„Nein!“ rufe ich immer wieder laut, „nein, es darf nicht mehr sein. Aber die Dame an der Theke schaufelt Hack in einen Sack, immer mehr. Die Plastiktüte ist bereits randvoll mit gemischten Gefühlen, droht umzukippen, aber sie schaufelt und schaufelt. Die Nähte der Tüte spannen bereits, nicht mehr lange und sie wird platzen. „Haben Sie gehört, ich mag nicht mehr!“, rufe ich. Die Dame hört mich nicht. Sie schaufelt und schaufelt. Ich schaue sie entsetzt an: C. Orona steht auf einem kleinen Zettel an ihrer Brust…

Wir wurden alle nicht gefragt, ob es ein bisschen mehr sein darf. Ein bisschen mehr Kinderbespaßung, ziemlich viel mehr Unterrichten, eine riesige Tüte Haushalt mehr, Kochen, Putzen, viel mehr Sorgen. Wir bekommen es rübergeschaufelt und die meisten murmeln nur leise: „Es reicht!“

Die ganze Sache ist eine globale Katastrophe. Menschenleben stehen auf dem Spiel, Millionen Existenzen. Dagegen sind meine Familie und ich unwichtig wie ein einziges Sandkorn am Strand. Ich weiß das. Und wir haben es gut, hier draußen, gleich hinterm Deich. Selbst wenn ich motze, bin ich dankbar. Und dennoch: Darf ich sagen, dass es mir reicht? Dass ich mir nichts mehr wünsche, als mein altes Leben zurück. Nein, stimmt nicht, vielleicht mein altes Leben mit dem Wissen von jetzt.

Nämlich mit einem kribbeligen Gefühl der Freiheit im Bauch, wenn ich bloß die A7 herunter fahre.

Ehrlich gesagt, weiß ich gar nicht mehr so richtig was richtig ist. Darf man sich jetzt mit einem anderen Haushalt treffen? Alle haben das doch vor dem Wochenende gefeiert, oder nicht? Jetzt darf man es hier in Hamburg anscheinend doch nicht. Angeblich soll die Kita hier für die Fünf- und Sechsjährigen sogar ab Montag wieder starten. Ich weiß davon bis jetzt von nichts. Ach doch, dass die Bundesliga wieder startet. Das habe ich mitgekriegt. Dort ständen Milliarden auf dem Spiel hat mir jemand erklärt. Verzeihung, ich muss mal kurz brechen. Und zwar ein bisschen mehr.

Corona hat uns Eltern nicht bloß an die Schlachtertheke geschickt, sondern auch noch in einen Zwangskurs. Der Titel: Eltern sein für Fortgeschrittene. Denn ja, verdammt noch mal, es ist anstrengend, Familie zu leben, wenn keiner mal raus darf. Wenn keiner flüchten kann, weil alle Notausgänge versperrt sind. Wenn keine Zeit ist, mal Zeit mit bloß einem Kind zu verbringen. Und – völlig verrückt – ich mal Zeit mit mir. Wenn alle Runden durchs Dorf gegangen und alle Papiere verbastelt wurden. Wenn Mama nicht bloß Mama ist, sondern auch Lehrerin, wird es kniffelig – kein Wunder, dass im Schulgesetz steht, dass diese Situation in den Schulen strengstens zu vermeiden ist.

Ich rechne plötzlich in Sommern. Wenn es wahr ist, was einige von diesen Virologen in den Talkshows, die ich nicht mehr gucken kann, weil sie noch schlimmer Bauchschmerzen machen als XY ungelöst, und uns diese Sache noch zwei, drei Jahre beschäftigt, dann hab ich danach vielleicht noch drei Sommerurlaube mit meinem großen Sohn. Gleich danach denke ich an mein Kitakind, das höchst wahrscheinlich keine Abschlussübernachtung haben wird, keine zelebrierten letzten Kitawochen, keine kleine Einschulung. Sein Schwimmkurs – verschoben bis auf weiteres. Wochenlang kein dies und kein das.

„Und das Reiten im Sommer?“, fragen sie mit tiefen Rillen auf der Stirn. Wusste nicht mal, dass Kinderstirnen die können. „Ich weiß es nicht!“, sage ich. Mit noch tieferen Rillen. Apropos: Ich könnte schreien, wenn ich noch mal: „Ich weiß es nicht“ sagen muss. Ich bin doch die Mama. Ich muss es doch wissen. „Manno!“, maulen meine Kinder leise. Irgendwie haben sie das Geschaufel von immer mehr Mist bereits akzeptiert. Sie kennen Bibi Blocksberg besser als ihre Freunde.

Ich denke permanent zurück gerade. Blättere in den Erinnerungen in meinem Kopf wie in einem Fotoalbum. Erinnere plötzlich dies und das. Erinnere, wann ich besonders glücklich war. Erinnere so viel mehr Streit in den letzten Wochen als sonst. Frage mich, ob wir uns besser kennen gelernt haben, in den letzten Wochen. Denke, dass meine Kinder ein paar meiner Seiten der letzten Wochen auch nicht unbedingt hätten kennenlernen müssen.

