Du grollst wie ein böser Löwe. Deine wilde Mähne sträubt sich wütend nach allen Seiten. Ein Stift fliegt  in die Ecke. Ich hatte dir nur gesagt, dass das b seinen Bauch nach rechts trägt, nicht nach links. Dass es sonst dacken heißt, nicht backen. „Ich mach alles falsch!“, brüllst du – und verlässt türenknallend den Raum. Fehler machen findest du furchtbar…

Ich sage dir später – wieder mal -, dass du nicht alles falsch machst, im Gegenteil. Dass du fast alles richtig machst, und manchmal unterläuft dir eben ein kleiner Fehler. Ein verdrehter Buchstabe. Eine  falsche Zahl. Eine schiefe Note. Ich erkläre, dass Fehler nichts Schlimmes sind. Und dass es trotzdem wichtig ist, sie zu korrigieren. Dass alle Menschen Fehler machen, kleine wie große.

Ich sage dir, dass wir nur durch Fehler lernen, weiterkommen, wachsen.

Dass viele Erfolge dieser Welt auf Mißerfolgen beruhen. Dass jemand manchmal etwas falsch machen muss, damit es danach umso besser wird. Im Kleinen wie im Großen. In der Schule und im Leben. Dass niemand weniger wert ist, weniger geliebt, respektiert wird, weil er mitunter Fehler macht. Dass Zuneigung nicht an richtigen und falschen Sätzen gemessen wird. Dass ich dich immer lieb habe, auch wenn es bei dir vielleicht „lied“ heißt. Und apropos: Kennst du nicht dieses Lied „Alle machen Fehler – keiner ist ein Supermann…“? Du schmollst. „Lass mich!“

Das Mädchen weint. Aus Wut. Es will nicht weinen, deswegen laufen die Tränen stumm über die Wangen. In der Hand hält es eine Mathe-Arbeit, darunter prangt eine rote 4. Das Mädchen ärgert sich über sich. So viele blöde Fehler! Das Mädchen bin ich.

Zuhause nimmt mich meine Mama in den Arm, obwohl ich mich sträube. Sagt mir, dass sie es nicht schlimm findet. Dass sie mich lieb hat, weil ich sie mich immer schlau, schön, großartig finde – egal, welche Noten ich nach Hause bringe. Dass ich aber, wenn es mich wirklich so sehr ärgert, das nächste Mal vorher vielleicht einfach ein bisschen mehr lernen sollte. Das ärgert mich noch ein wenig mehr. Weil ich weiß, dass sie recht hat. Ich wollte lieber mit meiner Freundin spielen statt Bruchrechnung üben.

Ich drehe das Wort Frustrationstoleranz in meinem Kopf hin und her.

Denke, dass es ein sperriges Wort für eine wichtige Sache ist. Oder bin ich doch zu pingelig, dass ich meine Kinder dazu anhalten will, Buchstaben korrekt zu schreiben? Ich entscheide mich für nein. Das sieht auch Klaus Hurrelmann so, der kennt sich als Bildungsforscher gut aus mit Fehlern. Und er sagt:  „Kinder, die nie auf Hindernisse stoßen, lernen nicht, sich aus eigener Kraft durchzusetzen, Konflikte durchzustehen, Spannungen auszuhalten, zu scheitern. All diese Dinge gehören aber eigentlich zu einer gesunden Entwicklung dazu!“

Ich bin ein wenig erleichtert. Weil ich manchmal insgeheim frage, ob ich beim nächsten Fehler-Fight nicht einfach den Mund halten soll. Um es uns leichter zu machen, wenigstens für den Moment. Um dir Tränen zu sparen, mir Nerven. Aber wer seinen Kindern nicht hilft, Frustration über Fehler aushalten zu lernen, tut ihnen keinen Gefallen.

Weil: Solche Kinder haben „nie die Erfahrung gemacht, dass ein Scheitern nicht gleich ein Versagen auf ganzer Linie bedeutet. Sie haben auch nicht gelernt, dass es sich lohnt, beim nächsten Mal ein bisschen härter zu arbeiten, um ein Ziel zu erreichen.“ Über die Worte von Herrn Hurrelmann denke ich lange nach. Vor allem darüber: Wie kann ich diese Idee kindgerecht erklären?

Du kannst auch Fünfter sein.

„Wusstest du, dass dieser Spruch auf die Zimmerwand deines Papas gepinselt war, als ich ihn kennen lernte?“, frage ich dich. Wusstest du nicht. Ich erzähle dir, dass ich nicht nur den Mann, sondern auch sein Motto toll fand. Weil: Niemand muss in allem der Beste, immer der Erste sein. Das ist sogar ziemlich sympathisch, auch mal an vierter oder fünfter Stelle zu stehen.

Jeder soll sich anstrengen, das ja. Soll es machen, so gut es eben geht. So wie du es täglich tust. Wie ich auch. Und dabei passieren halt Fehler. Das ist ganz normal, das ist menschlich. Nur: Wenn du nicht lernst, mit solch kleinen Fehlern umzugehen, sie auszuhalten, sie zu verbessern – dann wiegen größere Fehler plötzlich gigantisch schwer. Weil du nicht die Erfahrung gemacht hast, dass sich die meisten Fehler ausbügeln lassen. Dass es (fast) immer eine Lösung gibt. Die du selbst finden kannst. Und wenn nicht, dann stehe ich hinter dir und fange dich auf.

Ich fluche vernehmlich „Scheiße!“

Hätte nicht übel Lust, einen Teller zu werfen. Wüte vor mich hin, während ich den verkohlten Kuchen aus dem Ofen kratze. Was bin ich nur für ein Idiot, dass ich die Herduhr falsch gestellt hab…! „Ist doch kein Drama, Mama“, sagst du und grinst.  „Ich hab dich trotzdem lieb.“

Du hast mich erwischt. Und ein wenig durchschaut: Ich bin selbst noch immer kein Fan von Fehlern. Aber ich übe mich. Vielleicht ein Leben lang. Wollen wir das zusammen tun?

Und ihr so: Team Tellerwerfer oder Team bloß-kein-Theater…?

Alles Liebe,

Katia