzdem Lust, nochmal etwas anderes zu sehen und buchten ein Häuschen auf der Insel Fanø – und zwar schon vor einem Jahr. Ich hatte da noch keine Ahnung, dass die dänische Insel in der Nordsee so anders ist und wie gut sie gerade deshalb dieses Jahr zu uns passen würde.

Schon beim Packen merkte ich, dass außer ein paar Pullis und langen Jeans noch was mit im Gepäck landete, ob ich wollte oder nicht: Sorgen, zwei Selbstständigkeiten und ein Buchprojekt, das sich weigerte ein Buch zu werden.  Auch auf der Fahrt wurde nochmal klar, nur weil Ferien sind, sind keine Ferien. Eltern gestresst, Kinder gestresst, umso schöner, dass die Fahrt rüber nach Fanø kein Stress ist: kleine Fähre, keine zehn Minuten Fahrt. Ich atmete das erste Mal auf. Auf der Insel blitzt die Abendsonne durch die bunten Häuser, auf der anderen Seite chillen drei Robben auf einer Sandbank.

Schnell wird klar: Fanø ist lang, aber schmal, windzerzaust, aber gemütlich – und es gibt unendlich viel Strand.

Unser Ferienhaus heißt Hedely, ist schwarz und aus Holz und ich liebe die kleinen Zimmer mit den vertäfelten Wänden (für mich immer Feriengefühl pur) und die Sauna. Die werfen wir tatsächlich gleich am ersten Abend an, gehen alle rein – und kommen runter. Am nächsten Morgen holen wir super leckere Brötchen und Kardamomknoten vom Bäcker (der im Superbrugsen) und legen uns die kleinen typisch dänischen Schokotafeln aufs Brötchen. Dennoch bin ich genervt. Von den Kindern, meinem Manuskript, vor allem von mir. Ich möchte ganz viel unternehmen, mich aber gleichzeitig am liebsten auf dem Sofa einkuscheln und entspannen.

Die Lösung? Fanø! Wir (und die Kids!) finden es äußerst praktisch, dass man von einem Ende bis zum anderen gerademal zwanzig Minuten fährt. Es gibt zwei hübsche Orte, ein paar kleine Museen, ein paar schöne Läden, aber es wartet nicht überall eine Sehenswürdigkeit oder ein hipper Shop, wo ich noch hin (will) muss. Hip macht ohnehin am Festland Halt, hier wird entspannt. Hübsch ist es es trotzdem und richtig nett essen kann man auch.

Die Insel ist lässig. Wirklich lässig, nicht teurer-klimbim-lässig

Wie sagt man so schön: authentisch. Am zweiten Tag machen wir gleich morgens eine Bootsfahrt, auf der Alten Martha geht’s raus, eigentlich um Seehunde anzuschauen. Allerdings erklären die beiden Kapitäne gleich zu Beginn, dass heute wohl keine unterwegs sind. “Nicht schlimm”, meinen sie typisch dänisch, “wir zeigen euch was anderes.” Wir wären erst ehrlich gesagt doch alle gern im Bett geblieben, aber allein das Tuckern über das Wasser tut gut. Das Meer funkelt, die Kapitäne machen Späße, der scheinbar endlose Strand von Fanø zieht sich wie ein leuchtend gelber Pinselstrich durchs Meer.

Der Hafen von Esbjerg ist ganz nah und die riesigen Träger für die Off-Shore Windmühlen sind beeindruckend. Schließlich zeigt uns der Kapitän gleich zwei tote Wale. Sie liegen einfach da, einer auf dem Strand im Naturschutzgebiet, einer auf einer Sandbank. Angetrieben, liegen gelassen, alles ganz friedlich. Ihre Haut glitzert in der Sonne. “Das ist Natur!”, erklärt der Kapitän, “auf der Rückseite der Insel liegt noch einer.” Die toten Kolosse zu sehen wühlt mich auf, gleichzeitig Erden sie – und der entspannte Umgang hier mit ihnen – mich. Alles kommt wie es kommt. Und auf der Rückfahrt sehen wir doch noch drei Robben – gibt es süßere Tiere? Ich glaube kaum.

