Eigentlich ist alles gut.

Nov
25/19

Ich sitze abends zuhause auf dem Sofa, Kerze an und fragte mich, warum ich nicht feiern kann. Den kuscheligen Winter, mich, uns, das Leben, eine Folge Lieblingsserie – was auch immer. Ich habe alles, was ich immer haben wollte: mehrere Kinder, tollen Mann, tolles Haus, einen Job, der mir die allermeiste Zeit über Spaß macht. Ich habe doch alles. Genau in diesem Moment wird mir klar, dass genau das das Problem ist…
Angst haben, dass etwas passiert
Nach alles haben kommt nicht mehr mehr. Klar, oder? Danach kommt bloß eins (oder zwei, oder drei?) Dinge nicht mehr haben. Ich spürte, dass ich vor lauter Grübeln so oft auf Sparflamme feierte. Beziehungsweise gar nicht feierte. Dass es mir schwer fällt abzuschalten und einfach zu genießen, weil ich Angst habe, etwas von dem zu verlieren, was mich glücklich macht. Vielleicht habe ich zu viele Seifenopern geguckt, um zu glauben zu wissen, dass alles nicht lange gut gehen kann.

Und was mache ich also? Ich sitze da, in Lauerstellung, und passe auf, dass ich nicht feiere, damit es eventuell nicht ganz so weh tut, wenn ich aus irgendeinem Grund nicht mehr feiern kann. Manchmal verfluche ich meine Fantasie für all die Independent-Filme in meinem Kopf. Verfluche mein Texter-Hirn für all die schrecklichen Titelzeilen. Boulevard-Zeilen.

Fakt ist: Ich habe die Angst mitgeboren. Sie flutschte mit einer schmerzlosen Wehe heraus, ich schätze mal zwischen Sohn eins und Nachgeburt. Sie wächst rasend schnell, schneller als jedes meiner Kinder. Als ich im Wochenbett lag, mich winzig klein fühlte neben meinem winzig kleinen Sohn, ihn quasi ohne Pause ängstlich bewachte, mich hilflos und unfähig fühlte, fragte ich meine Mutter: „Jetzt sag doch mal, wann hört sie denn auf, diese eklige Angst?“

„Nie!“, meinte meine Mutter. Sie hatte die Stirn in Falten gezogen. Aber sie lächelte.

An diesem Abend saß ich wieder da, blickte raus in die Dunkelheit und sah mich in der spiegelnden Fensterscheibe. Ich sah sie mir im Spiegelbild an, meine Sorge um meine Söhne, meinen Mann, meine Eltern. Wenn einer von ihnen sich nicht fühlt, denke ich sofort, es könnte etwas Furchtbares sein. Wenn einer nicht anruft, textet meine Kopf Titelzeilen in fetten Buchstaben. Ich sitze da und spüre die Sorgen in meinem Bauch, die dort schwerer herum liegen, als die Packung Marzipan neben mir. Die ich nicht essen mag vor lauter Sorgen machen.

Und plötzlich denke ich: Was für ein Blödsinn. Ich atme die Angst raus. Ich schmeiße sie raus aus meinem Kopf. Ich lasse sie nicht zu. Ich denke: „Ne komm, lass mal.“ Ich zünde noch eine Kerze an, schiebe mir ein Stück Marzipan in den Mund und feiere. Allein die Tatsache, dass ich ein wenig Zeit für mich habe.

Ich denke: Sich sorgen ist okay, gehört dazu, wenn man liebt. Aber mich auffressen lassen, von diesen Biestern, ist nicht okay. Das ist Quatsch.

