Über 1,8 Milliarden Menschen zelebrieren ihn genau jetzt – und ich weiß erschreckend wenig darüber. Worüber? Über den muslimischen Fastenmonat Ramadan! Um das schnell zu ändern, habe ich mit drei ganz unterschiedlichen Frauen gesprochen. Ich wollte herausfinden, wie genau sich Ramadan anfühlt, wie er klingt und wie er schmeckt und natürlich auch, ob es schwer ist, für so lange Zeit auf Nahrung zu verzichten. Zwei meiner Interviewpartnerinnen sind selbst Muslime, eine ist mit einem muslimischen Mann verheiratet…

Touba ist Muslimin, 31 Jahre alt und lebt mit ihrem Mann und drei Kindern in einem Vorort von München. Wenn sie derzeit die Tür zu ihrer Wohnung öffnet, duftet es nach Cay, einem türkischen Tee, und nach natürlichen Duftölen, vielleicht Vanille oder Bergamotte.“ Bei vielen Familienmitgliedern dagegen rieche es sehr intensiv nach Kolonya, einer Art türkischem „Kölnisch Wasser“ – das bekommen Besucher direkt in der Tür gereicht, erzählt Touba und gibt zu: „Ich mag den Duft allerdings gar nicht!“

Touba und ihr Mann fasten beide. Nur Kinder, Alte, Schwangere und Frauen, die ihre Periode haben, fasten nicht. Als ich frage, ob es nicht seltsam sei, dass so alle wüssten, wann man seine Tage hat, schüttelt Touba energisch den Kopf: „Das merkt doch niemand, weil ich doch nie vor den Fastenden essen würde“, erklärt sie mir. Und überhaupt habe Allah die Frauen während der Periode vom Fasten freigestellt, aber nicht gefordert, dass Frauen diese verheimlichen sollten. „Perioden-Shaming hat eher einen kulturellen Hintergrund und ist leider in allen Kulturen ein Problem. Wir sollten alle gemeinsam dringend damit aufhören, die Periode zu tabuisieren.“

Touba erzählt mir, dass von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang gefastet wird, genauer gesagt, vom Beginn des Morgengebets bis zum Abendgebet. Ihre Kinder fasten noch nicht. Vor dem Morgengebet isst Touba im Dunkeln eine Kleinigkeit: Eine Dattel oder ein paar Walnüsse, dazu trinkt sie ein Glas Wasser. „Je weniger ich aber esse, desto besser kann ich das Fasten ohne Essen und Trinken bis zum Abend durchhalten.“ Gebetet wird fünfmal am Tag: Morgengebet, Mittagsgebet, Nachmittagsgebet, Abendgebet und Nachtgebet. Abends nach Sonnenuntergang bereitet Touba etwas Leichtes zu: eine warme Suppe vielleicht, Kartoffeln mit Gemüse oder auch mal Fleisch. Manchmal auch nur Brot mit Salat.

„Ich versuche in dieser Zeit noch mehr als sonst, so wenig wie möglich wegzuschmeißen und alles wieder zu verwerten.“ Denn Ramadan ist für Touba soviel mehr als Fasten: „Es ist eine Zeit, in der ich übe mein Ego zu zügeln und schlechte Eigenschaften abzulegen. Dazu gehört für mich auch die Verschwendung und der Anspruch, jeden Tag etwas Neues zu essen.“

Es ist übrigens kein bisschen so, dass Touba vor Ramadan daran denkt, wie anstrengend das Fasten sein wird. Im Gegenteil: „Ich freue mich regelrecht darauf, genau wie die meisten anderen Muslime. Das Fasten bringt mich in einen Trance ähnlichen Zustand, ich fühle mich leicht und habe manchmal das Gefühl, ich schwebe. In meinem Kopf bloß Klarheit. Das Fasten macht mich und viele andere allerdings auch sehr emotional. Man spürt, wie zerbrechlich man selbst ist und andere.“ Ramadan hat für Touba zwei Seiten: eine spirituelle, weil man sich mit sich selbst beschäftigt und sein Handeln überdenkt. Und dazu eine sehr fröhliche, gesellige Seite.

