Der Tag, der Sinas Leben für immer verändern wird, ist der 18. September 2019. Für die Schüler der kleinen Alpha Blessed Vision Schule in Loitokitok in Kenia ist es ein Tag wie jeder andere. Die Sonne brennt auf das Wellblechdach über ihnen – sie ahnen nicht, dass jeden Moment eine junge Frau hereinspazieren wird, die ab sofort für sie brennt. Die ihrem Leben zwischen notdürftig zusammengezimmerten Plastikplanen eine ganz neue Richtung geben wird. Sina ahnt noch nicht, wie viel Liebe und Leidenschaft diese Kinder in ihr wecken werden. Und ich, Claudi, habe in diesem Moment noch keine Ahnung, dass ich endlich ein Hilfs-Projekt gefunden habe, was ich langfristig mit meiner Reichweite unterstützen möchte. Aber von Anfang…

Sina ist 28 Jahre, wohnt in der Nähe von Hannover, arbeitet als Daz-Lehrerin und reist gern. Am liebsten in Länder abseits des Urlaubsmainstreams. In 2019 kommt ihr die Idee, nach Kenia zu reisen, um ihr Patenkind zu besuchen. Sina unterstützt das kleine Mädchen seit sieben Jahren, ab und zu schreiben sich die beiden Briefe. Sina freut sich darauf, das Kind, dass ihr dank selbstgemalter Bilder  schon so vertraut ist, in echt zu treffen.

Bevor sie losfliegt, recherchiert sie in einem Vegan-Forum nach Tipps für Restaurants in Kenia und lernt Naomi kennen. Naomi ist 30, Mutter eines Sohnes und einer Tochter und hat jede Menge Insidertipps für Sina. Die beiden schreiben sich Mails, nach ein paar Tagen skypen sie. „Naomi hat sich bereits vor meinen Abflug wie eine echte Freundin angefühlt.“ Die beiden verabreden sich in Kenia.

Sina fliegt los, verbringt erst ein paar Tage in dem Ort, in dem ihr Patenkind lebt. Sie schaut sich auch die Schule an. „Da ich selbst als Lehrerin arbeite, bin ich immer total interessiert, wie anderswo gelernt und gelehrt wird.“ Die Schule ist dank des Partnerprogramms mit Deutschland modern und gut ausgestattet. Es gibt ein Gebäude mit festen Wänden und sogar einen richtigen Bürotrakt. Sina trifft sich wie verabredet in Kenias Hauptstadt Nairobi mit Naomi. Die beiden Frauen verstehen sich so gut, dass Naomi Sina zu sich nach Hause einlädt. Etwa 200 Kilometer ist Naomis Heimatort von Nairobi entfernt, 600 Kilometer von der anderen Schule. Für Sina fühlt es sich an, als reise sie in eine andere Welt.

Als Sina auf die Schule zugeht, entdeckt sie in der staubigen Luft zunächst einen Zaun. Dann ein ausgeblichenes Schild, eine kahle Weide, schließlich eine winzige Hütte. Diese klitzekleine Schule in Loitokitok haben Naomi und die anderen Familien im Dorf David zu verdanken. Der pensionierte Lehrer hatte vor Jahren ein Feld gekauft, um darauf Mais für seinen Lebensunterhalt anzubauen. Weil ihm die Kinder in der Umgebung, die jeden Morgen Stunden zu Fuß zur nächsten Schule gehen müssen, oder die, die er täglich dabei beobachtet, wie sie barfuß über den staubigen Sand laufen, statt lernen zu dürfen, so leid tut, baut er statt Mais an eine Schule.

Er will mehr tun. Seine Hilfsbereitschaft ist riesig, seine Möglichkeiten leider nicht. Es reicht für vier Wände aus Latten, mit Plastikfolie verkleidet. Dazu einige Löcher im Sand als Latrinen und eine Steinkonstruktion mit einem Feuer in der Mitte und einem großen Topf darüber, in dem für die Kinder gekocht wird, deren Eltern das Schulgeld zahlen können. „David betreibt das alles mit so viel Herzblut,“ erzählt Sina, „aber er hat nun mal selbst nicht viel Geld. Sein Engagement, und das seines kleines Teams, hat mich tief beeindruckt. Alle waren so freundlich!“, erzählt Sina. „Aber gleichzeitig hat es mich unfassbar traurig gemacht, zu sehen, wie klein die Möglichkeiten sind. David will helfen, kann es aber nicht. Und viele Eltern können sich für ihre Kinder nicht mal diese notdürftig gezimmerte Schule leisten.“

Eins dieser Kinder ist Anton, 9 Jahre.