Muss ich mich gerade in der dunklen Zeit immer mal wieder dran erinnern. Ihr euch auch?
Eine schöne Woche,

21 Kommentar zu “Eigentlich ist alles gut.

  1. Katrin on 25. November 2019 at 12:01 geschrieben

    Liebe Claudia,
    ich bin stille Mitleserin und jeder deiner Texte trifft mich mitten ins Herz. Deshalb muss ich heute etwas schreiben. Du benennst die Sorgen, Gedanken und den Alltag als Mama, so als wären es meine Gedanken, nur in viel schöneren Worten. In manchen Situationen hilft es mir, an deine Texte zu denken und dass wir alle in einem Boot sitzen. Danke für deine Sprachgewandheit, dies so zuckersüß auf den Punkt zu bringen.

    Viele Grüße Katrin

    • Claudia on 25. November 2019 at 12:03 geschrieben

      Liebe Katrin, du bist ja schnell. Wow, ich danke dir.
      Manchmal tut es doch einfach gut, dass man nicht allein ist mit den verrückten Gedanken.
      Aber echt.
      Liebe Grüße,
      Claudi

  2. Annika on 25. November 2019 at 12:22 geschrieben

    Wunderschön beschrieben, dieses Gefühl. Danke!

  3. Sandra on 25. November 2019 at 12:59 geschrieben

    Ich kenne deine Gedanken sooo gut.Ich war (falsch, bin noch ein bisschen) so. Immer besonders am Silvester war es mir ziemlich schlecht. Ich dachte: „wow, das Jahr war so schön, wir sind alle immer noch da und die Kinder sind gesund. Kann das nächste Jahr so gut sein?“. Und das obwohl ich immer dankbar für mein Leben war, ohne große Ansprüche. Und dann mitten in den Familie mit drei kleinen Kinder Chaos, kam durch Zufall eine Krebs Diagnostik. Komplett unerwartet, schmerzlos und leise. Aber so ein Glück wie wir hatten beim entdecken, hatten wir auch bei losbekommen. Diese Moment veränderte unser Leben. Wir dürfen uns jetzt über unseren Glück freuen ohne wenn und aber. Und über unseren Tisch hängt einen Bild mit dem Text „we love simply things in life.“ Jeden Kerze auf dem Geburtstagskuchen, jedes Fest, jedes Jahreszeit wird gefeiert. Es ist nichts selbstverständlich. Und die kleine Probleme, lassen wir sie klein bleiben. Wir machen uns trotzdem Sorgen und sind manchmal überfordert im Alltag,wie jeden anderen auch. Aber kurze Zeit später feiern wir unser Glück, einfach wir sein zu dürfen!

  4. Annika on 25. November 2019 at 13:10 geschrieben

    Mir geht es ganz genau so wie dir. In vielen Situationen. Nicht abschalten, ständig neue Ideen haben, überschwängliche Freude und gleich darauf nagende Zweifel und Ängste. Scheint wohl eine ähnliche Persönlichkeitsstruktur zu sein. Ich hoffe immernoch, dass es mal ruhiger wird. Und habe gleichzeitig Angst davor. Weil ich es liebe so lebendig zu sein.
    Wenn ich noch nicht total in meinen Gedanken gefangen bin, sage ich mir ab und an, dass ich bloß nicht alles glauben darf, was ich so den lieben langen Tag denke. Und manchmal sage ich sogar, dass ich das Thema gedanklich erstmal ein paar Jahre ruhen lassen kann. Wie eine Akte, die man eines Tages ja mal aufmachen könnte, sollte es dann nötig sein.
    Und im Frühling ist eh alles wieder vergessen und das Leben kehrt zurück.

