Ein Mittag bei uns

Mrz
21/19

Ich finde vielleicht keine Tageszeit so herausfordernd wie den Mittag. Es prallt so viel aufeinander: mein Kopf, noch mitten in einem Artikel (oder grad raus aus der Schule), die Kinder, müde und hungrig vom Spielen und Lernen, manchmal maulig. Der ganz Kleine, ganz besonders anhänglich, baumelt als Äffchen an meinem Bein. Der Große läuft bereits beim Mittag machen neben mir her mit seinem Matheheft und ein paar Fragen. Die Mittleren sind gern mal lautstark unzufrieden mit dem angekündigten Nachmittagsprogramm. Und mittendrin ich, die versucht ein schnelles, möglichst gemochtes und einigermaßen gesundes Essen zu machen. Und dabei alle bei Laune zu halten. Auch mich…

Dabei fühlt sich gerade der Mittag so sehr nach der Großfamilie an, die ich mir immer gewünscht habe. Wenn nach der beinahe unwirklichen Vormittagsstille wieder Lachen und Singen (und Motzen und Maulen) durch die Tür hereinstürmt, Ranzen und Rücksäcke in den Ecken landen und Jacken durch den Flur fliegen (und kurz darauf meine Worte „Aufhängen, bitte!“). Irgendwie stand in meinen Großfamilienträumen immer ein blubbernder Topf mit Minestrone auf dem Herd, deren Inhalt wir in Ruhe verspeisten, dabei fröhlich über unsere Vormittage plauderten und die Kinder hinterher friedlich Hausaufgaben an einer alten Schulbank machten – in einer blitzblanken Küche selbstverständlich.

Die Wahrheit ist: Ich nutze den Vormittag meist bis zur letzten Minute zum Arbeiten, warm gekocht wird abends – und für eine alte Schulbank ist im Wohnzimmer kein Platz. Da mein Großer aber unbedingt bei mir Hausaufgaben machen will, macht er sie an unserem großen Esstisch – wenn ich Glück habe, stellen sie alle vorher wenigstens wie vereinbart ihren Teller auf die Spülmaschine. Um zu hören, wie ihr Tag so wahr, muss ich in die Trickkiste greifen.

Obwohl es mittags zunächst meist ziemlich chaotisch ist, sind mir ein paar Dinge wichtig: Wer essen möchte, darf essen – auch die, die eigentlich im Kindergarten bereits gegessen haben, aber dann bitte gleich und am Küchentresen. Ich fühle mich wie in einer Lunch-Kantine: „Noch ein Brot bitte, Mama!“ Oder: „Mehr Rührei!“ Oft halte ich inne, frage nach: „Wie bitte?“ Dann lächeln sie: „Darf ich bitte mehr Rührei, Mama?“ Mittags gibt es oft Brot bei uns. Oder Milchreis. Oder gern „Rührei mit was drin“, mit Mais oder Käse oder Schnittlauch. Oder mit allem.

Hausaufgaben werden unbedingt direkt nach dem Essen gemacht, dabei ist im Wohnzimmer Arbeitsruhe angesagt. Wer sich nicht daran halten kann und mag geht ins Spielzimmer oder nach draußen. Lustigerweise hat mein hausaufgabenmachender Großer meist die gleiche Wirkung wie ein riesengroßer Keksteller: es sammeln sich alle am Tisch und es wird mucksmäuschenstill.

Mein Vorschulkind fordert meist von mir eine Hausaufgabe in einem Malheft oder einem Beschäftigungsheft ein, die beiden Kleinen malen zu dieser Zeit oft – oder schauen dem Großen mit offenem Mund beim Rechnen zu. Ich räume dann meist die Küche auf und helfe gern, falls er mal nicht weiter weiß – aber erst, wenn er sich selbst die Aufgabe noch einmal laut vorgelesen und gut überlegt hat. Zum Schluss sind die zehn Minuten laut vorlesen dran, dafür zieht die ganze Tischtruppe gern aufs Sofa um – und die Kleinen hören begeistert zu.

Danach sind alle meist platt. Oft bleiben alle für eine Weile auf dem Sofa liegen und dürfen ein Hörspiel hören, bevor das Nachmittagsprogramm beginnt. Das ist dann oft meine Chance, auch in Ruhe etwas zu essen. Eine Wäsche anzustellen oder die Geschirrspülmaschine auszuräumen. Die Kinder bei den einfachen Haushaltssachen altersgerecht einzuplanen, ist eine Idee für die nächsten Wochen. Mal sehen, wie ich das organisiere.


