Ich weiß nicht, ob er womöglich die ganze Nacht im Bett gelegen und ihn selbst wackelig gewackelt hatte. Geht das? Ich glaube nicht. Auf jeden Fall hat einer heute Morgen gewackelt. Mein Großer hatte sich seit Monaten einen Wackelzahn gewünscht. Jetzt hat er einen. Zuerst wollte ich es nicht glauben, zu oft hatte er schon einen Wackelzahn, der dann doch nicht wackelig war. Weil nur die Hand wackelte, die so gern wollte, dass er wackelt. Geheimwackelzahn also. Wackeln hin oder her: jetzt wackelte einer, da war nichts dran zu rütteln. Mein Herz wackelte auch. Ach was, bebte. Boxte von innen gegen die Brust…
Mama Melancholie, sie werden so schnell groß, Wackelzahn, Miclhzähne
Das hatte es zuletzt vorletzte Woche getan, als mein Großer, gerade mal zwei Tage Vorschulkind, allein zur Schule gehen wollte. Rucksack auf, Kuss und Schluss. Leider war niemand da, der mir wenigstens eine Schultüte reichte, damit ich nicht ganz so mutterseelenallein da stand, oben an der Straße. Mit Gänsehaut. Und feuchten Augen. Fakt ist: Mein Kind wird groß. Jeden Tag ein wenig mehr und gerade geht es wirklich Knall auf Fall mit den Meilensteinen. Mir ist völlig schleierhaft, wie einem die ersten Wochen und Monate mit einem Baby so lange, so ewig, so absolut vorkommen können, sie aber im Nachhinein beinahe nebenbei zwischen den Fingern wegrieseln wie eine Prise Zucker. Wie kann sich etwas in Echtzeit so lang anfühlen (durchweinte Nächte, Windelexplosionstage, dauernörgelnde Autofahrten, nichtendenwollende Eisenbahnauf- und Abbaurunden auf dem Wohnzimmerteppich), aber in Lebenszeit so schnell vergehen?

Für mich stand an diesem Morgen fest: heute hat mein Kind einen Wackelzahn, morgen zieht es aus. Und ich bin alt. So muss es sein. So muss ich auch geguckt haben. Mein Großer dagegen hüpfte und jauchzte und wackelte und lief aufgeregt durchs Haus und freute sich. Kein Stück übrigens von meinem Wackelzahnmuffensausen damals als Kind (ich hab den Blutgeschmack gehasst, mochte tagelang nichts essen und hatte Horror vor dem Moment an dem er fällt, dabei wollte ich unbedingt, dass er endlich fällt). Mein Großer scheint eher etwas von seinem schwedischen Namensvetter zu haben: Bindfaden dran und rumms. Raus. Er konnte gar nicht glauben, dass ich nicht begeistert an dem Zahn hin und herwackeln mochte. Und auch nicht gut zugucken konnte, als er es tat. Ebenso wenig konnte er verstehen, wieso ich so traurig guckte. „Ich hab einen Wackelzahn Mama, das ist doch ganz großartig. Schmeißen wir heute Nachmittag eine Wackelzahnparty?“

Zum Glück, dachte ich, heute jedenfalls will er wohl noch nicht ausziehen…

Wie habt ihr das denn erlebt, die Sache mit dem ersten Wackelzahn?
Liebe, ein wenig sentimentale Grüße,

Claudi