Sina trifft ihn bei ihrem Besuch. Er steht etwas abseits vor der Schule, vor der Weide, vor dem Zaun. Einige Wochen hat David Anton noch zur Schule gehen lassen, obwohl seine Oma nicht mehr zahlen konnte. Dann muss er ihn mit Tränen in den Augen wegschicken. Antons Mutter war plötzlich verschwunden, einen Vater hat er nicht. Anton geht Sina nicht mehr aus dem Kopf. „Ich würde für ihn zahlen!“, denkt Sina. Anton wird das erste Patenkind des in diesem Moment gegründeten Vereins.

 

Wie groß sie die ganze Sache mal aufziehen wird, ahnt Sina in diesem Moment noch nicht. Sie will bloß von David wissen, was er am dringendsten braucht. „Ich werde es besorgen!“, verspricht sie. Davis ziert sich erst, sagt dann: „Einen Wassertank.“ Der, den sie haben, ist nämlich viel zu klein. Einmal in der Woche kommt in der Gegend ein Wassertransporter vorbei, füllt den Menschen die Tanks auf, die sie haben. „Der Schultank reicht immer nur für die halbe Woche!“, erzählt David.

Noch bevor Sina wieder zu Hause ist, startet sie eine kleine Spendensammlung unter ihren Freunden und auf ihrem privaten Instagramkanal. „Es hat keine Woche gedauert, da hatte ich das Geld zusammen.“ Sie überweist es Naomi, die gibt es David – und drei Tage später schickt Naomi Sina ein Foto vom neuen, stabileren Kessel. „Ich hatte tagelang Gänsehaut!“, erzählt Sina. „Es war so einfach gewesen, dort direkt zu helfen. Und es fühlte sich so gut an, sofort zu sehen, dass es ankommt.“

Am 1. Februar diesen Jahres gründet Sina ihren Verein Emma und Anton, benannt nach dem kleinen Jungen ohne Schulgeld und einer Schülerin aus der Alpha Blessed Vision School, die Sinas Patenkind wurde. Sina möchte den Menschen und vor allem den Kindern in Loitokitok  die Chance auf ein selbstbestimmtes Leben ohne Armut ermöglichen. Das geht am besten über Bildung – und eine warme Mahlzeit am Tag.

Eine Zukunft für 15 Euro im Monat

Sinas Idee: In enger Zusammenarbeit mit Naomi und David vor Ort sucht sie in Deutschland Paten für besonders bedürftige Kinder. Diese können den Kindern mit nur 15 Euro im Monat das Schulgeld, die Materialien, eine tägliche warme Mahlzeit und Medikamente im Krankheitsfall ermöglichen. Die Paten können mit den Kindern Kontakt aufnehmen, Briefe, Fotos und Videos schicken. Die Kinder finden das spannend – und antworten nur zu gern. So sieht jeder, dass seine Hilfe ankommt. Und die Kinder in Deutschland bekommen dank eines Patenkindes einen sehr persönlichen Einblick in ein sehr anderes Land. Meine Kinder reden ständig über unser Patenkind.

Für alle, die keine Patenschaft möchten, hat Sina noch eine zweite Hilfsidee. Eine absolut geniale Idee. Auf der Seite von Emma und Anton können wir Essens- und andere Produkte kaufen. Diese kauft Naomi dann im kleinen Laden vor Ort und verteilt sie an die Familien. Damit helfen wir nicht nur den Kindern, sondern auch dem Laden, seiner Familie und seinen Angestellten. Hier kann man zum Beispiel einen Sack Reis für die Kinder und ihre Familien kaufen. Und hier einen Obstkorb. Man kann den Namen des Kindes angeben, für das man spenden möchte, muss man aber nicht.

