Es stand fest. Ein Kind wollte ganz sicher für eine Weile ins Ausland. Vor eineinhalb Jahren hatten wir angefangen darüber zu reden, seit einem halben Jahr hatten wir geplant. Am Tag vor dem finalen Gespräch mit der Agentur sagte das Kind: “Ich will doch nicht…”

Ich war überrascht, sprachlos, fassungslos. Klar hatte ich vorher über die hohen Kosten gestöhnt. Klar hatte ich mich davor gefürchtet, mein Kind ein Jahr ziehen zu lassen. Aber plötzlich fühlte ich eine riesengroße Enttäuschung. “Aber du wolltest das doch unbedingt…!”, seufzte ich. Fakt ist, er wollte es, solange es noch lange hin war. Ich wollte es unbedingt.

Mir ist bewusst, in was für einer priviligierten Lage wir (und viele unserer Freunde) sind, dass wir sowas möglich machen könnten. So viele Kinder von Freunden gehen weg, ein bisschen scheint es fast dazuzugehören. Übrigens ist der Grund des Kindes zu bleiben, ein wunderschöner: “Ich liebe mein Leben hier”, erklärte es mir, ” Ich find grad alles toll, meinen Sport, meine Freunde, die Partys. Ich will hier gar nicht weg.” Verknotete Arme.

“Aber all die coolen Erfahrungen!”, warf ich ein. “Das macht doch so viel mit dir.”

Schultern zuckten.

Vielleicht fällt es mir so schwer, seine Absage zu akzeptieren, weil ich im Nachhinein selbst gern während der Schulzeit ins Ausland gegangen wäre.

Es ist mein Traum. Ein Im-Nachhinein-Traum, denn bei mir stand es nicht zur Debatte. Ich war auch nicht so selbstbewusst wie er. Ich hatte zwar Freundinnen, war aber auch ziemlich schüchtern. Außerdem hätten meine Eltern es nie vorgeschlagen. Es gehört zu den Dingen, die ich im Nachhinein gern gemacht hätte, auch weil ich denke, dass ich dadurch früher eine andere geworden wäre. Aber hatte ich den Mut gehabt? Ich werde es nie erfahren.

Wenn ich darüber nachdenke, fällt es uns öfter schwer, unsere Wünsche nicht auf unsere Kinder zu projizieren, oder? Mir schon, das gebe ich hier gern zu. Mir fällt auch gleich eine Freundin ein, die ihr Kind bei einer Schauspielagentur anmeldete, als es nach einem Auftritt im Schulstück anmerkte, dass ihm Spaß das gemacht hätte. Seither nimmt es öfter an Castings teil. Wenn sie mir Videos davon zeigt, sehe ich ein Kind, das nicht untalentiert ist, dem es aber gar nicht so leicht zu fallen scheint, aus sich herauszugehen. Ob es Spaß hat ist nicht eindeutig zu  erkennen. “Ich hätte früher so gern geschauspielert”, gibt sie zu, “ich drücke so die Daumen.”

Da ist die andere Freundin, die gern malt und ihr Kind an Mama-Kind-Tagen gern zu Malkursen schleppt, obwohl es vielleicht lieber mit ihr in die Soccerhalle gehen würde. Das hasst sie und schlägt es deswegen nicht vor. Ich kann sie verstehen, das Kind auch. Wir alle haben Dinge, die uns mehr Spaß machen, als andere. Verständlich also, dass eine ballettbegeisterte Mama sich lieber auf eine Bank in der Tanzschule setzt, als auf die Tribüne beim Fußballplatz. Liebe ist, wenn sie es doch hin und wieder tut. Aber es nicht keine Liebe, wenn sie nicht jedes Mal dort sitzt.

Was für ein Glück, wenn sich Interessen überschneiden.

Mein Mann teilt eine der Sportleidenschaften unserer Kinder und fährt daher liebend gern jedes Wochenende mit, auch mehrmals, auch mit vier Kindern. Manchmal beneide ich ihn darum. Weil diese Leidenschaft ganz automatisch Nähe schafft. Ich teile diese Leidenschaft nicht. Für mich ist es daher aufwendiger, Momente der Nähe zu schaffen. Ich habe mir inzwischen verziehen, dass ich nicht jedes Mal mitkomme, allein schon, weil ich am Wochenende oft arbeiten muss.

Ob meine Kinder es schön fänden, wenn ich immer dabei wäre? Ganz sicher. Ob sie es schlimm finden, dass ich es nicht tue? Vermutlich nicht. Weil es ist, wie es ist. Weil ich immer wieder feststelle, dass Kinder sich viel weniger einen Kopf über sowas machen, als wir Eltern. Sie nehmen es hin und wir sind uns trotzdem nah – wenn nicht über ein geteiltes Hobbys, dann über gemeinsamen Alltag. Über Zuhören. Echtes Interesse.

Ein Freund von uns brachte schließlich auch meine riesige Enttäuschungsblase wegen dieser Auslandsgeschichte zum Platzen. “Wenn er jetzt nicht geht, geht er eben später.” Ich runzelte die Stirn, ich grinste. So einfach konnte es sein.  Übrigens war ich auch nach dem Abi ein Jahr weg.

Später am Abend schob ich die Prospekte der Auslandschulen zur Seite und googelte “Auslandsjahr für Erwachsene.” Stellt euch vor, es gibt sogar eine Agentur für Granny-Au pairs. Vielleicht irgendwann, mal sehen.

Hast du dich schon mal dabei ertappt, deinen Wunsch auf dein Kind zu übertragen?

Claudi