Ich weiß nicht mehr genau, wann es angefangen hat, aufzuhören. Wann den Fragezeichen immer häufiger drei vielsagende Pünktchen vorangestellt wurden. Manchmal um Ausrufezeichen verstärkt. Wann das Fragenstellen nicht mehr zwingend Ausdruck echter Neugier am anderen war – sondern ein schlichter Alltagsakt wurde: „Hast du Müsli in die Einkaufsapp geschrieben…?“ „Fährst DU die Kinder morgen zum Training…?!“ Vermutlich kommt jede Langzeitliebe irgendwann an diesen Punkt, wenn der Alltag die Romantik überrennt. Nur: Haben wir uns wirklich schon alles gefragt, einander alles gesagt…?

Ich weiß noch genau, wie es war, als wir uns kennenlernten. Nicht nur, dass wir die Hände nicht voneinander lassen konnten. Unser Wissensdurst aneinander war mindestens so groß wie unser Liebeshunger: Wer bist du, warum bist du so, wer hat dich geprägt, was hast du noch so vor im Leben, und wie findest du eigentlich mich…?

Unsere Fragen hatten nur ein Ziel: Den anderen mit Haut und Haaren zu erfassen, ihn zu erkennen, bis in den letzten Winkel zu verstehen.

Wir wollten zum Wesenskern vordringen, möglichst schnell. Wollten jede Nuance des jeweils anderen verstehen, jedes Geheimnis und jeden Wunsch erfahren, jeden Traum auch zu unserem machen. Und irgendwann waren wir satt und zufrieden mit uns und unserem Wissen umeinander.

Natürlich fragen wir uns auch heute noch Dinge, die nichts mit der Organisation unseres recht komplexen Familienlebens zu tun haben. Tauschen uns aus über Gefühlslagen, Gemütszustände, über Sorgen oder kleine und größere Freuden. Aber wir tauchen meist nicht mehr so tief wie früher.

Wir geben uns mittlerweile schneller zufrieden. Sind bestimmt bequemer geworden.

Lassen ein „Mir geht’s gut“ stehen, anstatt nachzuhaken. Das liegt nicht unbedingt an mangelndem Gefühl – eher an mangelnder Zeit. An vollen Terminkalendern, Mental und Work Overload. Wir sind froh und dankbar, wenn das fragile Gleichgewicht unseres Fünfer-Familienlebens halbwegs stabil ist, zu mehr reicht die Kraft oft nicht. Für das Fragen-Pingpong früherer Zeiten schon gar nicht. So simpel, so – schade.

Denn Zuneigungs-Booster entstehen nicht nur in der Kennlernphase durch neugierige Rückfragen. Weil es dem Gegenüber signalisiert: Ich interessiere mich hier und jetzt gerade nur für dich. Nicht für unsere Familien-Orga, nicht für die Bedürfnisse der Kinder, sondern ganz allein für dich!

Ein schöneres Kompliment kann man sich gerade als Langzeit-Paar kaum geben.

Dass intensives Fragen schnell Nähe erzeugt, zeigt auch eine populäre Studie der State University of New York: Psychologieprofessor Arthur Aron ließ einander fremde Teilnehmer Small Talk führen – und stattete eine zweite Gruppe mit einem intimen Fragenkatalog aus. Zwischen letzteren entstand innerhalb kurzer Zeit ein starkes Gefühl von Verbundenheit, bei Team Small Talk hingegen nicht. Seine Versuchsanordnung aus den 90er Jahren gilt vielen bis heute als DIE Formel sich zu verlieben.

Als ich kürzlich darüber in einem „Emotion“-Artikel las, kam ich ins Grübeln. Denn das, was bei uns unter Alltagsgespräch fällt, ist oft familiärer Small Talk. Natürlich sind wir als Paar durch viele andere Faktoren verbunden – aber nicht unbedingt durch (frequente) tiefe Gespräche. Wir haben uns schon viel zu lange nicht mehr ausgefragt. Und eigentlich gibt es doch noch so viel zu sagen, so viel zu erfahren.

Auf meiner Prioritätenliste für 2022 stehen die Fragen der Liebe jetzt ganz oben.

Ich habe gerade mal nach den 36 Fragen von Arthur Aron gesucht – und die haben es wirklich in sich: „Wenn Du heute Abend sterben würdest, ohne mit jemand gesprochen zu haben, was würdest Du bereuen, nicht gesagt zu haben? Warum hast Du das nicht schon vorher jemandem erzählt?“ Puh, vielleicht nicht die Einsteiger-Frage, die ich zu unserem nächsten Dienstags-Date wählen würde.

Wobei: Warum eigentlich nicht? Vielleicht stellen wir manchmal auch zu wenig tiefschürfende Fragen, weil wir die Antworten scheuen? Weil wir etwas zutage fördern könnten, dass unser Gleichgewicht erschüttert? Denn ein „Mir geht’s nicht gut, ich möchte für mich/für uns eine Veränderung“ ist eine Aussage, die man nicht einfach so stehen lassen kann. Die unbequem ist, weil sie Handeln erfordert. Und doch ist gerade Veränderung und Bewegung letztlich genau das, was Beziehungen und Familien dauerhaft lebendig hält.

Kleiner Trick, wer beim Paar-Interview nicht gleich an den Grundpfeilern rütteln will:

Sich beim anderen erkundigen: „Was würdest du gern von mir gefragt werden?“ Ich finde, das ist ein toller Einstieg, um wieder miteinander ins Gespräch zu kommen – ohne den anderen gleich komplett mit der essenziellen Frage nach Leben und Tod zu überrumpeln. Generell gilt: Offene Fragen helfen dem Gespräch, ebenso wie hypothetische. In Warum-Fragen schwingt dagegen häufig ein Vorwurf mit, daher lieber vermeiden.

Doch ganz gleich, welche Fragen wir uns letztlich stellen: Hauptsache wir entfachen die Neugier aneinander neu. Denn so gut wir uns auch nach all den Jahren zu kennen meinen: Wir alle verändern uns stetig. Und wer weiß: Vielleicht lernen wir durch mutige Fragen unseren Lieblingsmenschen noch einmal von ganz neuen Seiten kennen.

Ich habe mir folgende überlegt: „Was hast du noch so vor im Leben, und wie findest du eigentlich mich…?“

Welche Frage würdet ihr eurem Herzensmenschen stellen?

PS: Hier und hier habe ich hübsche Kartenspiele gefunden, die uns mit beherzten Fragen wieder auf die Sprünge helfen wollen. Und hier findet ihr den Fragenkatalog von Arthur Aron.

Foto: Christian Franz

Alles Liebe, bleibt neugierig aufeinander,

Katia