Wenn ich morgens todmüde in mein Arbeitszimmer schleiche, um schnell etwas wegzuschaffen, bevor alle wach sind, höre ich gleich einen oben an der Treppe brabbeln. Und ich denke: „Mist!“ Und fühle mich sofort schlecht dabei.

Wenn ich mir zwischendurch unauffällig versuche einen Kaffee zu holen und einer meiner Söhne ruft: „Nein, Mama, nicht mehr arbeiten, bitte nicht!“, fühle ich mich wie eine Verbrecherin. Dabei habe ich gerade in dieser Zeit gemerkt, wie sehr ich meine Arbeit liebe. Ich möchte deshalb aber bitte kein schlechtes Gewissen haben. Ja, unser Alltag ist ihre Kindheit. Aber es ist ja verdammt nochmal auch mein Leben. Dass ich mich derzeit permanent entscheiden muss zwischen meiner Arbeit und ihrer Bildung strengt mich an. Macht mir ständig ein schlechtes Gewissen.

Wenn sie mich schon morgens fragen: „Was machen wir heute?“ Und selbst ich keine Lust mehr habe auf Kuchen backen, Sand buddeln, Runde gehen oder Monopoly, ich es mir aber nicht anmerken lasse und so fröhlich wie möglich rufe: „Backen? Eine Runde in den Sand? Monopoly?“ Und sie Schnuten ziehen und ich mich schnell umdrehe, damit sie meine Schnute nicht sehen.

Ich habe so Sehnsucht nach mir selbst. Weiß aber gar nicht mehr so richtig, wer ich bin. Bin ich die Rebellin, die am nächsten Wochenende doch einfach einen anderen Hamburger Haushalt trifft? Fahre ich in Niedersachsen in ein Café? Oder schüttele ich den Kopf über die, die es tun? Nutze ich die Zeit zum wilden Ausmisten – oder lege ich mich einfach mal hin und tue nichts? Ach ne, das klappt hier ja nicht.

Abends im Bett will ich nichts tun oder aber lesen, damit die Krise wenigstens etwas Gutes hat. aber ich starre noch immer seit Wochen die Googeleinträge zu Corona an. Googele neuerdings Urlaubsziele, die eventuell gehen könnten. Weil ich so sehr Sehnsucht nach mir selbst habe und denke, ich könnte mich woanders leichter finden. Fühle mich schlecht und undankbar dabei. Schließe die Fenster schnell wieder, weil eh keiner weiß, was geht. Die federleichte Sommerträgheit und ihr Kribbeln im Bauch fehlen mir, sie sind jedes Jahr meine private Mutter-Kind-Kur, die ich brauche, um den Rest des Jahres gut zu überstehen. Aber die Federleichtigkeit ist permanent gedämpft durch die „Weiß ich nichts“!

Verrückterweise fühle ich mich gerade jetzt, wo überall ein paar Lockerungen kommen, total unlocker. Vielleicht weil ich permanent einen Virologen mit erhobener Hand vor mir sehe, der raunt: „Übertreib es nicht. Sonst….!“ Weil ich an das Sonst denke. Weil ich viel zu müde bin von den letzten Wochen. Weil ich mir Sorgen mache. Schweden verteilt Hühnerkacke in den Parks gegen Feiernde. Deutschland Angst.

Ich glaube, dass Schlimmste ist, dass ich nicht weiß, wann es endlich genug ist. Wenn ich wüsste, komm, noch drei Kellen voll, dann hört die gute Dame auf zu schaufeln, dann ginge es vielleicht. Selbst wenn die Nähte beinahe platzen.

PS. Auf den Foto seht ihr das neue Bilderbuch von Gretas Freunde, es ist ein verrückt blitzschnell realisiertes Corona-Projekt und es geht um eine Familie, in genau dieser verrückten Welt, in der von einem Tag auf den anderen nichts mehr war wie vorher. Während Mama und Papa noch maulen, baut das Kind längst Höhlen, Häuser aus Pappkartons und steckt schließlich die Eltern mit an. Dann gehen sie gemeinsam auf Fantasiereise, auf einem Besen, überall hin. Bis sie wieder am gebastelten Papplagerfeuer landen. Ich liebe die Bilder im Buch. Und die Idee dahinter, vor allem das Gute an der ganzen Sch… zu sehen.

Habe lächelnd an unser Papphaus aus den ersten drei Corona-Wochen gedacht, das größte, dass wir je hatten, das jetzt längst frustkaputt auf irgendeinem Altpapierhaufen liegt. Vielleicht sollten wir noch mal ein Neues bauen? Ich habe heute morgen auf jeden Fall fix eine Arbeitspause gemacht, als es oben an der Treppe brabbelte. Wir haben gemeinsam dieses Buch angeguckt. Ich bin vielleicht nicht ganz so gemütlich, wie die Mama im Buch. Aber vielleicht auch nicht ganz so launig, wie die Mama hier in der letzten Woche.

PPS. Gerade hat die Kita einen Plan geschickt, dass es losgeht. Hurra! Ich glaube, ich schnappe mir gleich unseren Besen und fliege los in Richtung Fantasien.

Und wie geht’s euch?

Claudi