Essen gehen wir an diesem Tag bei Lighthouse Burgers, einem lässigen Burgerladen, der ziemlich hip sein könnte, wäre er nicht auf Fanø. Ein paar Kumpels haben sich hier selbstständig gemacht, sie machen Burger und feiern nebenbei, das Leben und sich, was man auf Fotos überall sehen kann. Es hängen ein paar coole Prints neben eingemachtem Gemüse, die Gurken kommen gleich auf den Standard Burger, es mag hier in der Hauptsaison hip und voll sein, im Mai ist es einfach nur lecker und entspannt. Das ältere Ehepaar neben uns trägt Hausschuhe.

Am nächsten Tag erkunden wir den Strand, ich kann es nicht glauben, aber er ist hier so breit und lang und fest, dass mit dem Auto drauffahren kann. Vermutlich habe ich noch nie mehr Strand auf einem Haufen gesehen. Die Sonne scheint, ich öffne das Fenster, Andre gibt Gas, ich halte den Kopf raus und spüre, wie sie wegwehen, die Sorgen.

Wir finden in dieser Woche in einen guten Rhythmus aus Ausflügen und Entspannen.

Die Jungs spielen viele Spiele oder Zocken, ich lese oder gucke Off Campus oder jogge durch die Dünen und ich komme sogar ein bisschen weiter in meinem Buch, vor allem, weil ich Zeit und Raum habe, um zu denken. Abends knabbert in unserem Garten ein Reh am Gras, unter unserem Schlafzimmerfenster nistet ein Fasan. Wenn es mal nieselt freuen sich die Kinder und jubeln “Jetzt dürfen wir eine Runde Super Mario”. Wir essen wahnsinnig viel wahnsinnig leckeres, dänisches Gebäck oder im köstlichsten Italiener der Insel Axels Kitchen (unbedingt reservieren!).

Einen Nachmittag bummeln Andre und ich durch Sønderho, das Dorf gilt als schönstes in Dänemark und ist wirklich bezaubernd. Kaum ein Haus wirkt hier höher als ich, es ist ganz still. Wir spazieren erst durch den Ort, dann über eine pinke Blütenwiese zur Wattseite und schauen auf den Priel. In der Saison kann man hier ganz sicher noch viel schöner bummeln gehen und toll shoppen (super schöne getöpferte Tassen zum Beispiel), aber noch döst alles.

An einem anderen Abend überlegen wir in das unglaublich schnuckelige Kino in Nordby zu gehen, aber dann regnet es und wir bleiben vor dem Kamin. Auch Nordby ist niedlich, mit ein paar hübschen Läden, einem schönen Buchladen, der auch Bastelzeug für Regentage hat und einem richtig niedlichen Garten-Café.

Ein bisschen was unternehmen wir – und es macht soooo Spaß.

Tipp 1. Fußballgolf in Rindby: In einer kleinen, roten Holzhütte kann man Geld in einen Briefumschlag packen und in einen Schlitz werfen, dann nimmt sich eine Schubkarre mit Bällen, spaziert auf die Wiese hinter der Hütte und legt los. Hinterher bringt man die Bälle wieder zurück. Danach fragt man sich, warum nicht die ganze Welt so easy und voller Vertrauen sein kann.

Tipp 2. Strand ist schön. Richtig cool wird`s, wenn man mit besegelten Gokarts, genannt Blokarts, über den Strand heizt. Alle meine Jungs checken es nach kurzer Einführung, nur ich krieg es nicht hin, vermutlich Kopf voll und Bammel. Vorteil: Weil ich so klein bin, darf ich im Kinderstuhl von Andrés Doppel-Blokart mitfahren und mich durch den Wind umherheizen lassen, ohne dass mit dem Ziehen und Loslassen checken zu müssen. Was für ein Abenteuer – und danach ist garantiert alles Überflüssige aus dem Kopf raus.


Tipp 3. Richtig gut essen, also wirklich richtig gut, kann man im Krogaard. Von der großen Terrasse mit dem hübschen Gewächshaus, nein eher Orangerie, blickt man aufs graublaue Meer. Heute gehen die Farben ineinander über, es ist ganz friedlich, eine Robbe chillt auf dem letzten bisschen Sandbank.