  5. Edith H. on 25. November 2019 at 14:20 geschrieben

    Liebe Claudi!
    Bevor wir Kinder hatten war mir bei Weitem nicht bewusst, was es bedeutet sich richtig Sorgen zu machen. Und auch ich stelle immer wieder fest, dass sich (gerade wenn man eigentlich „alles“ hat) schnell eine gewisse Unzufriedenheit einstellt und gleichzeitig auch die Angst etwas davon verlieren zu können.
    Ich begegne diesen Dingen mit meinem Vertrauen in Gott. Jeder Atemzug, jeder Sonnenstrahl, jeder Tautropfen hängt doch von Ihm ab. Ich kann mit meinen Sorgen dem Leben meiner Liebsten keinen Tag hinzufügen. Aber ich kann in Dankbarkeit jeden Tag genießen, der uns geschenkt ist! Ähnlich verhält es sich mit der Unzufriedenheit (die meist im Vergleichen mit anderen resultiert): alles Materielle ist doch vergänglich und ich möchte meine Kraft lieber in Dinge investieren die Bestand haben…
    So, genug philosophiert bzw. laut gedacht!
    Danke für den Gedankenanstoß!
    Liebe Grüße,
    Edith

  6. Liebe Claudi, danke für Deine Worte, die genauso aus meinem Mund gekommen sein könnten. Ich kann Deine Gedanken und Gefühle so gut nachvollziehen. Auch ich muss lernen, den Moment zu genießen und angstfrei das Leben zu feiern, Gott dankbar zu sein für all das, was ich geschenkt bekomme und schon bekommen habe. Und der „Geschenkeberg“ ist wahrlich groß! Auch wenn mein Angst-, Sorgen- und Zweifelkarussell sich oft nicht schnell genug stoppen lässt, so denke ich dennoch: Ich bin auf einem guten Weg …
    Alles Liebe für Dich.

  7. Anna-Lena on 25. November 2019 at 15:23 geschrieben

    Liebe Claudia,
    dieses Gefühl kenne ich auch so gut. Das ist das „Problem“ mit der Liebe, glaube ich. Je mehr wir unser Herz öffnen, desto verletzlicher liegt es da. Aber zumachen will ich es ja auch nicht, dann lieber so rum!
    Irgendwann habe ich angefangen jeden Abend für meinen Mann und meine Kinder zu danken – denn wenn morgen wirklich alles vorbei sein sollte, dann will ich nicht zurückblicken und feststellen, dass ich alles als selbstverständlich hingenommen habe. Und ich erinnere mich selbst immer wieder daran, Gott zu vertrauen, dass er mir nicht mehr zumutet, als ich tragen kann.

    Danke für deine Gedanken, die mir oft so nahe gehen.
    Liebe Grüße
    Anna-Lena

  8. Christiane on 25. November 2019 at 16:29 geschrieben

    Liebe Claudi,

    danke für diesen schönen und guten Artikel.
    Und hast du nicht auch erst vor kurzem geschrieben, Gedanken seien nur Gedanken und nicht die Realität? Diese Denkweise hilft mir wirklich weiter.

    Ganz liebe herzliche Grüße
    Christiane

  9. christine bergant on 25. November 2019 at 18:56 geschrieben

    hier meldet sich eine omi, der du auch aus der seele geschrieben hast.
    ängste, sorgen….. in einer sehr glücklichen familie waren sie doch so oft mein begleiter!
    die kinder sind erwachsen, alles ist gut gegangen, natürlich gab es höhen und tiefen.
    alle drei sind gesund und liebe, tüchtige menschen es geht ihnen gut.
    ich habe mich eigentlich total UMSONST gesorgt, das tut mir jetzt schon leid!
    aber auch um meine enkelchen habe ich ängste, fixnocheinmalichwilldasnicht!
    da schleichen sich wieder ganz leise verschiedene ängste ins hirn-keine unbegründeten in der heutigen zeit.
    andere können sie vielleicht leichter wegstecken als ich krebsgeborene…. 🙁 …gluckenmama und oma.
    deine mama hat recht, auch nicht in unserem alter kriegt man die sorgen und ängste aus dem kopf. so müssen wir denn mit ihnen leben und unsere aufgabe ist, sie kleinzuhalten, sogut es uns eben gelingt.