„Es fühlt sich fast so an, als würde das Fasten den Menschen eine Hülle herunterreißen und darunter erkennt man wieder den eigentlichen Menschen“, beschreibt es Touba, „so wie er wirklich ist, in all seiner Natürlichkeit. Mir wird immer bewusst, mit wie viel sinnfreiem Zeug ich mich sonst so im Alltag beschäftige, was für einen Quatsch ich oft so esse und auch, wie viel Zeit Essen und Essenszubereitung jeden Tag einnimmt. Und ich fühle dabei jedes Mal eine riesengroße Dankbarkeit: für gesundes Essen und für frisches Wasser. Wenn ich manchmal nachmittags Hände wasche, denke ich nämlich manchmal schon daran, wie schön es jetzt wäre, einen Schluck davon zu trinken. Es ist ein herrliches Gefühl, sich dann abends auf ein Glas freuen zu können.“

Toubas Kinder lieben Ramadan, weil viel gebastelt und gespielt wird und weil sie länger aufbleiben dürfen. Touba hat mit ihnen Girlanden gebastelt und aktuell arbeiten sie gemeinsam an einem Ramadan-Mitmachbuch. In manchen Familien gibt es auch einen Ramadan-Kalender, ähnlich einem Adventskalender. Und außerdem lieben die Kinder Ramadan, weil man normalerweise immer viele Menschen beim Gebet in der Moschee trifft. „Dort kann man ganz wunderbar toben“, erzählt sie lachend und findet es schade, dass dieses Jahr wegen Corona alles anders ist. „Normalerweise hört man an Ramadan dort Kinderlachen, verschiedene Sprachen und Dialekte. Viele Menschen in der Moschee tragen bunte Kleider und Trachten, es duftet nach unterschiedlichsten Gewürzen und alle umarmen sich. Am allerschönsten und fröhlichsten ist es am Eid al-Fitr, dem dreitägigen Fest am Ende des Ramadans.“

„Das zelebriere ich mit meinen Kindern so, wie es meine Mama schon mit uns zelebriert hat. Sie hat uns abends immer neue, festliche Kleidung hingelegt und unser Zimmer geschmückt. Wenn wir dann aufgewacht sind, war es eine herrliche Überraschung. Dann haben wir uns fertig gemacht und unseren Eltern die Hand geküsst, das ist eine Geste des Respekts. Man nimmt dafür die Hand des Älteren, also die unserer Eltern, küsst die Handoberfläche und legt dann kurz seine eigene Stirn darauf. Später startete dann ein regelrechter Besuchs-Marathon – und überall bekamen die Kinder Geld geschenkt. Ich war damals abends gefühlt reicher als meine Eltern. Ach ja, und die Kinder dürfen an diesem Tag so viele Süßigkeiten essen, wie sie wollen. Dieser Tag riecht nach Kaffee, Baklava und jeder Menge synthetischer Parfums. Und er vergeht immer viel zu schnell.“


Aisha Al-Jasmin ist 43 und lebt mit ihrem Mann und drei Kindern in einem kleinen Haus mit Garten in Khorfakkan, einer Kleinstadt im Osten der Vereinigten Arabischen Emirate. Der Fastenmonat beginnt in Aisha Haus damit, dass in der Nacht davor das Crescent Investigation Committee direkt nach Sonnenuntergang den Ramadan ausruft. „Wir umarmen dann alle Familienmitglieder, rufen Nachbarn und Freunde an und beglückwünschen uns. Manche Familien hängen Lichterketten in die Fenster, die kunterbunt und fröhlich flackern. Normalerweise gehen alle zusammen in die Moschee um ein spezielles Gebet zu sprechen, das Al Tarawih. Dieses Jahr musste leider zuhause gebetet werden – und wir haben viele Whats App verschickt.“

Der Ramadan Monat ist schon besonders, deswegen freuen sich auch alle drauf. „Normalerweise gehen Eltern und Kinder während des Ramadans kürzer zur Arbeit und zur Schule, maximal fünf Stunden“, erzählt Aisha, „dieses Jahr ist es bei uns wie wohl überall: auch wir arbeiten zuhause und die Kinder lernen am Küchentisch. Um vier Uhr am Nachmittag beginne ich zu kochen, wir essen meistens eine Suppe und dann als Hauptgericht Harris, ein Eintopf mit Huhn oder Rindfleisch oder Tharid, ein Eintopf mit Brotstücken. Normalerweise bringen wir immer etwas vom Essen zu unseren Nachbarn und den Läden der Umgebung – dieses Jahr war allerdings auch das untersagt.“

