Ich weiß nicht, ob es am Nieselregen liegt, am moderfeuchten Duft von Herbst in der Luft. An einem Todesfall im Bekanntenkreis (knapp 90, dennoch traurig). An den Meldungen vom Robert-Koch-Institut. Meinem Endspurt fürs neue Buch, der mich nachts so lange am Schreibtisch sitzen lässt, dass ich auf André Frage, ob ich einen Tee möchte, sage: „Ich mache es morgen, okay?“ Vielleicht liegt es auch einfach daran, dass wir zum Glück gesund sind, dass alles gut ist. Dass ich gerade ziemlich glücklich bin…

Ich zögere tatsächlich beim Aufschreiben. Dabei freue ich mich riesig darauf, dass mein Geburtstagsbuch vielleicht schon heute geliefert wird. Gleichzeitig wird mir übel von der Vorstellung, dass es vielleicht falsch gebunden sein könnte. Ich lese die Zahlen über die neuen Corona-Infizierten und bekomme Bauchweh, wenn ich daran denke, was da vielleicht noch alles diesen Herbst und Winter auf uns zu kommt. Dabei läuft alles den Umständen entsprechend und mit Abstand ganz gut. Ich stelle mir vor, was ich für eine schreckliche Krankheit haben könnte, weil es in meiner Seite seltsam piekst. Und ich drücke morgens mein Kind, bevor es zur Schule rollert, denke (und sage): „Ich habe dich so unfassbar lieb!“, und gleichzeitig: „Was, wenn er unterwegs verunglückt.“ (Sage es nicht. Schnappe schnell nach Luft.)

Anstatt ihm lächelnd hinterher zu winken, mich zu freuen, wie selbstständig er ist, drehe ich mich schnell um, damit er nicht mein Gesicht sieht, weil das vielleicht Sorgen trägt. Auf dem amerikanischen Blog (The Twenties Club – den ich erst mit vierzig entdeckt habe), las ich etwas über Angst, bei dem ich das Gefühl hatte, jemand schaue mir durch die Ohren direkt in den Kopf. Es geht in dem Artikel um Studien der amerikanischen Psychologin Brené Brown. Brown schreibt:

„As someone who studies shame, fear and scarcity, I’m here to tell you that joy is the most vulnerable of all human emotions. We are terrified to feel joy. Terrified that if we actually let ourselves feel it, then something or someone will come along and rip it away from us and we’ll be sucker-punched by pain and trauma and loss. So in the midst of great things we literally dress-rehearse tragedy.”

So fühlt es sich an. Wie eine ständige Unglücks-Generalprobe in meinem Kopf. Als müsse ich ständig alle schrecklichen Möglichkeiten durchgehen, bloß damit sie mich nicht überraschend treffen. Warum eigentlich? Damit ich im Fall der Fälle vorbereitet wäre? Als ob ich das jemals sein könnte. Was für ein Blödsinn läuft da bitte in meinem Kopf?

Brown sagt auf einer Rede: „For all the parents in the audience: how many of you have stood over your child while they’re sleeping and thought, God I love you like I didn’t even know was possible, and then a split second later pictured something horrific happening to them?” Das bin ich. Ich spiele Filme in meinem Kopf ab. Einer handelt von meinem Sohn, der übermorgen verabredet ist. Bei der Familie steht ein Pool im Garten und mein Sohn kann nicht schwimmen. Ich denke nicht: „Es wird wohl auch übermorgen in Strömen regnen und sie werden vermutlich überhaupt nicht im Garten sein und die Mutter passt hundertprozentig auf und bevor ich mir den Kopf zweieinhalb Tage zerbreche, kann ich ihr ja einfach bei der Übergabe nochmal kurz von meinen Ängsten erzählen.“ Nein, ich kann BILDschlagzeilen in meinem Kopf lesen. Wenn ich tief Luft hole und drüber nachdenke, finde ich es sogar okay, dass ich mir darüber Gedanken mache. Ich liebe ihn eben und bin für ihn verantwortlich. Und Wasser und Verkehr sind für Kinder einfach echt eine Gefahr. Aber ich muss diesen Film deswegen ja nicht pausenlos in meinem Kopf vor- und zurückspulen…

Brené Brown: „But a dress-rehearsing tragedy isn’t just reserved for the mums and dads, we’re all doing it. It’s when you wake up and you’re feeling good about yourself, your health is good, your relationship has been going well, maybe you just received a promotion at work, and then your stomach drops: something terrible is about to happen. We simply don’t believe that life could be this good for a while.“

Sind wir alle echt so Seifenoper oder Hollywood-Film versaut, dass wir denken, es könne einfach nicht länger als ein paar Minuten mal etwas gut sein? Dabei sind wir in unserem Kopf doch selbst der Regisseur. Angst kann uns komplett einhüllen, wie ein übergroßer Regenmantel. (So einer wie mein gelber Friesennerz, den ich heute Morgen zum ersten Mal seit Wochen wieder getragen habe.) Oder wir können sie klein knüllen und in die Hosentasche stecken. Es ist ja nicht schlimm, dass sie da ist. Sie kann uns warnen, sie kann uns daran erinnern, was wirklich wichtig ist. Dennoch sollten wir doch Luft holen können, wenn gerade keine reale Gefahr droht.

Brené Brown: Why the hell do we submit ourselves to the anticipation of tragedy? It’s unavoidable already! I mean, have you watched the news lately? So why not lean-in fully to the greatness of great moments? Don’t look at your newborn child and think what if I fuck this up, instead marvel in the wonder of this little life you’ve created.“

Ich versuche die: „Hilfe, er könnte in den Pool fallen!“-Gedanken umzudrehen. In: „Er hat sicher einen tollen Nachmittag.“ Ich versuche, bloß an heute und an morgen zu denken. Ich denke daran, dass alles auch einfach gut gehen könnte.

Schönen Mittwoch und alles Liebe,

Claudi