Auf dem Onlineauftritt der New York Times entdeckte ich vor ein paar Tagen einen spannenden Artikel. Ein Journalist beschrieb, wie unterschiedlich Mütter und Väter mit ihren Töchtern und Söhnen sprechen würden und konnte dieses auch mit diversen Studien belegen. Mütter benutzten danach viel mehr emotionale Wörter und würden überhaupt viel mehr mit ihren vierjährigen Töchtern über Gefühle sprechen als mit ihren gleichaltrigen Söhnen…
Söhne fördern, Jungs,
Väter dagegen, belege eine frische Studie aus 2017, würden mit ihren Töchtern nachweislich mehr singen und sie häufiger anlächeln als ihre Söhne. Eine weitere Studie belege, dass Mütter wie Väter nach einer behandelten Verletzung ihrer Kinder im Krankenhaus auf sehr unterschiedliche Art und Weise mit ihren Töchtern und Söhnen redeten. Mädchen würden länger getröstet werden – es würde ihnen aber auch viel öfter nahegelegt, die Sache bei der sie sich verletzt haben in Zukunft nicht wieder zu tun und doch auf jeden Fall vorsichtiger zu sein.

Auch in Kinderbüchern gebe es laut Artikel nur selten Väter, die ihren Söhnen ganz klar mit Worten ihre Zuneigung zeigten, wenn, dann würde das mehr nebenbei und durch Gesten erfolgen, lustiges Hochwerfen und Auffangen oder eine gemeinsame Aktivität. (Ein im Artikel genanntes positives Gegenbeispiel ist übrigens „Weißt du eigentlich, wie lieb ich dich habe“!)

Ich muss seither viel über dieses Thema nachdenken. Spreche ich mit meinen Jungs anders, als ich es mit Mädchen tun würde? Es ist nicht leicht für mich zu beurteilen, da ich ja nur Söhne habe. Tatsächlich haben wir, André genau wie ich, eine eher unspektakuläre Art, mit kleinen Verletzungen umzugehen. Sprich, wenn jemand stolpert oder sich stößt warten wir erst mal ab. Manchmal, eigentlich sehr oft, wird dann einfach wieder aufgestanden und weitergelaufen. Natürlich gehen wir hin, wenn geweint wird. Meistens ist es mit einmal in den Arm nehmen, kurzen tröstenden Worten und einem „Puste-Kuss“ wieder gut. Wir schleppen keine Globuli, keine Kühlkissen an und versuchen ganz ruhig zu bleiben. Manchmal, bei großen Kratzern oder dunklen Flecken braucht es noch eine Kuscheleinheit, dabei wird aber meist schon über etwas anderes geredet.

Jetzt frage ich mich, würde ich das mit einer Tochter anders machen? Gerade letztens bei Freunden, war ich überrascht auf welche aufwendige Art und Weise und wie leidenschaftlich dort die Tochter nach einem kleinen Sturz getröstet wurde. Sie war allerdings auch total aufgelöst und schrie und wimmerte noch lange Zeit danach. Das kenne ich von meinen Söhnen weniger. Ich habe mich aber in dem Moment schon kurz gefragt, ob ich vielleicht zu wenig tröste? Ob ich zu nüchtern, zu leidenschaftslos, zu wenig anteilnehmend bin… Und: Ob ich das vielleicht anders mache, weil ich eben Söhne habe? Oder weil ich mehrere Kinder habe? Oder weil ich einfach ein anderer Typ bin…?

Ich – und ich denke wir alle, wünschen uns Männer und Partner, Freunde und Brüder die über ihre Gefühle sprechen können, die unsere Gefühle ernst nehmen und hinterfragen, die gefühlvoll mit sich und anderen umgehen und die Augen für das Schöne haben. (Genau wie wir uns lebensmutige und selbstbewusste Frauen und Freundinnen und Partnerinnen wünschen!) Wie dramatisch wäre es dann, wenn wir als Mütter (und Väter) in der Kindheit nicht die Basis dafür schafften. Wenn wir unseren Söhnen keine Gefühle zugestehen, überhaupt viel weniger mit ihnen reden würden?

Wenn ich darüber nachdenke, kann ich sagen, dass ich mit meinen Jungs zum Glück sehr viel über Gefühle spreche und zwar ganz selbstverständlich und ohne dass ich mir darüber bisher Gedanken gemacht habe. André glücklicherweise auch. „Die haben dich nicht mitspielen lassen? Wie doof! Beschreib doch mal, wie sich das angefühlt hat!“, habe ich schon häufig gesagt. Oder: „Davor hast du Angst? Das ist okay. Magst du erklären, warum dir das Angst macht?“

Interessant: Auf einem Ausflug mit Freunden habe ich meinen Söhnen vor einer Weile ganz selbstverständlich die Blüten an einem Busch gezeigt und sie auf ihre Schönheit aufmerksam gemacht. Einer unserer Freunde meinte dazu: „Das sind Jungs, die kümmern sich doch nicht um Blüten.“ Bevor ich etwas sagen konnte, fragte mein Großer, ob er eine Blüte mitnehmen und pressen dürfe, für sein Herbarium, weil sie so schön seien…

Und ihr? Habt ihr das Gefühl, ihr redet mit euren Töchtern anders als mit euren Söhnen? Und redet ihr mit euern Söhnen über Gefühle? Über das Schöne? Erzählt doch mal, ich bin gespannt…

Alles Liebe,

Claudi