Unser Leben besteht aus einer Aneinanderreihung von Momenten, die oft ziemlich flüchtig sind. Weil sie zu alltäglich, für uns unbedeutend sind. Aber zwischen all diesen Augenblicken gibt es einige, die wie Leuchttürme herausragen. Die uns den Weg weisen – in eine neue Richtung, zu einem ganz neuen Lebensabschnitt. Manchmal zum besseren, mitunter auch zum schlechteren. Sie werden zu unauslöschlichen Meilensteinen in unsere Biografie – und machen uns letztlich zu den Menschen, die wir heute sind …

Wie häufig habe ich in der Rückschau solcher Momente gedacht: „Was wäre gewesen, wenn …?“ Wenn ich nicht dieses eine Magazin aufgeschlagen hätte, in der ich meinen Praktikumsplatz gefunden habe – der auf mein gesamtes berufliches Leben Einfluss hatte? Wenn ich im Bett geblieben und nicht zu dieser Party gegangen wäre, auf der ich die Liebe meines Lebens getroffen habe? Die Frage dahinter ist doch immer auch: Welches Leben würde ich heute führen, wenn es anders gekommen wäre? Wäre ich die gleiche Frau? Wäre ich genauso zufrieden – oder vielleicht gar glücklicher?

Nicht immer geben sich die prägendsten Augenblicke unseres Lebens sofort als solche zu erkennen.

Manchmal erschließen sie sich uns erst im Nachhinein. So wie damals die spontane Entscheidung, unsere Mietwohnung auf St. Pauli gegen eine auf dem Dorf einzutauschen. Letztlich hat dieser Moment dazu geführt, dass wir acht Jahre später im gleichen Ort ein Grundstück gekauft und bebaut haben – ein prägender Schritt für mich, meine Familie, unser aller Biografie.

Wahrscheinlich teilen wir alle eine gewisse Schnittmenge an Momenten, die unser Leben unwiderruflich verändert haben: Die Geburt eines Kindes ist ein solcher, und zwar jedes einzelnen, denn es macht immer einen Unterschied, ob wir mit einem oder mit vieren unser Leben teilen. Der Abschluss der Schule als Wegmarke im Übergang zum Erwachsenensein. Die Wahl eines bestimmten Berufs. Das Ende einer Liebe. Der Beginn einer neuen. All diese Momente lassen uns wachsen, auch zweifeln, manchmal zunächst scheitern. In jedem Fall brennen sie sich in unser Lebensgedächtnis ein, weil sie eine Abzweigung markieren, nach der wir nicht mehr die gleichen sind wie zuvor.

Ich erinnere mich noch genau an einen Augenblick, als ich mit meinem damals sechs Wochen alten ersten Baby im Uniklinikum saß.

Es gab den Verdacht auf Gallen- und Leberdysfunktion. Ich hatte mit meinem Mini-Sohn schon zwei Tage lang sämtliche Fachkliniken durchlaufen, hatte mir von Ärzten Horrorszenarien in Sachen Lebertransplantation skizzieren lassen – wie gelähmt vor Angst und Sorge um dieses winzige Wesen, das kaum in dieser Welt angekommen schien. Und auf das ich so lange gewartet hatte.

Der Moment, in dem die Entwarnung kam – alles in bester Ordnung – war ein Schlüsselmoment: Seitdem bin jeden einzelnen Tag so unendlich dankbar, nicht nur eines, sondern mittlerweile drei kerngesunde Kinder zu haben. Denn mein Leben wäre ein gänzlich anderes geworden, hätte sich der Verdacht bei meinem Sohn damals bestätigt. Und wer weiß, ob ich dann überhaupt weitere Kinder gewollt hätte.

Meilensteine können verdammt emotional sein.

Ich erinnere mich noch, nach der ersten Nacht mit einem mittlerweile Ex-Freund Rotz und Wasser geheult zu haben. Weil ich so sehr spürte, dass nach langer Zeit, in der die Liebe nie richtig bei mir bleiben wollte, endlich jemand da war, der mein Herz besser behandeln würde. Nach mühsamen und oft einsamen Jahren als unfreiwilliger Single wurde ich endlich zum Teil einer Zweisamkeit, die ich mir so sehr gewünscht hatte. Ich fühlte mich wie ein neuer Mensch.

Nicht nur wir selbst verändern uns an solchen Wendepunkten – die Welt und wie wir sie sehen, tut es auch. Die Welt ist eine andere, wenn ich sie ganz neu als Partnerin, als Mutter, als Hausbesitzerin erlebe. Der Fokus wird ein anderer, weil neue Aspekte unseres Ichs in den Vordergrund rücken. Mit einem Kleinkind an der Hand ist auf dem Mutterradar eher der nächste Spielplatz relevant als der neueste Pop-Up-Store. Frischverliebt ist die Party uninteressanter als die gemeinsame Date Night auf der Couch. Und auch der Blick von außen verändert sich auf uns: Als Teil eines Paares genau wie als Mutter bin ich für andere keine freie, sondern nunmehr eine besetzte Frau.

Müsste ich eine Top 3 meiner wichtigsten Lebensmomente erstellen, es wären diese:

Die beiden blassrosa Streifen, die ursprünglich mal eine ganz andere Bedeutung hatten als heute: Mit großem Abstand rangiert ganz vorn meine eigene Mutterwerdung. Weil es lange ein ambivalentes Thema für mich war (und mitunter bis heute ist). Weil ich zweimal so viel Geduld aufbringen musste, bis ich überhaupt endlich schwanger war. Und dann mit dem Dritten so überrumpelt wurde, dass ich die Dauer der letzten Schwangerschaft brauchte, um mich daran zu gewöhnen, bald eine Dreifach-Mama zu sein. Meine Mutterschaft war sicher eine der anstrengendsten Veränderungen – aber die beste Wendung, die mein Leben jemals genommen hat.

Der Tod meiner Mutter (hier habe ich schon einmal ausführlicher über die Trauer geschrieben) war das krasseste Erlebnis für eine Kehrtwendung hin zum Schlechteren. Auch wenn man bereits als Erwachsene die Mutter verliert: Der Abschied für immer von einem Elternteil ist einfach einschneidend. Ich werde nie wieder die Tochter meiner Mutter sein, mich nie mehr als ihr Kind fühlen dürfen. Das zu verarbeiten und als neue Realität zu akzeptieren hat mich unglaublich viel Kraft gekostet – und mich dennoch am Ende stärker gemacht.

Die Beziehung zu meinem Mann hat mich mehr über die Liebe gelehrt als jede andere zuvor: Wie stark die Gefühle sein können, zum Guten und zum Schlechten. Wie sehr die Langzeit-Liebe Geduld braucht, Kompromisse und eine Vision. Und wie erfüllend es ist, gemeinsam ein Leben aufzubauen, das einem dennoch oft über den Kopf wächst. Wer hätte das gedacht, als ich damals auf der Party meines Ex-Freundes nicht ins Bett ging – sondern mich zu dem Mann mit der Gitarre setzte. Der heute und für immer meiner ist.

Welches sind die Momente, die euer Leben verändert haben?

Fotos: Fotostudio Christian Franz

Alles Liebe,

Katia