Hier in Hamburg können Eltern wählen, ob sie ihre Kinder im letzten Kindergartenjahr im Kindergarten lassen oder sie in die Vorschule schicken. Ich war kein großer Freund von Vorschule – dennoch habe ich meinen Sohn dort hingeschickt, ganz einfach, weil alle Kinder aus seiner Gruppe geschlossen zusammen in die Vorschulklasse gegangen sind und diese Kinder auch gemeinsam in die erste Klasse wechseln werden…
Schulangst, Erziehung, Kinder haben,
Eigentlich hätte ich meinem Sohn gewünscht, noch länger klein sein zu dürfen, Kindergartenkind, statt, ja, Schulkind. Und auch für uns als Familie hätte es die Freiheit des Kindergartens leichter gemacht. Jetzt, nachdem die Vorschulzeit schon beinahe wieder vorbei ist, bin ich positiv überrascht. Es gefällt ihm super – und mir auch. Es gibt Arbeitszeiten, aber auch feste Spielzeiten. Er nimmt unheimlich viel mit, zeigt Interesse, lernt Neues. Und einen riesigen Vorteil hat die ganze Sache: die Schule ist ihm schon jetzt sehr vertraut. Es ist eine sehr kleine, einzügige Schule und er kennt schon jetzt jeden Lehrer, den Hausmeister, das Gebäude und beinahe alle Kinder. In den Pausen kickt er mit Viertklässlern (die bei uns zu Hause seither ungefähr die gleiche Stellung haben wie der liebe Gott). Er kennt die Pausenzeiten, die Pausenregeln und das Singen am Montag. Und sich dort einzufinden fiel ihm so viel leichter, als ich es erwartet hätte.

Woran ich nicht gedacht hatte, sind die vielen anderen Kinder um ihn herum. Keine Kinder von Freunden, keine kleine, überschaubare Kindergartengruppe, sondern viele, kleine aber vor allem größere Kinder. Die nett sind, liebevoll, spannende Dinge mitbringen oder erzählen und toll miteinander spielen, die manchmal aber auch ärgern, auslachen, wehtun. Oder einfach Angst machen. Er geht gern zur Schule, es gibt keine Probleme – aber manchmal gibt es Herzschmerztage.

Ich hätte nicht gedacht, dass es sich anfühlen würde, als ob jemand mein Herz wie einen nassen Lappen auswringt, wenn mein Sohn mir abends komische Dinge erzählt, die ihm passiert sind. Dinge die er nicht versteht, nicht einschätzen kann, die seine Schultern hängen lassen oder ihm tiefe Sorgenfalten auf der Stirn verpassen. Ich weiß, dass diese Gefühle zum Leben dazugehören. Aber hey, doch bitte nicht zu seinem. Ach natürlich doch auch zu seinem…

Aber ich kann bloß daneben sitzen und zuhören und nichts machen. Ich weiß nicht einmal, wie das Mädchen oder der Junge aussieht, die ihm aktuell Angst oder komische Gefühle machen.

Ich erwische mich bei dem Gedanken, während der Pause am Schulhof vorbei zu gehen, rein zufällig, und mal zu gucken, zu wachen. Dann verwerfe ich diesen Gedanken zum Glück ganz schnell.

Ich rede mit meinem Mann darüber, der sowas grundsätzlich viel lockerer sieht, (wie ich eigentlich auch, bloß bislang immer bei anderen Kindern und nicht bei meinem eigenen). „Du kannst ihn nicht mehr pausenlos beschützen“, sagt er dann. „Du musst lernen ihn loszulassen, ihn selbst handeln und für sich selbst verantwortlich sein zu lassen. Und hey, es sind bloß Kinder.“ Und ich schlucke und wische über meine feuchten Augen und hole tief Luft und denke daran, dass ich das genauso sehe. Eigentlich.

Und dann legt mein Mann einen Arm um mich und sagt: „Was wir machen können, ist ihr Zuhause zu einer Burg zu machen. Einer Burg mit dicken Mauer, vielleicht sogar hoch oben auf einem Berg. Eine Burg mit einem großen, warmen Feuer darin und einer langen Tafel. Egal was ist und draußen passiert, unsere Jungs sollen immer das Gefühl haben, zu ihrer Burg zurückkommen zu können und alles ist gut.“

Wir haben neue, kleine Rituale eingeführt: Abends nach der Geschichte für den Großen, wenn die anderen beiden oft schon schlafen, erzählen wir uns im Flüsterton gegenseitig kurz was schön war an unserem Tag. Und was nicht so schön. Was uns Angst gemacht hat oder sich komisch angefühlt hat im Bauch. Zum Glück gibt es allermeistens soviel mehr Schönes!

Und morgens, wenn wir oft noch kurz alle in einem Bett liegen, drücke ich ihn einmal ganz fest. Burgmauernfest. Als Ritterrüstung für den Tag.

Foto: Leni Moretti

Alles Liebe,

Claudi