Viele meiner Freundinnen wohnen überall in Deutschland. Meist sehen wir uns exakt einmal im Jahr, immer kurz vor Weihnachten. Wir machen uns schön, verbringen einen wahnsinnig schönen Abend miteinander, machen aufgeregt Pläne, uns im nächsten Jahr wirklich öfter zu sehen. Manchmal markieren wir sogar schon Termine im Terminkalender. Um sie dann im Laufe des Jahres doch einen nach dem anderen wieder zu streichen…

So wie an diesem Wochenende. Diverse Male hatte ich mit einer Freundin geplant, sie jetzt aber wirklich mal zu besuchen. Dann hatten wir überraschend einen Termin gefunden. Der Mann wollte die Kinder nehmen. Eine weitere Freundin wollte gern mit – konnte dann aber doch nicht. Bei mir kritzelte im letzten Moment der Alltag hektisch diverse Termine in meinen Kalender. Erst wollte ich auch wieder absagen. Ich dachte: „Vielleicht doch auf die Freundin warten?“ „Doch auf das Corona-Ende warten?“ „Doch darauf warten, dass ich mein Kochbuchprojekt endlich abgeschlossen habe?“

Aber ich weiß nicht, mein Bauch brummte: „Machen!“ Ich dachte echt: „Ich bin zu alt, um abszusagen.“ Ich erschrak. Sagte zu. Und dann dachte ich ehrlich gesagt gar nicht mehr dran. Ich arbeitete wie verrückt weiter bis zum Vorabend vor meinem geplanten Kurztrip, buchte meinen Zug, schickte der Freundin einen Screenshot, lackierte um viertel nach zwölf in der Nacht meine Nägel pink und stieg am nächsten Morgen in den Zug: Hamburg – Frankfurt: 3,5 Stunden. Viel schneller als erwartet. Viel weniger aufwendig, als gedacht.

Ehrlich gesagt war es super im Zug: Es war so leer wie nie. Die Leute trugen Maske und hielten Abstand. Endlich setzte sich keiner mehr gefühlt beinahe auf meinen Schoß. Ich hatte ein ganzes 2.-Klasse-Abteil für mich, arbeitete die Hinfahrt konzentrierter, als ich es zuhause getan hätte. Stieg mit bauchkribbeliger Vorfreude in Frankfurt aus. Meine Freundin wartete winkend am Bahnsteig. Wir gingen quasselnd etwas lunchen und lunchten quasselnd. Und hörten 11 Stunden nicht mehr damit auf.

Wir wanderten quer durch Frankfurt, gingen zwischendurch mit Maske und Abstand in ein paar Läden, bestaunten Nippes und das Leben. Nachdem wir ein paar Stunden hektisch alle Neuigkeiten ausgetauscht hatten, fingen wir nochmal von vorne an und erzählten uns alles in Ruhe. Wir lachten über früher und über uns und über die brandaktuellen Blasen an meinen Füßen. Ich sah uns in der Schaufensterscheibe – und sah endlich mal wieder mich. Ich hörte ein Kind „Mama“ brüllen, drehte mich erschrocken um – und atmete dann tief durch. In einem Laden nahm meine Freundin ein Kleid aus einem Ständer und meinte: „Guck mal, das bist total du.“ Ich probierte das Kleid an, lang und mit Spitze und knallweiß – und war ich. Ich ohne Kinder mit Schokohänden oder Sandkistenplänen. Ich hätte das Kleid am liebsten gleich anbehalten.

Abends nahmen wir erst draußen einen Drink, okay zwei, sabbelten und kicherten, gingen irre spät noch köstlich essen in ein absolut familienunfreundliches Restaurant und fielen noch viel später grinsend ins Bett – das Handy voller Schnappschüsse und einer „Vermissen dich!“-Nachricht meiner Männer auf meiner Mailbox. Nach einem gemütlichen Frühstück am nächsten Tag und einem Ausflug zur Baustelle meiner Freundin fuhr ich wieder nach Hause – übrigens in den Flip Flops ihres Sohnes, der hat zur Zeit nämlich exakt meine Größe. In meinen Schuhen hätte ich mit den Blasen vom Bummeln nicht einen Schritt machen können.

Später sah ich in der Zugfensterscheibe meine müden Augen über meiner Maske lächeln. Seltsamerweise fühlte ich mich dennoch ausgeruht wie selten. Frisch geduscht mit Glückgefühlen. Und mit jeder Menge guter Energie im Bauch. Die Rückfahrt verbrachte ich mit Lesen und damit, mit Bauchkribbeln neue Ideen in die Notizfunktion meines Handys zu tippen.

So. Und wenn du auch schon lange planst, endlich mal eine alte Freundin zu besuchen, dann buchst du am besten genau jetzt deinen Zug. 

Eine schöne Woche und alles Liebe,

Claudi