Das Fasten fühlt sich zu Beginn etwas seltsam an, erklärt mir Aisha. „Ich bin ein bisschen müde und habe oft heftige Kopfschmerzen, das vergeht aber schnell. Viele Menschen engagieren sich in dieser Zeit in sozialen Projekte, auch wir sortieren aus und verschenken Essen und Kleidung an die Ärmeren. Wir zahlen aber sowieso 2,5 Prozent unseres Einkommens jeden Monat an Bedürftige. Das nennt man bei uns den Zakat.“ Normalerweise kommt nach Sonnenuntergang die ganze Großfamilie zusammen, das ist sehr laut und lustig.

In der Regel fangen die Kinder in den Vereinigten Arabischen Emiraten mit sieben Jahren an langsam mitzufasten. Aishas jüngster Sohn Yousif, der neun ist, hat dieses Jahr beschlossen, es das erste Mal den ganzen Monat über zu tun. „Ich finde das toll und habe ihm zur Motivation einen kleinen Preis am Ende versprochen“, erzählt Aisha. „Es ist ohnehin Tradition bei uns, den Kindern am letzten Ramadan-Tag Geld zu schenken – ich werde Yousifs Betrag daher wohl einfach verdoppeln.“

Ann-Katrin ist 27 und lebt mit ihrem Mann in der Nähe von Aschaffenburg. Sie ist Christin, er Muslime. „Wir hatten nie Zweifel, ob das mit uns funktionieren würde“, erzählt mir Ann-Katrin, „aber wir waren immer unsicher, ob es möglich sein würde, unsere Kinder ohne Religion zu erziehen.“ Die gemeinsame Tochter ist jetzt zweieinhalb und konfessionslos. „Sie soll mal selbst entscheiden können“, erklärt mir Ann-Katrin. Allerdings so ganz frei, also quasi ohne Religion zu erziehen, funktioniere kein bisschen, das haben Ann-Katrin und ihr Mann schnell gemerkt. „Wenn man mal drüber nachdenkt, steckt ja in allem irgendwie Religion.“ Zum Glück seien aber Christentum und Islam gar nicht weit voneinander entfernt, die zehn Gebote gelten auch im Islam. Ann-Katrin und ihr Mann gehen inzwischen ganz offen mit dem Thema um: „Erst wird bei uns Ostern gefeiert und dann Ramadan, danach ist gleich schon wieder Pfingsten. So kann sie später selbst entscheiden. Und sie hat großes Glück, weil bei uns quasi immer gefeiert wird!!!“, erzählt Ann-Katrin und lacht.

Dieses Jahr spüre die Kleine zum ersten Mal einen Hauch von Ramadan. „Sie wollte meinem Mann ein Stück Brezel abgeben. Als er ablehnte und erklärte, dass er nicht essen dürfe, weil Ramadan sein, meinte sie: Ramadan blöd.“ Nach ein paar Tagen wurde es besser. „Für sie ist Papa jetzt gar nichts mehr und das hat sie akzeptiert“, erzählt Ann-Katrin. „Ich erkläre ihr dann immer, dass Papa doch etwas esse, aber eben bloß, wenn es dunkel ist und sie schon im Bett. Aber sie besteht jetzt drauf: „Nein, Papa kein Essen.“

Einen Ramadan-Kalender wird ihre Tochter nicht bekommen, weil das in Tunesien, wo Ann-Katrins Mann herkommt, nicht üblich ist. Aber bestimmt einen Adventskalender. „Übrigens liest auch mein Mann ihr in der Weihnachtszeit Weihnachtsbücher vor. Und er darf den Weihnachtsbaum nach Hause schleppen, den ich aussuche. Und während ich Heiligabend in die Kirche gehe, kocht mein Mann mit unserer Tochter ein leckeres Essen für uns alle. Sie soll beide Religionen ganz bewusst und ohne Vorurteile erleben dürfen.“