Besonders mein Großer kümmert sich gern freiwillig um die Blumen oder backt gern, vor allem wenn er nachmittags noch Besuch bekommt. (Hefeteig ist der beste Boxsack). Mein Zweitkleinster hat zu diesem Zeitpunkt meist längst einen riesigen Reiterhof auf dem Wohnzimmerboden aufgebaut und spielt. Oder ein Drachenland, mit Bergen aus Kissen und Decken. Der Zweitälteste spielt oft mit. Die beiden sind gerade ein besonders gutes Spielteam.

Ich mache mir meist noch einen Kaffee (den dritten oder vierten? Ich fürchte, ich trinke wahnsinnig viel Kaffee) und erzähle nach dem Ende des Hörspiels gern von meinem Vormittag. Dann fangen nämlich auch meine Kinder an von ihrem zu erzählen.

PS. Ein Morgen bei uns.

17 Kommentar zu “Ein Mittag bei uns

  1. Lara on 21. März 2019 at 09:03 geschrieben

    Liebe Claudi,
    ich empfinde es genau so. Die Mittagszeit ist bei mir Familienzeit und ich genieße es dann, meine Kinder um mich zu haben, aber es fordert mich heraus wie zu keiner anderen Tageszeit(vermutlich weil ich selbst Hunger habe). Darf ich fragen, um wie viel Uhr bei euch der Mittag beginnt? Kommen alle gleichzeitig? Das finde ich oft schwer zu koordinieren. Liebe Grüße
    Lara

  2. Lisa on 21. März 2019 at 09:22 geschrieben

    Liebe Claudi,
    wie macht ihr das eigentlich mit dem Mittagsschlaf? Das stelle ich mir kompliziert vor, wenn so viel Trubel ist 😊.
    Liebe Grüße,
    Lisa

    • Claudia on 22. März 2019 at 11:57 geschrieben

      Liebe Lisa, der Kleinste macht in seiner Spielgruppe relativ früh bereits einen Mittagsschlaf – also ist das Thema zum Glück erledigt.
      Beste Grüße,
      Claudi

  3. Maria on 21. März 2019 at 14:29 geschrieben

    Danke für den Einblick!

    • Claudia on 22. März 2019 at 11:57 geschrieben

      Gern! Ich finde es auch immer so spannend, wie der ganz normale Alltag bei anderen läuft.
      Alles Liebe,
      Claudi

  4. Franzi on 21. März 2019 at 14:50 geschrieben

    Ich muss ganz ehrlich zugeben, dass mir das zu viel wäre. Ich arbeite bis zum frühen Nachmittag, habe dann 1-2 Stunden für mich, und dann hole ich so gegen halb 4 den Kleinsten von der Kita ab. Die Kinder dann schon um mich zu haben und nicht mal in Ruhe Mittag zu essen und eine Pause zu machen würde ich nicht packen. Ich glaub, dann würd ich nur motzen oder die Kinder vorm Fernseher parken. So Essen sie in den Einrichtungen Mittag, haben ihre Freunde zum Spielen und die Älteren im Hort coole AGs. Der Nachmittag und Abend ist mir immer noch lang genug🤔. Was mich interessiert, finden viele Mütter es wirklich besser (für sich und die Kinder) auch unter der Woche schon ab mittags die Kinder zuhause zu haben, oder ist einfach das Betreuungsangebot nicht vorhanden oder zu teuer? Für mich persönlich denke ich immer: ich brauche die Zeit für mich UND ich denke, die Kinder haben mehr Abwechslung in der Betreuung, also win-win. 🙄

    • Claudi on 22. März 2019 at 00:17 geschrieben

      Hallo Franzi,
      Mir geht es auch so. Ich genieße und liebe es meine 5-6 Stunden am Tag meiner Arbeit nachzugehen und weiß zum Glück, dass die Kinder in ihrer Kita gut versorgt und sehr gern sind. Und dort Angebot haben, das ich selbst so nicht auf die Beine stellen könnte/würde.
      Der kleine schläft dort auch meist bis 14:30/15:00 und er kann ungehalten werden, wenn ich ihn dann vor dem Nachmittagssnack abholen. Und auch seine Schwester genießt das Freispiel am Nachmittag und oftmals bin ich dann mit beiden gemeinsam noch 30 Minuten auf dem Kita-Spielplatz, weil sie noch nicht gehen wollen.
      Und die Nachmittagsstunden genießen wir dann zusammen, natürlich auch immer mal mit reibereien, aber insgesamt doch recht harmonisch, weil auch ich meine Bedürfnisse erfullt habe und dadurch den Nachmittagsstunden relativ gelassen gegenüber stehe.