  10. Dörte on 25. November 2019 at 19:33 geschrieben

    Liebe Claudia,
    ich mag Deine Texte sehr gerne und bin immer wieder beeindruckt, was für treffende Worte Du oft für Situationen und Gefühle findest. Auch dieser Text hat mich sehr berührt. Wir haben mit unserem zweiten Sohn Dankbarkeit gelernt und wie wertvoll das Leben und Gesundheit sind. Er kam als Frühchen nach einer sehr komplizierten Schwangerschaft zur Welt und musste sich ins Leben kämpfen. Er hat alle Herausforderungen gemeistert und ist zu einem fröhlichen, gesunden kleinen Jungen geworden, der uns alle mit seinem Lachen verzaubert hat. Wie oft habe ich da gesessen und meine beiden Kinder angesehen und mein Herz war übervoll vor Dankbarkeit und Glück und Liebe. Mir war aufgrund seiner Geschichte immer bewusst, dass es nicht selbstverständlich ist, alle meine Lieben unter einem Dach zu haben und dass es allen gutgeht. Auch ich habe immer versucht, meine diffusen Ängste wegzudrücken und im hier und jetzt zu leben. Wir hatten es ja geschafft. Nun sind meine schlimmsten Ängste wahr geworden. Unser Sohn ist vor wenigen Wochen kurz nach seinem 3. Geburtstag völlig überraschend gestorben, er ist am Morgen einfach nicht wieder aufgewacht. Eine Ursache für seinen Tod konnte man bislang nicht finden. Unsere Welt liegt in Trümmern und der Schmerz ist unbeschreiblich. Und ich weiß nicht, wie ich es jemals wieder schaffen soll, die Angst um meine Familie zur Seite zu schieben…
    Traurige Grüße
    Dörte

    • Claudia on 25. November 2019 at 20:14 geschrieben

      Liebe Dörte, ich weiß gar nicht, was ich schreiben soll. Ich finde es so mutig, dass du so offen schreibst – und ich fühle mich plötzlich ganz doof mit meinen doofen Ängsten und meinem Marzipan. Ich drücke dich virtuell ganz, ganz fest und wünsche dir alle Kraft der Welt. Mit ganz lieben Grüßen,
      Claudi

    • Biene on 25. November 2019 at 22:23 geschrieben

      Liebe Dörte, ich lese diesen Blog schon so lange, aber dies wird mein erster Kommentar.
      Ich möchte dir mein herzliches Beileid aussprechen, es ist unfassbar, was du geschrieben hast und was ihr ertragen müsst! Ich wünsche euch so viel Kraft und Beistand in diesem Alptraum!

    • Noreen on 26. November 2019 at 10:18 geschrieben

      Liebe Dörte,
      seit ich gestern Abend Deine Zeilen gelesen habe, gehen sie mir nicht mehr aus dem Kopf. Ich denke sehr an Dich und wünsche Dir und Deiner Familie viel Kraft und Menschen in der Nähe, die all diesen Schmerz mit Euch teilen und tragen können. Ich werde am 8. Dezember eine Kerze für Euer Kind anzünden. Es ist der jährliche weltweite Gedenktag aller verstorbenen Kinder und seit unser dritter Sohn vor nun schon sieben Jahren in der Schwangerschaft gestorben ist, nehme ich an dieser Andacht teil. Sei ganz herzlich gegrüßt!

  11. JULI on 25. November 2019 at 20:11 geschrieben

    Ach Claudi, ich fühle dich in deinem Gefühl! Sisters in worries- sind wir Muttis wohl alle. Mehr Marzipan, weniger Sorgen, gefällt mir, dein Rezept. Habe Dank