Im Alltag helfe ihnen dabei oft Humor – eigentlich genau wie in vielen anderen Familien auch: „Mein Mann und ich witzeln oft über kulturelle Unterschiede und es tut so gut. Wir könnten ganz Bücher damit füllen.“ Ansonsten hat Ann-Katrin das Gefühl, dass es Muslime manchmal schwerer hätten, weil manches sehr ernst genommen werde. „Bei uns ist es zum Beispiel völlig okay, wenn jemand nur an Weihnachten in die Kirche geht. Niemand würde deswegen blöd angesehen werden. Wenn aber ein Muslime fastet und abends dennoch mal eine Zigarette raucht, dann käme ganz sicher ein Spruch. Ich habe manchmal das Gefühl, da wird mehr auf das geguckt, was jemand falsch macht, nicht auf all die Sachen, die jemand richtig macht. Dabei darf ein Muslime nicht mit dem Fasten prahlen und auch nicht damit, wie viel er an die Armen gespendet hat.“

Den Ramadan-Monat empfindet Ann-Katrin vor allem als bunt. Dieses Jahr ist alles aufgrund der Pandemie ein bisschen andern, und ihr Mann arbeitet zuhause. „Es sich so eingespielt, dass ich ihn ausschlafen lasse und Frühstück für mich und unsere Tochter mache. Aber nur weil es so gut passt, nicht weil er es so möchte. Er bereitet dafür abends eine Mahlzeit zu – allerdings jetzt im Frühling so spät, dass ich unsere Tochter bereits ins Bett bringe, wenn er in der Küche loslegt.“ Ein kleines bisschen fastet Ann-Katrin dann nämlich doch mit: „Weil ich mir natürlich jetzt nicht gerade eine Pizza mit Käserand in den Ofen schiebe und mir auch keine eiskalte Limo eingieße. Ansonsten fühlt es sich manchmal an, als hätten wir die Rollen getauscht – und er hat stimmungstechnisch plötzlich Periode und Midlifecrisis, alles auf einmal.“

„An solchen Tagen zähle ich die Stunden, bis alles wieder endet. Aber spätestens abends nach ein paar Happen Essen ist es wieder besser.“ Ann-Katrin nutzt die Ramadan-Tage gern, um Gerichte zu kochen, die ihr Mann nicht so gern mag, sie und ihre Tochter aber umso lieber: Grießbrei oder Fischstäbchen zum Beispiel. „Da fällt es ihm dann mittags nicht so schwer zu verzichten.“ Lustigerweise findet sie das Fasten und Fasten ertragen an Regentagen fast einfacher. „Eine Radtour oder so schlage ich bei Sonne ja nicht mal vor, mein Mann dürfte ja nichts trinken.“

Ramadan duftet in Ann-Katrins Wohnung nach Brik, den traditionellen Teigtaschen, und nach frischem Brot. „Der Duft wird zum Ende des Ramadans immer intensiver. In Tunesien wird auch die Stimmung immer fröhlicher. Die Menschen gehen abends raus, alle grüßen sich, vor dem späten Essen wünschen sie sich Chehya tayba (Guten Appetit!), danach Saha Chribtik (Schöne Suppe!) Und es gibt übrigens ein ganz spezielles Fernsehprogramm, ähnlich wie bei uns vor Weihnachten, mit tollen Filmen und neuen Serien. Und es gibt reichlich religiöse Ansprachen und Gebete – bei denen ich kein Wort verstehe!“

„Eigentlich wollten wir diese Fastenzeit zur Familie meines Mannes nach Tunesien fliegen, aufgrund von Corona klappt das jetzt nicht. Mein Mann ist traurig darüber, was ich verstehen kann. Jeder hat doch Sehnsucht nach seiner Familie, wenn ein traditionelles Fest ansteht. So machen wir es uns zuhause nett, wir dekorieren nicht, ich habe auch noch nie spezielle Ramadan-Dekoration gesehen. Aber alles wird besonders gründlich geputzt und manchmal wird die Wohnung nach altem Brauch ausgeräuchert. Was ich übrigens liebe – mein Mann allerdings überhaupt nicht.“

Herzlichen Dank an meine drei Interviewpartnerinnen und allen einen schönen Rest-Ramadan!

Und natürlich ein fabelhaftes Wochenende,
alles Liebe,

Claudi