Wir sitzen drinnen, an einem Tisch mit Spitzentischdecke, weißen Teller und geblümten Porzellan. Es sieht aus wie im Museum, aber in gemütlich. Ich überlege, ob eine rosa Geranie bei mir auf der Fensterbank ebenfalls so lässig aussehen würde, wie hier. Allein das Kinderessen ist echt spektakulär. Hier schmecken die Fischfrikadellen besser als manches Filet woanders. Ich probiere ein Bier von der Insel und mag es sehr. Später schauen wir uns noch ein bisschen um, das Krogaard ist nämlich auch ein Hotel, und alles sieht aus wie in den dänischen Einrichtungsmagazinen, in denen ich so gern blättere.


Zweimal fahren wir während unserer Woche rüber aufs Festland.

Dauert ja bloß zehn Minuten und kostet hin und zurück etwa 39 Euro (bei Buchung vorab im Internet). Einmal besuchen wir das Wikingermuseum in Ribe. Wieder haben die Kinder erst keine Lust, aber dann sind wir alle total begeistert. Das große Thing Haus mit der “Chill-Area” und der hängenden Babywiege finden wir am Besten, “wie cool ist das denn?” höre ich ständig. “Und Schach haben die damals auch schon gespielt!” An vier Stationen können die Kinder selbst aktiv werden, sie nehmen an einem Kampftraining teil, schnitzen Pfeile, schießen mit Pfeil und Bogen und prägen Münzen. Ich bin total beeindruckt von der Wikingerkirche, die bunt bemalt ist wie ein Wimmelbuch. Ein super toller Ausflug mit Kindern!

Angefixt von den coole Wikingern haben die Jungs Lust, noch mehr zu entdecken. Wir bummeln durch Ribe, einen hübscher Ort mit einer niedlichen Fußgängerzone. Ich entdecke so eine schöne Vase bei Appel Living, aber meine Männer meinen, wir brauchen keine weitere Vase (was stimmt). Wir holen uns jeder eins der leckeren dänischen Törtchen beim Bäcker und gehen dann in Hex! Museum of Witch Hunt Hexenmuseum.

Museen können die Dänen wie kaum andere. Und noch was können sie…

In dem alten Haus in einem Hinterhof erfährt man in einer sehr modernen Ausstellung mit vielen Installationen und Bildschirmen ganz viel über die Hexenverfolgung in Dänemark und der restlichen Welt. Dank Kopfhörer werden wir durch die Ausstellung geführt, überall erfährt können wir dank QR-Code Geschichten hören – auch auf Deutsch. Es ist manchmal ganz schön düster und gruselig, aber für größere Kinder ein wirklich tolles Erlebnis.

In Museen sind die Dänen einfach richtig gut. Das absolute Highlight in Ribe ist allerdings der Spielplatz Riplay, der hat sogar eine eigene Webseite. Riplay ist groß wie ein Freizeitpark, kostenlos und es gibt unzählige Klettergeräte, Rutschen und Schaukeln. Wirklich etwas ganz Besonderes.

Bevor wir abends mit der Fähre zurück auf die Insel fahren, essen wir in Esbjerg. Die Stadt ist mit 71.554 Einwohnern die fünftgrößte Stadt in Dänemark, ist berühmt für ihren Hafen, hat zwei Universitäten und nach Kopenhagen die längste Fußgängerzone in Dänemark, ist also spannend  und spannend, wenn man außer Strand etwas in der Gegend erleben will. Das Plates im 17. Stock, mit Blick auf den Hafen, liegt in dem Hotel-Gebäude mit Namen  “A place to” und erinnert mich an die Hafencity. Das Essen ist lecker, aber das wirklich Spektakuläre ist der Blick über den Hafen und das Meer, bis rüber zu uns “nach Hause”, bis rüber nach Fanø. Tollerweise stehen sogar Ferngläser auf dem Tisch. Tipp: Geh dort unbedingt zur Toilette, gern zu zweit, es gibt nämlich ein Doppelklo mit Aussicht.

Am zweiten Ausflugstag regnet es und wir müssen richtig früh raus. Die Stimmung ist ganz unten. Ich rufe bei unserem Zielort an, ein bisschen hoffe ich, dass unser Abenteuer nicht stattfindet. “Hier scheint fast die Sonne”, sagt eine fröhliche Frauenstimme. “Also fast, es regnet nicht. Nieselt höchstens ein bisschen, wir gehen.” Wir seufzen und fahren los – und sind hinterher total froh darüber.

