Gestern war ich Erdbeeren pflücken. Ich hatte mir das schon länger vorgenommen. Hatte es meinen beiden kleineren Kindern angekündigt, wenigstens einmal wollten wir zum Feld, einmal Marmelade kochen. Das Wort Tradition fiel mehrmals. Ich hatte es sogar ein paar Mal in den Kalender geschrieben, musste es aber mehrmals verschieben, weil doch noch ein Job zu tun war, ein Kind gefahren werden musste, sowas. Als ich heute sagte “Los geht’s!”, wollte keiner mit…
Einer wollte mit seinem Bruder bummeln fahren, ich fand das so schön für die beiden, ich wollte sie nicht “zwingen” oder überreden, mit mit zu kommen. Ich setzte auf den Kleinen, aber der war bei seinem Kumpel – und die beiden wollten auch nicht.

Ich bin allein gefahren.
Ich stellte fest, dass ich mal wieder viel zu spät bin fürs Pflücken – sowohl von der Tageszeit, als auch vom Datum, (man kann noch Pflücken, aber bloß vormittags), hatte ich zwischen den Himbeeren (die Pflückalternative), einen Moment. Die Sonne brach durch eine Wolke, die eben noch dunkelroten Beeren leuchteten plötzlich himbeerfarben zwischen den lindgrünen Blättern. Ich erzählte mir selbst, dass das jetzt eins dieser letzten Male ist. Ich pflückte das erste Mal, seit ich Kinder hatte, wieder ohne Kinder Erdbeeren!!!
Neben mir pflückten zwei Frauen mit ihren Kindern, ich erinnerte mich, dass meine Kinder genau wie sie rote Flecken auf den Shirts hatten und ebenso böse geschaut hätten, “weil die Frau da einfach durch unsere Reihe geht.” Die Frau war ich. Die Kids waren süß! Ich beobachtete mich selbst, fragte mich, ob meine Augen jetzt feucht werden. Instagram (wo ich zu viel Zeit verbringe) erzählt mir ständig von diesen Momenten. Von nur 18 Sommer mit meinem Kind, vom letzten Mal Einschlafen im Auto, dem letzten Mal vorn im Einkaufswagen sitzen… All die letzten Male.
Ich fand es ungewohnt, dort nach all den Jahren allein zu sein.
Dann fiel mir ein, dass es genau genommen ein erstes Mal war, nämlich das erste Mal, dass ich wieder allein Erdbeeren pflückte, (die eigentlich Himbeeren waren). Erste Male klingen besser.
Ich naschte ein paar Himbeeren, bewunderte die Farben, guckte in den Himmel, spürte die Sonne im Gesicht. Ich freute mich, dass ich da war, weil mir Selbstpflückfelder dabei helfen, den Sommer zu fühlen. Ich hätte meine Kinder gern dabei gehabt, aber es war auch schön ohne sie.
So hatte ich freie Fahrt für meine Gedanken, ich grübelte über meinen Plot, freute mich auf den anstehenden Urlaub. Ich dachte: Ich verbringe gern Zeit mit meinen Kindern, aber ich verbringe auch gern Zeit mit mir.
Und ich dachte mal wieder: man kann etwas schade finden, ohne tottraurig zu sein. Man kann sogar etwas schade finden, und es dennoch genießen. Man kann etwas vermissen, und sich freuen, dass man es hatte. Man kann sogar etwas vermissen und es trotzdem nicht schade finden, dass es vorbei ist. Die Gleichzeitigkeit ist real! Und: wir können unsere Gedanken lenken, zumindest ein bisschen.
Vielleicht fahren meine Kids nächstes Jahr wieder mit zum Selbstpflückfeld, vielleicht nicht.
Beides ist fein.
PS. Fallen sie dir schwer, die letzten Male?









Oh liebe Claudi,
wie schaffst du es in letzter Zeit immer und immer wieder meine Gefühle in Worte zu fassen.
Ich gehe in einer Stunde zum letzten Mal in die Grundschule meines Sohnes & dann ist diese Zeit vorbei.. und es ist gut und richtig und wunderbar und ich kann so viel anderes mit ihm nun machen, aber…die Sommer-Melancholie bleibt.