Warum heißen kenianische Kinder Emma und Anton?

Das war das erste, was meine Kinder mich gefragt haben, als wir auf Sinas Seite ein Patenkind für unsere Familie ausgesucht haben. Die Erklärung ist einfach. „In Kenia haben alle Kinder zunächst einen englischen Namen und dann noch einen zweiten Namen in der Sprache des jeweiligen Stammes. Außerdem gibt es noch einen Nachnamen, den benutzt aber niemand!“, erklärt uns Sina.

Zur Zeit ist übrigens auch die kleine Alpha Blessed Vision School in Kenia im Lockdown. Alle Kinder, bis auf die in den Abschlussklassen, müssen zuhause bleiben. „Das ist schlimm!“, erzählt Sina. „Naomi berichtet mir täglich davon, wie sehr diesen Kindern das Mittagessen fehlt. Wir alle hoffen, dass die Schulen im Januar wieder öffnen dürfen. Wahrscheinlich werden einige nicht wieder kommen, weil sie in Arbeit oder verheiratet worden sind.“

Naomi kennt die Familien. Sie besucht sie persönlich, erzählt von Sinas Arbeit, von ihrem Verein und von der Möglichkeit einer Patenschaft. Naomi weiß auch, welche Familien es am nötigsten haben. Sie macht in Abstimmung mit den Eltern die Fotos für Sinas Seite. Sina zahlt ihr zwanzig Euro pro Arbeitstag, weil sie an diesen Tagen ihr kleines Geschäft schließen muss. Sich selbst zahlt Sina übrigens nichts.

Und was ist mit den Kinderbildern im Netz?

„Natürlich haben wir uns gefragt, ob es nötig ist, die Kinder zu zeigen“, erzählt Sina. „Der Grad ist schmal – und wir wollen nicht als weiße Retter auftreten.“ Fakt ist aber: Die Fotos machen es so viel persönlicher. „Die Chance damit einen Paten zu finden, wird viel größer. Dieses kleine Manko nehmen wir in Kauf.“ Und natürlich muss sich niemand fotografieren lassen. Den meisten Kindern macht es aber sogar richtig Spaß. Und auch für die Eltern ist es überhaupt kein Problem. Natürlich besteht aber auch die Möglichkeit, Kindern ohne Foto zu helfen. „Ein paar Leute rufen mich an und sagen, sie würden einfach gern das Kind unterstützen, dass es am nötigsten hat.“ Und natürlich freuen sich Sina und ihr Team auch über ganz einfache Geldspenden.

 

Sina hat riesengroße Pläne für ihren Verein: Einen Unterschlupf, für Kinder, die von häuslicher Gewalt betroffen sind. Frauengruppen, eine Initiative gegen Genitalverstümmelung. Und zunächst einmal ein festes Schulgebäude – David hat zum Glück bereits ein stabiles Fundament gebaut. Ich kenne Sina übrigens persönlich, sie ist eine Freundin von Louisa, eine der beiden Fotografinnen, mit denen ich regelmäßig zusammenarbeite. Ich freue mich, Sina, Louisa und den Rest ihres Teams mit meiner Reichweite zu unterstützen.

Wir würden uns riesig freuen, wenn ihr den Kindern in Kenia über Sinas Seite Essen oder Geld zu Weihnachten schenkt oder vielleicht sogar eine Patenschaft übernehmt. Naomi wird uns via Video demnächst hier zeigen, wo unsere Spenden gelandet sind. Seid ihr dabei? Ich bin so froh, ein Projekt gefunden zu haben, bei dem ich mir ganz sicher bin, dass mein und unsere Hilfe direkt ankommt und nicht in der Bürokratie einer großen Organisation untergeht. Sobald es wieder möglich ist, wird Sina nach Kenia reisen und sich vor Ort weiter engagieren. Klar wird auch sie dann hier von ihrer Arbeit berichten. Sina, Louisa, Mo, Julia, Naomi, David, die Kinder, ihre Familien und ich sagen DANKE!

Wenn ihr Fragen habt, immer her damit!

Fröhliche Vorweihnachten,

Claudi