Ich weiß nicht ob dieser Post rausfindet aus meinem verstaubten Laptop, durch das dicke Netzkabel unter der Wiese entlang bis zur Dorfstraße, so sehr haben wir uns eingekuschelt bei uns zu Hause, klebrig süß und rosarot, die letzten drei Wochen. Ich hab meinen Computer die ganze Zeit nicht geöffnet – wer weiß, vielleicht ist das Kabel verstopft mit liegengebliebener Wäsche, Spielzeughaufen überall im Haus, mit watteweicher Familienmagie – oder mit Liebe.
Wochenbett
Liebe gibt’s hier soviel, seit Bo auf der Welt ist. Geschwisterliebe – laut und leise, Babyliebe – ganz große, Partnerliebe – riesengroß. Dankbar. Oft ohne Worte. Oder abends totmüde in drei Worten geflüstert: Ich danke dir. Die letzten drei Wochen waren ganz sicher die zauberhaftesten, schönsten, anstrengsten, müdesten, unordentlichsten und kuscheligsten in unserem Leben. Ach es ist so schön. Und so besonders. Ich hab einmal mehr erlebt, wie sehr ich mich auf Andre verlassen kann. Wenn ich nicht schon sicher war, bin ich es jetzt: Wir können alles rocken.
Wochenbett, Baby, Geschwister
wickeln, Geschwister, Wickeltisch
Unser Bo ist das niedlichste, ruhigste, trinkbegabteste und meist gekuschelste Baby, das wir je hatten. Er schläft viel, lässt sich einfach stillen und liegt auch mal eine Weile wach aber zufrieden in seinem Korb und lässt mich den Jungs ein Buch lesen, ein Spiel spielen oder spontan ein paar Schmetterlinge basteln. Die Großen haben Bo schnell in ihr Herz geschlossen, wenn er weint rufen drei: „Baby weint“. Und wenn ich alle drei fest drücke und sage, dass ich sie lieb hab, zeigen sie zum Korb und sagen: „Bo aber auch.“ Meistens sind ihre Liebesbekundungen zart, selten grob. Ständig sitzen hier drei große Brüder Schlange um Baby zu kuscheln, zu halten oder zu wickeln. Und ich? Ich bekomme nicht genug davon, den Flaum auf seiner Schulter zu bewundern und seine Stupsnase. Zu beobachten, wie sich sein Knautschohr entfaltet. Und mich zu wundern, dass sein Unterschenkel tatsächlich gerade mal so lang ist wie mein Zeigefinger.

Anstrengend ist es auch. Und außerdem ein echtes Gefühle-Tohuwabohu. Ein paar Mal saß ich in der ersten Wochenbettwoche da und merkte wie mir Tränen übers Gesicht liefen, während ich seine winzige Hand hielt, mein Zeigefinger, nur zur Hälfte in seiner kleinen Faust. Ich hätte nicht sagen können warum, ich weinte vielleicht wegen der kleinen Einstichstelle vom Blutabnehmen und dem blauen Fleck auf seinem Handrücken. Überhaupt weil er so klein ist. Aber bald schon so groß. Wegen einem blöden Satz, den jemand gesagt hatte. Vor Erleichterung, weil er da war und gesund. Vor Erleichterung, dass ich die Geburt hinter mir hatte. Ein wenig vielleicht auch aus Traurigkeit, weil ich sie hinter mir hatte. (Aber nur ein wenig). Vielleicht, weil Andre und ich uns über den blöden Elterngeldantrag gestritten hatten. Ganz sicher über den blöden Antrag, weil es so nervig ist ihn auszufüllen. Auch beim vierten Mal. Und mein Kopf so weich.
Geschwister, vier Kinder,
Wochenbett,
Wir leben in unserem eigenen Rhythmus zur Zeit. Wir sechs, zusammen unter unser Schutzhaube aus Tüll. Ich wollte noch keinen Besuch außer unsere Eltern. Ich wollte die träge Magie noch nicht durchlüften. Andre hat die Großen jeden Morgen fertig gemacht, alle Nachmittagstermine übernommen. Und zuhause sind unser Bett und Wohnzimmer freigegeben zum Spielen, überall liegen Brioschienen und Kaplasteine, ständig stolper ich über Waggons. Es ist unendlich chaotisch. Aber gemütlich. Ausnahmsweise darf zur Zeit auch in der Woche mal was geguckt werden. Ausnahmsweise. Noch ein Grund, warum Bo bei den Großen einen Stein im Brett hat.

Dann sitzen wir da, zu viert, nein zu fünft auf dem Sofa, die Jungs und ich, vor allem wenn Andre arbeiten muss. Schauen zwei, drei Folgen „Paula und die wilden Tiere“ – aber ich schaue nach links und rechts und denke: 4! Ich kann es immer noch nicht glauben.
vier Kinder, Baby
Baby, Geschwister,
Ein Abend war furchtbar, als ich ganz plötzlich anfing zu frieren und mich immerzu schütteln musste. Ich konnte vor Zittern kaum sprechen und mein Großer flitzte los und holte Andre. Und der einen Arzt. Diagnose: Brustentzündung. Bei Kind vier zum ersten Mal. Erst nach der ersten Tablette Antibiotikum dachte ich, ich muss vielleicht doch nicht daran sterben.

Wahnsinnig toll sind die Menschen um uns herum, die uns Hilfe anbieten – und die ich dieses Mal auch tatsächlich annehmen kann. Unser Hausarzt, der kurz jemanden zum Blutabnehmen vorbeischickt, weil er mich bei der U2 zuhause so blass fand. Die Hebamme, die immer zu erreichen ist. Die Freundinnen, die einfach mal zwei Kinder nachmittags mitnehmen. Und meine Schwiegermutter, die seit zehn Tagen jeden Abend für uns kocht, gute, deftige, ehrliche Küche. Ihre Rindsbouillon, die sie mir nach einer wilden Nacht und einem wilden Tag ans Sofa gebracht hat, wird wohl für immer die beste meines Lebens bleiben.
Geschwister, Stillen, Wochenbett, Umstandsmode,
Ich versuch mir weiter Zeit zu lassen mit allem. Denn ich bin noch nicht wieder die Alte. Ein wenig fühlt es sich an, als hätte nicht nur unser Baby mit der Geburt seine Schutzhülle abgestreift. Auch ich. Ich fühle mich weich und verletzlich. Die Juliregenkälte draußen, der Wind, bestimmte Sätze und Worte prallen nicht ab, sondern ich fühle sie viel intensiver als sonst. Sie lassen mich frösteln- oder sie bringen mich auch schon mal zum weinen. Am besten geht es mir auf dem Sofa. Oder im Bett, mit der Decke um mich herum, wie ein Kokon. Weichgespültes, duftiges, abendsonnenrosa Babyblasenland. Mit ganz viel ausgepacktem Busen: Bra Bra Land. Für eine Weile abgetaucht. Und dahin tauche ich jetzt schnell wieder zurück.

PS. Foto eins und fünf hat meine Freundin, die Hamburger Fotografin Ilona Habben gemacht. Sie fotografiert hauptsächlich für Magazine, hätte aber auch Lust auf Familienshootings. Wenn ihr also Lust auf moderne, unkitschige Familienfotos habt, meldet euch gern bei ihr.

Alles Liebe euch,

Claudi