      • Claudia on 22. März 2019 at 12:09 geschrieben

        Das klingt doch ganz wunderbar. Ich glaube, es gibt wirklich hunderte Lösungen und alle sind richtig und gut solange sie sich für die Familie gut anfühlen.
        Liebe Grüße,
        Claudi

    • Claudia on 22. März 2019 at 12:07 geschrieben

      Hallo und vielen Dank für deinen spannenden Kommentar. Natürlich muss das jede Familie selbst entscheiden, auch je nach Kind(ern) und Situation. Obwohl es stressig ist, genieße ich es so wie es ist. Und irgendwie habe ich das Gefühl, meinen Kindern tut es gut, die Hausaufgaben in Ruhe zuhause zu machen und sich dann außerschulischen Hobbies widmen zu können oder auch einfach mal ihre Ruhe zu haben. Natürlich geht das nur, weil ich gerade flexibel arbeite und mir meine Arbeit gut einteilen kann. (Ich arbeite dann oft noch abends weiter, das ist stressig, aber ja, ich mag es so.) Klar denke ich öfter, wenn ich bis drei oder vier am Nachmittag Zeit hätte, könnte ich noch so viel mehr Artikel, Projekte und Ideen umsetzen – aber irgendwie ist die Zeit ja auch endlich, in denen die Kinder überhaupt so gern in meiner Nähe seien wollen.
      Noch was: Ich habe auch noch das Glück, dass meine Schwiegereltern bei mir auf dem Hof wohnen und auch mal einspringen können, falls ich dann doch mal nachmittags Zeit für die Arbeit oder mich brauche).
      Es muss also wirklich immer passen und es gibt überhaupt kein richtig oder falsch.
      Alles Liebe,
      Claudi

  5. Viola on 21. März 2019 at 15:16 geschrieben

    Schön, das es nicht nur mir so geht. 😂🙈
    Auch bei uns kommen alle um 13.00 Uhr nach Hause, bzw. stellen die Arbeit vorübergehend ein. Dann ist plötzlich ganz viel Leben im Haus, was ich durchaus genieße. Aber Hunger, Essen kochen, Erzählungen vom Vormittag, Hausaufgaben und die kleinen Dinge, die unbedingt sofort erledigt werden sollen bringen mich regelmäßig ins Schwitzen. Da tut es gut zu lesen, das es anderen auch nicht besser geht. 😉

  6. Harobed on 22. März 2019 at 12:19 geschrieben

    Hallo!
    Ja, wirklich spanned!
    Danke, dass wir mal luschern durften!

    Und: Danke für diese niveauvolle Diskussion durch die Kommentare!
    Ich bin auch der meinung, dass es kein richtig oder falsch gibt. Jede Familie sollte allerdings hinschauen, hinhören u hinfühlen, was (gerade) passt, damit es allen gut geht.
    Auch wenn Nachbarn, Freunde, Verwandte oder Blogger es anders leben.
    Liebe Grüße

  7. Anne on 22. März 2019 at 12:39 geschrieben

    Liebe Claudia,
    Was für ein schönes Ritual nach dem Mittagessen eine Leserunde einzuschieben. (Manchmal kommt man auf die einfachsten Sachen nicht ..) Danke für den Artikel!
    Alles liebe

    • Claudia on 22. März 2019 at 12:43 geschrieben

      Ja, oder? Manchmal sind es die kleinen Tipps, die einem richtig gut tun. Danke für dein liebes Feedback!
      Noch dazu ist das Vorlesen so wichtig (muss ich als Lehrerin jetzt einfach mal schlauschissen 😉
      weil in der Schule nämlich einfach nicht genug Zeit ist, damit jedes Kind seine zehn Minuten Leseübung am Tag bekommt.
      Alles Liebe,
      Claudi

  8. Julia on 22. März 2019 at 22:46 geschrieben

    Liebe Claudia, danke für den Einblick! Ich finde es so toll zu lesen, dass eure Kinder mittags zuhause sind. Ich bin hier weit und breit die einzige, die ihre Kinder um 12Uhr von der Kita abholt. Dazu höre ich oft, warum ich mir diesen Stress antun und nicht erst nach dem Mittag abhole. Dann fühle ich mich ganz komisch, denn ich habe es immer geliebt mittags zuhause zu sein und meine Ruhe zu haben und hoffe das geht meinen Kindern auch so. Klar ist das stressig und die Arbeitszeit enorm eingeschränkt, aber es ist doch schön, wenn nach einem trubeligen morgen alle zusammen essen. Und wir machen es wie ihr:wir essen und dann kuscheln wir auf dem Sofa. Ich lese vor und danach gibt es ein Hörbuch. Für die nachmittags Termine ist dann auch wieder viel Energie da 🙂
    Es ist auch toll, dass jede Familie es so unterschiedlich machen kann, gerade wie es bei allen passt!
    Danke für den Einblick und lg Julia

  9. Clarissa on 23. März 2019 at 10:16 geschrieben

    Hallo Claudia, ihr habt sooo schöne weiße Esstisch-Stühle! Wir ziehen demnächst um und genau solche suche ich! 😊 Wo habt ihr die her?
    Beste Grüße aus dem Süden Deutschlands, Clarissa

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