Mein Großer hat Fußball-Training? Meine Tochter Reitstunde? Klar, dass ich sie fahr – und der kleine Bruder muss mit. Ob er will oder nicht, denn wo soll er auch sonst abbleiben? Zuhause ist Homeoffice-Zone, und die ist naturgemäß mit Dreijährigen wenig produktiv. Und so verbringt mein Jüngster viel Zeit seines Lebens als mehr oder minder stiller Teilhaber am Leben seiner großen Geschwister – und im Auto. Dass sich die Welt nicht dauernd um ihn, sondern viel um andere dreht, handhabt er mit einem Gleichmut, der mich ehrlich erstaunt. Und nicht zum ersten Mal denke ich: Respekt, kleiner Bro – dich wirft so schnell nichts aus der Bahn …

Klar, mein Jüngster kennt es kaum anders: Zwei Jahre seines noch recht überschaubaren Lebens ist er in einer Pandemie groß geworden, die vieles unmöglich gemacht hat, was für seine großen Geschwister und uns als Eltern selbstverständlich war: Babykurse, Kinderturnen, Musikgarten. Aber eben auch: Fokus, Geduld, Zeit für seine ganz eigenen (Kleinkind-)Bedürfnisse. Denn ganz gleich, ob Freizeit- oder Fernsehprogramm, Playdates oder Pfannkuchen-Jieper – oft wird zugunsten der mehrheitlichen Präferenzen seiner großen Geschwister entschieden. Und er muss halt mitziehen.

Manchmal packt mich das schlechte Gewissen, weil er mit weniger Aufmerksamkeit aufwächst als sie.

Nicht mit weniger Liebe. Eher mit einem Mehr an Pragmatismus, an Vertrauen, dass er schon gut zurechtkommt. Und er? Ist unser zufriedenster Spross bislang. Ruht auf eine selbstverständliche Art in sich. Vielleicht müssen die letzten Kinder auch ein wenig genügsamer sein. Weil immer jemand da ist – schon immer jemand da war – der Dinge als Erster, besser, öfters gemacht hat. Wer dazu in Konkurrenz gehen will, hat wohl immer das Nachsehen.

Doch ich habe immer häufiger den Eindruck, dass dieses Weniger an Bohei um ihn zu einem Mehr an gefestigter Persönlichkeit führt. Weil wir ihn aus Zeit- und Kapazitätsmangel viel mehr von der Leine oder in der Obhut seiner Geschwister lassen, kam er einfach nie in die Verlegenheit, ein überbehütetes Kind zu werden. Eines, dem wir als Eltern den Weg bereiten, Hindernisse reflexhaft aus dem Weg räumen. Er geht seinen eigenen Weg, zumeist recht unbehelligt im tarnenden Schattenwurf seiner Geschwister – und das tut ihm offensichtlich gut. Was sich auch darin zeigt, dass er sich von elterlicher Kritik meist recht unbeeindruckt zeigt.

Wenn ich daran denke, wie vorsichtig wir bei unserem ersten Kind waren, wie viel wir vorausgenommen, ihm lange Zeit abgenommen haben: Das dicke Fell, das sein kleiner Bruder ab Geburt hatte, musste er sich erstmal züchten.

Natürlich braucht auch der Letzte seine Nischen.

Einen Raum, in dem er die ungeteilte Aufmerksamkeit bekommt – und nicht immer nur einem Bruchteil. Mag sein, dass er sehr zufriedenes Kind ist – ein leises ist er nicht. Denn wer zwischen zwei weiteren energischen Geschwistern gesehen werden will, muss die anderen mitunter einfach übertönen. Und so kann ich mich darauf verlassen, dass er schon lautstark Bescheid gibt, wenn er die volle Ladung Aufmerksamkeit braucht. „Ich will das (und das nicht!)“ konnte keines meiner Kinder so früh und so präzise formulieren wie er.

Seine liebste Nische ist die Nacht. Da kommt verlässlich gen ein Uhr morgens mit Decke und Kuscheltier-Armada in unser Bett gekrabbelt, schnappt sich eine Elternhand und schläft restlos zufrieden und möglichst eng angekuschelt wieder ein. So gern ich mein Bett endlich wieder für mich hätte – ich glaube, dass es noch eine Weile brauchen wird. Nachts hat der Jüngste uns ganz allein für sich, braucht keine Kompromisse machen: Muss uns nicht teilen, nicht unsere Liebe und Zuwendung. Und davon lässt er nicht ab, ganz gleich, was wir schon versucht haben. Ich kann es ihm nicht verdenken.

Kürzlich waren mein Kleiner und ich im Hamburger Zoo.

Nur er und ich, ein Mama-Mauser-Date (hier habe ich schon einmal über Solo-Auszeiten mit nur einem Kind geschrieben). Es war herrlich: Für ihn, weil er meine ungeteilte Aufmerksamkeit, eine Kekspackung ganz allein für sich und ein Aha-Erlebnis im Affenhaus hatte. Für mich, weil ich ganz ohne Ablenkung der Älteren freie Sicht auf meinen Jüngsten hatte – und wiederholt dachte: „Was bist du nur für ein tolles, starkes, witziges, aufgewecktes, umwerfendes Kind!“ Und das fast ohne mein Zutun.

Als wir nach zweieinhalb Stunden Tierschau einträchtig nebeneinander aus dem Hauptportal stiefelten, sagte er unvermittelt: „Mama, aber das nächste Mal kommen die anderen beiden auch mit, ja?“ Scheint, als wäre der kleine Bro ziemlich zufrieden mit dem Umstand, zwei große Geschwister zu haben. Aber vielleicht sollen sie zwischendurch einfach auch mal Teil daran haben, wenn sich die Welt gerade um IHN dreht. Ein gutes Einzelkind wäre aus ihm jedenfalls nicht geworden.

Wie robust sind Eure letzten Kinder?

Alles Liebe,

Katia