Unser Ziel, das Vadehavncentret in Ribe.

Allein das Gebäude sieht spektakulär aus – und ein bisschen nach Watt. Es gibt eine schöne, typisch dänisch gut gemachte Ausstellung und einen kleinen, aber wirklich bezaubernden Museumsshop. Hätte ich eine Wand frei, hätte ich eine der getöpferten Muscheln für die Wand mitgenommen, so hübsch. Und wenn meiner Kinder kleiner wären, hätte eine der Kuschel-Robben bei uns einziehen dürfen, oder wenigstens die kleine Robben-Schale.

Nach einer kurzen Wartezeit begrüßt uns Betty: “Hey!”, sagt sie, “wir haben telefoniert.” Sie spricht fließend Deutsch, weil sie vor acht Jahren aus Berlin hier her gezogen ist und kurze Zeit später stapft sie mit uns in Richtung Watt. Was wir vorhaben ist keine normale Wattwanderung, sondern eine kulinarische Herausforderung. Oder wie mein Sohn sagte: “Krass, das ist ja wie beim Dschungelcamp hier.”

Zum Glück gibt’s im Museum Gummistiefel und Windjacken, es regnet jetzt nämlich doch ein bisschen. Zunächst stapfen wir ins Watt und fischen mit einem Kescher Garnelen. Sie sind durchsichtig und winzig, mein Sohn fischt jede Menge, in meinem Kescher landen bloß winzige Schollen, die als Babys aussehen, als hätte jemand versehentlich auf den Boden gespuckt. Das Wasser kommt schneller als erwartet wieder zurück, Betty spricht schneller, wir flüchten in die Salzwiesen, vorher sammeln wir noch ein paar Schnecken, auch die kann man essen.

Mit einem ganzen Korb voller Kräuter kommen wir schließlich zurück zum Museum, wo einer der Mitarbeiter sofort ein Lagerfeuer anzündet. Dann geht es los, in Kleingruppen bereiten wir unser Mahl, wir melden uns für Seetangchips. Der Tang muss gewaschen werden, die schleimigen Knuddel schneiden wir ab, dann kommt ein bisschen Mehl darauf und wir braten in der Pfanne knusprig. Aufregend!

Zum Schluss haben wir tatsächlich ein kleines Wattbuffet: Schnecken in Knoblauch, mit Chili geröstete Mini-Garnelen, Seetangchips, Pesto aus Salzwiesenkräutern und Kräuterküchlinge. Einer meiner Söhne ist echt mutig – und probiert alles. Die Schnecken, die man mit einem Zahnstocher aus dem Häuschen zieht und dann in voller Kringellänge verspeist, krieg ich einfach nicht runter. “Und wie schmecken sie?”, frage ich ehrfürchtig. Mein Sohn leckt sich über die Lippe: “Schneckig.”

Unser letztes Ziel ist für mich eins der schönsten.

Eigentlich wollen wir im Vadekanten bloß kurz einen Kaffee trinken, dann verbringen wir in dem Café mit Keramikwerkstatt einen ganzen Nachmittag. Henrik und seine Frau Vibeke servieren uns nicht nur den leckersten Kuchen (probiert die Schokotorte!!!), sondern führen uns auch noch durch ihr Bed and Breakfast, das sie in dem alten Haus hinter dem Café eröffnet haben.

Jede Sekunde spürt man, wie die beiden tun, was sie lieben. Henrik zeigt uns die beiden Gästezimmer unterm Dach, eins mit grün, eins mit altrosa Wänden. Unten gibt’s einen Aufentaltsraum und eine rosa Küche, außerdem gibt’s eine kleine Ferienwohnung, mit einem Schlafzimmer und einer Schlafcouch. Wer mag, bucht dazu einen Keramikkurs bei Vibeke. Es fühlt sich an wie eine kleine, eigene, sehr friedliche Welt.

Als wir die Insel nach einer Woche verlassen, grinst die Robbe gegenüber dem Anleger auf ihrer Mini-Sandbank. Ich fühle mich durchgepustet und ein gutes Stück leichter. Und wow, was für riesengroße Erinnerungen nehmen wir von dieser kleinen Insel mit.

PS. Diese Reise wurde unterstützt von Vadehavskysten und Danibo.

Warst du schon mal da?

Claudi