  12. Katharina on 25. November 2019 at 21:01 geschrieben

    Liebe Claudi,
    Wie schön zu wissen, dass es s andere Menschen gibt, denen es ähnlich geht wie mir;) diese gemeinen Ängste. An dunklen Wintertagen treffen sie einen besonders. Ich hätte so gerne noch ein viertes Kind, war mir ganz sicher. Und jetzt lassen mich die dunklen, grauen Tage wieder zweifeln. Da ist diese Angst, dass was schief geht, in der Schwangerschaft, während der Geburt, danach. Sollte ich nicht mit meinen drei wundervollen Kinder zufrieden sein? Bestimmt bin ich das. Dieses auf und ab, aus Mut, der laut schreit: warum denn nicht, wir wären eine tolle Familie für ein viertes Kind. Und dann wieder diese lähmende Angst, in der man sich selbst nicht wieder erkennt und voller Zweifel ist. Die Angst gehört wohl zum Leben dazu, aber es sollte nicht von ihr bestimmt sein. Manchmal denken wir wohl einfach zu viel nach. Sensible Menschen sind sicher anfälliger dafür, aber es bringt auch so viele gute Dinge und lässt dich eine wunderbare, emphatische mama sein und deine Texte für uns alle eine große Bereicherung im Alltag. Danke dafür.

  13. Claudi on 25. November 2019 at 22:14 geschrieben

    Wie wunderbar du dieses Gefühl in Worte fasst!

  14. Dana on 26. November 2019 at 00:17 geschrieben

    Liebe Claudi, danke für diesen tollen Artikel. Ich komme mir in letzter Zeit so oft so blöd vor, weil ich immer wieder Momente habe, in denen ich mir irgendwelche Horror-Szenarien ausmale. Es tut gut zu wissen, dass ich damit nicht alleine bin. Wir hatten in diesem Jahr im engeren Frendeskreis drei „Bombeneinschläge“, wahrscheinlich hat es damit zu tun. Die haben mmir nochmal richtig bewusst gemacht, wie zerbrechlich das Glück ist und wie unglaublich dankbar ich sein kann. Trotzdem verliere ich mich im Alltag oft in kleinen Sorgen und kann die Dankbarkeit nicht richtig spüren. Wieder mehr Dankbarkeit empfinden wird auf jeden Fall mein Vorsatz für 2020. 🙂