Habt einen schönen Urlaub,
Viele Grüße aus Richtung Ostsee (wir werden zum Urlaubmachen ner ganz rebellisch an die Nordsee fahren 😉),
Astrid
Ich fühle gerade so viel Sommer-Melancholie… puh.
Ich hoffe, ihr hattet schöne Tage an der Ostsee.
Ich habe gerade nach 4 schönen gemeinsamen Jahren meine 4. Klasse entlassen und genau dass habe ich ihnen noch gesagt: Ja, es ist traurig- aber freut euch über die Zeit und die Erlebnisse, die wir zusammen hatten!
Und ich glaube, dass irgendeiner deiner Jungs in einem anderen Jahr auch gerne wieder mitkommen und sich an der Tradition erfreut – vielleicht kommen sie sogar selbst mit dem Wunsch. 🍓
Wie schön, den Schülern sowas mitzugeben. Hach.
So ein schöner Text! Vielen lieben Dank. Ich fühle das sehr. Meine Kinder sind viel kleiner – nach den Ferien 1. und 2. Klasse, aber auch da wird es spürbar und ich genieße so sehr was wir hatten und was wir haben. Und was dann kommt, werden wir sehen.
Das klingt nach einer großartigen Einstellung.
Danke für dein Feedback!
Zauberhafter Text – ich fühle es genauso! Danke, liebe Claudi!
Ich danke dir für dein Feedback.
Liebe grüße
Liebe Claudi, danke für deine tollen Texte. Dieser erfasst so viel, was ich gerade fühle. Unser Sohn ist 10 und auch wir haben ihn vor 2 Wochen aus der Grundschule begleitet und ich als Elternsprecherin gleich noch eine ganze Klasse samt Eltern. Das war hart nach so einer schönen gemeinsamen Zeit. Schlimm für mich ist meist, dass man oft erst hinterher weiß, dass es das letzte Mal war und ich oft erstmal so ein „ok, das war es jetzt?“ spüre, auch bei Dingen, auf die ich lange gewartet habe, weil sie mir wieder mehr Freiheit bringen. Danke dir für deine Arbeit
Soooo viele Gefühle, oder? ich freue mich, dass wir uns hier haben.
Liebe Grüße!
Meistens wusste ich ja gar nicht, dass es das letzte Mal war, irgendetwas mit den Kindern zu tun. Es ist ja ,wie bei dir das Erdbeerpflücken, nicht immer ein Riesenmeilenstein z.B.ein Schulabschluss.Da bleibt dann nur ein leises Bedauern, war vielleicht auch gut so 😉
Gerade erlebe ich mit meinem Enkel wieder viele erste Male. Das ist auch wunderschön!!!
Viele Grüße,
Monika
Liebe Monika, wie schön das klingt.
Danke dafür.
Ich finde den Text schön, ich habe auch auf Insta in letzter Zeit öfter solche angezeigt bekommen, aber so ganz fühle ich diese große Trauer nicht. Eher die Gleichzeitigkeit, die du am Ende beschreibst. Dass man schade finden kann, dass etwas vielleicht unwiederbringlich vorbei ist, und trotzdem nicht traurig ist. Klar sind es viele letzte Male mit den Kindern, aber man muss auch nicht alles so “dramatisieren” (klingt krasser als ich es meine, es fällt mir kein alternatives, sanfteres Wort ein). Die letzte Windel, der letzte Schnullermoment, das letzte Mal in den Schlaf tragen – ja, das sind letzte Male, aber wir haben das doch so viele tausend Male vorher gemacht. Unendlich würde ich das niemals wollen und auch nicht schaffen. Jeder Schritt der Kinder ist doch ein Schritt in ihr eigenes Leben, in Selbstständigkeit, und auch ein Schritt weniger Verantwortung für uns als Eltern. Ist das nicht toll? Ich finde das entlastet ehrlicher Weise auch. Ich glaube es kommt auch stark darauf an, wie sehr wir uns als Eltern und vor allem als Mütter damit identifizieren, gebraucht zu werden. Denn gerade diese sehr körperliche Baby- und Kleinkindzeit, der viele nachtrauern, ist ja dadurch geprägt, dass die Kinder etwas einfach nicht allein können. Essen, schlafen, Nähe zur Regulation. Wenn wir uns wertloser fühlen, weil wir nicht mehr gebraucht werden in dieser Hinsicht (oder anders), dann tut