Es ist seltsam mit dem Schreiben. Gerade denkst du, du hast es drauf, da startest du wieder von vorn. Ich wollte es genau wie letztes Jahr machen. Kleine Erinnerung: da hatte ich mir dieses Tiny House gebucht und habe dort in einem glücklichen Flow gefühlt meinen halben Roman geschrieben. Geritzt, dachte ich, mache ich für Roman 4 genauso, und buchte mir ein hübsches Haus in Soulac-sur-mer

Ziemlich viel Zeit hatte ich damit verbracht, das perfekte Haus zu finden. Weil ein ideales Schreib-Haus nicht dasselbe ist, wie ein Haus, in dem ich gut Urlaub machen kann. Ein Schreib-Haus soll mehr: mich inspirieren, statt “bloß” eine gute Zeit darin zu haben. Dass ich das richtige gefunden hatte, bemerkte ich am schnelleren Herzschlag. Ich buchte es – und mir einen Flug, Ich war aufgeregt, wie vor einem ersten Date.

Am Abend vorher wandelte sich das Bauchkribbeln in Bammel, ich weiß nicht, ob es eine Vorahnung war oder die Einsicht, dass ich dieses Mal ganz schön viel Reise- statt Schreibzeit haben würde. (Die Unterkunft im letzten Jahr war nur etwas über eine Stunde von uns entfernt.) Mitten in der Nacht bin ich im Schnee los, um dann auf dem Flughafen Hamburg zwei Stunden aufs Enteisen zu warten. Norddeutschland kann keinen Schnee. Mein Anschlussflug war weg, nach einer langen Warteschlange erfuhr ich, dass ich erst am nächsten Tag weiterreisen konnte. Auf mich wartete eine Nacht im Flughafenhotel und der dringende Wunsch, wieder nach Hause zu fahren.

Leider wäre das kein guter Start für meinen Sommerroman…

Ich hielt durch. Ließ mich in Frankfurt spontan von einer Freundin bekochen, die zufällig Zeit hatte. Und flog am nächsten Morgen (mit einem gespenstisch leerem Flugzeug) über Zürich nach Bordeaux. Dort verpasste ich an einem Bahnhof irgendwo im nirgendwo beinahe den letzten Zug in Richtung Küste, weil ich erst zwei Minuten vor Abfahrt checkte, dass in Frankreich alle Züge auf allen Gleisen auf den Anzeigen angezeigt werden und man dringend auf die kleine Zahl rechts oben achten muss. Die verrät nämlich das Gleis. Es regnete, alles war matschig, ich hatte Heimweh. Puh.

Im Zug, irgendwo auf der Strecke zwischen winzigen Dörfern, die alle mit M begannen, Macau, Margaux, Moulis, kam die Sonne raus. Ich klebte meine Stirn gegen die warme Scheibe, blickte auf vorbeifliegende Herrenhäuser, Weinrebenstumpen und sumpfige Wälder, dachte an all die schönen Ferien, die wir in der Gegend bereits verbracht hatten – und hatte plötzlich das Gefühl, meinen alten Kumpel Sommer im Winter zu treffen. Plötzlich war ich ganz aufgeregt und die Sätze in meinem Kopf fingen an zu sprudeln. Ich kam kaum hinterher, sie in meine Handynotizen zu tippen.

In Soulac deckte ich mich in einem kleinen Supermarkt mit dem Nötigsten ein, Baguette, Käse, Oliven, ich wollte schließlich schreiben, statt kochen. Auf der Liste mit Nummern von Taxifahrern an der Tür einer Bar fand ich zum Glück jemanden, der sich bereit erklärte, mich von Soulac in den winzigen Nebenort L’Àmelie zu fahren. Dann schob ich die Pforte zu meinem Schreib-Ort auf …

Ich hatte keine Ahnung, dass Ende Januar bereits die Vögel an der französischen Atlantikküste zwitschern.

Die Veranda war noch viel schöner als auf den Fotos. Ich liebe Veranden, ich hab ein Ding mit Veranden, ich finde sie nicht nur hübsch, sondern halte sie für den perfekten Kompromiss zwischen drinnen und draußen. Ich zündete ein Kerze an, goss mir ein Glas Wein ein, lauschte dem Atlantik, der laut brüllte, wie ein Löwe, entdeckte auf der Tafel im Haus den Namen meines geplanten Love-Interests (Autorinnen sehen überall Zeichen…). Ich fühlte mich jung und kreativ und frei, wie eine echte Schriftstellerin.

Ein paar Stunden später krallte ich mich an der Bettdecke fest, lauschte dem heftigen Sturm draußen, wie er an den Fensterläden rüttelte und den Hagel durch die Kamine zu mir hereinbeförderte. Kein Nachbar weit und breit, ich fror, das Meer ein ohrenbetäubendes Donnern, mein Mann bloß im Handy. “Schatz, ich hab echt Schiss”, schrie ich gegen das Heulen an. Erst am nächsten Morgen kam die Begeisterung zurück, schließlich war der Sturm perfekt für meine Geschichte. Aber wie das so ist mit dem Schreiben, man kann es nie planen…

Ich saß im Bett, in Jogginghose und mit zwei Pullovern, weil ich mich nicht traute, den Kamin anzumachen.

Auf meinem Schoß mein Laptop, neben mir eine Tasse Tee, wartete ich auf den Flow, der nicht kam. Ich schaute mich um, ich stand auf, lief durch das Haus. Ich sah meine ProtagonistInnen in diesem Haus. Ich liebte das Haus, aber ich brachte nichts aufs Papier. Sie waren mir noch fremd. Ich wusste noch nicht, wie sie redeten, was sie gern aßen und tranken, ich war noch ganz am Anfang meiner Geschichte. Mir fiel ein, dass ich letztes Jahr später in meine Schreibauszeit gefahren war. Da waren alle Figuren  schon angelegt, ich kannte sie genau, ich konnte sie einfach machen lassen, sah ihnen dabei zu und musste es bloß noch aufschreiben. Dieses Mal war ich blockiert. Der Gedanke, was für einen Aufwand ich betrieben hatte, um hier herzukommen und dass ich dank des Flughafenhotels noch weniger Zeit haben würde, als geplant, machte es noch schlimmer.

Bisher gibt es kein Happy End. 

Aber es war nicht umsonst, ganz bestimmt nicht. Ich kenne jetzt das Haus, ich kenne den Ort. Ich habe mir den Kopf am Winteratlantik durchpusten lassen. Ich habe eine Idee für einen mögliche erste Szene. Aber ich bin noch ganz am Anfang. Vermutlich bin ich dieses Mal zu verkopft an die Sache herangegangen. Wollte es unbedingt ganz toll machen, das ist immer Mist. Dann fließt es nicht. Vermutlich hab ich es bereits unter Routine verbucht, aber funktioniert Schreiben nicht. Es ist jedes Mal anders, man hat es nie drauf, es ist anstrengend, schrecklich und wunderschön. Also versuche ich mich zu entspannen, mich nicht zu drängeln, sondern wieder spielerisch dran zu gehen. Der Sturm ist dennoch fest eingeplant.

Claudi