  15. Fanny on 26. November 2019 at 11:11 geschrieben

    Liebe Claudi, wie immer triffst du es einfach ganz genau! Bei uns im Freundeskreis gab es über die letzten 4 Jahre auch immer wieder dramatische Schicksalsschläge, die einem so richtig vor Augen führen, wie zerbrechlich das Leben ist. Das hat mich alles sehr geprägt und die andauernden Sorgen, selbst in Glücksmomenten, wurden immer mehr. Dieser „Es kann eigentlich nur schlimmer werden“-Gedanke hat mich lange sehr bestimmt, was sehr belastend war. Was bei mir geholfen hat: Mir (das habe ich mir angelesen und durch eine Freundin, die Psychotherapeutin ist, erläutert bekommen) bewusst zu machen, dass das menschliche Hirn von Natur aus darauf gepolt ist, sich mit Gefahren auseinanderzusetzen und zu „kathastrophisieren“, das ist der ZUstand, wenn die negativen Gedanken, die Horrorszenarien mit einem durchgehen. Wenn es solche Momente gibt (bei mir oft nachts schlaflos im Bett) trete ich gedanklich bewusst einen Schritt zurück und sage mir, dass das meine Gedanken sind und nicht die Realität. Nüchtern betrachtet ist die Wahrscheinlichkeit, dass einem eine Kathastrophe zutrifft, nämlich relativ gering. Und wenn doch, sind es fast immer Dinge, die man weder durch Voraussicht, größere Vorsicht, eine Änderung des Lebensstils etc. hätte verhüten können. Die wahren Katastrophen liegen nämlich außerhalb unseres Einflussbereichs. D.h. entweder kommen sie nie oder sie kommen, egal, was wir vorher tun. D.h. auch, dass wir noch so viel Hätte Wäre Wenn-Gedanken wälzen können, wir halten „das Schicksal“ wenn man es so nennen mag nicht auf. Wir versauen uns nur die Gegenwart. Das Bewusstsein, dass ich nichts ändern können würde, hat mir eine große Sorgenquelle genommen, denn oft drehten sich meine Gedanken auch darum, was man vorher machen könnte oder wie ich etwas verhüten könnte. Aber darum geht es nicht, denn man kann das meist nicht verhüten. Und was mir dann noch geholfen hat, war das Aktiv-Werden. Was wäre, wenn das schlimmste einträfe? Wenn mein Mann und ich sterben zB? Und dann wirklich den Gedanken annehmen, wenn es unveränderbar ist, dass wir sterben, ist das einzige, was wir noch tun können im jetzt, alles so vorzubereiten, dass die, die wir lieben, möglichst wenig zusätzliche Probleme haben mit unserem Ableben. D.h. wirklich Testamente machen, patientenverfügungen, Was will ich bei der Beerdigung und was nicht, wo sollen die Kinder aufwachsen und welche Werte sind uns für sie wichtig. All das aufzuschreiben, konkret Dokumente zu erstellen, die den Hinterbliebenen helfen, klarzukommen, das war erst richtig gruselig und auch sehr dunkel, aber dann auch wirklich befreiend und hilfreich. Dadurch konnte ich diese was wäre wenn gedanken wirklich großteils loswerden, denn meine Kinder werden jetzt einen Brief haben, in dem steht, wie sehr ich sie immer liebe (da habe ich viele Tränen vergossen beim schreiben), meine Familie ebenso, ich habe das gefühl, FALLS etwas schlimmes passiert, bin ich in dem Maße vorbereitet, wie man es pragmatisch sein kann. Emotional natürlich kann man sich schwer vorbereiten, aber es bringt auch nix, sich das vorher zu überlegen oder reinzufühlen, denn man kann das einfach nicht antizipieren, was passieren wird. Und dadurch, dass ich das „grobe“ geregelt habe, kann ich jetzt Abstand dazu nehmen und das Jetzt so weit wie möglich genießen. Natürlich mache ich mir immernoch oft Sorgen, es gibt schrecklich dunkle Tage, aber die hellen und dankbaren überwiegen, weil mir klar geworden ist: Was passiert, liegt nicht in unserer Hand, wirklich nicht,aber wie wir Schlimmes vorbereiten, wie wir Hinterbliebene zurücklassen, was wir ihnen zurücklassen, das schon. Ich hatte lange sehr Angst um meine Kinder, als ich noch keine Kinder hatte, hatte ich nie Angst vor meinem Tod weil ich immer dachte hey, wenn ich jetzt sterbe hatte ich ein gutes Leben. Dann mit Kindern hatte ich erst Angst um die kinder und dann immer mehr Angst falls ich sterbe. Diese Angst ist durch die Maßnahmen oben weniger geworden. Die Angst um die Kinder, klar, die bleibt, aber auch da: Wenn ihnen was wirklich schlimmes zustößt, das liegt meist nicht in unserer Hand. Da muss es reichen, sich dann wenn es so weit ist Gedanken zu machen, denn so viel man es auch durchdenkt, es hilft für das Jetzt nicht, versaut es nur. UNd für den Fall der Fälle hilft es auch nicht weil man diese Extremsituation eh nicht antizipieren kann. Nur das jetzt dankbar und glücklich sein, das ist es, was etwas bringt, nämlich Glück und Zufriedenheit, zumindest ab und an. Ich habe zwar immernoch das Gefühl, ich lebe direkt neben dem Abgrund und irgendwann kommt es, aber ein bisschen schaffe ich es, den Abgrund ab und zu zu ignorieren. Das ist doch schonmal was. Und wenn man weiß, dass es allen so geht, hilft das auch. Alles Gute dir und deiner Familie!

  16. Katharina von Samson on 29. November 2019 at 12:57 geschrieben

    Wow, Danke für diesen Text! Ich bin doch nicht alleine auf dem doofen Gedankenkarussell…puh,das erleichtert! Danke!
    Und jetzt: Fenster auf und Dunkelkram davonziehen lassen…dafür darf die (Herbst-)Sonne rein! Danke liebes Leben!

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