es natürlich unendlich mehr weh, weil es mehr mit unserer Identität verknüpft ist, die dann in Frage steht. meine Kinder sind Grundschule und älter, ich sehe die Kleinkinder auf Spielplätzen und finde sie unendlich süß- aber es sind nicht meine Kinder, die waren die süßesten. Und sind es immernoch, auf andere Weise. Ich kann nicht so richtig über die Kleinkinder trauern, die sie nicht mehr sind, denn sie sind ja immernoch da, meine Kinder. Und natürlich kenne ich das Gefühl, wenn zum ersten Mal alle drei gleichzeitig bei Hobbies sind und man denkt krass, was mache ich denn jetzt, und sich leise Wehmut einschleicht, weil man denkt irgendwann kommen sie nicht nach 3h wieder zurück, sondern irgendwann sitze ich hier allein (also Partner ist da, vielleicht, ja). Aber sie sind ja trotzdem nicht weg. Sie sind da, nur woanders. sie leben ihr leben, und so soll es sein. und ich lebe meines und fülle die Zeit, den Raum, hoffentlich mit anderen Dingen, die in der Kinderphase nicht dran waren. Ich habe schon auch oft das Gefühl “so, es ist gut jetzt, dass ich das gehabt habe, die kleinen kinder, die babys, es war herrlich und anstrengend und überfordernd und jetzt reicht es, jetzt ist diese phase vorbei”. ich finde es auch irgendwie ein Gefühl von etwas erreicht haben, nicht im klassischen Erfolgssinn, sondern so eher in-trockenen-tüchern-mäßig. man zittert nicht mehr, ob man durchhält, ob man das mit dem baby hinbekommt, mit dem kleinkind, man ist der phase entwachsen und hat sie gut hinter sich gebracht. sie ist unveränderlich, im idealfall im schnitt positiv, darf sich ins archiv der lebenserfahrung einreihen. das ist doch toll. ich freu mich da immer riesig, das ist wie wenn man auf eine schöne kindheit zurückblickt bei sich selbst und sagen kann, nee, also im großen und ganzen war es gut, das kann mir keiner mehr nehmen, egal was kommt. jeder meilenstein mit den kindern, den ich “abschließe” denke cih sowas. ich finde das toll. alles im leben hat seine zeit und ich will nichts festhalten müssen. was nicht heißt, dass nicht widersprüchliche gefühle da sein dürfen, das dürfen sie. ich habe nur bisher zum glück nicht die riesenmelancholie, und ich will das auch nicht, dass die kinder denken dass sie kleiner besser oder toller waren, und dass allein die tatsache, dass sie wachsen und sich entwickeln, mich traurig macht.
Sie sind da, nur woanders. Das liebe ich.
Dane dafür.
PS: Uns unser Zeithorizont ist in solchen Momenten auch begrenzt, so empfinde ich es immer. Wir waren als Kinder mit unseren Eltern viel am See, herlliche Sommertage waren das. im Studium dann war es viel seltener aber es gab sie trotzdem, diese Tage. Natürlich nicht als kleine Kinder, aber dennoch. Und bis heute gibt es diese Tage, der gleiche Ort, wir Kinder, die inzwischen erwachsen sind, machen genau das mit den Eltern wieder. Es ist toll. Und inzwischen sind auch Enkel mit dabei. Wenn es Dinge sind, die uns als Familie verbinden, dann gibt es immer momente, daran glaube ich fest, die wir gemeinsam machen. vielleicht gehen in 2 Jahren deine Kinder ja wieder mit in die Erdbeeren? wer weiß das schon. Aber ich glaube so allgemeine Orte und Erlebnisse teilt man immer wiede,r wenn es allen grundsätzlich gefallen hat. Nur Windeln wechseln, das hoffe ich müssen meine Eltern nie wieder bei mir tun. Aber ich vielleicht bei ihnen, wer weiß. Und dann werden sie sich vielleicht erinnern, wie es umgekehrt war und das ist der Kreis des Lebens.
Ja, so möchte ich das auch sehen. Ein kommen und gehen und der Lauf der Zeit – und vor allem, das Beste aus allen Zeiten machen.
Liebe grüße