Eine der größten Errungenschaften jenseits der 40 soll ja die Gelassenheit sein. Sagen einem zumindest immer alle – vor allem, wenn man gerade mitten in der fiesesten oh-Gott-ich-bin-jetzt-mittelalt-Krise steckt. Gelassenheit ist unser Trostbonbon. Und ja: Sie haben recht. Ich erziehe, liebe, lebe jetzt meist viel gelassener als noch vor zehn Jahren. Vernünftig, besonnen lächelnd und um ein paar Gefühlsausbrüche ärmer. Aber ist das wirklich immer erstrebenswert? Denn: Wo bitte bleibt denn da der Spaß…?

Ich will gar nicht immer „stoisch, heiter und emotional gut ausgepegelt (…) die mittleren Jahre durchlaufen“, wie Alena Schröder kürzlich so schön bissig in ihrer Brigitte-Woman-Kolumne schrieb. Ich will mir gar nicht abtrainieren, laut, übersprudelnd und unbeherrscht zu sein – vor Freude, aus Wut oder weil die Gefühle mit mir durchgehen. Gelassenheit mag ein gutes Fundament sein.

Aber Ausgelassenheit ist das Sahnehäubchen auf dem Alltag.

Das Gefühl, das 0815-Tage zu denkwürdigen macht. Das Tränen fließen lässt – vor Lachen, aus Zorn oder Rührung. Das uns durchs Wohnzimmer tanzen, eine Kissenschlacht mit den Kindern anzetteln, Fünfe gerade sein lässt. Ausgelassenheit bringt uns dazu, wildfremde Menschen breit anzugrinsen, auf dem Trampolin einen Salto zu versuchen, bringt uns und unseren Alltag zum Strahlen. Regeln und To-Dos gibt’s in unserem Leben schon genug – da müssen nicht auch noch die Emotionen kastriert werden.

Ich glaube, die Pandemie hat mir die Gelassenheit ein wenig verleidet. Klar, ohne drei-Mal-tief-durchatmen wäre ich nicht durch Homeschooling und den ganzen Irrsinn gekommen. Aber ohne lautes Schreien ehrlicherweise auch nicht. Corona hat so viele Leerstellen in unser aller Leben gerissen – nicht zuletzt, was Spaß, vergnügt sein und die passenden Gelegenheiten dazu anbelangt. Es gibt verdammt viel nachzuholen.

Gerade verspüre ich eine fast körperliche Sehnsucht nach diesem Champagner-Gefühl.

Nach diesen Blubber-Bläschen, die einen durchströmen, wenn einen die Unbekümmertheit hat. Ich sehne mich nach rausgehen, ausgehen, nach unbeschwerter Zeit mit Freunden. Danach, mal wieder eine Nacht durchzutanzen, laut lachend aus dem Kino zu kommen, inspiriert aus einem Gespräch mit Lieblingsmenschen. Danach, die Kinder spontan ins Auto zu packen und mit ihnen ins Miniaturwunderland zu fahren statt den magiearmen Alltag zu rocken.

Ausgelassen sein heißt, das Leben zu spüren und zwar mit drei Ausrufezeichen. Nicht mit dem Fokus auf das Morgen, sondern nur auf das Jetzt. Übermut kümmert sich nicht zuerst um die Pflicht, sondern um das Vergnügen. Nicht darum, dass man um sechs Uhr früh raus muss, nicht darum, dass der Wäscheraum wegen Überfüllung geschlossen hat oder man eigentlich ein ausgewogenes Mahl für die Kinder kochen wollte. Die Unbekümmertheit serviert mit den Butternudeln noch eine Riesenportion Frohsinn mit.

Den besten Ausgelassen-Auftakt habe ich kürzlich an meinem Geburtstagswochenende gemacht.

Herzensmenschen in den Armen gelegen. Mir vor lauter Lachen Waschbär-Augen geheult. Bis morgens um vier durchs Wohnzimmer getanzt. Eine Pyjama-Party gefeiert. Es war ein Fest – in jeglicher Hinsicht. Keine Frage: Ich bleib da dran.

Oder wie Alena Schröder schrieb: „Anstatt mir also Gelassenheit abzutrainieren, arbeite ich jetzt an meiner Ausgelassenheit. Das ist die kleine, nervige, unangepasste Schwester der Gelassenheit, die viel unvernünftiger ist und immer bekommt, was sie will. Weil sie sich nichts verkneift, weder die Wut noch die Freude. (…) Und ich bin mir sicher, sie hat viel Spaß dabei.“

Überzeugt! Und ihr so?

Alles Liebe,

Katia